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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.09.2016

Studie im Städel MuseumWie bildende Kunst Demenzkranken hilft

Johannes Pantel im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Führung für Demenz-Patienten in der Kunsthalle Bielefeld (picture alliance / dpa)
Demenzkranke vor Kunstwerk: Besinnung auf emotional Bedeutsames (picture alliance / dpa)

Ausgeglichener und zufriedener werden Demenzkranke, wenn sie sich mit bildender Kunst beschäftigen. Das hat eine Studie herausgefunden. In Führungen konnten die Kranken zusammen mit einer Bezugsperson die Kunst im Städel Museum erleben.

Wissenschaftler der Universität Frankfurt am Main haben gemeinsam mit Museumspädagogen des Städel Museums zwei Jahre lang versucht herauszufinden, wie bildende Kunst auf Demenzkranke wirkt.

Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, erklärte den Aufbau der so genannten Artemis-Studie im Deutschlandradio Kultur: In speziell konzipierten Führungen konnten die Kranken zusammen mit ihrer wichtigsten Bezugsperson die Kunst im Städel Museum erleben. In einem zweiten Teil setzten sie dann ihre Eindrücke in den Atelierräumen des Museums selbst künstlerisch um – wiederum zusammen mit ihrer Begleitperson.

Die Daten bestätigen die positiven Rückmeldungen

Das Ziel des Projekts sei gewesen, die Kommunikation zu fördern und sich auf "emotional bedeutsame Dinge zu besinnen", sagte Pantel. Das ist laut dem Wissenschaftler auch gelungen. Viele der Angehörigen hätten berichtet, dass die Demenzkranken im Anschluss kommunikativer gewesen seien und ein größeres Interesse an ihrer Umwelt gehabt hätten, berichtete Pantel. Andere hätten erzählt, dass die Kranken ausgeglichener, ruhiger und zufriedener gewesen seien. Es gebe auch Rückmeldungen, dass sich das Selbstwertgefühl verbessert habe.

Aus der Lebenswelt der Teilnehmenden seien insgesamt "sehr viele positive Rückmeldungen" gekommen. Erste Analysen der wissenschaftlich erhobenen Daten bestätigten das auch, so Pantel. Die Studienergebnisse werden Anfang nächster Woche offiziell vorgestellt. (ahe)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Dass man mit bestimmten Formen der Musiktherapie bei Demenzkranken Wirkung erzielen kann, das wissen Ärzte schon eine Weile. Aber wie wirkt bildende Kunst auf solche Patienten? Das haben Wissenschaftler der Universität Frankfurt am Main zusammen mit Museumspädagogen des Städel Museums zwei Jahre lang im Rahmen der sogenannten Artemis-Studie untersucht.

Ganz offiziell werden die Ergebnisse dieser Studie zwar erst nächste Woche veröffentlicht, aber der Leiter der Studie, Professor Johannes Pantel, gleichzeitig Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Universität Frankfurt, der teilt sie schon heute Morgen gerne mit uns. Schönen guten Morgen, Herr Pantel!

Johannes Pantel: Guten Morgen!

Kassel: Die Museumsbesuche, die Ihrer Studie zugrunde liegen, bestehen ja quasi aus einem passiven und einem aktiven Teil. Fangen wir doch mal so richtig chronologisch an, in was für Ausstellungen wurden die Alzheimerpatienten denn geschickt?

Pantel: Es war die ständige Ausstellung des Städel Museums. Also, da sind zahlreiche Kunstwerke, vor allem Gemälde vom Mittelalter praktisch bis in die Gegenwart ausgestellt. Und von diesen haben wir einige ausgewählt, die uns besonders geeignet erschienen für diese Führung.

Kassel: Und warum sind bestimmte besonders geeignet gewesen?

Pantel: Es waren Themen, die wir für die Teilnehmer besonders wertvoll empfanden, etwa das Thema Familie oder das Thema Frankfurt in dem Fall, was ja dann auch einen biografischen Bezug hatte für viele. Es gab das Thema Stillleben, wir wollten auch Gemälde wählen, die nicht überladen sind, also durch die eben keine Reizüberflutung stattfindet. Und wir wollten Gemälde wählen, durch die auch ein biografischer Bezug für die Teilnehmer herstellbar war.

Kassel: Ist das auch der Grund, dieser wirklich biografische Bezug, warum die Teilnehmer nicht allein waren und auch eben nicht nur von Wissenschaftlern begleitet wurden, sondern soviel ich weiß wurde ja jeder auch von einer Person, die ihm nahesteht, einer Privatperson begleitet.

Pantel: Ja, es war uns ganz wichtig, dass im Rahmen dieser Führungen auch Kommunikation möglich war, Kommunikation zwischen dem von der Demenz Betroffenen und seiner wichtigsten Beziehungs- oder Betreuungsperson. Weil, ein Ziel des Projekts bestand darin, eben auch diese Kommunikation zu fördern, anzuregen und auch in Austausch zu kommen über emotional bedeutsame Dinge. Und bei einem Demenzkranken sind diese biografischen Bezüge sehr wichtig zur Aufrechterhaltung der Identität und auch, um mit seiner sozialen Umwelt noch in Kontakt zu bleiben.

