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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.07.2015

Sterbendes BergdorfWie Ostana im Piemont zu neuem Leben erwachte

Von Jan-Christoph Kitzler

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Bergsee bei Pian del Re am Monte Viso - Piemont, Italien (imago / Kickner)
Bergsee bei Pian del Re am Monte Viso - Piemont, Italien (imago / Kickner)

Jetzt gibt es sogar wieder Kinder! Das gehört zu den Erfolgsmeldungen des Bürgermeisters von Ostana. Das kleine Bergdorf in den italienischen Alpen schrumpfte auf eine Handvoll Einwohner. Doch dann sorgten Aussteiger und EU-Hilfen für neues Leben - auf 1300 Meter im Schnee.

Man muss ein ganzes Stück fahren. Von Turin geht es immer nach Westen in Richtung Quelle des Po, immer weiter aufwärts. Der gewaltige Fluss, der einen großen Teil Norditaliens prägt, ist hier eher ein Gebirgsbach. Oben im Po-Tal unter dem mächtigen Gipfel des Monte Viso liegt Ostana. Ein Dorf, etwa 1300 Meter hoch, das schon im Sterben lag, erzählt Giacomo Lombardo, der Bürgermeister:

"Vor 100 Jahren hatte Ostana 1300 Einwohner, der Erste und der Zweite Weltkrieg haben viele Jungs geholt. Und dann war FIAT so eine Art Dritter Weltkrieg, fast wie die anderen. Jede Woche ist eine Familie abgehauen, nach Frankreich, ins Tal oder zu FIAT. Und so hatten wir in den 80er, 90er Jahren nur noch fünf Einwohner."

1985 schon haben sie den Kampf aufgenommen, schon allein um nicht zu enden wie viele andere Bergdörfer, oder wie Oncino. Gegenüber, auf der anderen Seite des Tals gab es einst mehr Einwohner als in Ostana. Aber jetzt wohnen dort nur noch ein paar Alte.

Aus fünf Einwohnern wurden 35, darunter auch Kinder

35 Bürger leben ständig in Ostana, darunter mehr als eine Handvoll Kinder – am Wochenende und im Sommer werden es bis zu 150. Und der über 70-jährige Bürgermeister ist ein viel beschäftigter Mann – ständig klingelt sein Telefon, ständig ist etwas zu organisieren.

"Weißt du, was einen guten Bürgermeister ausmacht? Er nutzt die Intelligenz der anderen. Wenn du jemanden triffst, der fähig ist und auf deiner Wellenlänge und sich gerne einbringt, nutzt du das. Und so nutzt du die Ideen der anderen, die in deinen Plan passen."

Und in Ostana hat das ziemlich gut geklappt. Zum Beispiel im Fall von Silvia Rovere. Zehn Jahre hat die junge Frau in Turin gelebt, hatte einen festen Job im öffentlichen Dienst. Doch vor ein paar Jahren ist sie hier gelandet – obwohl es eigentlich einen anderen Plan gab:

"Wir haben uns für die Leitung dieses Gasthauses beworben, da waren wir gerade dabei alle Dokumente zu sammeln, um ein Jahr ins französische Réunion zu gehen. Wir hatten also Lust, etwas zu verändern. Réunion wäre natürlich nur eine Laune für ein Jahr gewesen, dann wären wir zu unserem alten Leben zurückgekehrt. Dies hier war die Gelegenheit, unser Leben so richtig zu verändern. Nicht nur für ein Jahr, sondern länger. Und so haben wir der Insel mit dem klaren Wasser ciao gesagt und sind hier gelandet, in den Bergen auf 1300 Metern, im Schnee."

Ohne Silvia und ihre Familie gäbe es das Café nicht

"Wir", das sind ihr Mann, ein Spanier, und die beiden Töchter. Und sie sind keine Aussteiger im eigentlichen Sinne, sondern eher Einsteiger. Silvia und ihre Familie haben das Bergdorf verändert. Sie haben nicht nur das Gasthaus übernommen, in dem Wanderer unterkommen, da gibt es auch einen kleinen Laden, in dem regionale Produkte verkauft werden – und ein Café. Zwar gibt es immer noch die alten Ostanesi und die Zugereisten. Aber bei Silvia treffen sie sich – so einen Ort gab es in den letzten Jahren nicht:

"Wenn es ein Café gibt, gibt es ein Dorf. In einem Dorf ohne Café wissen die Leute nicht, wo sie sich treffen sollen. Die Menschen, die auch schon vor uns hier gelebt haben, das ganze Jahr über, haben sich plötzlich getroffen. Sie hatten vielleicht schon Jahre in diesem winzigen Dorf mit 30 Seelen gelebt, doch sie hatten keine engen Beziehungen. Jetzt treffen sie sich am Tresen, nehmen einen Kaffee oder einen Aperitif, schwatzen und kommen sich näher."

