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Sein und Streit | Beitrag vom 21.06.2020

Streit um den Begriff "Rasse" im GrundgesetzDen Rassismus beim Wort nehmen

Von David Lauer

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(Getty Images / Science Photo Library RF / Fanatic Studio / Gary Waters)
Unter der Last der Worte: Die Kritik diskriminierender Begriffe ist ein Balanceakt, sagt der Philosoph David Lauer. (Getty Images / Science Photo Library RF / Fanatic Studio / Gary Waters)

Obwohl die Existenz menschlicher "Rassen" wissenschaftlich widerlegt ist, steht der Begriff bis heute im deutschen Grundgesetz. Nun mehren sich die Forderungen, ihn zu streichen. Richtig so, meint David Lauer - obwohl er mit gutem Grund dort stand.

Bringt es den Kampf gegen den Rassismus voran, wenn man die Formulierung, kein Mensch dürfe aufgrund seiner "Rasse" diskriminiert werden, aus Artikel 3 des Grundgesetzes entfernt? Nein, behaupten die einen. Es handele sich bloß um ein Wort, durch dessen Tilgung nicht eine einzige rassistische Einstellung beseitigt werde. Doch, erklären die anderen. Wörter seien nie "einfach nur" Wörter. Sprache präge das Denken und damit auch, wie wir die Welt sehen.

Wörter sind weder unschuldig noch dämonisch

Beides stimmt – irgendwie. Ja, unser Denken ist auf sprachliche Artikulationsformen angewiesen und auf beinahe jeder von ihnen liegt eine zentnerschwere historische Last. Diese laden wir uns auf, wenn wir Worte benutzen. Es ist naiv, zu glauben, man könne sich ihrer durch ein Fingerschnippen entledigen.

Auf der anderen Seite sollte man sich vor einer ebenso naiven Voodoo-Auffassung der Sprache hüten, die Wörtern eine dämonische Wirkmacht andichtet – so, als ob schon die bloße Erwähnung gewisser Ausdrücke, selbst wenn sie in dreifache distanzierende Anführungszeichen gebannt sind, unsägliche Verwüstungen in den Seelen derjenigen anrichte, die sie im Munde führen. Wörter sind nicht wie der Eine Ring Saurons, der alle korrumpiert, die ihn zu benutzen wagen.

Ein Wort gebrauchen und zugleich durchstreichen

Das Verhältnis zwischen Wörtern und dem, was man mit ihnen tun kann, ist viel komplexer. Die Kritik an einem Denk-Regime kann sich zunächst durchaus des Vokabulars dieses Regimes bedienen. Oftmals muss sie das geradezu. Erstens, um überhaupt verständlich zu machen, wogegen sie opponiert. Zweitens, weil sich eine Denkweise nur von innen heraus mit ihren eigenen Ansprüchen konfrontieren lässt – zum Beispiel mit dem Anspruch, nicht etwa krude Ideologie, sondern Wissenschaft zu sein –, bis sie unter dem Druck ihrer eigenen Widersprüchlichkeit kollabiert.

David Lauer steht für ein Porträt-Bild vor einem grauen Hintergrund. (© Fotostudio Neukölln / Gunnar Bernskötter)Denkweisen von innen heraus kritisieren: David Lauer. (© Fotostudio Neukölln / Gunnar Bernskötter)

Dazu muss man ein Vokabular zugleich streng beim Wort nehmen und es durch Zitat und Verfremdung auf Distanz halten. Ein Wort gebrauchen und in diesem Gebrauch zugleich durchstreichen, so beschrieb das Jacques Derrida, der Philosoph der Dekonstruktion. Dieser Prozess ist wirksamer als das Ansinnen, eine Redeweise per Dekret unter Strafe zu stellen – denn für Leute, die nach den Regeln des alten Regimes zu denken gelernt haben, kann das nur wie der ungeheuerliche Versuch aussehen, das Aussprechen offensichtlicher Wahrheiten zu verbieten.

"Rasse" im Grundgesetz war ein Zwischenschritt

Also, ja: In gewissem Sinne ist der Satz "Alle Rassen sind einander gleichwertig" nicht weniger Teil eines rassistischen Diskurses als der Satz "Manche Rassen sind höherwertiger als andere", weil beide Sätze die Existenz von "Rassen" logisch voraussetzen. Trotzdem stellt der erste Satz gegenüber dem zweiten einen wirklichen politischen Fortschritt dar. Nicht nur ist er sozusagen schon etwas weniger falsch, er ist auch ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zu der Einsicht, dass es das, was mit dem Wort "Rasse" bezeichnet werden soll, schlicht nicht gibt.

Deshalb ist es falsch, sofort "Rassismus!" zu schreien, wenn man in einem alten Text auf das Wort "Rasse" stößt, nicht zu reden von dem heute völlig unaussprechlichen "N-Wort", das sich aber ausgerechnet in den Schriften der Helden des Antirassismus von Frantz Fanon und James Baldwin bis zu Martin Luther King auf jeder Seite findet.

Was vor 60 Jahren okay war, ist es heute nicht mehr

Genauso fehlgeleitet wäre es jedoch, zu schließen, dass es heute nicht falsch sein könne, ein Wort zu benutzen, wenn das vor 60 Jahren okay war. Vielmehr sind wir in solchen Erfahrungen mit Stadien eines historischen Prozesses konfrontiert, dessen Protagonistinnen wir selbst sind. Ein waches Bewusstsein für diese historische Dimension sollte uns zu der Einsicht bringen, dass derselbe Antirassismus, der das Wort "Rasse" in das Grundgesetz geführt hat, uns heute gebietet, es wieder daraus zu entfernen.

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