Kassel: Das heißt, jetzt mal sehr laienhaft formuliert, diese Bilder, diese Gemälde und vielleicht auch zum Teil die Erklärungen dazu haben den Patienten geholfen, sich wieder zu erinnern an ihr eigenes Leben?

Pantel: So könnte man ein Ziel oder vielleicht eine Wirkebene unseres Projektes zusammenfassen. Es geht aber nicht um ein Erinnern, um jetzt tatsächlich das Erinnerungsvermögen zu verbessern oder es zu stabilisieren oder das Gedächtnis zu verbessern, um es ganz kurz zu sagen, sondern es geht darum, sich auf emotional bedeutsame Dinge zu besinnen und darüber einen Beitrag zu leisten zum Erhalt der Identität der Patienten oder der Teilnehmer, und eben auch zur Förderung der Kommunikation.

Also, das ist vielleicht ein ganz, ganz wichtiges zentrales Anliegen, die Förderung der Kommunikation. Denn die Demenz als Krankheit birgt für die Betroffenen das Risiko, dass sie auch aus dieser Kommunikation ausgeschlossen werden zunehmend.

Kassel: Ich denke, das wird auch einer der Gründe gewesen sein, warum sich an diesen ersten Teil, den Besuch, das Betrachten der Bilder ja noch ein zweiter Teil immer angeschlossen hat?

Pantel: Ja, der zweite Teil bestand darin, dass diese Eindrücke, die die Teilnehmer in den Führungen, in diesen speziell konzipierten Führungen gesammelt haben, in den museumseigenen Ateliers auch in eigenes schöpferisches Arbeiten umgesetzt werden konnten. Und hier haben wir die Möglichkeit geschaffen, auch wieder unter kunstpädagogischer Anleitung, mit verschiedenen Medien, der Collage, mit dem eigenen Malen, aber auch mit einfachen Drucktechniken diese Stimulation, diese Eindrücke in eigene Bilder umzusetzen. Und die wurden auch wieder als Gemeinschaftswerke geschaffen zwischen dem demenzkranken Teilnehmer und seinem Angehörigen.

Kassel: Was hat Ihre Studie denn gezeigt? Haben Sie eine wirklich nachhaltige Wirkung erzielt damit oder war das sozusagen nur ein positiver Effekt an diesem Tag, an dem die Patienten das erlebt haben?

Pantel: Wir haben Anfang nächster Woche die Präsentation unserer wissenschaftlichen Ergebnisse der Studie. Die Auswertungen sind noch nicht ganz abgeschlossen. Wir können aber jetzt schon sagen, dass wir in Bezug auf unsere Hauptzielparameter die Hypothesen bestätigt haben. Das heißt, wir konnten im Bereich des Wohlbefindens, der Lebensqualität, der Stimmungen der Teilnehmer deutlich, also signifikante, das heißt wissenschaftlichen Kriterien standhaltende Verbesserungen darstellen.

Und wir haben natürlich im Laufe des Projektes zahlreiche Äußerungen von Teilnehmern bekommen, die uns im Grunde schon vor dieser Auswertung gezeigt haben, dass das ein voller Erfolg war. Es gab sehr viele Teilnehmer, vor allem vonseiten der Angehörigen, die berichteten, dass die Demenzerkrankten kommunikativer waren, dass sie gesprächiger waren, dass sie allgemein ein größeres Interesse an ihrer Umwelt hatten.

Es gab andere, die erzählt haben, die Mutter oder der Vater war ausgeglichener, war weniger launisch, zufriedener, ruhiger, konnte sich auch dann im Alltag den gestellten Aufgaben besser widmen, besser konzentriert arbeiten. Wir haben Rückmeldungen, dass sich bei Teilnehmern das Selbstwertgefühl, durch das eigene Arbeiten und auch das Schaffen eines eigenen Kunstwerkes, verbessert habe.

Die Teilnehmer selber, die Demenzerkrankten haben auch im Kreis der Familie häufig noch positiv darüber berichtet, haben gefragt, ob es denn auch weitergehen könne. Also, das sind also sehr, sehr viele, ja, also, aus der Lebenswelt unserer Teilnehmer sehr viele positive Rückmeldungen. Und die finden wir jetzt zumindest in unseren ersten Analysen auch durch die wissenschaftlichen Messungen bestätigt.

Kassel: Professor Johannes Pantel, der Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt über die ARTEMIS-Studie, mit der er und sein Team nachgewiesen haben, wie die Berührung mit bildender Kunst auf Alzheimerpatienten wirken kann. Herr Pantel, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Pantel: Ja, sehr gerne, ich danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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