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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.10.2020

Stigma psychische Krankheit"Wir reden mehr über die Psyche der Bäume als über Schizophrenie"

Manfred Lütz im Gespräch mit Julius Stucke

Manfred Lütz sitzt in einem Fernsehstudio und schaut in die Kamera. (Imago images / Teutopress)
"Angst hat man vor Dingen, die man nicht kennt", sagt der Psychiater Manfred Lütz. (Imago images / Teutopress)

Trotz medialer Konjunkturen ist noch immer wenig über psychische Störungen bekannt. „Psychobücher“ über Burn-out, Stress und Achtsamkeit helfen da nicht weiter, sagt Psychiater und Autor Manfred Lütz zum Start eines bundesweiten Aufklärungsprojekts.

Mit Blick auf die vergangenen Monate könnte man meinen, psychische Erkrankungen hätten kein Aufmerksamkeitsproblem: Medial wurden sie gerade im Zusammenhang mit der Coronapandemie häufig thematisiert und besprochen.

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Doch auch jenseits von solchen kurzfristigen medialen Konjunkturen sind psychische Erkrankungen ein stetiger Begleiter dieser Gesellschaft: 18 Millionen betroffene Erwachsene gibt es pro Jahr in Deutschland. Das bundesweite Projekt "Offensive Psychische Gesundheit" will ab sofort das gesellschaftliche Bewusstsein für psychische Erkrankungen schärfen und aufklären. Mehrere Ministerien sind daran beteiligt.

"Nicht jede Reaktion zur Krankheit hochjazzen"

Manfred Lütz, Psychiater, Psychotherapeut und Autor, findet diese Initiative "sehr, sehr gut". Er selbst hat das Buch "Neue Irre. Wir behandeln die Falschen: Eine heitere Seelenkunde" geschrieben, mit dem er aufklären will. Lütz versucht, über Formate wie das Kabarett Menschen aus der "Spaßgesellschaft" zu erreichen, denen das Thema bisher eher Angst macht.

Für einen besseren Umgang sei es zunächst wichtig, zwischen Menschen mit einer psychischen Störung und solchen zu unterscheiden, "die belastet sind, die im Stress sind, die mal traurig sind".

Man dürfe nicht "jede normale, menschliche, existenzielle Reaktion zur Krankheit hochjazzen. Das diskriminiert auch wiederum psychisch Kranke, weil das dazu führt, dass auch Leute, die eigentlich ganz normal emotional reagieren, sich nachher in Therapie begeben, und die es wirklich brauchen, dann keinen Therapieplatz haben."

"Über den psychisch kranken Nachbarn wissen die Leute nichts"

Es gebe zwar viele "Psychobücher", in denen es über Stress, Burn-out, Achtsamkeit und "Befindlichkeitsstörungen" gehe, die zwar auch belastend sein könnten, aber nicht um psychische Erkrankungen, sagt Lütz: "Sicher wird auch mal von Demenz geredet, auch von Depressionen. Aber wer redet von Schizophrenie? Eine Million Deutsche sind schizophren. Jeder unserer Hörerinnen und Hörer kennt einen Schizophrenen. Aber er hat es vielleicht nicht gemerkt, weil ein Drittel der Schizophrenen heilbar ist. Das wissen die Leute aber gar nicht."

Lütz fährt fort: "Die Leute wissen heute etwas über die Psyche von Bienen und Bäumen. Das ist auch gar nicht schlecht. Aber über den psychisch kranken Nachbarn wissen sie im Grunde fast nichts. Das führt dazu, dass man nach wie vor psychischen Krankheiten Angst hat. Knochenbruch und Diabetes, das kennt man. Aber ‚Psycho‘, das macht Angst, weil man es nicht kennt. Angst hat man immer vor Dingen, die man nicht kennt."

Psychopharmaka sind nicht zum "Ruhigstellen" von Menschen

"Jeder hat doch irgendwie einen demenzkranken Großvater, einen suchtkranken Onkel, eine merkwürdige Tante, die eine Schizophrenie hatte, eine magersüchtige Nichte. Jeder hat das, aber denkt: ‚Ich bin der Einzige.‘ Und das führt zum Stigma."

Man müsse beispielsweise darüber reden, dass Psychopharmaka nicht zum "Ruhigstellen" seien, wie viele denken würden. Dass die durchschnittliche Verweildauer in einer Psychiatrie heute nur noch drei Wochen sei, sagt Lütz, oder "dass man da frei herumläuft und nicht irgendwie eingeschlossen ist; dass die meisten psychischen Krankheiten heilbar sind. Das muss man der Öffentlichkeit sagen."

(sed)

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