Streitfall Leben

Von Michael Reitz |
Visionäre und Pragmatiker der Genforschung auf der einen Seite – Mahner und Bewahrer im Streitfall Leben auf der anderen. Seit der Mensch sich durch die moderne Wissenschaft als Ingenieur seiner selbst verstehen darf, ist die Diskussion voll entbrannt. Was ist zulässig und vor allem: Wie sieht es mit der Selbstbeschreibung des Menschen aus, wenn er weitestgehend über seine genetische Beschaffenheit, seine Eigenschaften als medizinisch-biologisches Wesen definiert wird?
Im Jahre 2005 blickten Biowissenschaftler aus aller Welt voll Neid auf ihren südkoreanischen Kollegen Hwang Woo Suk an der Universität Seoul. Ihm schien es gelungen zu sein, Körperzellen seiner Patienten zu klonen um daraus Stammzelllinien zu erhalten.

Für die Therapie unheilbarer Krankheiten wäre dies eine Sensation gewesen. Mediziner hätten dann nämlich maßgeschneiderte Stammzellen, zum Beispiel für Krebskranke, aus deren eigenen Zellen bilden und somit zerstörte Organe durch Hinzufügung gesunden Zellmaterials heilen können.

Doch im Dezember 2005 platzte die Bombe: die Universität Seoul erklärte, Hwang Woo Suk und sein Team hätten die Ergebnisse ihrer Studie komplett gefälscht. Eine Ausnahme, gewiss. Doch Kritiker der sogenannten Bio- oder Lebenswissenschaften, derjenigen Disziplinen also, die sich mit Prozessen und Strukturen von Lebewesen beschäftigen, sahen sich bestätigt. Darin nämlich, dass ohne eine wirksame Kontrolle durch die Gesellschaft biowissenschaftliches, genetisches Forschen in unseriöse und marktförmige Sphären abdriftet. Die biopolitische Debatte hatte neuen Zündstoff bekommen, der Streit darüber, was den Lebenswissenschaften erlaubt sein soll und was nicht.

Durch die gentechnische Revolution der vergangenen zwanzig Jahre ist es dem Menschen möglich, in die rein biologischen Lebensprozesse einzugreifen. Darwin beschrieb die Entstehung der Arten durch Variation, Anpassung und natürliche Selektion.

Wir stehen vor der Möglichkeit, dies selbst in die Hand zu nehmen, genetisch bedingte Defekte zu korrigieren, Krankheiten zu heilen – so jedenfalls sehen es die Befürworter von Gentechnologie und uneingeschränkter Embryonenforschung. Doch welche ethischen Probleme kommen auf uns zu, wenn wir in hochkomplexe Prozesse des Lebens eingreifen?

Düwell: "Zum einen wird man fragen müssen, was überhaupt an Eingriffen möglich ist, welche Probleme dort auf uns zukommen, dann wird man aber die Frage stellen müssen, wie wir uns selbst beschreiben im Kontext dieser Möglichkeiten oder auch im Kontext der Hoffnung, die dadurch entsteht."

Marcus Düwell, Direktor des Ethik-Instituts der Universität Utrecht und Verfasser eines Standardwerks zum Thema Bioethik.

Düwell: "Nehmen Sie etwa das Beispiel, das unter dem Wort Anti-Aging diskutiert wird, also Maßnahmen, Eingriffe, Therapien, Medikamente, die darauf abzielen, die Alterungsprozess zu verändern. Nun, die können sehr schnell zu einer Reihe von Illusionen führen bei den Betroffenen. Also man wird unterscheiden müssen zwischen dem, was diese Technologien objektiv im Moment können und dem, was daraus an Erwartungen, Hoffnungen bei den Menschen entsteht. Was diese Technologien langfristig bedeuten werden, ist zu einem großen Teil schwer abzusehen. Und ich glaube, eine große Schwierigkeit unserer gegenwärtigen Diskussion über die Lebenswissenschaften besteht darin, dass wir genau mit dieser Unsicherheit der möglichen Anwendungen zu tun haben."

Eine dieser möglichen Anwendungen ist die sogenannte Präimplantationsdiagnostik. Gemeint ist hiermit die gentechnische Untersuchung eines künstlich erzeugten Embryos um so Erbkrankheiten und Besonderheiten der Chromosomen erkennen zu können, bevor er in die Gebärmutter eingepflanzt wird.

Kritiker befürchten, dass die Präimplantationsdiagnostik gängige Methode zur Herstellung optimalen Nachwuchses werden könnte. Die Frage ist dabei: was geschieht mit einem Embryo, einem menschlichen Wesen also, der schwere Defekte aufweist? Darf dann eine Entscheidung gegen das Einpflanzen gefällt aber trotzdem an dem Zellmaterial weiter geforscht werden? In Deutschland ist dieses Verfahren verboten, während es beispielsweise in Großbritannien erlaubt ist. Zudem hat die Bundesrepublik mit dem Deutschen Ethikrat eine Institution geschaffen, die der Politik in Fragen lebenswissenschaftlicher Ethik beratend zur Seite stehen soll. Einer seiner bekanntesten Vertreter ist der Berliner Philosoph Volker Gerhardt.

Gerhardt: "Wenn wir aber jetzt an die Möglichkeiten denken mit werdendem Leben ganz anders umzugehen dann sehen wir, dass der Mensch in eine andere Rolle gegenüber dem Leben kommt und er sich wie ein Ingenieur einstellen kann zu dem, was dann aus Lebensprozessen wird. Und damit ist die Frage gestellt, was wir denn nun tun dürfen und was unter diesen Bedingungen auch der Mensch sich nicht herausnehmen darf. Ob es also Grenzen gibt, die im Selbstverständnis des Menschen liegen und die auch im Verständnis lebendiger Prozesse liegen, die anerkannt werden müssen und die insofern in neue Konventionen überführt werden müssen."

Bei den Möglichkeiten, die die Genforschung eröffnet, drängt sich die Frage auf, ob sich durch sie nicht das Selbstbild des Menschen verändern könnte. Zumal das menschliche Genom bereits vollständig dechiffriert ist, ebenso wie die genetische Konstruktion vieler Nutzpflanzen. Die Gentechnologie erlaubt es uns heute, beispielsweise Mais so zu konstruieren, dass er schon Insektengifte enthält und somit wesentlich resistenter und ertragreicher ist. Was würde es nun für unsere Selbstbeschreibung heißen, wenn wir in den Bauplan des Menschen eingreifen, ihn optimieren, seinen Alterungsprozess verzögern könnten? Volker Gerhardts Forschungsgruppe Humanprojekt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fragt danach, ob und wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms Rückwirkungen auf das Selbstverständnis des Menschen hat.

Gerhardt: "Wir haben eine Umfrage gemacht bei den Politikern, bei den Vertretern der Kirchen, aber insbesondere bei verschiedenen Vertretern naturwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Disziplinen und haben zunächst mal festgestellt, dass diese großen neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten noch keine Veränderung in der Selbstbeschreibung des Menschen aufzeigen. Ich bin da vorsichtig.

Ich glaube schon, dass diese direkten Eingriffsmöglichkeiten, dass wir etwa das Geschlecht des künftigen Kindes vorher bestimmen können, dass wir auch die Möglichkeit hätten, wir nutzen sie Gott sei dank im Augenblick noch nicht, die Möglichkeit hätten, besondere Merkmale auszuwählen und gezielt in bestimmte Keimbahnen einzubringen und auf diese Art und Weise menschliches Leben mit Hinblick auf bestimmte Typologien und Leistungen zu erzeugen, dass dies schon das Selbstverständnis des Menschen beeinflusst und dass wir angesichts dieser weitreichenden technischen Chancen Gründe haben besonders behutsam mit Entscheidungen über den Einsatz neuer Techniken im Hinblick auf die Generalbedingung des menschlichen Lebens umzugehen."#

Doch gerade fehlende Behutsamkeit ist es, die den Skeptikern Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Bedenken: der Begriff des Lebens selbst habe in der jüngsten Vergangenheit allzu hastig eine grundlegende Veränderung erfahren. Hierzu die Darmstädter Philosophin Petra Gehring.

Gehring: "Es gibt eigentlich eine klare Dominanz, eine Vorherrschaft dieses biologisch-naturwissenschaftlichen Lebensverständnisses heute. Und das bedeutet natürlich auch, das wir Leben nicht mehr als unsichtbar-abstraktes prozessförmiges uns vorstellen, sondern als ein Stück Material, als etwas, das ich reinpacken kann in ein Reagenzglas, als etwas, das ich sehen kann, sichtbar machen kann, zum Beispiel in Form von Zellen heute kuckt man hinein bis ins Zellinnere, in die genetische Beschaffenheit dieses Stoffes. Die Substanz, die wir da vor uns haben, ist aber auf jeden Fall eine, die wir uns als materielle Substanz vorstellen."

Die Entwicklungsgeschichte des Menschen begann vor ungefähr zwei Millionen Jahren. Langsam, sehr langsam nistete sich der Homo sapiens in den ökologischen Nischen seiner Umwelt ein. Heute ist dieses Wesen mit einem immensen Einfluss auf seine Umwelt ausgestattet, es kann in immer kürzeren Abständen und immer effektiver in Lebensprozesse eingreifen. Vergessen wird dabei oft: der Mensch ist auch ein moralisches Wesen, das in der Lage ist, sein Handeln zu hinterfragen. Doch gerade durch das Tempo des genetischen Forschens könnte dies untergehen – so sieht es jedenfalls Volker Gerhardt.

Gerhardt: "Grade weil wir eben letztlich nicht wissen, welche Zukunft die Menschheit hat, ist es so wichtig von dem gegenwärtigen Wissen auszugehen, es zu vergleichen, was wir aus der Geschichte wissen, was in unser gegenwärtiges Selbstbild mit eingeht und vor ihm müssen wir versuchen zu verantworten, was wir mit Folgen für die Zukunft tun. Das kann man auch ganz einfach ausdrücken, wir müssen uns heute so verhalten, dass wir Angehörigen späterer Generationen glauben immer noch in die Augen sehen zu können."

Der biopolitische Diskurs der Gegenwart macht das Leben zu einem Streitfall. Und ähnlich wie zu Darwins Zeiten entsteht eine Verquickung von naturwissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragestellungen. Die Optimisten sehen in den Lebenswissenschaften eine Chance, uralte Probleme der Menschheit auf naturwissenschaftlicher Basis ein für alle Mal loszuwerden. Die Mahner dagegen fragen: was hat es für Auswirkungen auf den Umgang mit uns selbst und untereinander, wenn wir die Karten der Evolution eigenhändig mischen können? Wie verändert es die Gesellschaft, die Alltagskommunikation? Der Frankfurter Sozialwissenschaftler Thomas Lemke zeichnet ein mögliches Szenario für den Fall, dass wir eines Tages in der Lage sein könnten, unsere Disposition für Krankheiten zu kennen.

Lemke: "Also man hat es etwa gesehen in der Pränataldiagnostik, Ultraschalluntersuchung, Fruchtwasseruntersuchung, wo technologische Verfahren dermaßen veralltäglicht werden, dass man gar nicht drum herum kommt, sich dazu zu verhalten. Oft weiß man nicht genau, welche Risikokalküle dahinter stecken, aber es ist etwas, das sehr präsent ist.

Man muss sich darauf beziehen, man muss sich irgendwie damit auskennen. In ähnlicher Weise dürfte das eben auf genetische Definitionen, genetische Begrifflichkeiten zutreffen, die möglicherweise dann in wenigen Jahren auch Gegenstand von Selbstbeschreibungen werden: Ich habe eine bestimmte Veranlagung, die mich dafür disponiert, etwa fettleibig zu sein oder alkoholabhängig oder da gibt es ein bestimmtes Gen und es korreliert mit erhöhtem Alkoholgenuss – diese Art ist durchaus denkbar, dass diese Art von Alltagskommunikation kommt, in der genetische Beschreibungen und Begrifflichkeiten eine große Rolle spielen."

Das, so Thomas Lemke, hätte einen ausgesprochen skurrilen Verantwortungsdiskurs der Menschen zur Folge.

Lemke: "Ich glaube, die Gefahr besteht darin, dass diese genetischen Informationen zum Gegenstand eines Verantwortungsdiskurses werden, dass die Zumutung an die Einzelnen dann darin bestünde, Kenntnis zu erlangen über ihre jeweiligen genetischen Risiken. Und ein verantwortlicher Mensch sollte jeweils über die eigenen genetischen Mutationen, Dispositionen, Risiken und so weiter wissen um dann dieses Wissen mit anderen zu teilen, um dann etwa im Hinblick auf Kinderwunsch erst einmal abzuprüfen, mit welchem Partner und welcher Partnerin lassen sie möglicherweise dann gesunde Kinder zeugen oder eben auch nicht.

Also um Gesundheit planen zu können, vorsorgen zu können gegen mögliche Krankheitsrisiken ist genetisches Wissen erforderlich, das heißt wenn man das Ausbrechen von Krankheiten für sich selbst, für die eigene Familie, für die Kinder verhindern will, dann muss man das durch die genetische Brille alles betrachten - das ist glaub ich die noch größere Zumutung, dass es nicht nur von oben dekretiert wird, was man tun soll, sondern von den Einzelnen an Einzelne herangetragen wird, ihr solltet das tun, ihr solltet einen Gentest machen lassen - das ist, glaub ich, das wirklich Gefährliche."

Die öffentliche Diskussion, beispielsweise um die Erweiterung der Präimplantationsdiagnostik, könnte schärfer werden. Dann nämlich, wenn sich spektakuläre Erfolge in den Ländern einstellen sollten, in denen sie fast uneingeschränkt freigegeben ist. Dies würde vor allem für Eltern gelten, deren Kind durch eine künstliche Befruchtung, der sogenannten In-Vitro-Fertilisation, entstanden ist. Sie sähen sich nämlich mit Fragen konfrontiert, die die Zukunft des Kindes bereits bei dessen Zeugung in den Blick nehmen müssten: Lassen wir das Genom manipulieren, wenn das Kind eine Veranlagung zur Kurzsichtigkeit, zum Kleinwuchs oder zu frühem Haarausfall hat? Soll es ein Junge oder ein Mädchen werden?

Gehring: "Es gibt einen großen Druck, auch einen moralischen Druck, der gerade auf Eltern und Müttern lastet, nichts falsch zu machen. Das macht es Eltern schwer, zu entscheiden und sie entscheiden sich dann oft für den sicheren Weg, für den Mehrheitsweg, das kann man ihnen auch gar nicht vorwerfen. Es muss sich aber eine Gesellschaft fragen, ob sie so sein will. Ob sie platte, ich finde auch brutale Kriterien, die alles über einen Kamm scheren, akzeptieren will. Dann ist es vielleicht ein Argument (...) die Nachbarländer akzeptieren es doch, dann sollten wir es doch auch tun."

Kritisch für die Eltern könnte es hauptsächlich dann werden, wenn bei dem Genom des Kindes eine schwere Behinderung diagnostiziert wird. Väter und Mütter sähen sich einem Rechtfertigungsdruck, nicht nur ihrem eigenen Kind, sondern der Gesamtgesellschaft gegenüber ausgesetzt.

Gehring: "Was macht man, wenn sich gesamtgesellschaftlich einfach ne Einschätzung durchsetzt, dass es zum Beispiel ein Erfolg ist, wenn keine oder weniger schwerbehinderte Kinder geboren werden. Wenn man das als Erfolg qualifiziert, dass es zum Beispiel weniger Kinder mit Trisometrie 21, also weniger sogenannte mongoloide Kinder gibt, dann wird man vielleicht denken, man vermeidet damit Kosten, die der Gesellschaft entstehen, man wird vielleicht auch denken, man vermeidet Leid bei Betroffenen, die es schwerer haben zu leben, im Alltag klarzukommen. Wollen wir uns wirklich anmaßen zu sagen: diese Eltern dieser Kinder werden unglücklicher sein, wenn sie dieses Kind bekommen als wenn sie es nicht bekommen? Oder wagen wir gar zu sagen, diese Kinder werden so unglücklich sein, dass sie besser gar nicht leben sollten?"

Anzeichen für eine Art freiwilliger biopolitischer Selbstkontrolle sind nach Ansicht vieler Kritiker der Lebenswissenschaften bereits jetzt auszumachen. Dies gilt vor allem für den exemplarischsten Fall der Biopolitik in den letzten Jahren: die zahlreichen Anläufe zur Gesundheitsreform.

Lemke: "Es zeichnet sich ab, dass auf verschiedenen Ebenen eine Abkehr ist von der Idee etwa eines solidarisch finanzierten Gesundheitssystems hin zu marktförmigen Lösungen. Unter der Prämisse, die einzelnen sollen selbst für sich entscheiden, entscheiden dürfen, wie viel Gesundheit und welche Art von Gesundheit sie sich zu welchem Preis leisten wollen. Das Ganze wird verkauft als ein Autonomie- und Befreiungsdiskurs, weg aus administrativen staatlichen Formen der Gängelung und des Vorschreibens hin zu individueller Selbstbestimmung."

Nach Thomas Lemkes Meinung verbirgt sich hinter dieser Aufforderung zur Selbstkontrolle eine Illusion, der die Menschen angesichts der zukünftigen Erfolge der Lebenswissenschaften aufsitzen: nicht mehr ausgeliefert zu sein an unplanbare Vorgänge, die Unwägbarkeiten des persönlichen physischen Lebens in den Griff zu bekommen.

Lemke: "Dahinter steckt ja, das ist zumindest ein Erklärungsansatz, auch die Vision einer Kontrolle des Körpers und eine Kontrolle der eigenen Existenz über eine sicherlich imaginäre Vorstellung, man könnte alles mögliche planen bis hinein zum Zeitpunkt, an dem man stirbt, am Zeitpunkt, an dem man sein Leben gibt, Zeugung, aber auch bis hin zum Patientenverfügung am Lebensende. Es ist ein Planungskontinuum und das ist das große Versprechen."

Doch was sollte so gefährlich und verwerflich daran sein, wenn wir mit Hilfe der Lebenswissenschaften Krebs heilen könnten, Alzheimer, Parkinson oder AIDS?

Gehring: "Es gibt diese typische Argumentationsfigur, wenn wir das und das dann mal hingekriegt haben werden, dann können wir bestimmte Krankheiten heilen, die wir heute nicht heilen können. Das ist natürlich ne Figur, die zielt auf dieses Schema der Heilbehandlung, so nach dem Motto, wir stellen jetzt was her, um dann später mal Heilbehandlungen möglich zu machen. Das mag ja auch tatsächlich intendiert sein. Es ist nur ein bisschen schwierig, über solche in Aussicht gestellten Möglichkeiten zum Zeitpunkt jetzt und hier wirklich zu verhandeln weil diese Zukunftsprospekte, was dann irgendwann mal möglich werden soll, indem man bestimmte technische Pfade beschreitet, die sind natürlich durch niemanden belastbar zu prüfen oder zu evaluieren. Also da kann der Experte viel erzählen, zugespitzt gesagt."

Sind die Risiken und Nebenwirkungen wirklich so heftig, dass wir besser die Finger davon lassen sollten? Gerade jetzt, wo die ersten Erfolge von Gentherapien, zum Beispiel in der Eindämmung des Wachstums von Gehirntumoren sich abzeichnen? Das Problem im Streitfall Leben ist vertrackt, da es eben nicht nur um wissenschaftliche oder medizinische Fragen geht. Viele Faktoren spielen eine Rolle – nicht zuletzt auch ökonomische.

Lemke: "Das eine Problem besteht sicherlich (...) in einer Kommerzialisierung des Körpers etwa oder der Körperteile. Warum sollte man das nicht marktförmig öffnen und sagen etwa – das ist ja momentan eine Diskussion, was Organverpflanzung angeht – sollte man es nicht marktförmig organisieren statt wie es im Moment gemacht wird (...) Dann stellen sich natürlich noch weitere Probleme, etwa das Problem der Gerechtigkeit. Also hängt es dann einfach davon ab, wer über die möglichen Mittel verfügt, um sich bestimmte Optionen einfach kaufen zu können, leisten zu können und andere können es nicht oder stehen möglicherweise nur als Lieferer von Organen, Blut zur Verfügung (...) Wie wird (...) dieser Gesundheitswert dann in einer Weise transportiert, dass genau diese anderen Werte (...) also Demokratisierung, Freiheit, Selbstbestimmung, dann möglicherweise nicht nur ins Hintertreffen geraten sondern konterkariert werden."

Gemeint ist hiermit auch das Schreckgespenst der genetischen Diskriminierung: ökonomische oder politische Akteure beschließen etwa, Menschen mit genetischen Mängeln von bestimmten Leistungen oder Karrierewegen auszuschließen.

Gerhardt: "Dann wäre der Mensch einer langfristigen politischen oder ökonomischen Perspektive unterworfen und wir hätten dann nicht mehr die Freiheit, die bisher eben den unbestrittenen Grundwert unseres politischen Handels ausmachte, sondern (...) andere hätten ihre Freiheit so gebraucht, dass sie den Individuen, auf die sie Einfluss nehmen, gar nicht mehr die Freiheit lassen, die ihnen die Natur gegeben hätte. Und darin sehe ich eine große Gefahr, und deswegen muß man über die ethischen Bedingungen und die ethischen Probleme unter den Bedingungen (...) eines genetisch bestimmten Umgangs mit der Natur heute gründlicher nachdenken als das früher der Fall war."

Denn der aktuelle Gesundheitsdiskurs steht fatalerweise auch unter dem Zeichen politischer Entscheidungen. Paradox ist dabei, dass verstiegene Heilungsversprechungen mittels Gentechnologie in den seltensten Fällen von den Lebenswissenschaften selbst kommen. Die beteiligten Wissenschaftler sind in der Regel eher umsichtig bei der Vorhersage bestimmter Forschungsergebnisse. Das Problem liegt eher auf der politischen Ebene, so Marcus Düwell.

Düwell: "Was mir sehr problematisch scheint in diesem Zusammenhang ist, wie leichtfertig und unbefragt viele politische Akteure den Versprechungen auf Therapie ohne weiteres den Vorrang geben. Wenn gesagt wird, da gibt es jetzt die Chance, Alzheimer zu heilen und eine Aussage wird einfach politisch genommen (...) Wir hätten wahrscheinlich als Gesellschaft vielmehr Möglichkeiten, uns erst einmal darüber zu verständige, was denn überhaupt realistische Optionen der Forschung sind und was denn eigentlich Alternativen der Forschung wären, was könnte man denn noch machen (...) man sieht doch einen sehr großen einseitigen Boom in Richtung auf Life Sciences, das Versprechen der Heilung von Krankheit scheint dann relativ schnell ein Argument zu werden, das gar keiner Abwägung mehr bedarf."

Allzu oft nämlich, so Marcus Düwell, verlangten Gesellschaft und Politik nach schnellen vorzeigbaren Ergebnissen. Wie in allen anderen Bereichen der politischen Entscheidungsfindung verlange man auch von der Gesundheits-, Wissenschafts- und Biopolitik Handfestes, das möglichst schnell in die Praxis umgesetzt werden kann. Die ethisch-philosophische Position sieht das jedoch vollkommen anders.

Düwell: "Man wird damit umgehen müssen, dass mit man dieser Situation der Unsicherheit und Ungewissheit lebt. Und die Frage ist jetzt, haben unsere Gesellschaften die Kompetenz, das zu steuern (...) und damit meine ich ja nicht nur Steuerung auf nationaler Ebene, sondern weil die Forschung zu einem großen Teil international stattfindet, haben die internationalen Institutionen, die internationalen Gemeinschaften, haben die nationalen Staaten die Instrumente, die nötig wären, um auf diesen Prozess so Einfluss zu nehmen, dass bestimmte Entwicklungen, die moralisch problematisch sind, nicht eintreten."

Marcus Düwell hat sich in diesem Zusammenhang mit der ethischen Problematik in der Hybrid- und Chimärenforschung auseinandergesetzt. Einem Forschungszweig, in dem Mischwesen aus menschlichem und tierischen Zellmaterial erzeugt werden. In den Niederlanden wird zum Beispiel diskutiert, ob man hierdurch vermeiden kann, an rein menschlichen Embryonen zu forschen. Zu welch gespenstischen Ergebnissen die Hybridforschung führen kann, beschreibt Marcus Düwell.

Düwell: "Was mich ein wenig beunruhigt hat, war zum Beispiel eine Aussage eines amerikanischen Forschers, der daran arbeitete, eine Maus zu erzeugen, deren Gehirn aus menschlichen embryonalen Zellen gebildet wurde. Nun fürchte ich nicht, dass dieses Experiment zur schachspielenden Maus führt, aber die Aussage des Forschers, was er denn machen würde um zu garantieren, dass hier nichts moralisch Verwerfliches passiert hat mich doch erstaunt. Er sagte dann, sobald diese Maus irgendwelche Anzeichen menschlichen Verhaltens zeigen würde, würden wir sie töten. Nun denkt man erst, das ist ein joke, weil natürlich müsste man sagen, sobald diese Maus irgendwelche Anzeichen zeigt menschlichen Verhaltens, dürftest du sie nicht nur nicht töten, sondern du wärst auch verpflichtet, ihr all den Schutz und all die Rechte zuzustehen, die wir Menschen zugestehen."

Stehen wir also im 21. Jahrhundert vor der Schaffung des Menschen, im Gegensatz zu der von Darwin beschriebenen Entstehung der Lebewesen? Ein Szenario, wie es die Macher von Filmen wie "Bladerunner" oder die "The Island" faszinierte? Wohl kaum, denn selbst die euphorischsten unter den Lebenswissenschaftlern halten es für Größenwahn, eine Synthese des menschlichen Genoms zu bewerkstelligen. Tatsache ist allerdings: durch die Lebenswissenschaften hat sich der Mensch in ein Lebewesen verwandelt, dass auf biologische und ethische Art und Weise beschrieben werden kann. Beides gehört zu ihm und beides sollte gleich gewichtet sein.