Und dann organisieren sie Essen, Konzerte, Ausstellungen. Es gibt nicht wenige hier, die meinen, dass Ostana durch Silvia und ihre Familie lebenswerter geworden ist.

"Jetzt gibt es eine Sache mehr: Einen Ort, wo man draußen essen kann, wo die Kinder spielen können. Im Winter gibt es einen Ort, wo du warten kannst, bis der Ofen dein Haus aufwärmt. Und dann organisieren wir fast jedes Wochenende irgendetwas. Die, die samstags oder sonntags kommen, wissen, dass in Ostana etwas los sein wird."

Viel, vielleicht alles liegt, an den Menschen hier – die sich engagieren. Aber Giacomo Lombardi, der Bürgermeister, hatte auch schon früh einen Plan. Und er hat eine Mannschaft zusammengetrommelt, um ihn umzusetzen. Hilfe kam auch von außen – zum Beispiel von UNCEM, einem Verband, der sich für die italienischen Bergdörfer einsetzt. Marco Bussone weiß natürlich, dass Ostana ein leuchtendes Beispiel ist – und seiner Meinung nach sollte es Schule machen.

Die Stärken: Landschaft, Umwelt und architektonisches Erbe

"Die Gemeindeverwaltung hat gemeinsam mit den Menschen verstanden, wozu das Gebiet berufen war, hat auf die Stärken gesetzt: die Landschaft, die Umwelt, das architektonische Erbe, das wieder ausgebaut werden muss, und hat beschlossen auf diese Güter zu setzen, um neue Arbeitsplätze und Ressourcen zu schaffen. Die Stadt bietet keine Möglichkeiten mehr, die Berge hingegen wieder viele."

Und trotzdem gibt es allein im Piemont fast 5000 verlassene Häuser und Ruinen. In kleinen Dörfern hoch oben in den Bergen. Mit EU-Geldern konnte man einig von ihnen retten. Aber für viele gibt es nur wenig Hoffnung. Der Verband UNCEM greift deshalb schon seit letztem Jahr zu einem ungewöhnlichen Mittel: drei Mal schon hat man ein ganzes Dorf auf Ebay angeboten. Zuletzt im Val Chisone: acht Gebäude, 7500 Quadratmeter Land für 180.000 Euro.

Das waren keine Provokationen. Denn die Dörfer gibt es, sie stehen zum Verkauf. Es gibt Privatleute, die verkaufen wollen und sich zusammengetan haben. Wir haben durch die Aktion ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen, die dazu führt, dass wir und die Region sich noch mehr anstrengen müssen. Wir haben auch dem Umweltministerium und dem für wirtschaftliche Entwicklung gesagt, dass sie sich um dieses Thema kümmern müssen. Ostana beweist, dass es Ergebnisse gibt, wenn es einen politischen Willen gibt - zum Vorteil aller.

Idyllisch rauscht der Bach. Aber auch in Ostana ist der bescheidene Erfolg nicht vom Himmel gefallen. Zuerst ging es darum, das Dorf als Ganzes zu erhalten, wieder aufzubauen, Bausünden zu verhindern. Dafür haben sie Millionensummen eingeworben. Unten im Dorf entsteht gerade ein Wellnesszentrum, das mit einer Million gefördert wird. Weiter oben wird an einem Gemeindezentrum gebaut – hier ist noch mehr Platz für Gäste, Seminare sollen stattfinden für junge Leute, Konzerte, Theater. Unten gibt es einen Kletterpark, und eine Kletterwand zum Trainieren. Die Mauer, die man dafür bauen musste stützt gleichzeitig die Straße ab. 50.000 Euro bekommt Bürgermeister Lombardo im Jahr vom italienischen Staat. Etwas mehr, als die kommunale Angestellte kostet, die sich um die Verwaltung kümmert. Das, was hier im Piemont wächst, entsteht in Eigenregie.

"Das Zeitalter der alten Fabriken ist vorbei"

Der schlaue Bürgermeister mit der Baskenmütze hat viele Mitstreiter – aber von Italien erwartet er nichts:

"Was mir nicht gefällt ist, dass sie nicht kapieren, dass wir kein Problem sind, sondern ein Reichtum für dieses Land. Das Schmuckstück, das wir in Italien in der Hand haben ist die Landschaft, die Kunst, die Umwelt. Das ist unsere echte Fabrik. Das Zeitalter der alten Fabriken ist vorbei, FIAT kommt nicht wieder, sie werden Autos bauen, wo die Arbeit nichts kostet."

Und deshalb sind die Menschen, die kommen, das Geheimnis des Erfolges. Vermutlich wäre es nicht so schwer, jetzt wo das Dorf in Schuss ist, ein Haus nach dem Anderen als Ferienhäuser zu verkaufen. Dann kämen wohlhabende Turiner an den Wochenenden ein paar Mal im Jahr und würden ansonsten keine großen Spuren hinterlassen. Aber weil das nicht sein soll, ist der Bürgermeister vor allem Manager der Gemeinschaft. Er kümmert sich darum, was zum Dorf passt, welcher neue Mitbürger ein Gewinn für die Gemeinschaft wäre.

"Wir haben versucht, die zu filtern, die von außen kamen. Denn für uns ist es nicht interessant, wenn Menschen herkommen und niemanden kennen. Wenn die nur in ihrem Haus leben und vielleicht Freunde treffen, die zu Besuch kommen. Uns interessieren Leute, die an der Gemeinschaft teilnehmen. Wenn sie herkommen und sagen: 'Ich würde...', dann sage ich: Wir wollen Leute, die nicht nur kommen, um es sich in ihren Häusern gut gehen zu lassen, sondern die Teil der Gemeinschaft sind."

Interessenten gibt es mehrere: eine Frau will hier Heilkräuter anbauen, ein junger Mann Landwirtschaft betreiben. Im neuen Wellnesszentrum wäre Platz für einen Handwerker, zum Beispiel einen Schreiner. Jeder neue Job ist ein Kampf, sagt Lombardo, der Bürgermeister. Und: dass man die piemonteser Alpen nicht gleich wieder bevölkern will. Aber etwa 150 Menschen könnten hier in Ostana schon dauerhaft leben. Und so kämpfen sie hier um jeden. Eine junge Frau, die eigentlich wegziehen wollte, wird nun wohl doch bleiben, weil sie ihr eine Perspektive gezeigt haben.

Lebenstraum des Bürgermeisters: eine Geburt in Ostana 

Vor ein paar Jahren war Lombardo noch besorgt um Ostana, das Dorf, in dem seine Familie schon seit dem 15. Jahrhundert lebt. Inzwischen weiß er: Die Jungen, die hierher gekommen sind, können es schaffen, die Gemeinschaft am Leben zu halten. Nur einen Traum hat er: dass in einem der Häuser mal wieder ein Kind geboren wird, so wie früher:

"Das wird ein Fest! Wir betrinken uns dann eine Woche lang. Wir haben junge Mädchen. Am Samstag verheirate ich eine, und dann fordere sie immer auf und sage: nicht dass das dabei bleibt! Das wäre ein Zeichen der Wiedergeburt. Ein gewonnener Krieg, nicht nur eine Schlacht."

Das es klappen kann, dafür steht Silvia Rovere, obwohl ihre Kinder nicht hier geboren wurden. Sie hat hier investiert, sie und ihre Familie fühlen sich als Ostanesi. Silvia ist gekommen, um zu bleiben, auch, weil man hier oben in den Bergen noch etwas bewegen kann. Und das ist viel mehr als ein bloßes Investment:

"Es ist nicht das Dorf an sich, das etwas bietet. Man muss Leute finden, die Lust haben, etwas zu verändern: das Konsumverhalten, das Leben. Alle fragen uns, was uns hier fehlt. Wir antworten immer: nichts, wir haben wahrscheinlich mehr als früher. Allerdings gibt es kein Kino, ich lebe ohne Kino, aber wenn ich morgens aufstehe und nach draußen gucke, dann lächel' ich."

Und das entschädigt auch dafür, dass es manchmal sehr anstrengend ist. Denn ein Bergdorf zu retten, das im Sterben lag, ist keine Kleinigkeit, sondern Schwerstarbeit.

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