Strasser: Der Schutz der Freiheit des Wortes ist politisch
Vor Beginn des 72. Internationalen PEN-Kongresses in Berlin hat der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, Johano Strasser, auf die politische Bedeutung des Treffens hingewiesen. Wenn es um die Fragen der Verfolgung von Schriftstellern gehe, um die Frage des Schutzes der Freiheit des Wortes, dann sei es notwendigerweise politisch, sagte Strasser. Entgegen den Erwartungen habe sich die Situation nach 1989 nicht verbessert.
Birgit Kolkmann: PEN – das steht für poets, essayists, novelists, also Dichter, Erzähler, Romanautoren. Die Schriftstellerorganisation dieses Namens wurde 1921 in England als literarischer Freundeskreis gegründet. Heute versteht sie sich als weltumspannende Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller und als Anwalt des freien Wortes. Weltweit hat der PEN 18.000 Mitglieder und erstmals seit 20 Jahren treffen sich rund 400 Autoren aus aller Welt wieder zu einem PEN-Kongress in Deutschland. Das Treffen ab heute in Berlin steht unter dem Motto "Schreiben in friedloser Welt". Der Gastgeber ist jetzt Gast in Deutschlandradio Kultur. Guten Morgen Johano Strasser, der Präsident des PEN-Deutschlands.
Johano Strasser: Guten Morgen Frau Kolkmann.
Kolkmann: Wie politisch, Herr Strasser, wird dieses Treffen sein?
Strasser: Na, wenn es um die Fragen der Verfolgung von Schriftstellern geht, wenn es um die Frage des Schutzes für die Freiheit des Wortes geht, dann ist es notwendigerweise politisch. Denn es ist ja nicht das eingetreten, was wir vielleicht alle zusammen gehofft haben nach 1989, dass in diesem Punkte sich die Lage in der Welt gebessert hätte. Im Gegenteil. Wir haben es mit subtileren Formen der Verfolgung, der Unterdrückung zu tun. Wir haben es mit einer Entstaatlichung der Verfolgung zu tun und mit größeren Schwierigkeiten, die Verfolger kenntlich zu machen. Das ist eine riesige Aufgabe, die wir zusammen mit anderen Menschenrechtsorganisationen verfolgen müssen. Das wird ein großes Thema dieses Kongresses sein. Daneben wird natürlich die Präsentation von Literatur eine große Rolle spielen.
Kolkmann: Der Krieg beginnt ja in der Sprache, in den Köpfen, in unser aller Gehirnen. Ist insofern Anschreiben gegen den Krieg auch möglich?
Strasser: Was die Wirkungen des Schreibens gegen den Krieg angeht, da sind die meisten Autoren selbst auch sehr realistisch und sagen: Na ja, so sehr viel bewirkt das vielleicht nicht. Außerdem muss man nüchtern anerkennen, dass es auch immer Autoren gegeben hat, die selbst auch den Krieg herbeigeschrieben haben. Von den, ja, Ernst Jünger meinetwegen, um ein Beispiel zu nennen, bis hin zu Karadžić heute gibt es ja Autoren - im Übrigen vermögende, gute Autoren -, die durchaus sich auch in den Dienst kriegerischer Aktionen gestellt haben. Ganz so einfach ist die Lage nicht. Aber dennoch glaube ich, dass wenn es um Verständigung geht, es wichtig ist, dass wir uns erzählen voneinander und dass die Geschichtenerzähler aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Völkern, Regionen, dass dieses eines der Methoden ist, um überhaupt Verständnis füreinander zu entwickeln.
Kolkmann: Insofern - Afrika ist ja auch ein Schwerpunkt des PEN-Kongresses jetzt in dieser Woche in Berlin - geht es Ihnen darum, hier, in dieser Form da auch eine Verbindung herzustellen?
Strasser: Ja ich glaube, dass das Problem, das wir unter anderem mit Afrika haben, ist, dass es eigentlich in unseren Medien nur vorkommt, dieser ganze Kontinent, wenn entweder dort blutige Schlächtereien stattfinden oder Naturkatastrophen. Und wir wollen Afrika jetzt auch sehr viel deutlicher als Raum der Kultur, als Raum einer vielfältigen Literatur präsentieren. Natürlich auch, um dann die Bindung zu verstärken, die schon auch helfen kann, die Probleme dieses Kontinents zu bewältigen. Wenn dies die Europäer nicht tun, wird es niemand auf der Welt tun. Europa ist sozusagen zuständig für Afrika. Und deswegen haben wir die Gelegenheit ergriffen, hier in Berlin Afrika und seine Literatur besonders zu präsentieren.
Kolkmann: Der PEN-Kongress in Deutschland also mit Afrika als einem Schwerpunkt. Stehen deutsche Schriftsteller also nicht so sehr im Mittelpunkt, weil es Ihnen ohnehin um etwas anderes geht?
Strasser: Wir haben unseren eigenen Mitgliedern deutlich gemacht, dass wir bei dieser Gelegenheit nicht die deutsche Literatur in den Mittelpunkt rücken wollen, sondern dass wir die Literatur der Welt nach Deutschland holen wollen und uns für andere öffnen wollen. In einem Falle machen wir davon eine Ausnahme: Wir werden in einer Veranstaltung die deutsche Literatur präsentieren. Diese Veranstaltung heißt "Ach, Sie schreiben Deutsch?", mit Fragezeichen. Und bei dieser Gelegenheit werden wir das Bild, das viele Ausländer von der deutschen Literatur haben, ein wenig korrigieren, indem wir Autoren, die Deutsch schreiben, präsentieren, deren Namen, der Aussehen, deren kultureller Hintergrund ein anderer als der deutsche ist. Namen wie SAID, Sherko Fatah und so weiter treten dort auf. Diese Autoren mit einem anderen kulturellen Hintergrund zeigen eben, dass ein deutscher Schriftsteller zu sein heute etwas anderes bedeutet, man muss nicht mehr blond sein und aus Deutschland kommen. Deutsche Literatur ist heute sehr viel bunter, vielgestaltiger geworden. Und es zeigt zugleich, welche Bereicherung auch der Einfluss fremder Kulturen für die nationale Literatur sein kann.
Kolkmann: Das ist schon gleich der Hinweis auf die Veranstaltung am Freitagabend, der Abschluss dieser Woche, die heute beginnt. Ein bisschen hat man schon den Eindruck, dass auch ein solcher PEN-Kongress etwas von einem Festival hat. Also kein Treffen von Menschen aus dem Elfenbeinturm hinter verschlossenen Türen. Wie öffentlich ist es?
Strasser: Die großen Veranstaltungen sind öffentlich. Auch die Veranstaltungen, die im Hilton-Hotel, dem Tagungshotel, nachmittags stattfinden, sind alle für die Öffentlichkeit gedacht. Wir wollen den Kontakt zum Publikum. Wir wollen auch eben die Literatur präsentieren. Wir wollen auch nicht nur Probleme wälzen, es soll auch ein großes Fest der Begegnung sein. Wir hoffen, dass diese Festlichkeit dann auch ansteckend wirkt und andere Initiativen auf den Plan ruft.
Kolkmann: Vielen Dank, Johano Strasser, der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Heute beginnt der Internationale PEN-Kongress in Berlin.
Johano Strasser: Guten Morgen Frau Kolkmann.
Kolkmann: Wie politisch, Herr Strasser, wird dieses Treffen sein?
Strasser: Na, wenn es um die Fragen der Verfolgung von Schriftstellern geht, wenn es um die Frage des Schutzes für die Freiheit des Wortes geht, dann ist es notwendigerweise politisch. Denn es ist ja nicht das eingetreten, was wir vielleicht alle zusammen gehofft haben nach 1989, dass in diesem Punkte sich die Lage in der Welt gebessert hätte. Im Gegenteil. Wir haben es mit subtileren Formen der Verfolgung, der Unterdrückung zu tun. Wir haben es mit einer Entstaatlichung der Verfolgung zu tun und mit größeren Schwierigkeiten, die Verfolger kenntlich zu machen. Das ist eine riesige Aufgabe, die wir zusammen mit anderen Menschenrechtsorganisationen verfolgen müssen. Das wird ein großes Thema dieses Kongresses sein. Daneben wird natürlich die Präsentation von Literatur eine große Rolle spielen.
Kolkmann: Der Krieg beginnt ja in der Sprache, in den Köpfen, in unser aller Gehirnen. Ist insofern Anschreiben gegen den Krieg auch möglich?
Strasser: Was die Wirkungen des Schreibens gegen den Krieg angeht, da sind die meisten Autoren selbst auch sehr realistisch und sagen: Na ja, so sehr viel bewirkt das vielleicht nicht. Außerdem muss man nüchtern anerkennen, dass es auch immer Autoren gegeben hat, die selbst auch den Krieg herbeigeschrieben haben. Von den, ja, Ernst Jünger meinetwegen, um ein Beispiel zu nennen, bis hin zu Karadžić heute gibt es ja Autoren - im Übrigen vermögende, gute Autoren -, die durchaus sich auch in den Dienst kriegerischer Aktionen gestellt haben. Ganz so einfach ist die Lage nicht. Aber dennoch glaube ich, dass wenn es um Verständigung geht, es wichtig ist, dass wir uns erzählen voneinander und dass die Geschichtenerzähler aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Völkern, Regionen, dass dieses eines der Methoden ist, um überhaupt Verständnis füreinander zu entwickeln.
Kolkmann: Insofern - Afrika ist ja auch ein Schwerpunkt des PEN-Kongresses jetzt in dieser Woche in Berlin - geht es Ihnen darum, hier, in dieser Form da auch eine Verbindung herzustellen?
Strasser: Ja ich glaube, dass das Problem, das wir unter anderem mit Afrika haben, ist, dass es eigentlich in unseren Medien nur vorkommt, dieser ganze Kontinent, wenn entweder dort blutige Schlächtereien stattfinden oder Naturkatastrophen. Und wir wollen Afrika jetzt auch sehr viel deutlicher als Raum der Kultur, als Raum einer vielfältigen Literatur präsentieren. Natürlich auch, um dann die Bindung zu verstärken, die schon auch helfen kann, die Probleme dieses Kontinents zu bewältigen. Wenn dies die Europäer nicht tun, wird es niemand auf der Welt tun. Europa ist sozusagen zuständig für Afrika. Und deswegen haben wir die Gelegenheit ergriffen, hier in Berlin Afrika und seine Literatur besonders zu präsentieren.
Kolkmann: Der PEN-Kongress in Deutschland also mit Afrika als einem Schwerpunkt. Stehen deutsche Schriftsteller also nicht so sehr im Mittelpunkt, weil es Ihnen ohnehin um etwas anderes geht?
Strasser: Wir haben unseren eigenen Mitgliedern deutlich gemacht, dass wir bei dieser Gelegenheit nicht die deutsche Literatur in den Mittelpunkt rücken wollen, sondern dass wir die Literatur der Welt nach Deutschland holen wollen und uns für andere öffnen wollen. In einem Falle machen wir davon eine Ausnahme: Wir werden in einer Veranstaltung die deutsche Literatur präsentieren. Diese Veranstaltung heißt "Ach, Sie schreiben Deutsch?", mit Fragezeichen. Und bei dieser Gelegenheit werden wir das Bild, das viele Ausländer von der deutschen Literatur haben, ein wenig korrigieren, indem wir Autoren, die Deutsch schreiben, präsentieren, deren Namen, der Aussehen, deren kultureller Hintergrund ein anderer als der deutsche ist. Namen wie SAID, Sherko Fatah und so weiter treten dort auf. Diese Autoren mit einem anderen kulturellen Hintergrund zeigen eben, dass ein deutscher Schriftsteller zu sein heute etwas anderes bedeutet, man muss nicht mehr blond sein und aus Deutschland kommen. Deutsche Literatur ist heute sehr viel bunter, vielgestaltiger geworden. Und es zeigt zugleich, welche Bereicherung auch der Einfluss fremder Kulturen für die nationale Literatur sein kann.
Kolkmann: Das ist schon gleich der Hinweis auf die Veranstaltung am Freitagabend, der Abschluss dieser Woche, die heute beginnt. Ein bisschen hat man schon den Eindruck, dass auch ein solcher PEN-Kongress etwas von einem Festival hat. Also kein Treffen von Menschen aus dem Elfenbeinturm hinter verschlossenen Türen. Wie öffentlich ist es?
Strasser: Die großen Veranstaltungen sind öffentlich. Auch die Veranstaltungen, die im Hilton-Hotel, dem Tagungshotel, nachmittags stattfinden, sind alle für die Öffentlichkeit gedacht. Wir wollen den Kontakt zum Publikum. Wir wollen auch eben die Literatur präsentieren. Wir wollen auch nicht nur Probleme wälzen, es soll auch ein großes Fest der Begegnung sein. Wir hoffen, dass diese Festlichkeit dann auch ansteckend wirkt und andere Initiativen auf den Plan ruft.
Kolkmann: Vielen Dank, Johano Strasser, der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Heute beginnt der Internationale PEN-Kongress in Berlin.