Seit 13:05 Uhr Breitband
Samstag, 28.11.2020
 
Seit 13:05 Uhr Breitband

Die Reportage | Beitrag vom 22.11.2020

Streit um Nord Stream 2Weltpolitik auf der Insel Rügen

Von Silke Hasselmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
 Menschen blicken auf den Fährhafen Mukran, auf dem zwei russische Schiffe für den Weiterbau der Nordstream 2 Pipeline vorbereitet werden. (picture alliance / Jens Koehler)
Der Hafen im Ortsteil Mukran gehört der Stadt Sassnitz und dem Land Mecklenburg-Vorpommern - und geriet ins Visier der USA. (picture alliance / Jens Koehler)

Die Pipeline Nord Stream 2 verhindern und Europa gerne eigenes Gas verkaufen: An diesen Zielen dürfte sich auch unter einem neuen US-Präsidenten Biden nichts ändern. In dem Streit spielt derzeit ein kleiner Hafen in Sassnitz eine Schlüsselrolle.

6. November 2020, Rathaus Sassnitz, Insel Rügen. Zu Gast beim Sassnitzer Bürgermeister. Er habe vor zweieinhalb Stunden das letzte Mal Nachrichten gehört, sagt Frank Kracht kurz vor Beginn unseres Interviews.

Also holen wir uns mit meinem Smartphone kurzerhand per Livestream den neuesten Stand in Sachen US-Präsidentenwahl ab: "Sollte Biden die 20 Wahlleute für sich gewinnen, käme er auf 273 und hätte damit die für die Wahl zum Präsidenten notwendige Zahl von 270 Wahlmännern übertroffen."

Der 53-jährige Sassnitzer weiß, was diese Zahlen bedeuten: Die US-Wahl ist noch immer nicht entschieden, und das Blatt scheint sich wieder zugunsten von Herausforderer Joe Biden zu wenden. "Ein irres Wahlsystem", sagt Frank Kracht, der seinerseits vor fünf Jahren die Bürgermeisterwahl in Sassnitz als parteiloser Kandidat der Linkspartei gewonnen hatte.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Er grinst leicht und schlägt dann einen offizielleren Ton an: "Ein großes Land wie die USA, die wirklich im globalen Sektor einen solchen Einfluss haben. Da ist es schon hoch interessant für mich, auch als Bürgermeister, wie so eine Präsidentschaftswahl ausgeht."

Damit stapelt Kracht tief. Denn was politisch in den USA vor sich geht, genauer gesagt im 6630 Kilometer Luftlinie entfernten Regierungsviertel von Washington D.C., das treibt den Kleinstadtbürgermeister aus Vorpommern seit einigen Monaten mehr um, als ihm lieb ist.

Gas aus Russland durch die Ostsee

In Sassnitz spielt sich zurzeit Weltpolitik ab. Und das hat zu tun mit der Gaspipeline Nord Stream 2, die Gas aus Russland durch die Ostsee nach Deutschland befördern soll. Doch der Reihe nach.

August 2020: Die Sonne scheint über der Insel Rügen und damit auch über dem zersplitterten wie weitläufigen Hafengelände von Sassnitz-Mukran. Bürgermeister Frank Kracht ist mit einem NDR-Fernsehteam verabredet, weil kurz zuvor ein Drohbrief aus den USA bei der Fährhafen Sassnitz GmbH eingegangen ist.

Die gehört der Stadt und dem Land Mecklenburg-Vorpommern und gerät ins Visier der Amerikaner, weil die unbedingt die Fertigstellung der Gaspipeline Nord Stream 2 verhindern wollen. Die Kamera rollt mit, während der Bürgermeister an einem hohen Maschendrahtzaun entlanggeht und sagt:

"In Sassnitz, muss ich sagen, interessiert die Leute vor allem, ob wir als Verwaltung und als GmbH standhaft bleiben. Weil: Wir bekommen sehr viel Zuspruch von Menschen aus der gesamten Bundesrepublik, die sagen: Das ist jetzt zu viel, und wir lassen uns nicht von außen vorschreiben, welche Projekte wir durchführen oder wie Deutschland oder Europa unsere Energiepolitik gestaltet."

Die Rohre könnten längst im Wasser liegen

Es geht um die etwa 15.000 schwarzglänzenden, zwölf Meter langen Rohre, die hinter dem Zaun wie riesige Zigarren aufgestapelt liegen. Die wurden im vorigen Dezember auf dem Mukraner Hafengelände mit Beton ummantelt und könnten längst im Wasser liegen, wäre da nicht der Einspruch aus den USA. Nun lagern sie weiter an Land und damit beteiligt sich der Hafen Sassnitz-Mukran in gewisser Weise an der Fertigstellung der verhassten Pipeline, so die Lesart der US-Senatoren. Deshalb die Drohungen.

Ich treffe Bürgermeister Frank Kracht im Sassnitzer Rathaus zum ersten Mal, einem hell verputzten klassizistischen Bau. Eine recht steile Wendeltreppe aus dunklem Eichenholz führt mich in die erste Etage, wo mich der Fast-Zwei-Meter-Mann freundlich begrüßt:

"Ja, ich würde Ihnen einmal einen besonderen Ort bei uns im Rathaus zeigen. Im Trausaal mit einer Veranda dran, wo wir einen fantastischen Blick auf die Proraer Wiek haben, das Seegebiet, wo wir als Stadt Sassnitz nach Süden hin ausgerichtet sind. Wenn man das Fenster dann aufmacht, dann hat man eine sehr, sehr schöne Aussicht auf die Ostsee.

Porträt vom Sassnitzer Bürgermeister Frank Kracht  neben einer Stannduhr in seinem Büro. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Zu Beginn fand er die Auseinandersetzung noch lustig, sagt der Sassnitzer Bürgermeister Frank Kracht. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Reporterin: "Wenn man lange genug hier stünde - jedenfalls zu Zeiten, als Nord Stream noch gebaut wurde und das hier mit der Zulieferung der Rohre vom Port Mukran aus immer noch regelmäßig lief - hätte man irgendwann auch mal die Zubringer von hier aus sehen können?"

"Also bei Nord Stream 2 ist es so gewesen", sagt Frank Kracht. "40 Prozent der gesamten Strecke wurde hier in Mukran produziert, 60 Prozent in Kotka in Finnland. Bei Nord Stream 1 war es genau andersrum. Und dann hat man nicht nur irgendwann so ein Schiff gesehen, sondern man hat es regelmäßig gesehen. Alle Schiffe, die bei uns einlaufen, haben immer das Glück, unsere Stadtsilhouette zu begleiten."

Auf dem Weg in sein geräumiges, schlicht-funktional eingerichtetes Bürgermeisterbüro erzählt Frank Kracht von dem "Gesetz zum Schutz der Energiesicherheit Europas". Das hatte der US-Kongress im Dezember 2019 mit den Stimmen vieler Demokraten verabschiedet, und er habe zunächst über den anmaßenden Namen lachen müssen, als er davon hörte. Doch schon bald fand er es nicht mehr lustig, erinnert sich der gebürtige Sassnitzer. 

Drohung der USA zeigt Wirkung

Aus US-amerikanischer Sicht bringt die Gaspipeline die Europäer in Abhängigkeit von Russland. Das ist unerwünscht in Übersee, auch deshalb, weil es dort ebenfalls Gas gibt, das nach Europa verkauft werden will: Fracking-Gas. Also sieht das Gesetz aus den fernen USA Sanktionen vor - für alle, die sich jetzt noch an der Fertigstellung von Nord Stream 2 beteiligen.

Die Drohung zeigt Wirkung. Eine Schweizer Spezialfirma zieht noch im Dezember 2019 ihre beiden Nord-Stream-2-Verlegeschiffe aus der Ostsee ab. Seitdem: Baustopp.

Anfang August geht dann das Schreiben aus dem US-Senat bei der Fährhafen Sassnitz GmbH ein. Drei Seiten, eng beschrieben. Adressaten: der Geschäftsführer und der Prokurist der kommunalen GmbH.

Die beiden lassen diese "offizielle Benachrichtigung" sofort ins Deutsche übersetzen und erfahren, dass sich der Hafen gerade dem Risiko aussetzt, "wirtschaftlich und finanziell zermalmt" zu werden. Sollte er auch nach dem 15. Juli 2020 Unterstützungsleistungen für das Nord-Stream-2-Projekt erbringen - wie das Lagern der Rohre oder Dienstleistungen für russische Verlegeschiffe - werde der US-Präsident Sanktionen verhängen, sobald die ersten Rohre zu Wasser gelassen werden.

Der Brief endet mit einer Warnung an die Geschäftsführung: "Sie würden das künftige finanzielle Überleben Ihres Unternehmens zerstören. In der Zwischenzeit würden Sie Ihren Unternehmenswert vernichten und sich wegen Ihrer Verletzung der Treuepflichten mit Sicherheit Aktionärsklagen in Milliardenhöhe gegenübersehen. Wir mahnen Sie dringend dazu, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um diese Szenarien abzuwenden." Gezeichnet: US-Senatoren Ted Cruz, Tom Cotton, Ron Johnson.

"Wir unterliegen dort auch europäischen Gesetzen"

"Ein Schlag in die Magengrube" – so beschreibt der städtische Gesellschaftervertreter Frank Kracht, was er nach dem ersten Lesen empfunden hat. Und nun? Immerhin sind ein paar Wochen vergangen, und die Rohre liegen immer noch auf dem Hafengelände.

"Wir haben uns das natürlich genau angeschaut und Rechtsexperten eingeschaltet", erklärt er. "Die Verträge, die wir haben mit Nord Stream, sind lange weit vor diesem Datum. Deswegen gehe ich auch davon aus, dass wir eigentlich mit allen Ansprachen der falsche Ansprechpartner sind. Alles, was sie auf hafenaffine Dienstleistungen beziehen, das sehe ich ja komplett anders, denn unsere kommunale GmbH ist ein Hafen, wo auch mit europäischen Fördermitteln Infrastruktur geschaffen wurde. Das heißt, wir unterliegen dort auch europäischen Gesetzen, die besagen, dass so ein kommunaler Hafen diskriminierungsfreien Zugang der Schiffe gewährleisten muss.

Reporterin: "Sie können sich nicht so einfach aussuchen: Den lassen wir rein, den lassen wir nicht rein. Oder?"
Frank Kracht: "Genau. Ganz eindeutig ist es so, dass, wenn ein Schiff ankommt, und sagt: Ich bräuchte einen Liegeplatz. Und wir haben einen Liegeplatz zur Verfügung, dann sind wir verpflichtet, dieses Schiff in unseren Hafen reinzulassen."

Reporterin: "Und das verstehen die Amerikaner nicht?"
Frank Kracht: "Das kennen die Amerikaner nicht, denn in Amerika gibt es so etwas nicht, dass Häfen kommunal sind. Die die sind meines Wissens nach alle privatisiert. Und diese Zusammenhänge dort miteinander zu verknüpfen, glaube ich, interessiert die Amerikaner auch nicht. Sie haben ein klares Bild, was sie möchten. Und das tun sie dann."

Wem gehört das Schiff mit kyrillischem Schriftzug?

Im Sassnitzer Ortsteil Neu-Mukran, direkt in Strandnähe, liegt die Bäckerei Peters. Ein Touristenmagnet - nicht nur wegen des wunderbaren Kuchens, sondern auch wegen des unverstellten Ausblicks von der Anhöhe auf die 1986 fertiggestellte Hafenanlage.

An diesem frühen Septembertag gut zu sehen, weil fast in Reichweite: ein 150 Meter langes, weiß-blau gestrichenes Schiff mit kyrillischem Schriftzug am Bug - "Akademik Tscherski". Ein großartiges Fotomotiv, zumal ein bisschen geheimnisumwittert. Denn angeblich liegt "die Tscherski" seit dem Frühjahr hier, weil sie in Mukran repariert und quasi TÜV-tauglich gemacht werden soll.

Blaick auf das russische Pipeline-Verlegeschiff "Akademik Tscherski" im Hafen Murkan auf der Insel Rügen.  (picture alliance / Jens Koehler)Großartiges Fotomotiv: Der Hafen hält sich zur "Akademik Tscherski" bedeckt. (picture alliance / Jens Koehler)

Der Hafen kommentiert das nicht. Doch alle Welt munkelt, dass der russische Eigentümer Gazprom diesen Rohrverleger so aufrüsten lässt, dass er die letzten Nord-Stream-2-Rohre an Bord verschweißen und von dort verlegen kann. Nach dem Drohbrief sorgen sich viele Sassnitzer um ihren Wirtschaftshafen, erzählt ein Café-Besucher.

Rügen liegt im Wahlbezirk der Kanzlerin

"Ich sehe es als recht bedenklich, dass wir als Sassnitz von der anderen Seite der Welt so eine Bedrohung bekommen", sagt er. "Zumal wir ja eigentlich gute Freunde sind mit einer amerikanischen Partnerstadt. Ich denke, wir als lokale Patrioten haben da wenig Einfluss darauf. Ich kann mir nur vorstellen, dass vielleicht Frau Dr. Merkel sich etwas mehr für unsere Region einsetzt. Schließlich ist es ihr Wahlbezirk. Rügen gehört mit dazu, und da erhoffe ich mir bald vielleicht auch Antworten von ihrer Seite."

Doch die Kanzlerin und CDU-Wahlkreisabgeordnete Angela Merkel sagt öffentlich bisher wenig zu diesem heiklen Thema.

Michael Hermerschmidt führt ein Hotel in Bergen, der größten Stadt Rügens. Er entstammt einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie. Der 38-jährige Rüganer kommt viel herum und ist politisch interessiert. Wir setzen uns ins Restaurant. An allen Wänden stehen oder hängen Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte.

Der junge Rüganer zeigt auf Fotos und Urkunden aus Kaiserzeiten und sagt: 

"Das hat damals auch schon Bismarck gesagt, und da stehe ich auch heute noch zu: 'Ein starkes Deutschland, ein starkes Europa geht nur im Einklang mit Russland'. Da können die Leute denken von mir, was sie wollen. Ich habe meine Meinung, und das ist mit Sicherheit keine Minderheitenmeinung. Wir haben ja sehr viele Stammtischrunden bei uns im Restaurant, das ist das Schöne, wo Menschen dann zusammenkommen, die aus wirklich allen sozialen Schichten kommen. Und da kann ich wirklich mit ruhigem Gewissen sagen, dass diese Meinung sehr, sehr viele vertreten."

"Wenn zwei das Gleiche machen, ist es noch nicht dasselbe"

Während ein Mitarbeiter neben uns auf der Terrasse neue Stühle verteilt, beantwortet Michael Hermerschmidt eine Frage, die ich ihm gar nicht gestellt habe. Nein, das ist kein typisch ostdeutscher Antiamerikanismus, sagt der weit gereiste Jungunternehmer.

Die Trump-Regierung setze Präsident Obamas Unterstützung für den Export von Fracking-Gas fort und komme jetzt auch noch als vermeintlicher Beschützer der europäischen Energiesicherheit daher, um hiesige Unternehmen wie den Hafen Sassnitz-Mukran zu bedrohen.

"Ich bin keiner, der das zu 100 Prozent beurteilen kann. Aber aus meiner Sichtweise verstehe ich es nicht, wie sich eine Regierung in internationale Beziehungen einmischt. Das verstößt auch meiner Meinung nach gegen internationales Recht. Also, das geht gar nicht. Aber da sieht man mal wieder: Wenn zwei das Gleiche machen, ist es immer noch nicht dasselbe. Ja, wenn das im umgekehrten Falle wäre und Russland würde das machen! Dann wäre das Geschrei aber ganz groß. Und da habe ich kein Verständnis."

Nicht jeder in der Gegend denkt wie der Hotelier. Da ist Putins Vorgehen gegen Regimekritiker. Da ist die Einmischung Russlands in kriegerische Auseinandersetzungen.

"Ich diskutiere beispielsweise in der eigenen Familie und mit meinem Onkel sehr stark darüber, der das ein bisschen anders sieht und der dann natürlich auch sagt: 'Menschen guck mal, das russische Volk wird geknechtet!' Sicherlich ist auch nicht alles rechtlich so, wie es sein soll. Bestimmt nicht. Aber was man auch sagen muss: Putin hat dem russischen Volk wieder den Stolz zurückgegeben. Aber wenn wir da anfangen, zu diskutieren."

Der Fall Nawalny - Nord Stream 2 steht zur Disposition

Am 11. September macht sich die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, auf den 230 Kilometer langen Weg von der Landeshauptstadt Schwerin nach Mukran. Sie will eine Betriebsversammlung der Hafenmitarbeiter besuchen. Deren Sorge wächst, denn zu diesem Zeitpunkt wird der russische Oppositionelle Alexander Nawalny in der Berliner Charité nach einem Giftanschlag behandelt.

Große übereinandergestapelte, schwarze Rohre lagern hinter einem Metallzaum. Rechts daneben ist ein Gehweg mit Straßenlaternen zu sehen. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Rund 15.000 Rohre für die Pipeline lagern am Hafen in Sassnitz-Mukran. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Russland steht jetzt am Pranger, der Anschlag wurde wahrscheinlich vom russischen Geheimdienst ausgeführt. Deutschland empört sich und prompt steht Nord Stream 2 zur Disposition: Soll und darf man noch mehr Gasgeschäfte mit Russland machen? Nord Stream 1 gibt es ja bereits.

Auf der Betriebsversammlung ist die Presse nicht erwünscht, Interviews mit Hafenmitarbeitern auch nicht. Bleibt Ministerpräsidentin Schwesig, die später mit der Kaikante im Rücken und zahlreichen Mikrofonen vor sich erklärt, was gerade besprochen wurde.

"Das Verbrechen gegen Herrn Nawalny muss aufgeklärt werden, aber es darf nicht dazu genutzt werden, die Ostsee-Pipeline zu verhindern", sagt sie. "Wir sind kurz vor der Fertigstellung. Deutschland braucht diese Energieversorgung, und die Bundesregierung darf es nicht zulassen, dass amerikanische Politiker Institutionen deutscher Arbeitsplätze bedroht. Es ist ein rechtsstaatlich genehmigtes Verfahren, und es kann nicht sein, dass der Hafen Mukran, der kleine Hafen Mukran, Spielball der Weltpolitik wird."

Einen Monat später, am 15. Oktober, besucht Manuela Schwesig den Industriehafen Lubmin. Der liegt am Greifswalder Bodden. Hier soll künftig nicht nur das russische Gas aus der ersten, sondern auch aus der zweiten Nord-Stream-Ostseetrasse ankommen. In einer kalten Bootshalle ist die Technik für ein Gespräch mit Unternehmern aufgebaut, und die Regierungschefin wiederholt ihre Kritik an den US-amerikanischen Drohungen gegenüber dem privatwirtschaftlichen Energieprojekt Nord Stream 2.

Zuvor hatte sie sich an den kilometerlangen silberglänzenden Röhren der Gas-Empfangsstation vorbeiführen und über den Stand der Dinge aufklären lassen. Die Lage ist ernüchternd.

Noch immer fehlen die letzten 75 Kilometer

"Die Anlandestation hier in Lubmin für die Nord Stream 2 ist bereits seit Ende letzten Jahres technisch betriebsbereit. Seitdem laufen noch ein paar Arbeiten wie zum Beispiel Asphaltierung der Straßenwege, ein bisschen Rostschutz und so weiter."

Der Nord-Stream-2-Sprecher Steffen Ebert weiß, dass in Lubmin 13 Mitarbeiter darauf warten, dass das Gas endlich fließen kann. Doch noch immer fehlen die letzten 75 von insgesamt 1230 Kilometern Leitung.

"Wir haben ja aufgrund der Sanktionsandrohungen durch die amerikanische Seite Ende letzten Jahres die Verlegearbeiten stoppen müssen", erzählt er. "Wir suchen jetzt aktuell immer noch Lösungen für den Weiterbau. Wir haben natürlich alle das große Ziel, dies so schnell wie möglich abzuschließen, um schnellstmöglich dann auch über diese neue Leitung Erdgas von Russland nach Europa zu liefern."

Für Axel Vogt war der Schwesig-Termin Pflicht, schließlich ist der Anwalt seit 14 Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister des Seebades Lubmin, Chef der Kurverwaltung und nun auch der Leiter des Planungsverbandes Industriehafen Lubmin.

"Wir haben einen solchen Brief nicht bekommen"

Weil er dort in Kürze seinen nächsten Termin hat, eilt der 54-Jährige in das deutlich ruhigere und wärmere Häuschen am Industriehafeneingang. Gelegenheit für meine Frage, ob auch hier ein Drohbrief aus Washington eingegangen ist.  

"Nein, wir haben als Industriehafen Lubmin einen solchen Brief nicht bekommen", sagt er. "Ich habe ihn auch nicht als Bürgermeister bekommen. Ich erkläre mir das so, dass der Fokus der Amerikaner im Moment eher darauf liegt, die Fertigstellung der Pipeline zu verhindern. Und da ist nun mal Ausgangspunkt Sassnitz-Mukran mit den Rohren, die dort lagern, und mit den Schiffen, die dort eingelaufen sind. Wenn die Pipeline fertiggestellt wird, wovon ich ausgehe, und auch in Betrieb genommen wird, dann wird Mukran etwas mehr aus dem Fokus rücken, und Lubmin sozusagen als Standort der Gas-Anlandestation an diese Stelle treten. Denn für die lange Betriebsdauer der Nord Stream 2 ist es ja auch immer wieder nötig, dass Serviceschiffe unseren Hafen anlaufen, die Vermessungen durchführen, die Umweltuntersuchung durchführen und so weiter."

Lubminer Bürgermeister Axel Vogt steht in einer gelben Warschutzjacke am Ufer. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Der Lubminer Bürgermeister Axel Vogt bekam keine Post aus den USA. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Bei einem vormittäglichen Bummel zur Strandpromenade präsentiert sich das Seebad als beschaulich-unspektakulärer Ort. Es tut ihm gut, dass ein drei bis vier Kilometer breiter Waldstreifen den Ortskern vom östlich gelegenen Industriehafen trennt. Denn dort kommt nicht nur Gas zum Weiterverteilen an. Hier haben sich auch die "Deutschen Ölwerke Lubmin" angesiedelt. Sie gehören einer russischen Investorengruppe und stellen hochwertige Schmieröle her.

Das russische Gas lässt die Gewerbesteuer sprudeln

Wieder ein kleines Stück weiter zeugen mächtige entkernte Betonblöcke vom einst nach sowjetischen Plänen gebauten Kernkraftwerk Lubmin. Urlauber gibt es trotzdem genug und die Lubminer bleiben ihrer Heimat treu, sagt Bürgermeister Axel Vogt, wobei:

"Wir würden uns wünschen, dass wir als kleines Seebad mit etwas mehr als 2000 Einwohnern nicht so sehr in den Fokus der politischen Diskussion weltweit gerückt worden wären. Aber es gibt bei uns in der Bevölkerung eigentlich keinen Gegenwind. Es gibt sehr viele unterstützende Worte für die Fertigstellung und Inbetriebnahme des Projektes Nord Stream 2. Das hat was mit der Akzeptanz des Erdgases und vor allen Dingen auch des russischen Erdgases zu tun. Man darf natürlich Dinge nicht miteinander vermischen. Also das ist ein Wirtschaftsprojekt, was die Menschen hier als notwendig ansehen."

Was auch hilft, sind die jährlich bis zu 1,5 Millionen Euro Gewerbesteuern, die allein durch die Gas-Empfangsstation von Nord Stream 1 in die Gemeindekasse fließen. Mit Nord Stream 2 käme ähnlich viel hinzu. Zudem kenne man die Russen schon lange als zuverlässige Partner, so der gebürtige Vorpommer:

"Ich betone auch immer wieder, dass zumindest bei der etwas älteren Generation, zu der ich mit 54 Jahren ja nun auch schon gehöre, die Nähe zu Russland ohnehin gegeben war. Weil wir im Ostteil aufgewachsen sind, in der ehemaligen DDR, und da vielfältige Beziehungen hatten. Durch das ehemalige DDR-Atomkraftwerk haben hier ja sehr viele russische Familien auch auf Jahre gewohnt, die das Atomkraftwerk mitentwickelt und aufgebaut und auch betrieben haben. Also, die Nähe ist so da und natürlich auch die Einsicht in die Notwendigkeit."

Sassnitz verfolgt den US-Wahlkrimi

Freitag, 6. November 2020. Wieder zu Gast in Sassnitz. Die Luft ist ruhig, aber feucht und kühl. Grauer Hochnebel schluckt die Sonnenstrahlen. Diese ungemütliche Wetterlage mag ein Grund dafür sein, dass sich kaum jemand ohne sein Auto durch die kleine Hafenstadt bewegt. Vielleicht liegt es aber auch an der zweiten Corona-Welle und daran, dass seit Monatsbeginn auch auf der Insel Rügen alle Hotels und Restaurants wieder geschlossen sind.

Immerhin lässt sich so mancher Sassnitzer dann doch an der frischen Luft blicken und zu dem politischen Drama befragen, das sich seit der Nacht vom 3. zum 4. November über 6000 Kilometer westlich abspielt. Bleibt Donald Trump im Weißen Haus oder wird Joe Biden einziehen? Noch werden in etlichen US-Bundesstaaten Stimmen zur Präsidentenwahl ausgezählt.

Natürlich verfolge er das, sagt ein Sassnitzer, der des Weges kommt: "Das ist ja im Moment das entscheidende Thema in allen Nachrichten und so. Also das liest oder guckt man schon. Gerade die letzte Zeit mit Trump, was er alles so gesagt hat und wie er es gesagt hat. War nicht alles schön mit dem Hafen, und dass er die alle sanktionieren wollte. Das muss nicht sein, glaube ich. Dass er sich da einmischt, das hat wohl keinem so richtig gefallen."

"Rügen lässt sich nicht einschüchtern"

An einem Laternenpfahl hängt ein Plakat mit einer männlichen Comicfigur. Hellgelbe Haartolle, orange-rotes Gesicht, der Mund leicht aufgerissen - Donald Trump beim Poltern. Daneben in weißer Schrift auf grünem Kreis: "Wir stehen zu Nord Stream 2" und die Ansage: "Rügen lässt sich nicht einschüchtern". Richtig so, findet eine resolute Endfünfzigerin.

Ein Plakat der Partei "Die Linke" mit der Auschrift " Rügen lässt sich nicht einschüchtern! Wir stehen zu Nord Stream 2 "hängt an einer Laterne in Lietzow.  (picture alliance / Jens Koehle)"Wir stehen zu Nord Stream 2": Richtig so, findet eine Passantin. (picture alliance / Jens Koehle)

Ob ein US-Präsident Joe Biden die Fertigstellung der zweiten Ostseepipeline von Russland nach Deutschland zulassen würde?

"Glaube ich nicht", sagt sie. "Ich denke, mit dieser Pipeline haben wir noch Ärger. Auch mit Biden. Das ist meine feste Überzeugung. Ich finde es ganz schrecklich, dass wir von so einem großen Staat quasi erpresst werden. Was mich interessiert: Wer hat diese Entscheidung getroffen, wenn so viele Staaten dagegen sind? Was hat Deutschland bewegt oder Frau Merkel – sie steht ja sehr dazu – bewegt, diese Pipeline hier legen zu lassen? Sind wir dann abhängig von Russland, was uns die Amerikaner ja unterstellen, wenn wir das Gas dort beziehen? Und warum ist Deutschland jetzt so quasi der Prellbock, in Anführungsstrichen, für Trump? Egal, wie man über ihn denkt – er spricht das aus. Das ist, was mich interessiert."

Auch Bürgermeister Frank Kracht kann an diesem Morgen unmöglich wissen, wie die US-Wahl ausgehen wird. Doch was die künftige amerikanische Energiepolitik und das Nord-Stream-2-Projekt betrifft, so gab er sich schon im Sommer keinen Illusionen hin. Biden oder Trump – die Bedrohung für den kleinen Hafen Sassnitz-Mukran werde trotzdem im Raum stehen. Und heute, kurz nach der Wahl?

"Die Meinung kann man nicht ändern", sagt er. "Ich stehe noch ganz klar zu dieser Aussage, weil: Es ist auch unter Obama, was Gaslieferungen anging, eine ganz klare Linie verfolgt worden. Dort ist das große Wirtschaftsinteresse der Vereinigten Staaten natürlich immer im Vordergrund."

30-Tage-Frist vom US-Außenministerium

Seit dem 20. Oktober gibt es sogar eine Leitlinie des US-Außenministeriums. Darin wird auch dem kommunalen Hafen Sassnitz-Mukran eine 30-Tage-Frist für die Beendigung sämtlicher Nord-Stream-2-Geschäfte gestellt.

Bürgermeister Kracht schaut entschlossen drein. Die Pipelinerohre, die noch immer auf dem Hafengelände liegen? Werde man natürlich nicht von heute auf morgen wegschaffen lassen. Das russische Verlegeschiff "Akademik Tscherski"? Werde an der Kaikante wie vorgeschrieben "hafenaffine Dienstleistungen" erhalten - vom Leinenfestmachen bis zum Tanken.

Der Bürgermeister unterbricht sich kurz und räumt dann doch ein, dass er sich Sorgen macht. Denn die Sanktionen sollen nicht nur den kleinen vorpommerschen Hafen treffen. Sondern alle Unternehmen mit US-Beziehungen, sofern sie künftig ihre Schiffe nach Mukran schicken oder ihn als Basishafen für neue Pipelinebauten beziehungsweise Offshore-Windparks nutzen wollen.

"Wir sind in den vergangenen Jahren sehr groß und sehr gut unterwegs im Offshore-Bereich gewesen", erzählt Frank Kracht. "Es sind in unserem Mukran Port zwei Basisstationen, zwei Servicestationen entstanden - einmal von Iberdrola, und einmal hat E.ON angefangen. RWE heißt es jetzt. Beide Firmen sind selbstverständlich in der gesamten Welt unterwegs. Und wenn wir die nächsten Windparks und Servicestationen planen wollen, dass solche Firmen dann sagen: 'Hm. Wenn so ein Hafen Mukran Port mit solchen Dingen unterwegs ist…', dass dann unter Umständen eine andere Entscheidung ins Haus steht."

Reporterin: "Sie gelten quasi als ‚Nord-Stream-2-kontaminiert?"
Frank Kracht: "Das kann ich mir gut vorstellen. Und das macht was mit uns. Wir sind auf der Insel Rügen der einzige Standort, wo Industriearbeitsplätze existieren. Mittlerweile sind über 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im gesamten Hafengebiet tätig. Wir haben unsere regionale Schule mit vielen Geldmitteln ausgebaut. Im nächsten Jahr beginnen wir mit einer zweistelligen Millionensumme unsere Grundschule und einen zentralen Ort zu bauen. Das ist für eine Stadt mit knapp unter 10.000 Einwohnern natürlich eine Investition in die Zukunft. Und wenn so was dann passiert, dass Ansiedlungen wegbrechen, dass Projekte und Geschäfte wegbrechen, dann tut mir als Bürgermeister das sehr, sehr weh."

"Aus meiner Sicht wird Nord Stream 2 fertiggebaut"

Doch das ändert seiner Ansicht nach nichts an dem Wunsch der allermeisten Sassnitzer, ja Rüganer, dass bald auch die letzten 15.000 Rohre der Gaspipeline ihren geplanten Platz auf dem Ostseegrund finden sollten. Die Chancen dafür stehen…wie? 

"Mit Glaskugeln habe ich mich noch nicht beschäftigt. Dazu fühle ich mich etwas zu jung."

Das sagt der gebürtige Sassnitzer mit leichtem Lächeln. Dann nestelt er kurz an seiner Brille, drückt den Rücken durch und sagt zum Abschied: 

"Ich sage ganz deutlich: Aus meiner Sicht wird Nord Stream 2 fertiggebaut."

Mehr zum Thema

Die USA nach der Wahl - "Ein Weckruf für beide Parteien"
(Deutschlandfunk Kultur, Tacheles, 07.11.2020)

Debatte um Nord-Stream-2 - Welche Sprache versteht der Kreml?
(Deutschlandfunk Kultur, Wortwechsel, 11.09.2020)

Die EU und der Fall Nawalny - "Es muss härtere Sanktionen gegenüber Russland geben" 
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9 - Der Tag mit ..., 29.08.2020)

Die Reportage

Mein Freund, der Terrorist - Folge 5Der Tunesier
Illustration: Ein Telefon hängt an einer Wand. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

2018 reist Jan nach Tunesien. Trifft sich mit Karims Familie, hört sich ihre Version seiner Geschichte an. Während dieser Spurensuche erfährt er von Karims Urteil. Jan könnte resignieren, will aber die Freundschaft immer noch nicht ganz aufgeben.Mehr

Mein Freund, der Terrorist - Folge 4Der Staatsfeind
Illustration: zwei Hände mit Handschellen (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Ende 2016 sitzt Karim in Untersuchungshaft. Die Ermittler finden heraus, dass Karim nicht Karim heißt und er Tunesier ist. Jan kann das alles nicht glauben. Er will Karim helfen und besucht ihn im Gefängnis. Es wird das letzte Treffen der beiden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur