Streit um polnische Naturgeister

    Jesus und die wilde 13

    11:11 Minuten
    Eine lebensgroße Christusfigur mit rotem Umhang und goldener Krone hält die rechte Hand zu einer Segnugsgeste erhoben, sie steht im Freien auf einem Platz vor hohen Laub- und Nadelbäumen.
    Im Dorf Osiek hat Jesus Christus den Platz des kaschubischen Dämons Jablón eingenommen. © Deutschlandradio / Martin Sander
    Von Martin Sander · 22.08.2021
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    Im polnischen Kaschubien setzte sich der Katholizismus später durch als im Rest des Landes. An einem Wanderweg für Touristen erinnern Statuen vorchristlicher Geister und Gottheiten daran. Doch die Kirche hat ihnen jetzt den Kampf angesagt.
    Kaschubien liegt südlich und westlich von Danzig. Die Gegend ist aus der deutschen Nachkriegsliteratur bekannt: Romane von Günter Grass wie "Die Blechtrommel" spielen dort. Rund 200.000 Menschen verstehen sich heute noch als Kaschuben, also in erster Linie als Nachfahren eines eigenen westslawischen Volkes und erst in zweiter Linie als Polen.

    Vorchristliche Geister auf dem Pfad der Erinnerung

    Die Kaschuben sind Katholiken, aber noch nicht so lange wie die anderen katholischen Polen: Polen wurde um die erste Jahrtausendwende christianisiert, die Kaschuben haben ihre vorchristlichen Traditionen erst etliche Jahrhunderte danach aufgegeben.
    In einigen kaschubischen Dörfern, ungefähr 50 Kilometer westlich von Danzig, wird an diese Vergangenheit erinnert. Vor zehn Jahren wurden 13 Holzfiguren aufgestellt, jede ungefähr drei Meter hoch. Sie bilden einen "Pfad der kaschubischen Geister", ungefähr 80 Kilometer lang, entwickelt auch mit europäischen Geldern.

    Dämon des Tanzes und Göttin der Fruchtbarkeit

    Diese 13 Holzskulpturen sind Geister, Götter und Dämonen aus dem spirituellen Kosmos der Kaschuben – hier aber verstanden im Sinne einer Kulturgeschichte, und nicht zuletzt als Attraktion für Touristen. In einem Dorf zum Beispiel steht Jigrzan, ein gütiger Geist der Unterhaltung und des Tanzes.
    Der Kopf eines freundlichen Dämons, mit groben Schnitten aus einem Baumstamm geschnitzt, zeigt ein rundes, lächelndes Gesicht mit Schnauzbart und Halbglatze. Aufnahme im Freien, auf einem sonnenbeschienenen Platz mit Bäumen im Hintergrund.
    Ein freundlicher Dämon: Jigrzan ist der kaschubische Geist des Vergnügens und des Tanzes.© Kulturhaus Linia
    Fährt man weiter, dann trifft man auf den Platz von Pólnica, das ist eine Göttin der Felder und der Fruchtbarkeit, die nackt auf einem Pferd reitet. Sie soll Männer verführen und dann auch bösartig verzaubern. In einer weiteren kleinen Ortschaft gibt es auch noch einen Jablón, einen Dämon der Obstgärten, der die Menschen dazu bringt, nach fremden Früchten zu greifen.
    Beziehungsweise gab es: Denn diese Skulpturen sollten erneuert werden. Sie sind aus Holz und im Lauf der Jahre durch Regen und durch Witterungseinflüsse teilweise zerstört worden. Diese Gelegenheit haben einige ergriffen. In einem Ort wurde Jablón, der Dämon der Obstgärten, ersetzt – und zwar nach Abstimmung in dem kleinen Dorf durch eine Jesus-Christus-Figur.

    Zunehmende Politisierung der Kirche

    Lange hatte sich in Polen niemand an diesen Skulpturen gestört. Seit zwei, drei Jahren nun wettert ein Teil der Geistlichen dagegen, dass es diesen Pfad überhaupt gibt – seit die katholische Kirche in Polen sehr eng mit den Nationalpopulisten unter Jarosław Kaczyński kooperiert und auch unter wachsendem fundamentalistischen Einfluss steht.
    Kamila Soroko, die Kulturhausleiterin, steht im grau karierten Pullover vor einer Wand, an der unterschiedliche traditionelle Stickereien mit Blumenmustern aufgehängt sind.
    Kamila Soroko, Direktorin des Kulturhauses der Gemeinde Linia, will den Pfad der kaschubischen Geister erhalten.© Deutschlandradio / Martin Sander
    Jetzt, da die Figuren erneuert werden sollten, hat man nun einen Kampf gegen das Heidentum inszeniert. Obwohl jedem klar sein müsste, dass es bei diesen Figuren um den kulturgeschichtlichen Aspekt geht, nicht um etwas Religiöses. Anders als etwa in Litauen gibt es keine Erneuerung einer vorchristlichen Kirche. Trotzdem beharren einige Kirchenvertreter auf ihrem Anspruch, alles müsse so aussehen, wie sie es wollen.
    Ist das gegen die kaschubische Kultur gerichtet? Diese Deutung liegt nahe, aber sie geht nicht ganz auf. Auch unter jenen, die sich als Kaschuben fühlen, haben plötzlich einige Angst vor diesen "heidnischen" Skulpturen.

    Stellvertreterkonflikt um "heidnische" Geister?

    Der Konflikt weist wohl über den Streit um die Figuren hinaus. Die katholische Kirche, oder zumindest ihr sehr fundamentalistischer Flügel, versucht, immer neue Konflikte in der polnischen Gesellschaft zu inszenieren, um dadurch die Gläubigen zu mobilisieren. Infolge der Politisierung der katholischen Kirche in den letzten Jahren durch ihre Parteinahme für die Regierung gehen immer weniger Menschen in die Kirche.
    Die aus einem Holzstamm geschnitzte übermannshohe Figur eines Dämons mit erhobenem Rüssel steht an einer Bushaltestelle zwischen einer Sitzbank und einer Informationstafel.
    Jablón, der kaschubische Dämon an der Bushaltestelle von Osiek, wurde unlängst durch eine Christusfigur ersetzt.© Archiv der Gemeindeverwaltung Linia
    Die Kirche versucht indessen, eine Art Gegenbewegung auf die Beine zu stellen. Da gibt es viele Themen, am wichtigsten wohl der Widerstand der Kirche gegen Ansprüche der LGBT-Community. Jetzt hat man als zusätzliches Feld der Auseinandersetzung die "heidnische" Tradition der Kaschuben entdeckt und will die Geister und Dämonen aus alter Zeit wieder austreiben.

    Liberale Kulturpolitik in der Defensive

    Gemeindevorsteher in der Region, die sich für den "Pfad der kaschubischen Geister" eingesetzt haben, reagieren empört. Sie sehen, dass sie angegriffen werden und ihre Kulturpolitik plötzlich aus der Defensive heraus betreiben müssen, und sind entsetzt.
    Der ganze Konflikt fügt sich zu einem Bild der immer weitergehenden Zerklüftung der polnischen Gesellschaft in einen katholisch-nationalen Teil – der für sich ausdrücklich Demokratie und Meinungsfreiheit beansprucht – und Anhänger einer offenen, demokratischen, liberalen Gesellschaft.
    Im Moment steht es zwölf zu eins für die kaschubischen Geister: Erst eine Figur wurde durch eine Jesusfigur ersetzt, was mit den anderen Figuren geschieht, ist noch unklar.
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