Landgrabbing in Deutschland

Boden darf keine Ware sein

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Gelbe Rapsblüten-Felder in Sachsen-Anhalt
Ackerland ist bei Investoren beliebt: In Ostdeutschland haben sich die Preise für Boden innerhalb von zehn Jahren verdoppelt oder gar verdreifacht. © picture alliance / dpa / Stephan Schulz
Ein Kommentar von Annette Jensen · 29.06.2022
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Auch in Deutschland ist Ackerland längst zum Spekulationsobjekt geworden. Die steigenden Bodenpreise sorgen dafür, dass Bauern kaum ein Auskommen haben. Ein Skandal, findet die Autorin Annette Jensen, und fordert eine radikale Bodenreform.
In den vergangenen Jahren sind nicht nur die Preise für städtische Grundstücke explodiert. Auch landwirtschaftliche Flächen haben sich extrem verteuert. Einfach nur, weil Investoren nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 nach sicheren Geldanlagemöglichkeiten suchten.
Solche Leute kalkulieren völlig anders als Bauern. Sie spekulieren. Weil Boden für die Produktion von Gemüse, Getreide und nachwachsenden Rohstoffen auch in Zukunft gebraucht wird, ist er eine sichere Geldanlage mit enormem Wertsteigerungspotenzial, ohne dass die Käufer etwas tun müssen. Irgendwann erben das alles ihre Nachkommen – und die können das Monopoly-Spiel dann einfach fortsetzen.

Landwirte können Pacht nicht erwirtschaften

Der Ansturm von Investoren hat dazu geführt, dass sich die Preise für Ackerland in Ostdeutschland innerhalb von zehn Jahren verdoppelt oder gar verdreifacht haben. Auf dieser Grundlage wurden auch die Pachten immer teurer. Mit der Folge, dass sich viele Landwirte im wahrsten Sinne des Wortes vom Acker machen mussten. Obwohl Gemüsegärtner und Getreidebäuerinnen hart arbeiten, verdienen sie nicht genug, um die horrenden Hektarpreise zu erwirtschaften. Nur hochtechnisierte Großbetriebe können mithalten.
In Niedersachsen fällt ein Drittel der zum Verkauf stehenden Agrarflächen  in die Hand von Menschen, die ihr Geld nicht in der Landwirtschaft verdient haben. In Ostdeutschland dürfte der Anteil noch deutlich höher liegen. Überblicksdaten gibt es nicht. Klar ist indessen, dass der Bremer Bauunternehmer Kurt Zech inzwischen Herr über 20.000 Hektar Acker ist: eine Fläche, in die zwei Drittel von München hineinpassen würden. Dort lässt er überwiegend Mais für Biogasanlagen anbauen.
Auch die Aldi-Erben sind Großgrundbesitzer in Ostdeutschland. Jedes Jahr kassieren sie dafür über 4,5 Millionen Euro EU-Agrarsubventionen. Das ist bitter. Schließlich beruht ihr Vermögen darauf, dass der Discounter Bauern und Schlachthöfe ständig unter Druck setzt, billiger und noch billiger zu liefern. So ist die Aldi-Familie zur reichsten in Deutschland geworden. Jetzt trägt sie auch noch dazu bei, Landwirten den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Neofeudale Verhältnisse

Dabei ist völlig unklar, wie stark der Konzentrationsprozess bei Landeigentum bereits fortgeschritten ist. Die Grundbuchämter verfügen über keine Daten, die sich bundesweit zusammenführen ließen. Exemplarisch hat das staatliche Thünen-Institut einige Dutzend Gemeinden untersucht. Das Ergebnis: Mancherorts gibt es fünf Leute, denen mehr als 75 Prozent der Flächen gehören. Das sind neofeudale Strukturen.
Wenn Investitionsfirmen oder Millionäre in Asien und Afrika auf Einkaufstour gehen und Kleinbäuerinnen und -bauern vertreiben, nennt man das Landgrabbing. Anders sollte man es auch in Deutschland nicht bezeichnen. In beiden Fällen verlieren Menschen den Boden, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient haben, an Leute, die nichts damit anfangen wollen, als Geld zu verdienen.

Landgrabbing Einhalt gebieten

Was wir brauchen, ist eine Bodenreform. Obwohl das Grundstücksverkehrsgesetz eine „ungesunde Verteilung“ von Grund und Boden verhindern soll, ist genau das eingetreten. 800.000 Hektar in Ostdeutschland wurden nach dem Ende der DDR privatisiert – in der Regel bekam der Meistbietende den Zuschlag. 
Doch Boden darf keine Ware sein – genauso wenig wie Luft und Wasser. Besitzen sollten ihn diejenigen, die darauf wirtschaften oder wohnen. Was oben drauf errichtet wird, kann Eigentum sein und auch vererbt werden. Doch der Boden selbst sollte niemandem gehören. Ansonsten werden Mieten und Pachtpreise die Gesellschaft immer weiter spalten.
Bisher ist es den Profiteuren des gegenwärtigen Systems jedoch gelungen, jede Diskussion darüber abzuwürgen. Seit der Französischen Revolution gelten Freiheit und Eigentum als unverbrüchliche Einheit – und Boden als handelbare Ware. Sobald jemand daran rührt, werden Ängste von Einfamilienhausbesitzern geschürt. Sie sind die beste Versicherung für die Superreichen, dass alles so bleibt, wie es ist.

Annette Jensen ist freie Journalistin und Buchautorin in Berlin. Sie studierte Politikwissenschaften und Germanistik an den Universitäten in Heidelberg und Hamburg. 1992 war sie Mitbegründerin des Ressorts „Wirtschaft und Umwelt“ bei der Tageszeitung „taz“. Ihre Schwerpunkte sind ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit sowie gesellschaftliche Transformation. Zuletzt erschien von ihr zusammen mit Ute Scheub das Buch „Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben“, München, 2014. Jensen engagiert sie sich in der Bürgerinitiative thf.vision, die in Berlin das Tempelhofer Flughafengebäude zu einem Gemeingut machen will.

Porträt von Annette Jensen
© Britta Knäbel

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