Storch und Eule als Sympathieträger

Der Storch gilt als Sympathieträger Kulturfolger. © AP
Moderation: Liane von Billerbeck · 07.05.2008
Storch und Eule gelten als sympathisch und können nach Einschätzung des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) leichter geschützt werden. Anders sieht es bei schlechter beleumundeten Vögeln wie Krähen oder Elstern aus, meint die Artenschutzbeauftragte Heike Finke. Nach einer Roten Liste des NABU gilt mehr als die Hälfte aller heimischen Arten als gefährdet.
Liane von Billerbeck: Jeder achte Vogel ist vom Aussterben bedroht. Dazu ein Viertel der Säugetiere und jedes dritte Amphibium. Warum wir Uhu, Hai und Bär schützen müssen, das wollen wir jetzt von Dr. Heike Finke wissen. Die Juristin ist nämlich die Artenschutzbeauftragte des NABU. Ich grüße Sie!

Heike Finke: Ja, schönen guten Tag!

von Billerbeck: Gibt es eigentlich bestimmte Vögel, für die Sie sich als Artenschutzbeauftragte derzeit besonders einsetzen?

Finke: Ja, da gibt es eine ganze Reihe. Ich kann beispielhaft exemplarisch vielleicht mal zwei nennen. Wir können mal zum Wappenvogel des NABU gucken, dem Weißstorch, der uns ja als Kulturfolger, als Menschen immer wieder begleitet, sehr symbolträchtig ist und natürlich uns auch zum Lebensraumschutz aufruft, nämlich Feuchtwiesenschutz. Und er hat dann 1988 seinen Tiefstand mit nur noch 3000 Paaren. Wir haben jetzt immerhin wieder rund 4000 Paare. Es hat sich stabilisiert und geht hoffentlich bergauf. Aber er braucht nach wie vor unseren besonderen Schutz, weil auf ihn als Zugvogel natürlich auch vielfältige Gefahren lauern.

von Billerbeck: Ich hab mir mal die Rote Liste angesehen. Das ist die Liste der Tiere, die gefährdet sind und besonders geschützt werden sollen. Das sind 196 Seiten. Da sind unglaublich viele Käfer drauf, aber auch sehr viele Vögel, insbesondere Eulen. Wie kommt denn nun ein Vogel, ein Tier überhaupt, auf diese Liste?

Finke: Die Roten Listen sind die fachlichen Listen, das heißt die wissenschaftlich-fundierten Listen. Man muss dazu sagen, dass sie noch keine ummittelbaren rechtlichen Folgen haben, sondern dafür noch die Übertragung in ein rechtliches Regelwerk notwendig ist. Aber sie sind natürlich ein wichtiges Indiz, weil hier die Daten gesammelt werden.

von Billerbeck: Es gibt ja nun bestimmte Zugpferde des Artenschutzes. Gilt das auch für die Vögel? Gibt es da so eine Hitliste, für wen Sie das Publikum mehr begeistern können?

Finke Ja, die gibt es natürlich. Weißstorch oder auch Eulen sind durchaus Sympathieträger und alle Vögel, die uns in unserer Kultur und im Siedlungsraum folgen. Es gibt andere Vögel, die sind schon nahezu verhasst, wenn wir an die schwarzen Vertreter denken, nämlich an die Rabenkrähen oder an die Elstern oder an die Kormorane. Dann ist das immer ein sehr diffiziles Feld.

von Billerbeck: Wie macht man das aber, wenn man ein paar Vogelarten oder auch Tierarten hat, die dem Publikum näher sind, und die anderen, die sind eben verhasst, weil möglicherweise die Fischer die Kormorane nicht mögen, dann hat man doch ein Problem als Naturschutzbund?

Finke: Natürlich hat man ein Problem. Und wir müssen die Argumente sachlich vortragen und darlegen, warum an vielen Stellen auch der Kormoran unseres Schutzes bedarf. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel war er ausgestorben über viele Jahre. Und wir müssen aber natürlich auch die emotionale Seite sehen, und wir können bestimmte Arten eben auch als Leittiere einsetzen und dann zum Lebensraumschutz kommen. Denn letztendlich geht es ja um den Lebensraumschutz. Und der Weißstorch ist ein hervorragendes Beispiel, dass ich dann damit eben auch sehr viele andere Arten schützen kann. Das gelingt mit den Sympathieträgern, dass ich die Leute damit berühre, dass ich sie dafür begeistern kann.

von Billerbeck: Es ist aber auch oft so, dass bestimmte Tierarten da so einen Bonus genießen. Ich erinnere an die Delfine oder die Eisbären, der berühmte Knut-Effekt. Sorgt das nicht auch dafür, dass, wenn man sich auf die eine Tierart konzentriert, dann andere Tierarten aussterben, weil auf die niemand achtet? Ich erinnere an die vielen Käfer.

Finke: Das kann durchaus passieren. Sie haben die Delfine genannt. Ich möchte als Gegenpol mal den Hai setzen, dem wir uns auch widmen und der dringend unseres Schutzes bedarf. Das ist durchaus auch ein deutsches, nationales Thema. Man denke nur an die Schillerlocken, die auf unseren Büffets liegen. Das sind nämlich Bauchlappen vom Dornhai. Und der Dornhai lebt auch in der Nordsee, und die Bestände sind kollabiert, teilweise um bis zu 97 Prozent. Und wir bemühen uns natürlich, auch solche Arten aufzugreifen, neben den Delfinen auch die Haie, die ebenso faszinierend sind, wenn man sich mit ihnen befasst. Wer weiß zum Beispiel, dass ein Dornhaiweibchen über 20 Jahre bis zur Geschlechtsreife braucht, um dann nur alle zwei Jahre lebend gebärend zwischen zehn und 20 Junge zur Welt zu bringen. Diese blanken Zahlen zeigen natürlich auch, wie gering die Reproduktionsrate ist und wie empfindlich damit solch eine Art gegen Überfischung oder gegen Störung der Ökosysteme ist und warum wir genau hier besonders aufpassen müssen.

von Billerbeck: Bringen Sie die Leute dazu, wenn Sie für den Hai plädieren als so eine Art Leittier für den Artenschutz, sich da mehr zu interessieren und auch sich klar zu machen, dass das auch ein Thema ist, was nicht bloß mit Artenschutz, sondern auch mit Klimaschutz zu tun hat?
Finke: Ich hoffe, dass uns das gelingt. Wir müssen eben begeistern, die Fakten darlegen und die ökologischen Zusammenhänge. Und wenn wir jetzt über Klimaschutz reden, muss man natürlich sagen und betonen, dass ein intaktes Ökosystem weit besser in der Lage ist, auf die drohenden Klimaveränderungen zu reagieren. Und auch deshalb ist es wichtig, die Ökosysteme zu schützen und vor allem auch auf die Arten zu gucken, die an der Spitze der Nahrungskette stehen. Das betrifft den Hai ebenso wie den Uhu, weil Sie Eulen erwähnten, der ja zum Glück auch ein Erfolgsstory zumindest in Deutschland ist.

von Billerbeck: Warum ist es eigentlich so wichtig, die Vielfalt von Vögeln, Tieren und Pflanzen zu erhalten? Das ist ja immer so ein Thema, die sogenannte Biodiversität, die abnimmt auf der Erde.

Finke: Ja, wir verlieren pro Tag bis 160 Arten. Das ist natürlich eine erschreckende Zahl. Und das Tempo des Artenverlustes hat sich potenziert und immens beschleunigt. Und Biodiversität ist sicherlich ein Wert an sich. Es geht darum, unseren Kindern auch einen gesunden Planeten mit all seiner Vielfalt und seiner Schönheit zu hinterlassen. Es geht aber auch darum, dass wir uns die Lebensgemeinschaften angucken müssen und wir die ökologischen Zusammenhänge nicht vollständig überblicken. Wir wissen nicht, was passiert, wenn der Hai ausstirbt an der Spitze der Nahrungskette. Was passiert mit unseren Weltmeeren? Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass die Weltmeere dann umkippen würden. Und diese Zusammenhänge kennen wir nicht vollständig. Das heißt, der Erhalt intakter Ökosysteme mit seinen Leitarten ist auch ein guter Schutz gegen die Klimaveränderungen.

von Billerbeck: Nun gibt es ja das Washingtoner Artenschutzabkommen, das gefährdete Tiere und Pflanzen vor dem Aussterben bewahren soll. Aber man hat manchmal den Eindruck, da gibt es mehr Schaden als Nutzen. Wenn man zum Beispiel weiß, dass ein Tier nicht mehr gehandelt werden darf, dann gibt es eine Übergangsfrist, und in dieser Zeit wird das Tier dann besonders häufig verkauft. Ist das dann nicht kontraproduktiv, dieses Tier auf so eine Liste zu setzen und unter Schutz zu stellen?

Finke: Es ist in der Tat so, wie Sie sagen. Die Handelspreise gehen vorübergehend hoch und das Tier ist besonders begehrt. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen ist nun solch ein vertragliches Regelwerk, das quasi das Wissen der Roten Listen nutzt und umsetzt und dann so eine Art in den Schutzstatus gehoben werden kann. Es ist interessanterweise ein Handelsabkommen, das da 1973 beschlossen wurde und den internationalen Handel reglementieren sollte. Es ist aber nach wie vor das wirkungsvollste Instrument, das wir im Artenschutz überhaupt haben. Nun muss man sagen, deprimierenderweise, wir haben nicht allzu viel Instrumente, und auch dieses Schwert ist eigentlich nicht scharf genug. Aber wir haben es immerhin. Und dass es solche Arten, charismatische Arten, wie Elefant, Wal oder Tiger auf diesem Planeten noch gibt, das verdanken wir dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen.

von Billerbeck: In knapp zwei Wochen findet in Bonn die 9. Internationale Artenschutzkonferenz statt. Was erhoffen Sie sich davon?

Finke: Da wird natürlich ein sehr großes Fass aufgemacht, weil sehr, sehr viele Themen miteinander verquickt werden. Und so was erweist sich in der Praxis immer als sehr schwierig. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen ist viel simpler, beleuchtet nur einen Aspekt der Geschichte. Dann kann man meist noch wirkungsvollere Maßnahmen ergreifen, als wenn man wirklich alles miteinander verknüpft. Wobei es ja in der Tat so ist, dass Armutsbekämpfung und Naturschutz zusammenhängen, ganz klar. Wir erhoffen uns, dass Biodiversität und der Erhalt der Biodiversität mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit kommt, dass die Menschen verstehen, warum es so wichtig ist, all diese Arten zu erhalten, auch als Lebensgrundlage des Menschen natürlich. Weil wir wollen, dass auch zukünftige Generationen hier einen Planeten vorfinden, der lebenswert ist, der genug Sauerstoff, klares Wasser hat und funktioniert in seinen ökologischen Funktionen.

von Billerbeck: In unserer Vogel-Themenwoche sprachen wir mit Dr. Heike Finke vom NABU darüber, wie wichtig Artenschutz ist. Ich danke Ihnen!