Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Montag, 09.12.2019
 
Seit 18:30 Uhr Weltzeit

Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.10.2013

Streichung statt Werktreue

Das Symposium "Die Zukunft der Oper" in Berlin

Von Michael Horst

Podcast abonnieren
Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin (AP)
Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin (AP)

Frischzellenkur oder ab ins Museum? In Berlin diskutierten am Wochenende Opernregisseure, Intendanten und Komponisten über die Oper und was aus ihr werden soll - erstaunlich einmütig meist und bisweilen etwas wehmütig mit Blick auf die Inszenierungen früherer Tage.

Auch wenn sie sich drei Tage lang mühten: Patentlösungen für die alte Dame Oper konnten die zahlreichen Diskutanten selbstverständlich nicht bieten. Gehört sie ganz ins Museum? Braucht sie eine Frischzellenkur? Und wenn, ja wie kann die aussehen? Wo liegt der Reiz des wohlbekannten Repertoires? Und was kann man für die ach so stiefmütterlich behandelte zeitgenössische Oper tun? Fragen über Fragen, die streng monothematisch abgearbeitet wurden. Da diskutierten etwa die Stimmexperten unter sich, dann die Künstler, und am heutigen Vormittag bildeten die sogenannten Ermöglicher, also die Intendanten der Opernhäuser, den Abschluss des Symposions.

Auch die Theoretiker kamen zu Wort, diejenigen also, die das Verhältnis von Werk und Aufführung, von hermeneutisch und performativ, von Stück und Publikum zu beschreiben pflegen. Erstaunliche Einmütigkeit herrschte dabei über die Frage, wie weit etwa ein Regisseur die Freiheit hat, seine eigene Interpretation einem Stück überzustülpen. Die renommierte Berliner Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte verwies darauf, dass Streichungen und Bearbeitungen immer schon Vorrang gehabt hätten gegenüber der sogenannten Werktreue.

Erstaunlich genug, wie präsent in Gedanken ein Abwesender war: Hans Neuenfels, der Groß- und Altmeister des Regietheaters. Barbara Beyer, die Organisatorin des Symposions, erinnerte sich voll Wehmut an die Frankfurter Neuenfels-"Aida" von 1982 und forderte Irritationen gleicher Art auch für den zukünftigen Umgang mit der Oper ein. Dem stellte sich Benedikt von Peter, Opernregisseur der jüngeren Generation, keck entgegen: Die Mittel von Neuenfels seien garantiert nicht seine Mittel. Und Panzer schon gar nicht das rechte Symbol, um Krieg zu symbolisieren für eine Generation, die Krieg nur noch aus Geschichtsbüchern kennt.

Wie sich überhaupt diese Regisseursgeneration auffällig zurückhaltend gegenüber politischer Inanspruchnahme und umstürzlerischen Attacken auf die Oper äußerte. Vera Nemirova, in Frankfurt mit ihrer "Ring"-Inszenierung viel gelobt, formulierte es ganzheitlich: Die Kraft sei das entscheidende Moment, das von einer Inszenierung ausgehen müsse. Kontroverse Diskussionen oder gar erbitterte Wortgefechte? Sie ergaben sich leider nicht. Man zeigte sich tolerant gegenüber Andersdenkenden.

Nur eine schwache Stimme plädierte für die so wichtigen Opernkomponisten: Pia Palme und Klaus Lang machten eher schüchtern auf ihre Probleme im heutigen Kulturbetrieb aufmerksam. Dagegen legte sich Jonathan Meese, der wortgewaltige Performance-Künstler, mächtig ins Zeug. Einmal mehr schleuderte er seine bekannten Parolen von der Kunst als Distanzschaffungsmaßnahme in den Raum und bekundete seine Abscheu vor jeglicher Abbildung der Realität auf der Bühne. Für seinen geplanten "Parsifal" in Bayreuth beließ er es dagegen bei einer pompösen Liebeserklärung an den alles überwältigenden Geist des Grünen Hügels.

Nüchterner setzen sich die Intendanten mit dem Thema Oper auseinander. Punkten konnte hier die Freiburger Intendantin Barbara Mundel: Fernab aller visionären Gedanken schilderte sie die Zwänge, die ein Dreispartenhaus mit sich bringt – trotzdem macht sie spannendes Theater, das seine Zuschauer findet. Auch Aviel Kahn hat der flämischen Oper Antwerpen mit unkonventionellen Inszenierungen zu großer Resonanz verholfen: Ganz undogmatisch umriss er seine Vorstellungen, welche Rolle die Oper heute übernehmen sollte.

In jedem Fall irritierend waren die drei begleitenden experimentellen Aufführungen von Mozarts "Cosi fan tutte" , ein Projekt der Kunstuniversität Graz, in der Tischlerei, der neuen zweiten Spielstätte der Deutschen Oper. Hier kamen mit den jungen Sängerinnen und Sängern endlich die Ausführenden selbst zu ihrem Recht. Eigentlich hätten sie auch auf das Podium gehört.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Vollendung der Unvollendeten
Eine Beethoven-Figur in einem Schaufenster in Bonn (imago images / Kosecki)

Ein Team aus Musikwissenschaftlern, Komponisten und Computer-Experten will mit Hilfe künstlicher Intelligenz Beethovens 10. Sinfonie, bekannt als die "Unvollendete", fertig komponieren. Das Ergebnis soll im nächsten Jahr präsentiert werden.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur