Samstag, 16.02.2019
 

Zeitfragen | Beitrag vom 04.02.2019

SterbebegleitungAllein sollst du nicht gehen

Gedanken von Bettina Conradi

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Zwei Hände greifen sich (chromorange / dpa)
"Über meine Hand versuche ich zu vermitteln: Es ist gut so." (chromorange / dpa)

Als Krankenschwester hat Bettina Conradi viele Menschen beim Sterben begleitet, die Hand gehalten, ihnen die Augen geschlossen. "Für jemanden hört die Welt auf. Einfach so. Daran gewöhne ich mich nie", schreibt sie in ihren persönlichen Gedanken zum Tod.

Oft sind es drei in einer Woche oder drei kurz hintereinander: drei Tote.
Das klingt wie Krankenschwesternmetaphysik, hat empirisch aber einen gewissen Bestand. Seltsam.

Über meine Hand versuche ich zu vermitteln: Es ist gut so, es ist ruhig, es ist okay. Wenn du das Leben loslässt, kannst du gehen. Ich versuche, da zu sein, so sehr ich kann und dabei doch unsichtbar zu bleiben, so unaufdringlich wie möglich. Es ist dein Sterben, dein Tod. Wer bin ich, Fremde, in weißer Arbeitskleidung, dass ich in dieser persönlichen, einzigartigen Situation an deiner Seite sitze. Aber allein sollst du nicht sein. Das ist, was wir versuchen. Abwesende Anwesenheit. Den nächsten Schritt gehst du allein.

Vielleicht das Fenster öffnen? Damit die Seele raus kann, sagte eine Kollegin in meiner Ausbildungszeit. Manchmal schien es genau das zu sein, was jemandem das Sterben ermöglichte. Ein kleiner Luftzug vielleicht, eine kleine Veränderung im Raum?

Eben waren wir noch zu zweit

Atempause oder Ende? Hat er es geschafft? Der Unterschied zwischen der Pause und dem Ende: Am Ende ist der letzte Atemzug gemacht.

Eben waren wir noch zu zweit im Raum. Nun bin ich allein. Diese Stille kann man jetzt hören. Ich schließe deine Augen. Das ist viel schwieriger, als es in Filmen aussieht.

Existenz – Nicht-Existenz. Für jemanden hört die Welt auf. Einfach so. So einfach. So trivial. Daran gewöhne ich mich nie. Von einem Moment auf den anderen sind wir nicht mehr da.

"Jetzt ist sie frei"

Dann: Medizinisches entfernen, das Material der letzten Zeit. Braunülen, Katheter, Schläuche. Wenn Angehörige im Raum waren, hat mir das geholfen, mich weniger hilflos zu fühlen. "Wir können jetzt alles abmachen, jetzt ist sie frei", habe ich oft gesagt und habe das auch selbst geglaubt.

Wir waschen Gesicht und den Körper ein letztes Mal, kämmen das Haar, tauschen den Schlafanzug gegen ein Patienten-Nachthemd, das wir nur auflegen.  Knoten ein vorbereitetes Fußkärtchen mit dem Namen am rechten Knöchel fest. Oder war es links?

Oft werden wir sehr vertraut mit den Patienten, teilen den Krankenhausalltag über Tage, Wochen, Monate, Jahre: Reden, denken, bangen, lachen gemeinsam und manchmal weinen wir mit ihnen.

Die letzten Habseligkeiten - Fotos, Bonbons, der Ehering

Meine Kollegin und ich packen die Sachen im Zimmer zusammen. Das machen wir immer dann, wenn keine Angehörigen oder Freunde in der Nähe sind, die das erledigen würden. Wir räumen auf. Manchmal liegt der Verstorbene noch da, während wir packen. Dann ist die Stimmung unter uns Kollegen leise, verhalten, respektvoll. Gepackt wird immer zu zweit.

Jetzt öffnen wir die Nachtschrank-Schublade. Ohne zu fragen: Glücksbringer an Draht, Mitbringsel, die in den Blumen von der Gärtnerei an der Ecke steckten. Ein Schornsteinfeger, ein rosa Schweinchen. Eine Portemonnaie, Bonbons, angefangene Schokolade, dazwischen Fotos vom Leben, von Kindern, von früher. Einmal ein Bild von der verstorbenen Ehefrau. Jetzt seid ihr wieder gleich.

Ich bin immer ein bisschen beklommen, wenn ich die persönliche Zeit von jemandem in eine Tüte stecke, oder Eheringe. Was verpackt wird, notieren wir auf einem Vordruck. Am Ende unterschreiben wir ihn.

Eine Batterieladung kann ein Leben überdauern

Wenn keine Taschen oder Koffer da sind, packen wir die Habseligkeiten in weiße Tüten: Fest, weiß, mit Clip-Verschluss wie Kühltaschen aus dem Supermarkt, in denen man im Sommer Eis nach Hause trägt. Material für die Ewigkeit. Die Tüten verrotten nicht. In großen blauen Buchstaben steht darauf "Patienteneigentum", darunter ein Feld für einen Namen. So war das bei uns auf der Station.

"Ach Betti, was tut man da schon rein in die Tüten", sagt meine geliebte Kollegin Bianka als ich sie danach frage, "meist sind es doch nur verschwitzte Kissen". Sie hat Recht. Der Tod ist dreckig. Verschwitzte Kissen und schmutzige Wäsche. Zahnersatz, eine abgewetzte Armprothese aus dem vorigen Jahrtausend. Reste.

Sind die glänzenden weißen Plastiktüten gepackt, warten sie darauf, abgeholt zu werden. Ganze Tüteninstallationen, die wochenlang im Dienstzimmer stehen. 

Ich sitze am Schreibtisch und bereite Kurven vor, der Doktor braucht was aus dem Medikamentenschrank, verschiebt die Tüten, um ihn zu öffnen. Plötzlich hören wir eine künstliche Stimme: "Zwölf Uhr achtundzwanzig." Es spricht aus der Tüte. Wir schrecken auf. – Und müssen lachen: Die verstorbene Patientin hatte eine sprechende Uhr, die auf Berührung hin die Zeit ansagte. Wir lachen und sind doch beklommen.

Eine Batterieladung kann ein Leben überdauern und eine Zeitansage die persönliche Zeit. Wer vermutet das schon beim Wechseln von Batterien.
 

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