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Länderreport | Beitrag vom 07.06.2021

Storchen-Hotspot in SüdhessenLieber Bioabfall als frische Frösche

Von Ludger Fittkau

Ein Storch sucht auf einer Mülldeponie im brandenburgischen Schwanebeck nach Nahrung. Neben den Störchen suchen auch Möwen und Krähen nach "Leckerbissen" in den Hausabfällen. (picture alliance / Patrick Pleul)
Dieser Storch sucht auf einer Mülldeponie in Brandenburg nach Nahrung. "Störche sind Nahrungsopportunisten", sagt Bernd Petri vom NABU. Auch in Südhessen werden sie fündig. (picture alliance / Patrick Pleul)

Auf einer Deponie westlich von Darmstadt wird Biomüll aus Haushalten zwischengelagert. Weißstörche haben das entdeckt und schnappen sich nun dort Wurst aus dem Abfall und bauen im Umfeld ihre Nester. Hunderte Brutpaare gibt es inzwischen wieder.

"Das Klappern – das bedeutet einmal Begrüßung der Partner. Die sind ja nesttreu, das heißt, Männchen und Weibchen verbringen oft den Winter in unterschiedlichen Gebieten, aber sie wollen wieder zu ihrem Nest zurück. Und dann findet sich oft das gleiche Paar, und dann klappert man", erläutert Bernd Petri vom Naturschutzverband NABU die Signale der Störche. 

"Aber es gibt eben auch das andere, das aggressive Klappern", erklärt der Vorsitzende des Verbands im südhessischen Kreis Groß-Gerau, westlich von Darmstadt. "Damit bedeutet man den anderen Störchen: Bloß weg hier, das ist mein Nest hier, und wenn ihr ihm näher kommt, da gibt's was auf die Federn sozusagen."

Kunstvolle Nester in alten Bäumen

Petri steht in einem Biotop am Rande seiner Heimatgemeinde Büttelborn und zeigt auf die riesigen Nester der Weißstörche, die überall kunstvoll in die alten Bäume hineingebaut sind. "Und da stehen die Alten und füttern die Jungen. Wir haben allein in diesem kleinen Pappelwäldchen hier – das nennen die Einheimischen hier Backsteinhütte, hier wurden früher Backsteine gebrannt – 15 Brutpaare des Weißstorchs, und noch in den angrenzenden Flächen gibt es weitere Paare. Hier ist also wirklich ein Hotspot der Störche in Hessen."

Seit seiner Kindheit schon lebt der 60 Jahre alte Biologe hier mit den Störchen. Hier, im Hessischen Ried zwischen dem Main im Norden und der Neckarmündung in Mannheim, gibt es heute wieder mehr als 900 Weißstorch-Brutpaare.

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Dabei waren sie vor Jahrzehnten beinahe schon ausgestorben, erinnert sich Naturschützer Bernd Petri: "Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu enormen Umbrüchen in der Landbewirtschaftung. Vor allen Dingen gab es die Umstellung der Weidetierhaltung zur Stallviehhaltung, und auf einmal wurden die Flächen immer mehr gemäht, schneller, intensiver gemäht. Es fehlten Randstrukturen, das Futter wurde knapp, die Äcker wurden intensiver bewirtschaftet, und da konnte der eigentlich anpassungsfähige Storch nicht mehr mithalten und ist deshalb auch schon mal verschwunden."

Ein zweiter wichtiger Grund lag in Afrika, wie Petri erklärt: "Unsere Störche, die sind über Gibraltar, über die Sahara immer in die Subsahara, in die Bereiche Mali und Senegal, geflogen. Sie überwintern dort, und es gab dort enorme Verfolgungen. Die wurden geschossen, die wurden bejagt, und dort hat sich die Sahelzone ausgeweitet. Da sind Störche zu Hunderten immer verhungert."

Störche siedeln bei Mülldeponien

Heute ziehen die Vögel im Herbst oft nicht mehr nach Afrika, sondern überwintern in Südspanien. In Hessen wie im Süden Europas siedeln sie sich gerne in der Nähe von Mülldeponien an, erklärt Bernd Petri. Halden, wie es sie eben auch im hessischen Büttelborn gibt, gleich neben dem Biotop mit der Storchenkolonie.

Das ist Kein Zufall, denn auf der Müllhalde finden die Weißstörche reichlich Nahrung: "Auf dieser Mülldeponie durchsuchen die Störche den Restmüll nach verwertbarer tierischer Nahrung", erklärt Petri. Der Müll werde irgendwann verbrannt und dazu ins Heizkraftwerk verbracht.

In der Zwischenzeit suchten aber die Störche, ob es da noch Würste oder irgendetwas anderes gebe: "Im Bioabfall finden sie die Nahrungsreste der Menschen, und davon profitieren die Störche. Störche sind Nahrungsopportunisten. Das war früher so, und das wird auch immer so bleiben."

Teiche nicht attraktiv für die Störche

Dass die Störche heute so gute Bioabfall-Verwerter sind gefällt in Südhessen nicht allen Anwohnerinnen und Anwohnern. Ein älterer Herr fährt mit dem Fahrrad am Rande des Biotops entlang und stoppt: "Die werden immer mehr. Und wenn man dann Zeitungsberichte liest, werden die ja teilweise unangenehm - ich will nicht sagen, zur Plage. Wo war das, in Hessenaue? Da haben sie ein Auto attackiert."

In der Tat - im Dorf Hessenaue, ein paar Kilometer weiter südwestlich, haben Störche offenbar ihre Spiegelbilder auf Autoscheiben mit einem anderen Storch verwechselt und mit dem Schnabel deshalb das Autoblech traktiert. Bisher sind solche Vorfälle aber eher selten.

Vor einer Bäckerei im Ortskern von Büttelborn berichtet eine Frau von ihren Erlebnissen mit den Störchen: "Die sieht man jeden Tag. Wenn man abends am Balkon steht, dann fliegen sie einem fast entgegen. Ich finde es toll. Ich finde die total interessant, ich kenne auch die ganzen Storchennester, die hier sind. Und es ist immer total schön, wenn sie sich hier alle versammeln auf der Wiese."

Doch weil die Biomülldeponie reichlich Nahrung bereithält, kümmerten sich die Störche nicht um ihre "klassische" Beute, beobachtet die Büttelbornerin: "Wir haben hier zwar in der Nähe einen Teich. Da sind viele Frösche. Da habe ich aber noch nie einen Storch gesehen."

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