Strategie für den Cyber War

Der dezentrale Aufbau macht das Netz anfällig für Angriffe. © AP
09.03.2011
2007 legte eine Hacker-Attacke Estland lahm, Banken, Polizei und Regierung gingen offline. Nichts funktionierte mehr. Wenig später erfolgte ein Angriff auf ein nordkoreanisches Atomprojekt in Syrien und der Computerwurm Stuxnet befiel Industrieanlagen in Iran. Cyber War nennen Experten diese Art von Attacke im virtuellen Raum.
Doch was ist dran an der Bedrohung durch Hacker? Und wie können sich Länder wie etwa die USA schützen? Spannende Fragen, die jetzt Richard Clarke und Robert Knake in ihrem Buch "World Wide War. Angriff aus dem Internet" thematisieren.

Allein schon die Autoren machen neugierig: Der 30-jährige Robert Knake ist auf Internetkriminalität spezialisiert und war im Wahlkampfstab von Barack Obama. Der weit prominentere Richard Clarke diente als ranghoher Sicherheitsberater unter vier Präsidenten, zuletzt unter George W. Bush. Sicherheitspolitik ist also ihr Thema. Insiderwissen inklusive.

Präzise und klug entführen sie in die Welt des Internets, erläutern den Begriff des Cyber Wars und prüfen verschiedene Ansätze, mit denen der Cyberspace sicherer gemacht werden kann. Dabei lautet ihre Prämisse: Entscheidende Schlachten des 21. Jahrhunderts werden in Computernetzen stattfinden und die USA – um die sich in ihrem Buch alles dreht – seien mehr als schlecht vorbereitet. Es fehle an Gefahrenbewusstsein, so ihre schlichte Analyse. Mit ihrem Buch wollen sie jetzt aufrütteln. Ihr Plädoyer: Die Amerikaner als bis dato führende Militärmacht benötigen dringend eine Strategie gegen die Bedrohungen durch die neuen Technologien.

Eindringlich beschreiben sie daher die Schwächen des Internets. Die starke Vernetzung mit unzähligen Schnittstellen, der dezentrale Aufbau und das Fehlen verschlüsselter Systeme mache es anfällig für gegnerische Angriffe. Mangelhafte Soft- und Hardware trage das Übrige dazu bei, das System leicht für Hacker angreifbar zu machen. Mangelnde Kommunikation, Einflussnahme der Privatwirtschaft und pure Unkenntnis machen sie als Ursachen dafür aus, dass alle Bemühungen der letzten Jahrzehnte um eine Strategie für einen Netzkrieg bislang gescheitert seien.

Mit ihrem eigenen, zweiteiligen Konzept wollen sie Abhilfe schaffen. Zunächst schlagen sie eine Reihe von Sicherungsmaßnahmen vor, mit denen das Computernetz der USA geschützt werden könnte. Anschließend untersuchen sie, welche Strategien aus konventionellen Kriegen auf einen Cyber War übertragbar sein könnten. Ihr Fazit: Das bisherige Kriegsdenken hilft bei einem Cyber War nicht weiter: weder das Prinzip der Abschreckung noch Verbote oder Kontrollen. Die virtuellen Attacken erfolgen weitgehend unsichtbar. Die Verursacher sind nur schwer zu verfolgen. Darüber hinaus ist bisher unklar, welcher Angriff in welche Kategorie gehört. Also, ob es sich um Spionage, einen kriegerischen Angriff eines Staates oder um das kriminelle Tun eines Einzelnen handelt.

Dennoch machen Richard Clarke und Robert Knake Vorschläge für einen international verbindlichen rechtlichen Rahmen, ein sogenanntes Cyber-War-Abkommen. Auch wenn dies recht vage formuliert ist und die Autoren die amerikanische Perspektive konsequent nicht verlassen, liefern sie mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag zu der auch in Deutschland intensiv geführten Debatte um den angemessen Umgang mit der Bedrohung aus dem Cyberspace.

Besprochen von Vera Linß

Richard Clarke, Robert Knake: World Wide War. Angriff aus dem Internet
Übersetzt von Heike Schlatterer und Stephan Gebauer
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011
352 Seiten, 22 Euro
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