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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.10.2008

Stillstand und Aufbruch

Ilpo Tuomarilas "Populärmusik aus Vittula" wird in Rostock uraufgeführt

Von Hartmut Krug

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Der Kultfilm "Populärmusik aus Vittula" hat in Rostock auf der Bühne Premiere. (Stock.XCHNG / Billy Alexander)
Der Kultfilm "Populärmusik aus Vittula" hat in Rostock auf der Bühne Premiere. (Stock.XCHNG / Billy Alexander)

Das finnische Theaterstück "Populärmusik aus Vittula" von Ilpo Tuomarila entstand nach dem schwedischen Erfolgsroman von Mikael Niemi aus dem Jahr 2000 - später verfilmt und bis heute in mehr als 25 Sprachen übersetzt. Matti und sein Freund Niila erleben das Erwachsenwerden in Vittula, im nordschwedischen Grenzgebiet zu Finnland. Die Inszenierung zur Spielzeiteröffnung ist ein gelungener Kraftakt: Sie versammelt ein 30-köpfiges Ensemble in großen Bildern auf der Bühne.

"Ich bin oben", jubelt Matti auf dem Berg, doch dann klebt er mit den Lippen am Eis fest. In einer akrobatischen Aktion muss er sich seinen heißen Urin zur Befreiung an den Mund schütten, und unten, im Tal seiner Erinnerungswelt, wird ihm als Kind von der Mutter mit heißem Wasser in ähnlicher Situation geholfen.

Gleich mit ihrem ersten Bild versinnlicht Regisseurin Katariina Lahti, worum es in "Populärmusik aus Vittula" geht: um Stillstand und Aufbruch und um die Selbstfindung von Jugendlichen. Zwischen "Ich erinnere mich" und "Ich habe mich erinnert" erzählt Matti im Rückblick von seinem Erwachsenwerden in einer rückständigen, einsamen und armen Gegend. Dabei plagen ihn die üblichen pubertären Schwierigkeiten, viel mehr aber der ewige Kreislauf der sozialen Regeln.

Das finnische Theaterstück von Ilpo Tuomarila entstand nach dem schwedischen Erfolgsroman von Mikael Niemi aus dem Jahr 2000, der sechs Jahre später verfilmt und bis heute in mehr als 25 Sprachen übersetzt wurde. Matti und sein Freund Niila wohnen in Vittula, einem Ortsteil von Pajala, dem Geburtsort von Niemi im nordschwedischen Grenzgebiet zu Finnland.

Hier, wo auch die Erwachsenen zwischen finnischer und schwedischer Identität auf der Suche nach ihrer eigenen sind und wo man den neuen Lehrer prüft, welche Sprache und welche Volksgruppe seine ursprünglichen sind, hat Niila aus dem Radio Esperanto gelernt. Damit verblüfft er die Menschen, als er in der Kirche den dunkelhäutigen Gastprediger übersetzt. Ein Wunder, jubeln alle Niila zu, als sie neugierig ihren ersten "Neger" in der überfüllten Kirche bestaunen.

"einNorden" heißt das diesjährige Spielzeit-Motto des Rostocker Schauspiels, dem seine neue finnische Schauspieldirektorin Anu Saari einen finnischen Schwerpunkt verordnet hat. Der Auftakt mit der "Populärmusik aus Vittula" ist ein gelungener Kraftakt: die ausufernde theatralische Nummernrevue versammelt ein 30-köpfiges Ensemble in großen Bildern auf der Bühne.

Im Bühnenbild von Max Wikström nach Kati Lukka verbindet eine Schräge zwei von Bäumen umstandene, schneeberieselte leere Spielebenen. Hier fährt sogar einmal ein Auto herunter. Auch wenn das Bühnenbild schnelle Szenenwechsel ermöglicht, gelingt es der Regisseurin nicht so recht, die vielen kleinen Szenen in einen durchgehenden oder gar soghaften Rhythmus zu versetzten.

Aber es gibt auch etliche wunderbare Einzelszenen, in denen die Inszenierung mit atmosphärischem Sound, mit Zeitsprüngen in einzelnen Szenen, mit vielen Beleuchtungswechseln und mit innerszenischen Zeitenwechseln dem vom Autor gewünschten magischen Realismus sehr nahe kommt.

So erkennt der 19-jährige Matti, dass er "nirgendwo mehr rein" passt, als er aus einem mächtigen Heißwasserboiler klettert. Dort, wo er sich als kleiner Junge versteckt hatte und versehentlich eingesperrt worden war, ist er wie in einer Fruchtblase zu einem Jüngling gereift. Dann wieder wird eine über die gesamte Bühnenbreite reichende Hochzeitstafel herein geschoben, oder ein Erbschaftsstreit artet zu einer witzig choreographierten, großen Schlägerei aus, und eine alte Frau, bereits im Sarg liegend, erhebt sich immer wieder mit dem Eingeständnis an den Pfarrer, sie habe gelogen.

Natürlich wirkt manches auch folkloristisch und auf kaurismäkihafte Weise skurril. Es gibt Konkurrenzkämpfe von schweigsamen Männern in der Sauna und beim Suff, es gibt schrille, alte Frauen und laute, bigotte Sektenprediger. Doch die Inszenierung spielt auch mit der Skurrilität und den Klischees, und sie setzt sich mit Fundamentalismus und mit gesellschaftlicher wie individueller Identitätssuche auseinander.

Hier verkörpert jeder in wechselnder Verkleidung abwechselnd jedes Geschlecht und jedes Alter, und die Darsteller der Jungen, die sich über Beatles-Songs zu einer Rockband finden, bringen mit ihrem Live-Spiel der Songs "rock´n roll music" und "A hard days night" das Publikum zur Begeisterung.

Sogar eine wahrlich geniale Szene gelingen der Regisseurin und den Schauspielern Benjamin Bieber (Matti) und Hannes Florstedt (Niila): Wenn die beiden Jugendlichen ihre erste Beatles-Platte hören, fährt ihnen die Musik so direkt in den Körper, dass sie deren Bewegungen nicht mehr zu beherrschen vermögen. Wenn die beiden zappeln und zucken, wenn sie hin und her springen, dann finden sie heraus aus sich und dabei zugleich zu sich.

Trubel auf der Bühne, Jubel im Zuschauerraum: das in den letzten Jahren leicht kriselnde Schauspiel in Rostock zeigte unter neuer Leitung einen imponierenden Auftritt.

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