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Die Grosse Vogelschau / Archiv | Beitrag vom 10.05.2013

"Sternstunde des Tierfilms"

Doku-Autor Ernst Arendt über einen Höhepunkt seiner Karriere

Moderation: Dieter Kassel

Der Kea oder Bergpapagei aus Neuseeland ist besonders originell und geschickt, erzählt Ernst Ahrendt.  (Ernst Arendt / Hans Schwaiger)
Der Kea oder Bergpapagei aus Neuseeland ist besonders originell und geschickt, erzählt Ernst Ahrendt. (Ernst Arendt / Hans Schwaiger)

Vögel zu filmen sei schwierig, erzählt der Tierfilmer Ernst Arendt. Trotzdem habe er in 40 Jahren "Tiere vor der Kamera" sehr bewegende Aufnahmen von ihnen machen können - und das ohne zu schummeln. Weil manche Arten, wie die Keas in Neuseeland, von Natur aus gesellig sind.

Dieter Kassel: Heimische Vogelarten im Park oder im eigenen Garten zu beobachten ist eine wunderbare Sache, aber auch ein Abend vor dem Fernseher kann ein unvergessliches Erlebnis sein. Für solche Erlebnisse sorgt seit 40 Jahren der Tierfilmer Ernst Arendt. Zusammen mit seinem Kompagnon Hans Schweiger ist er verantwortlich für die Sendung "Tiere vor der Kamera", die 1974 zum ersten Mal lief und von der es inzwischen schon über 50 Folgen gibt. Die beiden haben für diese Sendung die unterschiedlichsten Tiere an den unterschiedlichsten Ecken der Welt mit ihrer Kamera beobachtet – aber immer wieder auch Vögel.

Und wie schwierig es sein kann, aber auch wie großartig, gerade die zu filmen, darüber wollen wir mit Ernst Arendt jetzt sprechen. Schönen guten Tag, Herr Arendt!

Ernst Arendt: Ja, guten Tag, Herr Kassel!

Kassel: Die allererste Folge von "Tiere vor der Kamera", die hieß 1974 "Singende Vögel". Warum haben Sie sich gleich zu Anfang mit Vögeln beschäftigt?

Arendt: Weil wir da die geniale Idee hatten, glaubten wir zumindest, etwas ganz Neues zeigen zu können, einen Film über warum die Vögel singen, wie sie singen, was sie singen. Das war technisch so unglaublich schwierig damals, weil wenn man Bild und Ton gleichzeitig aufnimmt, muss die Kamera leise sein – so was konnten wir uns gar nicht leisten, eine leise Kamera – und das muss synchron sein, also im gleichen Moment Bild und Ton aufgenommen werden.

Und wenn dann gerade der Hubschrauber am Himmel ist, dann hat der Kollege Schweiger das wunderschöne Bild, aber ich einen schrecklichen Ton, und dann geht das nicht. Also das sind die Schwierigkeiten gewesen. Aber wir haben es geschafft und haben einen Film über singende Vögel machen können. So ein Material hatte damals nicht mal die BBC, und deswegen hat uns das gleich in ARD 20.15 Uhr hochgeschossen. Da waren wir dann ganz happy.

Kassel: Mussten Sie denn einfach so oft drehen, bis mal kein Hubschrauber kam, oder haben Sie am Ende mit Tricks gearbeitet und quasi die Vögel synchronisiert?

Arendt: Nein, das haben wir nicht gemacht. Wir haben nicht mit Tricks arbeiten können, weil das bei Großaufnahmen so komplex ist, dieses Schnabelbewegen der Vögel für diese unterschiedlichen Töne, die Sie machen – das funktioniert nicht. Also der Feldschwirl, den wir da gefilmt haben, der macht wie eine Grille, klingt ganz komisch, kennt kaum jemand. Und den hätte man noch, wie man so sagt, anlegen können, also später nachsynchronisieren können, weil der macht den Schnabel für diese Töne nur einmal auf und am Ende der Strophe wieder zu. Das wäre einfach. Aber eine Nachtigall oder ein Star, denen dauernd neue Lautkombinationen, Tonkombinationen einfallen, die kann man sehr schlecht nachsynchronisieren.

Kassel: Das war damals was ganz Besonderes, was Sie einfangen konnten. Heute sind Zuschauer verwöhnt, sind ja zum Teil ganz andere Bilder gewohnt, nicht nur aus dem Fernsehen, sondern auch aus dem Kino, wo man manchmal das Gefühl hat, man fliegt als Zuguckender mit den Vögeln mit durch die Lüfte. Kann man das überhaupt noch ohne irgendwelche Schummeleien hinkriegen?

Arendt: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, das sind diese fantastischen Aufnahmen, wo man das Gefühl hat, man ist einer dieser Vögel, die im Schwarm da fliegen. Ich weiß zwar, wie es gemacht wird, aber wir haben das nie gemacht und wir werden das auch nicht machen, weil wir uns auf unseren Plan geschrieben haben, nie mit dressierten, zahmen Tieren zu arbeiten. Um diese Aufnahmen zu kriegen, muss man das ausnutzen, was man Prägung nennt. Wenn ein Vogelküken aus dem Ei schlüpft, nimmt er das, was er als erstes in seiner Umgebung an Bewegung sieht, als Elternteil an.

Man brütet im Brutschrank die Vogeleier aus, und dann schlüpfen die Jungen und sehen den Kameramann, den Filmer, den Tiertrainer und akzeptieren den als Elternteil und machen jetzt nach Möglichkeit alles das nach, was der macht. Und wenn dieser Mensch, dieser Kameramann, dieser Tierfilmer in ein Ultraleichtflugzeug steigt und damit wegfliegt, dann fliegt später, wenn er dann fliegen kann, der Jungvogel mit ihm mit und findet das enorm normal.

Und so kommen diese Aufnahmen zustande. Wunderschöne Sachen gibt es da. Aber das große Problem ist: Was macht man mit diesen Filmstars, wenn sie denn nicht mehr für Filmaufnahmen gebraucht werden? Dann sind die fürs freie Leben ungeeignet, weil die ja immer noch glauben, dass der Mensch ihr Lebenspartner sein könnte, und sie balzen den auch an und fliegen mit ihm mit. Und das kann man ihnen dann wieder sehr schlecht abgewöhnen.

Mornellregenpfeifer (Bild: Ernst Arendt / Hans Schwaiger)


Kassel: Wir reden heute hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Tierfilmer Ernst Arendt über – obwohl er ganz andere Dinge auch gefilmt hat –, über die Vögel, die er vor die Kamera gekriegt hat. Und lassen Sie uns doch, Herr Arendt, mal über ein paar spezielle Beispiele reden. Es gibt eine Folge, die ist, glaube ich, von der Ursendung her aus dem Jahre 1989, die bis heute die Menschen begeistert, wenn sie noch dran kommen, wenn sie wiederholt wird oder wenn sie sie auf DVD kaufen. Da ging es um die Keas in Neuseeland. Und da gibt es so ein paar Szenen, da hatte ich das Gefühl: Okay, da hatten die beiden aber diesmal nicht so viel Arbeit mit. Die haben das Auto hingestellt, die Vögel kamen von alleine und haben eine Show abgezogen. War das in etwa so?

Arendt: Ja, das ist die Sternstunde des Tierfilms. Das ist so wunderbar. Überhaupt: Das Problem für den Tierfilmer ist ja immer, nah ranzukommen an die Tiere, und die meisten sind nun mal scheu. Und das normale Bild, was sich dem Tierfilmer zeigt, ist ein Tier von hinten, weil es nämlich wegläuft, und das ist eigentlich schade. Also seit den Zeiten im Paradies haben wir Tierfilmer es schwer. Und jetzt treffen wir in Neuseeland in den Bergen auf Keas, und die sind so ganz anders. Wenn man da kommt mit dem Auto, dann kommen die Vögel, rufen noch ihre Kumpels herbei und dann wird Fez gemacht. Dann ziehen die als erstes Mal die Scheibenwischergummis raus und sausen unter dem Auto rum. Es gibt auch welche, die versuchen, auf dem Auto sitzenzubleiben, wenn es dann wieder anfährt, und nutzen das so als Startrampe. Und wenn das Auto samt Kea auf dem Dach genügend Schwung hat, dann machen sie die Flügel auf und dann schießt sie dann hoch. Und wir haben mit den Keas ganz lange gelebt, und dann haben die entsprechend Zeit gehabt und Einfälle gehabt, uns das Auto ziemlich gründlich zu ruinieren. Also am Schlimmsten war wohl oben auf dem Dach, dass sie an unserem alten LKW die ganzen Dichtungen rausgepopelt haben mit unglaublicher Hingabe. Und dann kam das viele Wasser, was es in Neuseeland nun mal regnet, kam bis zu uns in die Schlafsäcke rein.

Kassel: Da stellt man sich die Frage – na, das ist ja klar: Man kann Ihren Beruf nicht machen, wenn man Tiere nicht wirklich liebt. Ich unterstelle, Sie tun das. Aber nach diesen Erfahrungen mit den Keas: Haben Sie beide sich auch mal gedacht, ach, wie werden wir diese Mistviecher jetzt wieder los?

Arendt: Nein, nein. Wenn man Tierfilmer ist, dann mag man die Tiere, und wenn die so originell und so geschickt sind und so nervig sind wie die Keas, dann schließt man sie noch stärker ins Herz.

Kassel: Sie haben, Herr Arendt, über Geduld gesprochen, die man, glaube ich, in Ihrem Beruf bei allen Tieren braucht. Aber ein schönes Beispiel dafür ist für mich auch der Mornellregenpfeifer gewesen. Da gibt es so eine schöne Szene, relativ am Anfang des Films. Da kommen Sie in Lappland, im Zielgebiet sozusagen, an mit Herrn Schweiger und stellen erst mal fest, wie kalt es da ist, und erzählen dann dem Zuschauer: Wir sind schon da, der Vogel aber noch nicht. Das ist ja ein Zugvogel, dem ist jetzt noch zu kalt, wir bereiten uns vor. Da haben Sie, wenn ich das so zusammenfassen darf, gesagt: Um an diese Tiere ranzukommen, muss ich, bevor sie selber wieder da sind, ihr Land und ihr Leben kennenlernen. Das hatte für mich fast ein bisschen was Esoterisches.

Arendt: Ja, hat es für uns auch. Das ist natürlich noch eine Steigerung, der Mornellregenpfeifer, der den Menschen vertraut, eine Steigerung zu den Keas. Aber wir sind da ganz früh hochgekommen, weil wir eben diese Sage der Lappen im Kopf hatten, die da sagt: Man muss den Vogel, wenn er dann kommt, zeigen, dass man sein Land kennt, liebt, versteht. Und dann vertraut er einem alles an, sogar seinen Nachwuchs. Und deswegen sind wir zeitig im Jahr gekommen, dass wir dem Vogel, wenn er dann kommt, auch erzählen können, wie es im Winter da aussieht. Und dass er gut daran getan hat, den Winter in Afrika in der Wärme zu verbringen, denn das ist ziemlich kalt da oben am Eismeer.

Kassel: Was war denn das Besondere gerade in diesem Fall? Was mussten Sie machen, um diesem Vogel so nah zu kommen?

Arendt: Da muss ich weit ausholen, weil dieser kleine Mornellregenpfeifer in einer ganz einsamen Gegend oben in den Bergen Lapplands brütet, da hat er sein Nest, da zieht er seine Jungen groß. Und der Vogel ist sich gewiss, dass seine Tarnung fantastisch ist. Er bleibt auf seinem Nest sitzen in dem grau-braunen, bisschen grünen Kraut und duckt sich, wenn ein Lebewesen in seine Nähe kommt. Das kann der Fuchs sein, das kann das Rentier sein, das kann oben ein Adler sein, der drüber fliegt. Wenn jetzt ein Mensch kommt, was nur ganz selten ist, dann duckt er sich ins Nest, vertraut auf seine Tarnung. Wenn wir als Mensch jetzt ganz nah kommen, vielleicht so auf zwei Meter ran, dann springt der Vogel rauf, piepst kläglich, tut so, als hätte er gebrochene Beinchen und Flügel. Und wenn wir jetzt ein Fuchs wären, würden wir hinter diesem Vogel herrennen und versuchen, ihn zu greifen und zu fressen. Da wir aber clevere Menschen sind, verhalten wir uns nicht wie ein Feind, sondern eher wie ein Rentier, und setzen uns jetzt neben seinem Nest nieder. Und nach ungefähr zehn Minuten zieht der Vogel so eine Art Lochkarte fürs Verhalten raus, die da sagt: Wenn er sich nicht hinter mir hermacht, um mich zu fressen, dann muss es ja nicht gerade ein Freund sein, aber es kann kein Feind sein. Dann muss das so was wie ein Rentier sein, dieser Mensch.

Kassel: Das mit den Keas war so mit vielleicht das Lustigste, was Sie erlebt haben. War das mit den Mornellregenpfeifern so mit das Bewegendste? Also beim Zuschauen kommt es einem so vor.

Arendt: Ja, das war mit Abstand das Bewegendste. Das war unglaublich, ja, man wird ganz still, ein bisschen andächtig, das ist so die Versöhnung von Mensch mit der Natur, also so ein paradiesischer Zustand, wie wir ihn eigentlich nicht haben.

Kassel: Also wirklich der Moment, das muss man vielleicht erklären für die, die es doch nicht gesehen haben: Sie haben das dann geschafft, er hat dann in ihrer Hand gebrütet quasi.

Arendt: Ja, ich habe die drei Eier, die er am Boden in seinem winzigen Nest liegen hatte, in die Hand genommen und nach langen Tagen nicht Der-Freundschaft-mit-ihm-Machen, sondern dass er sich an uns gewöhnt hat, und wir haben ihm was erzählt, und er hat geschlafen, und einer von uns hat neben dem Nest geschlafen. Und so waren wir da selbstverständlich so auf der Welt für ihn. Und dann hat er sich die Sache angeguckt mit den Eiern in meinen Händen und ist einmal um mich rumgelaufen. Das macht er immer so, wenn er ein bisschen, nicht nervös, aber unschlüssig ist, und dann hatte er ein bisschen Schwierigkeiten, über die Fingerkuppen ins Nest zu klettern, und dann ist er da reingestiegen und hat sich hingesetzt. Und stand aber nach ein paar Sekunden wieder auf, weil ich die Eier nicht richtig – nach seiner Meinung – in die Hand gelegt habe. Und dann hat er die richtig gedreht, und dann hat er sich so richtig reingekuschelt in meine Hände. Und das verlässt einen nie, dieses Gefühl, diese Erinnerung. Und Gott sei Dank haben wir es im Film rübergekriegt, dass der Zuschauer da auch so ein bisschen das Gefühl kriegt von Paradies.

Kassel: Man kriegt das Gefühl sehr gut und man kann diese vielen, nicht alle, die es inzwischen gegeben hat, aber diese vielen Ausgaben von "Tiere vor der Kamera" nicht nur – da braucht man dann Geduld, wann sie jeweils laufen – oft in Wiederholungen sehen, man kriegt viele auch inzwischen auf DVDs. Es gibt eine Internetseite, die heißt tierevorderkamera.de, und da kriegen Sie viele, viele Hintergrundinformationen und auch eine Liste aller Filme von Ernst Arendt und Herrn Schweiger. Herr Arendt, ich danke Ihnen sehr, dass Sie jetzt auch noch mal verbal diese Erlebnisse mit uns geteilt haben und wünsche Ihnen auch in Zukunft, möglichst wenig Tiere von hinten zu sehen und so oft wie möglich von vorne.

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