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Zeitfragen | Beitrag vom 22.07.2019

Stiftungsverwaltung MünchenWenn eine Stadt als Erbin eingesetzt wird

Von Elke Schmidhuber

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Eine Frau sitzt in einer gestellten Szene an einem Tisch und schreibt ihr Testament. (picture alliance / dpa / Christin Klose)
Der letzte Wille: Zahlreiche Menschen setzen auch Städte und Gemeinden als Erben ein. (picture alliance / dpa / Christin Klose)

Viele Menschen vertrauen ihr Vermögen nach ihrem Tod ihrer Heimatstadt an. In München gibt es unter anderem dafür eine Verwaltung, die 179 Stiftungen mit zumeist sozialer Orientierung betreut - und zwischen denen die Erblasser auswählen können.

Zu meiner Alleinerbin bestimme ich die Landeshauptstadt München verbunden mit der Auflage, meinen Nachlass der "Münchner Sozialstiftung" zuzuführen. So oder so ähnlich lauten die Testamente, die Nathalie Lepper mehrmals die Woche erreichen. Sie ist Leiterin der Stiftungsverwaltung der Landeshauptstadt München.

Es ist ein beklemmendes Gefühl, wenn sie eine Wohnung öffnet, die eben nicht die eigene ist, die von einem Bekannten oder Verwandten – sondern was jemand, den man nicht kennt, nie gesehen hat, nie gehört hat

"Man geht in die Wohnung", sagt Nathalie Lepper. "Man schaut sich alle Unterlagen an, man schaut welche Verträge es da gibt, welche Geldanlagen."

Versteckte Goldbarren und Sparbücher

Vom schmalen kurzen Flur geht es rechts in die kleine Küche, die ist auffällig knallig gelb gestrichen. Nathalie Lepper öffnet das Kühlfach im Kühlschrank. Die Detektivarbeit hat begonnen. Sie leert das Kühlfach, tiefgefrorenes Gemüse, eingefrorenes Fleisch, ein Eisbecher, dahinter: nichts.

"Es geht auch darum versteckte Dinge zu finden in der Wohnung", erklärt Nathalie Lepper, "Goldbarren, Silberbarren oder in der Wachstuchtischdecke Sparbücher oder hinten im Tiefkühlfach Testamente oder irgendwelche Unterlagen."

Ein Erblasser kann zwischen 179 Stiftungen auswählen, die nur Menschen zugutekommen, Tiere sind ausgenommen. Die meisten schließen sich einer bestehenden Stiftung an, und dann gibt es diejenigen, die wollen, dass eine eigene Stiftung gegründet wird.

"Wir arbeiten auch zusammen mit einem Versteigerer, alles damit die Erbmasse dann in die Stiftung fließen kann und dem guten Zweck zur Verfügung steht", erklärt Nathalie Lepper. "Wir hatten ganz großartige russische Puppensammlungen, wir hatten eine riesige Nussknackersammlung, wir hatten auch die große Marionettensammlung von Papa Schmid geerbt."

Die meisten Gelder verteilt sie als einmalige Zuwendungen in Form von Beihilfen:

"Das heißt Nachhilfekurs für meine Kinder oder einen Schulausflug oder eine Ferienmaßnahme, oder eine neue Waschmaschine aber keine laufenden Leistungen."

Milde Taten als Ergänzung zu sozialen Leistungen

Die Stiftungsverwaltung der Stadt München hat zur Aufgabe, "mildtätig" aufzutreten, das bedeutet in allererster Linie, ergänzend zu staatlichen sozialen Aufgaben tätig zu sein. Anträge auf eine Beihilfe kann jeder Münchner Bürger in den Sozialbürgerhäusern stellen.

Im vergangenen Jahr gab sie 2,4 Millionen Euro an Beihilfen aus. Damit wurden 6.800 Personen unterstützt. Die Stiftung fördert neben einzelnen Personen auch Projekte. Mit 1,7 Millionen Euro unterstützte die Stiftung im vergangenen Jahr 221 Projekte. Eines davon ist La Silhouette, ein kleines Atelier, in welchem 18 junge Mädchen in Schwierigkeiten eine Ausbildung erhalten.

"Das ist ein Vorläufer für das Gesellenstück, wir sind im dritten Lehrjahr", sagt Mitschi, "in knapp zwei Wochen haben wir unsere Prüfung."

Probenähen für die Prüfung. Mitschi ist freundlich und wirkt fröhlich. Doch haben alle 18 Mädchen, die im Atelier La Silhouette zur Damenmaßschneiderin ausgebildet werden einen schwierigen Start ins Leben hinter sich.

Barbara Hemauer-Volk ist es wichtig, den Mädchen neben Mathe, Deutsch und Nähen auch soziales Engagement zu lehren: "Wir kennen alle unsere Themen, das sind Überschuldung, Krankheit aber auch Depressionen."

Unterschiedlichste einmalige Beihilfen

Alles Gründe für eine besondere soziale Unterstützung. Und eben auch von der Stiftungsverwaltung der Landeshauptstadt München, die jedem der 18 Mädchen von La Silhouette eine einmalige Beihilfe zukommen lässt.

"Durch diese Unterstützung wurde mir die Miete für einen Monat bezahlt."
"Von dieser Unterstützung habe ich eine Brille gekauft."
"Von der Stiftung habe ich eine Brille und auch ein Fahrrad bekommen"
"Ich habe Unterstützung bekommen für meinen Sohn für Hort und Essengehen."

Sie sind aus München, der Dominikanischen Republik, aus China und aus Äthiopien. Doch alle haben nun seit Jahren München als Heimat.

Sigrid Pfander, eine Berufsschullehrerin, hat ihr Vermögen der Stiftung hinterlassen zur Förderung junger Menschen in ihrer Ausbildung. An dem Ort etwas Gutes tun, an dem ich es gut hatte, das ist das Motiv der meisten Erblasser.

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