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Buchkritik | Beitrag vom 07.10.2019

Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund"Als Adorno in New York keine Freunde fand

Von Marko Martin

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Das Bild zeigt das Cover des Buches "Grand Hotel Abgrund" vor einem aquarellierten Hintergrund. (Klett-Cotta Verlag /Deutschlandradio)
"Grand Hotel Abgrund" spielt im Titel und auf dem Buchcover mit dem berühmten Film von Wes Anderson. (Klett-Cotta Verlag /Deutschlandradio)

Stuart Jeffries lässt die Debatten um die "Frankfurter Schule" lebendig werden. Er beschreibt mit großer Präzision deren Protagonisten sowie die Kritik der US-Linken an Adornos und Horkheimers Schriften. Dennoch hat die Analyse einen blinden Fleck.

Die "Frankfurter Schule" ist ein lange feststehender Begriff, hinter dem die faszinierenden Lebensläufe ihrer Vertreter zu verblassen scheinen. In den 1920er Jahren als "Kritische Theorie" entstanden, versammelten sich exzellente, marxistisch orientierte Denker hinter diesem programmatischen Namen; als prominentester lebender "Frankfurter" gilt der inzwischen 90-jährige Jürgen Habermas.

Der britische Publizist Stuart Jeffries, ein exzellenter Kenner deutscher Geistesgeschichte – und wohl nicht zufälligerweise kein bestallter Professor hiesiger Universitäten – hat diesem Missstand jetzt abgeholfen. In einem knapp fünfhundertseitigen Buch, das ebenso wuchtig daherkommt wie außerordentlich gut lesbar ist: "Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit".

Nicht nur die großen Namen kommen vor

Diskurs-Analysen und historische Exkurse wechseln sich ab mit biografischen Miniatur-Essays, die noch einmal – sympathisierend gezeichnet, wenngleich keineswegs kritiklos – nicht nur an die berühmten Adorno, Horkheimer und Walter Benjamin erinnern, sondern auch an beinahe vergessene Intellektuelle wie Leo Löwenthal und Franz Neumann. "Ich strebe an, mit dieser Gruppenbiographie eine Geschichte zu erzählen, die sich von der Ära der Pferdekutschen bis in unser Zeitalter erstreckt, in dem unbemannte Drohnen als Mittel der Kriegsführung eingesetzt werden."

Angesichts der inzwischen überall zu hörenden Klage, das Proletariat sei verschwunden und emanzipatorische Aktion inmitten einer einlullenden Konsumgesellschaft beinahe unmöglich, erweist sich noch einmal die Relevanz dieser Denker. Sie versuchten vor knapp hundert Jahren, den Marxismus seines Determinismus zu entkleiden, dachten über das Raster des Klassenkampfs hinaus und räumten stattdessen Kultur- und Bewusstseinskritik einen hohen Stellenwert ein.

Bequem logieren im "Hotel Abgrund"

Orthodoxe Parteikommunisten erhoben damals den Vorwurf, die Frankfurter Schule bleibe lediglich Zuschauer und logiere allzu bequem im "Hotel Abgrund" – ein Vorwurf, den dann 1968 westdeutsche Studenten erneut aufgriffen und geradezu rabiat gegen ihren aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrten Professor Adorno vorgingen. War der "autoritäre Charakter" womöglich auch und gerade bei jenen zu finden, die sich einer Ad-hoc-Revolutionierung der Gesellschaft verschrieben hatten?

Ist diese unerquickliche Geschichte größtenteils bekannt, so erfahren Stuart Jeffries' Leser nun auch von einer ungleich fruchtbareren und fairen Kontroverse, die sich in den Vereinigten Staaten zugetragen hatte, wohin die fast ausnahmslos jüdischen Mitglieder der Frankfurter Schule (mit der tragischen Ausnahme Walter Benjamins) hatten fliehen können.

Kommunikative Vernunft als bestes Erbe der Aufklärung

Die "New York Intellectuals" um Sidney Hook, John Dewey und George Herbert Mead sahen sich nämlich als linke Pragmatiker und misstrauten deshalb so manch kulturpessimistischem Lamento der Frankfurter, das sie als ziemlich dräuend-deutsch, wenn nicht gar reaktionär empfanden. Es ist eine schöne Pointe, dass inzwischen – und zwar ohne polemischen Überschuss und geistigen Vatermord – Jürgen Habermas ebenfalls Fragezeichen hinter Adorno und Horkheimers längst kanonisierter "Dialektik der Aufklärung" setzt und im Unterschied zu seinen Lehrern weiterhin auf kommunikative Vernunft als bestes Erbe der Aufklärung setzt.

In der Tat erweist sich ein solches Denken als flexibler als jene Pflichtübung, mit Adorno, Horkheimer, Herbert Marcuse und Erich Fromm im Gepäck nun auch Twitter, Instagram und Online-Banking den kulturkritischen Prozess zu machen. Ebenso erfrischend, wie Stuart Jeffries die von neorechts kommende Denunziation, der "Kulturmarxismus" der Frankfurter Schule habe die westliche Gesellschaft von innen zerstört, dorthin verweist, wo sie hingehört – in die Schmuddelecke brabbelnden Ressentiments.

Nicht thematisierte Parallelen zwischen links und rechts

Gleichwohl hätte es seinem derart spannend geschriebenen Buch gut getan, wären die durchaus beunruhigenden Parallelen zwischen routiniert linker und rechter Kultur- das heißt immer auch: Demokratiekritik zumindest angedeutet worden. Bietet nämlich unsere Gesellschaft tatsächlich lediglich "die Freiheit, das immer Gleiche zu wählen", sind wir wirklich Opfer eines "Verblendungszusammenhangs" und – noch bedenklicher, da geschichtsrelativierend – gibt es tatsächlich nur graduelle Unterschiede zwischen einem "Monopolkapitalismus" und den massenmörderischen KZ- und Gulag-Systemen des Nationalsozialismus und Stalinismus?

Der Shoah-Überlebende Jean Améry hatte Mitte der 60er-Jahre nicht ohne Grund das Entindividualisierende solch Frankfurter "Strukturkritik" harsch kritisiert. Schade, sehr schade, dass der mit kenntnisreicher Distanz auf Deutschland blickende britische Autor einem Jahrhundertzeugen wie Améry hier lediglich einen einzigen Satz gönnt. Dennoch: Welch inspirierende Lektüre!

Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit" 
Aus dem Englischen von Susanne Held 
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019
509 Seiten, 28 Euro

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