Stephen Grosz: "Die unbewusste Sprache der Liebe"

Auf der Suche nach der erlösenden Einsicht

05:54 Minuten
Buchcover von Stephen Grosz: "Die unbewusste Sprache der Liebe".
© S. FISCHER

Stephen Grosz

Übersetzt von Bernhard Robben

Die unbewusste Sprache der Liebe. Wie wir uns binden und uns selbst verstehen könnenS. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2025

208 Seiten

24,00 Euro

Von Andrea Gerk |
Audio herunterladen
Von der Macht der Worte: Der in London praktizierende Psychoanalytiker Stephen Grosz erzählt in seinem neuen Buch Patientengeschichten, die erhellen und inspirieren können.
Seit rund 30 Jahren arbeitet Stephen Grosz als Psychoanalytiker in London, er bildet Kolleginnen und Kollegen aus und lehrt am dortigen University College und anderen Universitäten. Sein erstes Buch „Die Frau, die nicht lieben wollte und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“ erschien vor zwölf Jahren und wurde zu einem internationalen Bestseller.
In seinem neuen Buch nimmt der erfahrene Therapeut seine Leser erneut mit in sein normalerweise streng verschlossenes Behandlungszimmer und lässt sie teilhaben an den herausfordernden, oft schmerzhaften Prozessen, die seine Patienten mit ihm gemeinsam durchlaufen.

Angst, Unterwäsche und Überwachungskameras

Da ist die Kunstredakteurin Sofie, die ihn überraschend um einen Termin bittet, weil sie es nicht schafft, die 150 Einladungen zu ihrer Hochzeit abzuschicken. Sie hat, wie sich im Laufe der Analyse herausstellt, Angst, mit der Gründung einer eigenen Familie die ihrer Kindheit – also die Ehe der Eltern - zu zerstören.
Ein anderer Patient ist der Mathematikdozent Ravi, der die Unterwäsche seiner Frau durchsucht und Buch führt über die Anzahl der Schamhaare, die er darin findet. Sind es mehr als eins, leitet er daraus ab, dass sie ihn betrügt, weigert sich aber zugleich, die Aufnahmen einer Überwachungskamera zu sichten, die seine Befürchtungen bestätigen könnte.
Oder eine ehemalige Nonne, die gemeinsam mit Stephan Grosz herausfindet, dass ihre unbewusste Angst vor einer Schwangerschaft sie in die Abgeschiedenheit des Klosters getrieben hat. Ihre Furcht löst sich während der Analyse langsam auf.

Die eigentliche Geschichte hinter der Geschichte

Die Fallstudien, aus denen die persönlichen Daten der Patienten entfernt oder stark verändert wurden, lesen sich wie Kriminalgeschichten. Darin kommt es häufig auf winzige Details an, und auch einzelne Formulierungen können zu tiefgreifenden, oft befreienden Veränderungen führen. Schließlich ist das auch eine Idee der Psychoanalyse: Durch die Neuerzählung eines erlittenen Traumas - beziehungsweise die Aufdeckung der eigentlichen Geschichte hinter der offiziellen Geschichte - Leid zu überwinden.
Was manche Kritiker der Psychoanalyse vorwerfen, nämlich dass sie keine Wissenschaft sei, sondern eine Art von Literatur, brachte schon ihr Erfinder Sigmund Freud auf den Punkt, als er notierte: „Es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind.“

Grosz kann es mit Sacks und Yalom aufnehmen

Stephen Grosz' Buch steht in dieser Tradition - und er kann es mit berühmten Vorläufern wie den Fallstudien des prominenten Neurologen Oliver Sacks oder den Mega-Bestsellern des Psychotherapeuten Irvin Yalom aufnehmen. Empathisch und nüchtern zugleich begleitet Grosz seine Patienten bei dem oft langwierigen Prozess, sich selbst und ihre Motive klarer sehen zu können, ohne sie jemals als bizarre Freaks dazustellen.
Vielmehr handelt sein Buch nicht zuletzt von der Macht der Worte, ist doch das Heilmittel der Kulturtechnik Psychoanalyse die Sprache. „Um das Licht zu sehen, muss man in die Dunkelheit hinabsteigen“, schreibt Grosz. Es ist ausgesprochen erhellend und anregend, an diesem auch geheimnisvollen Prozess teilhaben zu dürfen.
Mehr zu Psychoanalyse