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Buchkritik | Beitrag vom 29.11.2018

Stephen King: „Erhebung“ Ein hochpolitisches Weihnachtsmärchen

Von Irene Binal

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Cover von Stephen Kings Roman "Erhebung". Im Hintergrund ist ein bedrohlich wirkender Mann mit Baseballschläger zu sehen, der Eine bösartige Clownsartige-Maske trägt und eine US-Flagge um die Schultern gelegt hat.  (Heyne / Unsplash /  Michael (Mikey))
In Stephen Kings Roman begreift Scott nach und nach, wie feindselig sich die Einwohner in Castle Rock gegenüberstehen – und will sie versöhnen. (Heyne / Unsplash / Michael (Mikey))

In Stephen Kings neuem Roman "Erhebung" geht es um einen Mann, der auf rätselhafte Weise Gewicht verliert und angesichts seines bevorstehenden Todes eine gespaltene Kleinstadt versöhnen will. Sie dient King als Spiegel für ganz Amerika.

Scott Carey hat ein Problem: Äußerlich ist ihm nichts anzumerken, er wirkt weiterhin übergewichtig, aber er nimmt Tag für Tag zwei bis drei Kilo ab. Seltsam ist allerdings: Wenn er sich neuerlich auf die Waage stellt, dann wird zwar das schwindende Gewicht angezeigt, das wiederum verändert sich aber nicht, wenn er beispielsweise eine Hantel dazu nimmt oder die Kleidung ablegt. Am folgenden Tag fehlen dann weitere Kilo.

Kleinkrieg mit den Nachbarn

Irritiert vertraut sich Scott seinem Freund Bob an, einem Mediziner im Ruhestand, der für das seltsame Phänomen auch keine Erklärung hat. Gleichzeitig stolpert Scott in einen Kleinkrieg mit seinen Nachbarinnen Deirdre und Missy, deren Hunde ihr Geschäft in seinem Vorgarten verrichten und die als lesbisches, verheiratetes Paar einen schweren Stand in der streng republikanischen Kleinstadt Castle Rock haben: Sie werden angefeindet und die Einheimischen meiden ihr kürzlich eröffnetes Restaurant, in das sie so große Hoffnungen gesetzt hatten.

Subtiler Horror

Eigentlich würde man von Stephen King Gruseligeres erwarten: Monster zum Beispiel, die grauenvolle Morde begehen, so wie in seinem letzten Roman "Outsider" oder zumindest eine spannende Thrillerhandlung mit leicht übernatürlichem Einschlag. Aber der Meister des Horrors kann auch anders: "Erhebung" ist eine zarte, kleine Geschichte aus Castle Rock, jener Stadt, in der King bereits mehrere Romane und Erzählungen angesiedelt hat, eine Geschichte, in der es um Vorurteile geht, um die Frage, was der Einzelne dagegen tun kann, und um Freundschaft und Zusammenhalt.

Aussöhnung vor dem Tod

Nach und nach begreift Scott, wie feindselig die Einwohner von Castle Rock Missy und Deirdre gegenüberstehen, und weil er immer schneller an Gewicht verliert und sich ausrechnet, dass er bald gänzlich bei Null angekommen sein – und dann wohl sterben – wird, will er sich mit seinen Nachbarinnen aussöhnen und ihnen helfen. Die Gelegenheit dafür bietet sich beim traditionellen "Turkey Trot", einem 12-Kilometer-Lauf, an dem Scott angesichts seiner neuen Leichtigkeit teilnimmt und bei dem er mit der ehemaligen Leistungssportlerin Deirdre eine gewagte Wette abschließt.

Ein moderner Ritter

Das Übernatürliche spielt in Kings Novelle nur am Rande eine Rolle, in Form von Scotts unerklärlichem Gewichtsverlust, aber tatsächlich zielt der Autor auf etwas anderes ab: Scott wird zu einer Art modernem Ritter, der (durchaus erfolgreich) gegen Intoleranz und Ausgrenzung eintritt, und das mag zwar ein wenig naiv erscheinen, ist jedoch hochpolitisch. Castle Rock dient King als Spiegel für die ganze USA. Und obwohl Donald Trump nur zweimal direkt erwähnt wird, geht es doch indirekt auch um ihn: um die Spaltung des Landes und die wuchernden Vorurteile gegen das Andersartige.

Und da King seine Erzählung um Weihnachten herum angesiedelt hat, kann man sie getrost als etwas verfrühtes Weihnachtsmärchen lesen: Als weihnachtliche Erinnerung daran, dass Dinge sich verändern können – und dass jeder einzelne in seinem Umfeld mehr erreichen kann, als er vielleicht glauben mag.

Stephen King: "Erhebung"
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne, München 2018 
144 Seiten, 12 Euro

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