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Buchkritik | Beitrag vom 30.10.2018

Stewart O'Nan: "Stadt der Geheimnisse" Der Spion, der aus dem Lager kam

Von Gerrit Bartels

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Cover von Stewart O'Nans Roman "Stadt der Geheimnisse". Auf dem Cover ist ein SW-Foto zu sehen, dass einen Mann zeigt der durch eine dunkle Gasse mit alten Steinhäusern geht. Im Hintergrund des Buchcovers sind Häuser von Jerusalem zu sehen. (rowohlt /  Rob Bye / Unsplash)
"Die Stadt der Geheimnisse" ist ein kompakter, schlicht erzählter Roman, der von einer gewissen Düsternis lebt. (rowohlt / Rob Bye / Unsplash)

Holocaust-Überlebender Jossi Brand landet nach dem Krieg in Jerusalem. Als Taxifahrer hilft er zionistischen Untergrundkämpfern. "Stadt der Geheimnisse" ist ein düsterer Roman über den Kampf um Unabhängigkeit und die Sehnsucht nach Vergessen.

Der amerikanische Schriftsteller Stewart O'Nan ist ein literarisches Phänomen. Bei ihm weiß man nie, was für einen Stoff er als nächstes für einen neuen Roman wählt. Ob er sich eines historischen Themas annimmt wie in "Der Zirkusbrand" – der 1944 in O'Nans Heimatstadt Pittsburgh 167 Menschen das Leben kostete – oder zuletzt in "Westlich des Sunset" – über die letzten traurigen Lebensjahre des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald; ob er eine Genre-Geschichte schreibt wie "Das Glück der Anderen" (ein Gothic-Roman) oder "Speed Queen" (eine Stephen-King-Verbeugung); oder ob er sich mit dem amerikanischen Mittelstand befasst, wie in "Emily, allein" oder "Abschied von Chautauqua" - bezüglich seiner Sujets überrascht O'Nan jedes Mal aufs Neue.  

Blick vom Ölberg auf Jerusalem und den Tempelberg (1947).   (dpa / picture-alliance / akg /Philippe Joudiou)Blick vom Ölberg auf Jerusalem und den Tempelberg (1947). (dpa / picture-alliance / akg /Philippe Joudiou)

So ist das auch jetzt wieder mit "Stadt der Geheimnisse", einem abermals historischen Roman, der im Jerusalem der Nachkriegszeit angesiedelt ist, laut Klappentext im Jahr 1947. Vermutlich aber, O'Nan nennt keine Jahreszahl, spielt der Roman 1945/1946, endet er doch mit dem historisch verbürgten Bombenanschlag auf das Jerusalemer King David Hotel, den die radikal-zionistische Untergrundorganisation Irgun am 22. Juli 1946 verübte. 

Kampf im Untergrund für jüdischen Staat

Hauptfigur ist der lettische Jude Brand, dessen gesamte Familie im Holocaust umgekommen ist und der mit einem maltesischen Frachter in Palästina landet. Brand wird sofort vom Untergrund gecastet, bekommt neue Papiere, heißt von nun an Jossi und fährt Taxi – zum Lebensunterhalt und für die zionistischen Gruppen Hagana, Irgun und die Stern-Bande. Sie kämpfen allesamt gegen die britische Mandatsregierung von Palästina und für "Eretz Israel", für einen unabhängigen jüdischen Staat Israel.

Brand ist ein Helfer, nicht mehr. Er wird nicht in die Aktionen eingeweiht, bekommt nur Ort und Termine und Einsatzbefehle genannt, ist aber anders als seine Mitkämpfer Asher, Lipschitz, Gideon oder eine "geheimnisvolle Blonde" die einzige wirklich konturierte Figur von O'Nans Roman. 

Schwarz-Weiß-Foto der Jerusalem-Straße im Hospital-Viertel (Muristan) in der Altstadt von Jerusalem (1946). (dpa / picture-alliance / akg)Die Jerusalem-Straße im Hospital-Viertel (Muristan) in der Altstadt von Jerusalem (1946). (dpa / picture-alliance / akg)
Brand wird von Schuldgefühlen heimgesucht, der einzige Überlebende seiner Familie zu sein. Immer wieder steigen in ihm Bilder von seiner Frau Katja oder der Erlebnisse im Lager auf, von einem Mithäftling der brutal getötet wurde. Und trotzdem will Brand leben und lieben. Aber ist Eva die Richtige? Sie ist die Frau, die er immer wieder in Jerusalems Altstadt besucht, die sich einerseits prostituiert, andererseits ebenfalls für den Untergrund tätig ist und von O'Nan zumindest den Ansatz einer persönlichen Geschichte bekommt. 

Düstere Atmosphäre wie in einem Film Noir

"Die Stadt der Geheimnisse" ist ein kompakter, relativ umstandsloser, schlicht erzählter Roman, der detailliert von den einzelnen Anschlägen berichtet, an denen Jossi alias Brand beteiligt ist. Vor allem aber lebt er von seiner Atmosphäre, von einer gewissen Düsternis hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt, er wirkt wie eine Schwarzweiß-Aufnahme, wie ein Pendant zu Orson Welles Nachkriegs-Spionage-Wien-Film "Dritter Mann".

"Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers", heißt es gleich zu Beginn, und immer wieder durchfährt Brand mit seinem Taxi die einzelnen Tore Jerusalems, um zu Eva zu gelangen, scharf beobachtet von Kontrollposten, die häufig seinen Wagen durchsuchen. 

Moralischer Zwiespalt

Brand, das ist der Subtext von O'Nans Roman, weiß nicht, wo er steht, wer hier wen einweiht und verrät. Das erst recht nicht, als einer seiner Mitkämpfer erst gefangengenommen und dann umgebracht wird, mit einer abgeschnittenen Zunge als Symbol für seinen Verrat. Doch das Verlorensein Brands, der moralische Zwiespalt, in dem er häufig steckt, all das wird in "Stadt der Geheimnisse" immer wieder überlagert von den minutiös beschrieben Aktionen der Untergrundbewegung gegen die Engländer. Aber eben auch von  der schillernden Atmosphäre Jerusalems, die Stewart O'Nan schön zu inszenieren weiß.

"Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen", so lautet das dem Roman vorangestellte Motto, eine Sentenz, die von dem für das King-David-Hotel-Attentat verantwortlichen Irgun-Anführer und späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt. O'Nans Hauptfigur ist diesem Engel noch nicht begegnet.   

Stewart O'Nan:  Stadt der Geheimnisse
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel 
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
220 Seiten, 20 Euro

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