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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.05.2011

Streichholz und Kamera

Harald Rosenløw Eeg: "Brennweite - Spiel mit dem Feuer", Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2011, 188 Seiten

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Dag fühlt sich verraten, wieder greift er zum Streichholz. (Stock.XCHNG / Peter Müller)
Dag fühlt sich verraten, wieder greift er zum Streichholz. (Stock.XCHNG / Peter Müller)

Der Norweger Harald Rosenløw Eeg, geboren 1970, hat bereits mehr als zehn Jugendbücher veröffentlicht und wurde für seinen Roman "Brennweite" mit dem Brage-Preis ausgezeichnet, dem wichtigsten Literaturpreis Norwegens. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen.

In dem schönen, doppeldeutigen Titel "Brennweite" klingen schon die beiden Hauptmotive von Harald Eegs Roman an: Ein Feuer, ein Brand und - auf der anderen Seite - die Kamera und das Filmen. Zwei Erfahrungen, die das Leben des 14-jährigen Dag auf ganz unterschiedliche Weise bestimmen.

Dag ist in einer neuen Pflegefamilie angekommen, von Anfang an hängt die spannende Frage über dem Roman, warum er hier ist und was vorher passierte. Es gibt Hinweise auf einen Brand und ein schreckliches Trauma, das dann vorsichtig aufgedeckt wird. Im Mittelpunkt steht aber Dags Versuch, sich in seiner neuen Umgebung mit Familie, Schule, Mitschülern und Freundin einzugliedern. Eines Tages jedoch fühlt er sich von allen total verraten und dreht durch: Wieder greift er zum Streichholz.

"Brennweite" spielt zudem an auf das zweite Hauptmotiv, das Filmen. Dag soll in einem Schulprojekt sein neues Leben filmen und auf diese Weise üben, sich darin zurecht zu finden. Die Kamera hält ihm Menschen und Situationen vom Leib und erlaubt zugleich, sie heranzuzoomen. Das Filmen wird zur Übung, Balance zu lernen zwischen Nähe und Distanz, Vertrauen und Abwehr. Denn das ist Dags Hauptproblem. Und die Filmszenen in seinem Kopf, actiongeladen oder auch intim, spiegeln die Gefühle, Ängste und Wünsche, die er niemandem zeigen kann. Obwohl Dags ständige Filmerei die Familie und auch die Leser leicht nervt, ist diese Marotte doch glaubhaft, weil sie ein schlüssiges Bild bietet für seine Verunsicherung.

Grundlegend für die Spannung des Romans ist die Tatsache, dass Dag seine Geschichte in der Ich-Form selbst erzählt. Denn spannend ist ja nicht nur, was er erzählt über seine Freundin, den Badeunfall des kleinen Bruders oder seinen Ausraster am Ende des Romans. Noch spannender ist ja, was er nicht erzählt und was sich erst langsam in Andeutungen herausschält: seine dramatische Vorgeschichte. In kurzen kursiven Passagen wird sie immer wieder einmal eingeblendet – ein Albtraum aus Angst, Ohnmacht und Schuldgefühlen.

Dag ist ein intelligenter, empfindsamer und genau beobachtender Junge mit wenig Selbstvertrauen, weil er zu viele negative Erfahrungen gemacht hat. Er kann sensibel, originell, schlau und schnörkellos erzählen, ist manchmal witzig, dann wieder erbarmungslos kalt. Intensive Sprachbilder bringen eine Szene, eine Geste, eine Einsicht "auf den Punkt", und pathetische Filmszenen ersetzen Dags Phantasien. Auch das spektakuläre Ende könnte aus einem Film stammen, aber zugleich ist es Dags Einstieg in ein normales Leben.

Man könnte Eegs Roman "Brennweite" vorwerfen, dass er nicht immer so realistisch ist, wie er vorgibt zu sein. Das grenzenlose Vertrauen der Pflegeeltern gegenüber dem unberechenbaren Jungen oder die rührende Zuneigung des kleinen Bruders wirken geschönt. Aber: die leichte Schwarz-Weiß-Malerei, das Pathos und die Dramatik von Dags Geschichte sind sehr wirkungsvoll in Szene gesetzt. Harald Eeg hat einen eindringlichen und zugleich positiven Jugendroman geschrieben!

Rezensiert von Sylvia Schwab

Harald Rosenløw Eeg: Brennweite - Spiel mit dem Feuer
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2011
188 Seiten, 14,95 Euro

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