Dienstag, 10.12.2019
 

Fazit | Beitrag vom 11.11.2019

Steve McQueen in der Tate BritainDie Zukunft Londons

Von Marten Hahn

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Der Künstler Steve McQueen vor von ihm angefertigten Portraits von Schulklassen (©Tate, Jessica McDermott)
Ein gigantisches Mosaik: Steve McQueen vor seinem Werk in der Tate Britain. (©Tate, Jessica McDermott)

Oscar-prämiert und Turner-Preisträger: Multitalent Steve McQueen porträtiert in seiner neuen Ausstellung "Year 3" Drittklässler aus ganz London. Und wirft somit einen Blick in die Zukunft der Stadt.

"My name is Jessica and I’m eight", "My name is Christina and I’m also eight."

Jessica und Christina, beide wie gehört acht Jahre alt sind, gehören eher nicht zum Kernpublikum der Tate Britain. Aber heute sind die beiden in gewisser Weise Ehrengäste der Galerie. Denn ohne sie und ihre Mitschüler gäbe es diese Ausstellung nicht. Für "Year 3" – "Jahr drei" – wurden mehr als 3000 Klassenfotos von Drittklässlern in ganz London geschossen – auch an Jessicas und Christinas Schule. "I think it’s really cool, since there’s loads of pictures of other schools. Including our’s", sagt Jessica.

Die Idee entstand vor 20 Jahren

Ausgedacht hat sich das Projekt Steve McQueen. Der Künstler und Regisseur, bekannt für Filme wie "12 Years a Slave", ist in London geboren und zur Schule gegangen. Die Idee für "Year 3" habe McQueen schon länger mit sich herumgetragen, sagt Kurator Nathan Ladd.

"Steve begann vor 20 Jahren über dieses Projekt nachzudenken. Damals wurde sein erstes Kind geboren. Er dachte über sein Leben nach und ging seine alten Sachen im Haus seiner Mutter durch. Dabei fand er sein Klassenfoto aus dem dritten Schuljahr. Egal ob positiv oder negativ, die Schulzeit ist sehr prägend. Vor allem das dritte Schuljahr. Man beginnt, die größere Gesellschaft ringsherum wahrzunehmen", erläutert Ladd.

Ein Mosaik mit 75.000 Menschen

Während McQueen damals auch melancholisch auf sein altes Klassenfoto schaute, strahlt die Ausstellung vor allem Optimismus und Hoffnung aus. Mehr als 75.000 Menschen lächeln von den Fotos. Wie ein gigantisches, buntes Mosaik füllen die Bilder die Wände der Galerie. Jedes Fotos sieht anders aus: Rote Schuluniformen folgen auf grüne. Eine Klasse posiert in der Sporthalle, die nächste im Gang. Und doch sprechen alle Bilder dieselbe Sprache.

"Man sieht das hier an der Wand", sagt Ladd: "Läuft man an den Bildern entlang, bleibt die Horizontlinie auf jedem Foto gleich. Diese formellen Details waren Steve wichtig. Die Präsentation entspringt seiner Vision."

Eine Schulklasse mit roten Pullovern sitzt mit ihren Lehrern vor einer hellblauen Wand (Northway Special School ©Steve McQueen & Tate)Eine von 3000 Schulklassen: Die 3. Klasse der Northway Special School. (Northway Special School ©Steve McQueen & Tate)

Die Fotos selbst wurden von einem neunköpfigen Fotografen-Team geschossen, das im vergangenen Schuljahr mehr als 1500 Schulen besuchte. Eine logistische Herausforderung, wie Steve Moffitt von A New Direction erzählt. Die Bildungsinitiative hat das Projekt mitorganisiert.

"London ist groß. Es dauert zweieinhalb Stunden von einem Ende der Stadt zum anderen", verdeutlich Moffitt die Dimension. "Alle Fotografen waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Viele Schulen sind nicht mit der U-Bahn erreichbar. Man muss viel laufen. Und es war eine Herausforderung, Beziehungen zu so vielen Schulen aufzubauen.".

Fragen vor den Fotos

Bevor die Fotografen die Schüler ablichteten, führten sie mit jeder Klasse einen Workshop durch, so Moffitt weiter. "Wie ist es sieben Jahren alt zu sein und in London aufzuwachsen? Viele Kinder haben recht kleine Leben an einem Ort wie London. Wie denken sie darüber, Teil der Hauptstadt zu sein? Wo ist Tate Britain? Was ist ein Kunstwerk?" Das seien Fragen gewesen, die in den Workshops geklärt wurden, erzählt Moffitt. "Viele Kinder waren noch nie in einer Galerie. Und es ging um Verantwortung: Wer wollen sie werden? Was wollen sie zu dieser Stadt später beitragen?"

Jessica und Christina ziehen mittlerweile mit ihren Freunden durch die Galerie. Wie ein Tornado in roter Uniform. Doch das ist nur ein Vorgeschmack. In den kommenden Wochen werden 600 Kinder die Ausstellung besuchen – jeden Tag. Für viele wird es der erste Besuch in einer Kunstgalerie sein.

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