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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.04.2006

Streit in Rom um Richard Meiers neues Museum

Kritiker fordern Abriss des neu eingeweihten Monumentalbaus

Von Thomas Migge

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Das Museum birgt die legendäre "Ara Pacis Augustae", den Friedensaltar des Kaisers Augustus. (AP Archiv)
Das Museum birgt die legendäre "Ara Pacis Augustae", den Friedensaltar des Kaisers Augustus. (AP Archiv)

Der Verkehr kommt an dieser Stelle der Uferstraße des Tibers fast regelmäßig ins Stocken. Also haben die Autofahrer Zeit genug, sich einen Neubau anzuschauen, der mitten im historischen Altstadtkern Roms errichtet wurde. Der erste monumentale Neubau, seit der Duce Benito Mussolini die Innenstadt mit faschistischen Neubauten verschandelt hat.

Das Gebäude ist zirka 25 Meter hoch und rechteckig und reicht, über eine breite Treppe, weit in den Platz hinein, an dem es sich erhebt. Der Neubau besteht aus vor- und zurückversetzten weißen Mauern und Decken und viel Travertin, aus großen Glasflächen und Stahlkonstruktionen. Ein typischer Entwurf von Richard Meier. Der Neubau mitten in der fast komplett erhaltenen Altstadt Roms wirkt ein wenig wie ein Ufo. Und: Er ist heftig umstritten, berichtet der römische Architekt Massimiliano Fuksas:

"Es gibt eine Bibliothek, einen Konferenzsaal und dann das antike Monument. Dieser Neubau im historischen Kern Roms ist sicherlich eine Provokation, aber nur die Dialektik zwischen Alt und Neu lässt doch unsere Innenstädte interessant werden. Richard Meier nutzte als Baumaterial den Travertinstein, der unserer römischen Tradition entspricht. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Diese Gebäude stört viele, weil es sich von der zeitgenössischen Durchschnittsarchitektur positiv abhebt."

Im Innern des weißen Riesen von Richard Meier erhebt sich der Ara Pacis Augustae, der Friedensaltar von Kaiser Augustus. Der Imperator weihte diesen fünf Meter hohen Altar im Jahr neun vor Christus ein. Der Altar wurde zum Gedenken an die lange Friedenszeit während seiner Herrschaft errichtet. Der rechteckige Altar ist rund 12 Meter lang und 11 Meter breit. Man betritt ihn durch eine breite Treppe. Die Außenwände des Friedensaltares sind mit erstaunlich gut erhaltenen Reliefdarstellungen geschmückt, die die Taten des Augustus verherrlichen.

Benito Mussolini ließ 1938 rund um den Altar ein Museum im faschistischen Baustil errichten. Dieser Museumsbau war bis zu seinem Abriss 1997 integraler Bestandteil der Piazza Augusto Imperatore, die ebenfalls im Baustil der 30er Jahre gestaltet wurde. 1995 entschied der damalige römische Bürgermeister, dass Richard Meier eine neue Hülle für die Ara Pacis entwerfen sollte. Im heiligen Jahr 2000 sollte das neue Museum eröffnet werden, erklärt Massimiliano Fuksas, doch es vergingen weiteren sechs Jahre Bauzeit:

"Fast ein Jahr lang wurde darüber diskutiert, wie groß der Neubau sein sollte. Neun Jahre lang wurde dann daran gebaut und mein Kollege Meier warf mehrmals das Handtuch, weil er es nicht mehr ertrug, dass jeder seinen Senf zu seinem Projekt dazu tun wollte. Da gab es ein beschlossenes Projekt aber niemand war damit zufrieden. Weder Meier wollte nachgeben, noch die verschiedenen Kulturminister und Kunstkritiker."

Bei dem Streit um das neue Museum für die Ara Pacis geht es um eine zentrale
Frage: Darf in einer historisch nahezu intakten Altstadt ein so großes zeitgenössisches Gebäude wie das von Meier errichtet werden? Wortführer gegen den Neubau ist vor allem der Kunsthistoriker und ehemalige Vize-Kulturminister Vittorio Sgarbi:

"Es gibt in Rom eine Beziehung zwischen Architektur und urbaner Ästhetik, die einmalig in ganz Europa ist. Das neue Auditorium von Renzo Piano hat man an den Stadtrand gebaut, wo zeitgenössische Architekt hingehört. Fuksas baut seine wie eine Wolke aussehende neue Kongresshalle ebenfalls am Stadtrand; was also hat Meiers weißer Kasten hier zu suchen? Der Platz, an dem das alte Museum für den Friedensaltar stand, bildete eine architektonische Harmonie mit Bauten aus dem Faschismus. Diese Harmonie ist jetzt zerstört. Das denken doch alle Kunsthistoriker."

Die Kritiker des Neubaus von Meier fordern dessen Abriss. Vittorio Sgarbi fordert sogar dazu auf, Farbbeutel an die weißen Fassaden des neuen Museums zu werfen, um es auf diese Weise zu verunstalten und dem Bürgerzorn Ausdruck zu verleihen. So fand die Einweihung des neuen Museums am heutigen Freitag unter Polizeischutz statt - befürchtet wurden Anschläge aufgebrachter Kritiker des Projekts. Auch in Zukunft soll das Museum von Wachleuten kontrolliert werden.

Doch man kann ihre Argumente nur schwer nachvollziehen. Meiers Neubau ist eine Bereicherung für Rom - zumal sein Museum aus einem wenig besuchten Platz mit einem ungepflegten antiken Grabmal in seiner Mitte und mit heruntergekommenen faschistischen Palazzi eines der interessantesten architektonischen Ensembles der Stadt gemacht hat.

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