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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.03.2011

Stell Dir vor, es ist Krieg

Janne Teller: "Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier", Carl Hanser Verlag, München 2011, 62 Seiten

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Stell dir vor, es wär Krieg... (AP)
Stell dir vor, es wär Krieg... (AP)

Durch ihr Jugendbuch "Nichts. Was im Leben wichtig ist" wurde die dänische Schriftstellerin Janne Teller schlagartig bekannt. Nun erscheint "Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier" auf Deutsch. Teller hat jahrelang für die UN Friedensarbeit geleistet und weiß, wovon sie erzählt.

Es ist Krieg in Europa, in Deutschland herrschen Hunger, Kälte, Angst und Diktatur. Eine Familie geht fast zugrunde, denn der Vater ist geflohen, die Mutter todkrank, der Bruder im Untergrund und die Schwester des namenlosen Protagonisten noch klein. Nach drei schlimmen Jahren beantragen die Mutter und ihre Kinder Asyl und reisen aus nach Ägypten, wo Friede herrscht und Freiheit. Doch obwohl sie nun mit dem Vater zusammen und in Sicherheit sind, ist das Glück fern: Mit der Heimat haben die Emigranten ihren sozialen Status, Ihrer Arbeit und Sprache, ihre Freunde und ihr Selbstbewusstsein verloren, auch nach Jahren bleibt es ein trostloses Leben zwischen den Welten.

Janne Tellers neuem Jugendbuch "Krieg" liegt wieder eine ebenso einfache wie geniale Idee zugrunde: Mit einem kleinen Dreh stellt die Autorin unsere Alltagswirklichkeit auf den Kopf und zwingt uns, in einen hässlichen Zerrspiegel zu schauen: Die kriegsgeschüttelten Europäer bitten um Asyl, die arroganten Ägypter – welche Aktualität! – nehmen sie widerwillig auf. Ein Gedankenexperiment, das den bösen Spieß umdreht! Eine Konstruktion, die junge Leser quasi zur Identifikation zwingt. Und schließlich ein Appell für humanes Handeln hier und heute.

So weit, so gut gemeint. Denn "Krieg" ist weder Roman noch Erzählung, sondern eine Art Vortrag oder Vor-Schlag: Stell Dir vor, was passiert, wenn! Knapp und nüchtern im Ton, sehr kurz und rein faktenorientiert wirkt das Buch fast wie eine Drohung. Dieser Eindruck entsteht nicht nur aus der strengen Sachlichkeit, sondern vor allem aus der ungewöhnlichen Erzählhaltung des Textes. Denn er ist nicht in der Ich- oder Er-Form erzählt, sondern in der ungewöhnlichen Du-Perspektive. Sie spricht den Leser direkt an, drängt ihn in die Rolle des Betroffenen.

"Du bist noch unversehrt, aber du hast Angst. Morgens, mittags, abends, nachts."

Das fiktive Erzähler-Ich diktiert dem fiktiven Du seine grausamen Lebensbedingungen, zwingt den Leser zur Identifikation und lässt ihn die Geschichte quasi am eigenen Leib durchleben. Doch das Kalkül geht nicht auf: der Leser sperrt sich gegen die Zumutung und entzieht sich.

Intensiv und dramatisch sind die – für ein Jugendbuch - ungewöhnlich vielen und zum Teil seitenfüllenden Illustrationen! Helle Vibeke Jensen übermalt verschwommen-geheimnisvolle Fotos, setzt eindringliche Akzente mit verloren wirkenden Figuren, die sie zu grafischen Mustern zusammenstellt. Mitten in der Masse sind diese Strich-Männchen einsam. Diese Bilder sind surreal und abstrakt zugleich und erinnern an die Werke bekannter Pop-Künstler.

Wer im Nachwort liest, dass "Krieg" ursprünglich "als ein fiktiver Essay in einer Lehrerzeitschrift veröffentlicht" wurde, fühlt sich in seinem Eindruck bestätigt: Janne Teller möchte ihren jungen Lesern dieses Mal nichts erzählen, sondern ihnen etwas demonstrieren, nicht berichten, sondern beweisen. "Krieg" ist, mehr noch als "Nichts", ein politisches Buch - aber leider kein poetisches.

Besprochen von Sylvia Schwab

Janne Teller: Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler
Carl Hanser Verlag, München 2011
62 Seiten, 6,90 Euro

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