Seit 20:03 Uhr Konzert

Dienstag, 21.08.2018
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 05.02.2018

Straßenkinder in Mexiko-StadtMädchen an die Macht

Von Isabella Kolar

Podcast abonnieren
(Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)
Claudia ( 2.v.r.) Elisa, Bjeli und Isis - "Yolia" in Mexiko-Stadt bedeutet Heimat für Straßenkinder und Mädchen aus problematischen Familien. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)

"Yolia" ist ein engagiertes Projekt in Mexiko, in dem seit 1995 schon mehr als 400 Straßenkinder eine Chance für einen Neustart bekommen haben: Mädchen, die in ihrem jungen Leben schon viel riskiert und Schlimmes erlebt haben.

Claudia, Elisa, Bjeli und Isis toben an diesem sonnigen Montagnachmittag ausgelassen in dem grün-pink- und gelb-bemalten Hinterhof im Südwesten von Mexiko-Stadt herum. Dunkle Haare zum Pferdeschwanz gebunden, rote Hose, buntbedruckte T-Shirts, fröhliche Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren. Eine ganz normale Kita - so könnte man meinen.

Bezirk Olivar del Conde - Avenida Hidalgo Nr. 19 - Die Heimat von "Yolia". Die Treppe führt zu den Schlafzimmern der Mädchen. (Matthias Hoch / Adveniat)Bezirk Olivar del Conde - Avenida Hidalgo Nr. 19 - Die Heimat von "Yolia". Die Treppe führt zu den Schlafzimmern der Mädchen. (Matthias Hoch / Adveniat)

Doch im  Bezirk Olivar del Conde ist dies das Armenviertel und die Avenida Hidalgo Nummer 19 ist die Adresse von "Yolia", einem Projekt für Mädchen von der Straße und aus problematischen Familien.

Eine Achtjährige floh allein Richtung USA

Auch die 15-jährige Alejandra aus El Salvador lebt hier. Sie flüchtete mit acht Jahren vor ihrer prügelnden Mutter Richtung USA. Bis zum Grenzfluss Rio Bravo schaffte sie es, als sie aufgegriffen wurde. Heute will Alejandra nicht mehr in die USA - wegen Präsident Donald Trump.

"Er ist ein Rassist, er diskriminiert, er hat etwas gegen dunkelhäutige Menschen und es wäre ihm am liebsten, er könnte alle, die in den USA arbeiten wollen, abschieben."

Und trotz allem: "Das Leben ist schön"

Ihre Mutter schlug Alejandra zuletzt mit den Absätzen ihrer hochhackigen Schuhe auf den Kopf, als die beschloss: nur weg hier, weg aus Chiapas im Südosten Mexikos, wohin es sie gemeinsam mit dem Stiefvater und  dem Halbbruder verschlagen hatte. Das Mädchen trägt ein weißes T-Shirt mit Blumen auf dem in silberner Aufschrift steht: "La vida es bella" – Das Leben ist schön. Vermisst sie ihre Mutter, eine Mutter?

"Manchmal. Vor allem, wenn ich meine Freundinnen sehe, dann tut mir das weh. Aber ich sage mir, ich war ja immer allein, also werde ich es auch alleine schaffen."

Alejandra aus El Salvador flüchtete mit acht Jahren vor ihrer gewalttätigen Mutter. Das Ziel: die USA. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)Alejandra aus El Salvador flüchtete mit acht Jahren vor ihrer gewalttätigen Mutter. Das Ziel: die USA. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)

Alejandra spielt am liebsten Fußball und lebt mit 21 weiteren Mädchen rund um die Uhr bei "Yolia". Mehr als 400 Straßenkinder haben hier schon eine Chance für ein neues Leben bekommen. "Yolia" ist ein kirchliches Projekt, wird auch unterstützt vom  katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

Ganz in Rosa: das Schlafzimmer der Mädchen im ersten Stock. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)Ganz in Rosa: das Schlafzimmer der Mädchen im ersten Stock. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)

Die besonderen Bedürfnisse der Mädchen

Mónica Rábago González hat "Yolia" vor 23 Jahren gegründet mitten in der Wirtschaftskrise der 90er Jahre, als plötzlich die Zahl der Straßenkinder zunahm. Von Anfang lag der Fokus auf den Mädchen.

"Es gibt Jungs und Mädchen, die in schwierigen Situationen leben. Aber die Mädchen haben spezielle Bedürfnisse: alle könnten theoretisch irgendwann einmal Mütter sein und leider ist ihre wirtschaftliche Situation nicht so, dass sie irgendwann einmal die Aussicht hätten, eine Familie zu ernähren."

Schon lange mit Herz und Seele dabei: Monika Rábago González hat Yolia vor 23 Jahren gegründet. (Matthias Hoch / Adveniat)Schon lange mit Herz und Seele dabei: Monika Rábago González hat Yolia vor 23 Jahren gegründet. (Matthias Hoch / Adveniat)

Man müsse den Mädchen auch zeigen, dass es Alternativen zum Beruf der Straßenhändlerin gibt. Der sei für Frauen ohne Ausbildung hier üblich. Auf dem Wochenmarkt gleich nebenan arbeiten etliche Mütter, die ihre Mädchen tagsüber bei "Yolia" abgeben.

Yasmin Sierra an ihrem Obststand auf dem Markt in Santa María de Ribera in Mexiko-Stadt. Ihre Kinder werden bei Yolia betreut, da sie sich wegen der Arbeit nicht um sie kümmern kann. (Matthias Hoch / Adveniat)Yasmin Sierra an ihrem Obststand auf dem Wochenmarkt in Fußweite von "Yolia". Ihre Kinder werden bei "Yolia" betreut, da sie sich wegen der Arbeit nicht um sie kümmern kann. (Matthias Hoch / Adveniat)

"Wir machen hier schöne Sachen"

Die elfjährige Claudia will Meeresbiologin werden und nach Veracruz, an die Ostküste Mexikos ziehen, wenn sie groß ist. Sie sitzt inmitten einer lauten Rasselbande an einem langen Holztisch, und stochert verlegen in ihrem Reis. Das Jüngste von vier Kindern ist immer erst nach der Schule und ab dem Mittagessen bei "Yolia" und wird abends abgeholt von ihrer Mutter, einer Lehrerin. Ihre Eltern sind getrennt, ihren Vater hat sie nur einmal gesehen und das ist lange her.

"Wir machen hier schöne Sachen: Wir werden von der Schule abgeholt, dann essen wir, dann gehen wir hoch und machen erst mal Hausaufgaben. Montags spielen wir Fußball, dienstags machen wir Gymnastikübungen und so haben wir verschiedene Freizeitgruppen."

Die elfjährige Claudia kommt halbtags zu "Yolia" und tobt gerne auf dem Hof herum. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)Die elfjährige Claudia kommt halbtags zu "Yolia" und tobt gerne auf dem Hof herum. (Isabella Kolar, Deutschlandfunk Kultur)

Claudia fühlt sich mit ihren Freundinnen wohl, hat sich von ihrer Mutter gewünscht, hier zu sein. Bis zum Ende ihrer Schulzeit können die Mädchen bei "Yolia"  bleiben. Claudia rennt die kleine Treppe an der Seite des froschgrünen Hauses hinauf, die in den "Salon de Tareas", den  Hausaufgabenraum, im ersten Stock führt, mit Blick weit über die Dächer von Mexiko-Stadt.

Abigail Arteaga arbeitet im Projekt Yolia in Mexiko-Stadt. Dort bekommen Straßenkinder und Mädchen aus problematischen Familien eine zweite Chance. Sie kommen dort bis zum Ende ihrer Schulzeit unter. (Matthias Hoch / Adveniat)Abigail Arteaga arbeitet im Projekt Yolia in Mexiko-Stadt. (Matthias Hoch / Adveniat)

Mitarbeiterin Abigail erklärt die Spiel- und Übungsutensilien, gestapelt und aufgehängt in dem kleinen Raum. Sie sind auch gedacht für die "Mobile Schule", mit der einige der knapp 40 Mitarbeiter von "Yolia" über die Straßen und Plätze von Mexiko-Stadt ziehen.

Vor dem Spiel stehen auch bei "Yolia" die Hausaufgaben und das Lesen. (Matthias Hoch / Adveniat)Vor dem Spiel stehen auch bei "Yolia" die Hausaufgaben und das Lesen. (Matthias Hoch / Adveniat)

Nebenan sitzt das Maskottchen "Yul" auf dem Regal, eine kleine fröhliche Puppe mit einem bunten Kleid und dicken braunen Zöpfen, die mit rosa Bändern oben und unten zusammengebunden sind.

"Yolia" steht für das "Herz der Frau"

"Yul" ist die Abkürzung von "Yolia", einem  Wort aus der indigenen "Nahuatl"-Sprache der Region, und bedeutet das "Herz der Frau". Indira Berroterán, Prokuristin und Erzieherin bei "Yolia", hat ein großes Herz. Das sieht man der energiegeladenen und stets fröhlichen Venezolanerin im pinkfarbenen T-Shirt  an und das wissen all die vielen Mädchen hier, für die sie die Ersatzmutter und Seele des Betriebs ist.

Die Venezolanerin Indira Berroterán ist Managerin und Herz von "Yolia" - Sie ist Ersatzmutter für 20 Mädchen. (Matthias Hoch / Adveniat)Die Venezolanerin Indira Berroterán ist Managerin und Herz von "Yolia" - Sie ist Ersatzmutter für 20 Mädchen. (Matthias Hoch / Adveniat)

Die Mädchen sollen ihren Wert als Frau erkennen

"Unser wichtigstes Ziel ist, dass die Mädchen lernen, dass sie als Frauen Wert haben. Wenn sie unsere Einrichtung verlassen, sollen sie in der Lage sein, in Würde zu leben. Sie sollen wissen, dass niemand das Recht hat, sie zu missbrauchen oder zu unterdrücken. Sie sollen wissen, was ihre Rechte sind und ihren Wert als Frau erkennen."

Die Mädchen von "Yolia" beim Spielen. (Matthias Hoch / Adveniat)Die Mädchen von "Yolia" beim Spielen. (Matthias Hoch / Adveniat)

Unten im Hof spielen vier Mädchen ein Klatschspiel, sitzen sich gegenüber, hüpfen herum, schlagen sich auf die Schenkel und lachen. Wie hat die 15-jährige Alejandra aus El Salvador doch gesagt:

"‘Yolia" ist nicht wie eine Familie, aber wie eine Heimat".

Die Recherche für die Reise nach Mexiko wurde unterstützt von Adveniat, dem Lateinamerika-Hilfswerk der Katholiken in Deutschland.

Mehr zum Thema

Mexiko - Zwischen Trump, Fiesta und "La Bestia"
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 19.12.2017)

Morddrohungen gegen Journalisten in Mexiko - "In dem Moment, wo du harte Fakten lieferst, bist du tot"
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 03.05.2017)

Trumps Mexiko-Pläne - Eine Mauer, die Jobs und Träume zerstören würde
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 26.04.2017)

Weltzeit

Prager Frühling in Polen, Ungarn, TschechienEnde eines Traums
Massenproteste gegen Panzer auf Prager Straßen (imago/CTK Photo)

Das Ende des Prager Frühlings vor 50 Jahren war nicht nur für die Tschechen und Slowaken ein traumatisches Erlebnis. Es hinterließ auch bei den anderen Bewohnern des damaligen Ostblocks Angst, Betroffenheit und Scham - wurden sie doch plötzlich zu Besatzern im Nachbarland.Mehr

Eine Jugend in Ungarn "Der Balaton ist meine Riviera"
Foto von der Band "Klischee", in der der ARD-Korrespondent Stephan Ozsváth in seiner Jugend mitspielte. (Stephan Ozsváth)

In den 60er-Jahren nahm der Vater des Journalisten Stephan Ozsváth ihn mit nach Ungarn: die Heimat, aus der er 1956 geflohen ist. Konzerte, Dorfdisco, Sexabenteuer – eine paradoxe Welt für ihn. Als Junge aus dem Westen entdeckte Ozsváth ausgerechnet im Osten die Freiheit.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur