Seit 17:05 Uhr Studio 9
Montag, 26.10.2020
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Interview / Archiv | Beitrag vom 15.08.2019

Studie zu MultitaskingFrauen können es auch nicht besser

Lutz Jäncke im Gespräch mit Ute Welty

Beitrag hören Podcast abonnieren
Multitasking, eine Frau macht einen Yoga-Handstand während sie am Computer arbeitet  (Imago / Ikon Images / Harry Haysom)
Am Computer schreiben, telefonieren - und eine Yogaübung gleichzeitig: Weder Frauen- noch Männergehirne seien für Multitasking ausgelegt, sagt Neuropsychologe Lutz Jäncke. (Imago / Ikon Images / Harry Haysom)

Mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen - das können dem Klischee zufolge Frauen, Männer aber nicht. Eine neue Studie zeigt: Es gibt keinen Geschlechtsunterschied beim Multitasking. Insgesamt eigne sich das Gehirn dafür nicht, sagt Neuropsychologe Lutz Jäncke.

Eine E-Mail schreiben, mit der besten Freundin telefonieren und nebenbei noch Netflix gucken: Das alles sollen Frauen angeblich gleichzeitig können - im Gegensatz zu Männern. Mit diesem Klischee räumt eine Studie der RWTH Aachen jetzt auf. Die Forscher ließen ihre Versuchspersonen zum Beispiel auf einem Bildschirm erscheinende Buchstaben als Vokale oder Konsonanten identifizieren. Gleichzeitig sollten sie Zahlen als gerade oder ungerade bestimmen. Das Ergebnis: Beide Geschlechter bewältigen diese Aufgaben gleich gut - oder schlecht.

Den Neuropsychologen Lutz Jäncke von der Universität Zürich überrascht das keineswegs. Die Studie bestätige nur, was auch seine eigene Forschung bereits vielfach nachgewiesen habe: "Dass  Männer und Frauen sich in vielen kognitiven Funktionen gar nicht unterscheiden – auch in jenen Funktionen, wo die Frauen schlechter sein sollen als Männer."

"Wir leben in einer Zeit, die uns überfordert"

Grundsätzlich seien aber weder Frauen- noch Männerhirne für Multitasking besonders geeignet: "Unser Gehirn ist im Grunde genommen für die Konzentration und Fokussierung auf wesentliche Aspekte spezialisiert", betont Jäncke. "Pro Sekunde prasseln auf unser Gehirn 11 Millionen Bit ein, also eine Unmenge an Information. Und davon können wir 11 – 60 Bit bewusst wahrnehmen."

Deshalb müsse das Gehirn lernen zu filtern und störende von wichtigen Reizen zu unterscheiden. Ansonsten schalte das Gehirn in einen ungünstigen Modus um, warnt der Neuropsychologe. "Das heißt, wir werden stimulusgetrieben, reizgetrieben. Wir sind dann nicht mehr die Agenten für die Auswahl der Reize."

Zu erleben beispielsweise, wenn man im Internet eine Google-Suche nach einem bestimmten Begriff startet, sich treiben lässt und sich dann drei Stunden später irgendwo an einem völlig anderen Punkt im Netz wiederfindet.

"Das ist im Grunde genommen für unser Denken und Handeln schädlich", sagt Jäncke. "Ich würde sogar behaupten, dass wir in einer Zeit leben, die uns überfordert gewissermaßen."

Junge Gehirne sind besonders anfällig

Vor allem junge Menschen sind gefährdet, warnt der Neuropsychologe: Denn das Steuern und Blockieren unerwünschter Reize funktioniere über den Frontalkortex im Hirn. "Der reift bis zum 18., 20. Lebensjahr", so Jäncke. Kinder in der Pubertät hätten der Reizüberflutung also noch nichts entgegenzusetzen. "Die sind diesem ganzen Zeug ausgesetzt und sind in großer Gefahr, gewissermaßen Junkies zu werden der vielen fantatstischen Reize, die sich in unserer heutigen Welt da so anbieten."

(uko)

Mehr zum Thema

Neurobiologe Bernd Hufnagl zum Tagträumen - Abschied vom zielgerichteten Denken
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 03.08.2019)

Studie - Schulleistung nicht viel schlechter bei Social-Media-Nutzung
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 26.02.2018)

Langsamkeit - die richtige Geschwindigkeit - Müßiggang liegt im Trend
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 04.09.2017)

Interview

Trauer um SPD-PolitikerThomas Oppermann ist tot
Porträt von Thomas Oppermann. (Laif / Jesco Denzel)

Der SPD-Politiker und Bundestags-Vizepräsident Thomas Oppermann ist überraschend gestorben. Er brach kurz vor einer TV-Schalte zusammen. Unser Hauptstadtkorrespondent Volker Finthammer berichtet über den Schock, den Oppermanns Tod auslöste.Mehr

CoronapandemieWer wird zuerst geimpft?
Eine Hand hält eine Spritze, aus der ein Tropfen kommt. (imago images / Laci Perenyi)

Im Kampf gegen das Coronavirus richten sich die Hoffnungen auf einen Impfstoff. Die internationale Forschung gebe Anlass zu Optimismus, sagt die Gesundheitsexpertin Ilona Kickbusch. Sorgen bereiten ihr aber die Finanzierung und Verteilung.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur