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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.07.2016

Stubenhocker aus ÜberzeugungBerühmte Reisemuffel

Von Florian Felix Weyh

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Der deutsche Philosoph Immanuel Kant ("Kritik der reinen Vernunft") in einem Stich von Johann Leonhard Raab nach einem Gemälde von Gottlieb Döbler aus dem Jahr 1781. (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag)
Kam über die Gemarkungen Königsberg nicht hinaus: der Philosoph Immanuel Kant (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag)

Obwohl Reisen seit der Aufklärung zum Pflichtprogramm des Bildungsbürgers gehört, gelang es unverbesserlichen Stubenhockern immer wieder, sich dieser Pflicht zu entziehen: Immanuel Kant etwa oder Deutschlands größtem Reiseschriftsteller, Karl May.

1684 kommt er in die Welt, der Stubenhocker, begrifflich geprägt vom Wanderprediger Abraham a Sancta Clara. Das ist nicht freundlich gemeint. Wer sich in den eigenen vier Wände einschließt, ist erstens faul – eine Sünde – und zweitens engstirnig. Schließ­lich entzieht er sich vielen Eindrücken, oder um es mit einem Liedtext von Matthias Claudius zu sagen: "Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen."

Der Stubenhocker bleibt notgedrungen stumm. Er ist eine asoziale Figur und deswegen auch kaum Vorbild für die Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Aufklärung bedeutet: Vermutungen werden durch Wissen ersetzt, Gerüchte durch Zeugenschaft. Reisen wird zur durchaus unbequemen und häufig gefährlichen Bildungspflicht der Gelehrten.

Der prominenteste Philosoph der Aufklärung blieb lieber zu Hause

Ein Treppenwitz bleibt freilich, nämlich dass der prominenteste Philosoph der Aufklärung zugleich auch der prominenteste Nichtreisende der Geistesgeschichte ist: Immanuel Kant. Er kam über die Gemarkungen Königsbergs nicht hinaus.

Doch aus der Sicht des Philosophen wäre das nur die halbe Wahrheit. Zumindest ließ er sich bis vor die Tore der Stadt kutschieren, trank dort Kaffee, "hielt sich etwa eine halbe Stunde auf", wie ein Zeitgenosse überlieferte, "und fuhr ziemlich heiter, doch des Vergnügens satt nach Hause". Kurzurlaub in Balkonien, gewissermaßen.

An diese Stelle gehört der Kronzeuge aller Reisemuffel – das ist die sprachlich verflachte Form des Stubenhockers –, an dieser Stelle gehört Blaise Pascal rehabilitiert. Er schrieb sich ins Gedächtnis der Menschheit mit einem Satz ein:

"Alles Unglück in der Welt kommt daher, dass man nicht versteht, ruhig in einem Zimmer zu sein."

Zum Schutzheiligen der Stubenhocker wurde er allerdings eher unfreiwillig, denn sie deuteten die Aussage fälschlicherweise so, als erzeuge Reisen das Unglück in der Welt. Tatsächlich aber steht die eigentliche Botschaft im Satz davor:

"Man muss sich selbst erkennen."

Auf dieser Linie liegt wohl auch die Bewegungsverweigerung Immanuel Kants. Reisen öffnet nicht den Geist, sondern verwirrt ihn. Wer denken will, geht nicht aus, sondern in sich hinein. "Der Weise bleibt zu Hause, das Reisen ist des Narren Paradies", schrieb der Philosoph Ralph Waldo Emerson und überließ seinem Freund Henry David Thoreau großzügig ein Grundstück, auf dem dieser die Bibel der Sesshaftigkeit schrieb: "Walden oder Leben in den Wäldern". Emerson selbst reiste unverdrossen weiterhin.

Karl May: der emsigste literarische Heimarbeiter seiner Epoche

Denn der Stubenhocker genießt kein Prestige, ob er in einer amerikanischen Block­hütte oder hinter einem russischen Ofen haust. In der Literatur verkörpert Gont­scha­rows Oblomow die Nutzlosigkeit des zaristischen Adels, und die seltsam prä-kafkaeske Figur des Schreibers Bartleby bei Herman Melville, der sich in seinem Büro verkriecht, ruft auch nicht gerade zur Nachahmung auf.

Franz Kafka war übrigens auch kein "flexibler Reiselustiger", wie die Fachwelt weiß, und seine literarischen Alptraum-Universen lassen sich durchaus als geronnene Weltangst interpretieren.

Ganz anders liegt der Fall bei Deutschlands größtem Reisephantasten, der doch zu­gleich der emsigste literarische Heimarbeiter seiner Epoche war: Karl May. Ein tragischer, wenn nicht verstörender Fall, denn May verkaufte sich als Reiseschriftsteller und behauptete, Dutzende von Indianersprachen zu beherrschen und übersetzen zu können.

Warum reiste er dann nicht dorthin, wo sie angeblich gesprochen wurden? Fürchtete er, die Realität könne sich als zu wenig abenteuerlich erweisen?

Nein, ihn hinderten materielle Umstände, die in abgewandelter Form Stubenhocker aus Überzeugung – nicht aus Not – ebenfalls ins Feld führen: Von teuren, unbequemen Hotelbetten über teures, ungenießbares Essen wankt der Reisende von einer Zumutung zur nächsten.

Um das alles abzulehnen, bedarf es gar keiner psychischen Malaisen wie der Flugangst des Filmregisseur Lars von Trier, der immerhin in Interviews darüber Auskunft gibt, dass er nicht reisen kann. Wer es bloß nicht will, es jedoch aus diversen Gründen verschweigt und dennoch tut, flüchtet sich eher wie der – ja! – Reiseliterat Fontane in grämliche Urteile:

"Ulm ist eine alte, hässliche und schmutzige Stadt, die Menschen auffallend hässlich."

Sorry, Schwaben – aber bis in den Pauschaltourismus hinein ist das die häufigste Form innerer Reiseverweigerung: Man nimmt, was man erlebt, mit tiefem Unwillen zur Kenntnis und zeigt sich erst zu Hause wieder wohlgestimmt. Oder um es mit dem echten Reisehasser Eugen Roth zu sagen:

"Die besten Reisen, das steht fest, sind die oft, die man unterlässt."

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