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Tonart | Beitrag vom 07.08.2020

Stereotyp des coolen VerlierersDer "Slacker" ist nur noch eine leere Pose

Von Juliane Reil

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Beck Hansen, Musiker (Imago / Daniel DeSlover)
1994 veröffentlichte Beck den Song "Loser" und half mit, den Begriff "Slacker" in der Popmusik zu etablieren. (Imago / Daniel DeSlover)

Mac Demarco, Dope Lemon, Kurt Vile spielen mit dem Image des "Slackers", der nicht nach Erfolg strebt und diese Einstellung provokativ zur Schau stellt. Was früher ein politisches Statement war, scheint heute nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen.

"Ich bin ein Verlierer, Baby. Warum bringst du mich nicht um", nuschelt Beck 1994. Pudelmütze und Sonnenbrille, dazu eine schrammelige Slide-Gitarre und ein nicht besonders tightes Drum-Sample. Der Charme des Nicht-Perfekten. Mit dem Song "Loser" landet der blonde Schlacks mit der Unschuldsmiene über Nacht einen Welthit - und half mit, den Begriff "Slacker" in der Popmusik zu etablieren. "Slacker sein" in den 90-ern bedeutete Verweigerung: Es war das ironische Kontrastprogramm zum Hochglanz-Popstar. Auch wenn die Slacker selbst bald zu Popstars wurden, wie Nirvana.

Der Slacker entsprach dem Lebensgefühl einer ganzen Generation: Nämlich dem der "Twenty Somethings", die zum Beispiel in dem Film "Slacker" von Richard Linklater und dem Roman "Generation X" von Douglas Coupland porträtiert wurden. Buch und Film erschienen 1991. Darin ging es beide Male um junge Leute, die keinen Bock hatten, sich wie ihre "Alten" von Arbeit, Pflichten und Verantwortung kaputtmachen machen zu lassen. Stattdessen taten sie nichts oder nur das Nötigste – und wirkten in ihrer unaufgeregten Trotzhaltung abgebrüht und cool.

Die Pop-Industrie hat das kommerzielle Potential des Slackers als Produkt schnell erkannt und sein Image gnadenlos ausgeschlachtet. Letztlich war der Slacker mit seiner antineoliberalen Haltung im neoliberalen Popgeschäft von vornherein zum Scheitern verurteilt. Heute scheint der Müßiggänger nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen.

Aktivisten und Polit-Popper dominieren heute

Aktuelle Popmusik hat sich stark dem Aktivismus verschrieben. Es geht zum Beispiel um "Empowerment", also "Selbstermächtigung". Das Gegebene nicht zu akzeptieren. Sogar Bands, die primär nicht als politisch gelten, können mobilisieren – und dazu müssen sie nicht mal selbst den Anstoß geben. Bestes Beispiel die koreanische Boyband BTS, deren Fans Trump boykottierten. Demgegenüber steht der Slacker für Resignation.

Trotzdem ist der Slacker im Pop noch nicht ganz verschwunden. Er gehört zu den skurrilen Erscheinungen des Pop-Kabinetts wie ein Mac DeMarco, ein Kurt Vile oder eine Courtney Barnett. Selbst wenn DeMarco sagt, dass er nicht mal wüsste, was mit dem Begriff "Slacker" gemeint ist. Er kokettiert ja doch mit dem Image des coolen Faulenzers, der zugekifft in den Tag hineinlebt.

Nur wirkt so einer neben Polit-Poppern wie Beyoncé & Co. wie ein müder Schluck Wasser in der Kurve. Der Slacker hat sich überlebt, er ist heute nur noch eine leere Pose.

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