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Studio 9 | Beitrag vom 06.01.2018

Sterbebegleiter Klaus Kohler"Jemand stirbt - und man ist einfach dabei"

Von Sandra Löhr

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Intensives Berühren und Streicheln der Hände eines alten Menschen. (dpa / Hans Wiedl)
Ehrenamtliche Helfer geben Sterbenden in ihren letzten Wochen liebevolle Zuwendung. (dpa / Hans Wiedl)

Tagsüber arbeitet Klaus Kohler als Headhunter und ist im Beruf auf Ergebnisse und Effizienz gepolt. Nach Feierabend jedoch engagiert er sich als ehrenamtliche Sterbebegleiter. Was brachte Kohler dazu, sich freiwillig mit dem Tod beschäftigen und todkranke Menschen zu begleiten?

Klaus Kohler: "Hallo, ich bin‘s. Klaus Kohler."

Stimme: "Schönen guten Tach."

Ein Sommernachmittag im Berliner Hospiz- und Pflegeheim Lazarus. Klaus Kohler, Mitte Vierzig, dunkle Haare, gewinnendes Lächeln, betritt ein Krankenzimmer. An seinem hellen Leinen-Shirt trägt er ein Namensschild: Ehrenamtlicher Sterbebegleiter steht dort. Seit einigen Monaten besucht er hier regelmäßig Barbara Remky. Die Siebzigjährige ist unheilbar an Bauchspeicheldrüsen-Krebs erkrankt, sitzt im Rollstuhl, hat Probleme beim Sprechen.

Kohler: "Wie geht es dir denn jetzt mit dem Hals, hast du Schmerzen?"

Remky: "Mhm?"

Kohler: "Hast du Schmerzen beim Sprechen?"

Remky: "Jaja, ich hab vorher Eis gelutscht…"    

(Deutschlandradio/Sandra Löhr)Ehrenamtlich begleitet Klaus Kohler in Berlin sterbende Menschen, unter anderem im Hospiz Lazarus. (Deutschlandradio/Sandra Löhr)
Die beiden sitzen vor einem großen Altbau-Fenster, das die warme Luft hereinlässt und schauen auf den idyllischen Hinterhofgarten. Ein Moment der Ruhe, der im Kontrast zu Klaus Kohlers beruflichem Leben steht: Er ist Headhunter, Personalberater, sucht für deutsche Firmen Mitarbeiter im Ausland.

"Ich hatte mich vorher schon ehrenamtlich engagiert. Und zwar als Berater, Begleiter für Langzeitarbeitslose. Und das war eine ehrenamtliche Tätigkeit, die im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Personalberater steht. Es geht um Job und um Jobsuche. Aber die ehrenamtliche Tätigkeit als Palliativbegleiter ist ja etwas ganz anderes. Man ist im Grunde nur da und begleitet jemanden.

Krankheit und Tod kommen in seinem Leben  sonst nicht vor

Klaus Kohler ist verheiratet und hat einen fünfjährigen Sohn. Mit ihm und seiner Frau lebt er im Bezirk Mitte - nur zehn Gehminuten vom Lazarus-Heim entfernt. In seiner Freizeit macht er Yoga, geht gerne ins Theater und ins Kino. Ein Leben, in dem Krankheit und Tod noch nicht vorkommen.  

"Ich habe die Tätigkeit des Sterbebegleiters nicht unbedingt als Kontrast gesucht. Es ist etwas ganz eigenes, unabhängig von meinem Beruf. Es ist im Grunde genommen die einfache Suche nach der Realität. Ich merke, dass das diskutiert wird in der Gesellschaft, dass es etwas ganz Besonderes ist. Das zeigt, wie tabuisiert es ist. Dabei ist es im Grunde ganz einfach, das haben Menschen zu allen Zeiten schon immer gemacht: Jemand stirbt - und man ist einfach dabei."

Anfang 2016 hörte er zufällig von der Möglichkeit, sich in einem Kurs als ehrenamtlicher Sterbebegleiter ausbilden zu lassen. In dem knapp einjährigen Kurs lernte er dann aber nicht nur etwas über Sterbeprozesse und palliative Medizin, sondern vor allem: sich zu öffnen für den sterbenden Menschen, mal nicht auf Effizienz und Ergebnisse zu schauen.

"Das Leben berührt man am besten, wenn man sich mit dem Ende beschäftigt, mit dem Tod. Der jeden ereilen wird. Wenn man es erlebt, und jemanden, der stirbt in die Augen schaut, dann erlebt man etwas, was grundsätzlich anders ist. Nämlich dass wir keine Rollen haben. Dass wir nicht voneinander getrennt sind, sondern, dass man etwas sieht, was verbindet. Und das ist etwas, was man in der Arbeitswelt in der Regel so nicht erlebt."

Barbara Remky: …und was man im Leben alles so gemacht hat…. Ach wegen dieser Stimmsache.

Klaus Kohler: "Soll ich dir ein Wasser organisieren?"

Barbara Remky: "Ja. Ach, Klaus, hier steht eine Karaffe und ein Glas."

Klaus Kohler: Alles klar

Angehörigen fehlt oft die Zeit für lange Gespräche

Klaus Kohler steht auf und schenkt Barbara Remky ein Glas Wasser ein. Dann hört er weiter zu, was sie ihm über ihr Leben erzählt. Manchmal schweigen sie auch zusammen. In der ehrenamtlichen Sterbebegleitung geht es genau darum: da sein und zuhören. Denn oft reicht die Zeit der Angehörigen oder des Pflegepersonals nicht für lange Gespräche oder das Aushalten des mitunter langen Sterbeprozesses.

"Das kann man im Grunde genommen üben, wie viele andere Dinge auch. Weil es eigentlich in uns allen angelegt ist, zu erkennen, dass das nichts Dramatisches ist. Sondern dass das was ist, was uns alle erwartet: Dass wir irgendwann den Körper abgeben. Von daher ist die Hürde erstaunlich gering, sich mit dem Tod zu beschäftigen, es ist sehr einfach und man bekommt sehr viel zurück. Und es ist tatsächlich auch eine sehr schöne Tätigkeit."

Mittlerweile ist es früher Abend geworden. Das Pflegepersonal bereitet in der Küche den Abendbrotwagen vor.

Klaus Kohler: "Sollen wir noch gleich nach draußen?"

"Mhm?"

"Sollen wir noch ein bisschen nach draußen?"

"Nee."

"Okay, alles klar, alles gut."

Für heute ist der Besuch beendet. In ein paar Tagen wird Klaus Kohler wiederkommen, auch wenn es Barbara Remky schlechter gehen wird und sie sich vielleicht nicht mehr unterhalten können. Er wird wiederkommen, einfach da sein. Bis zum Ende.

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