Seit 05:05 Uhr Studio 9

Freitag, 24.01.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 06.12.2019

Stelen mit Auschwitz-AscheZentrum für Politische Schönheit sorgt für Verwirrung

Von Sebastian Mantei

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. Das Objekt ist Teil eines Kunstwerkes der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit. Foto:  | Verwendung weltweit (picture alliance / Christophe Gateau)
In den Stelen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin soll sich Asche von in Auschwitz ermordeten Menschen befinden. Inzwischen ist die Aktion abgebaut. (picture alliance / Christophe Gateau)

Das Kollektiv "Zentrum für Politische Schönheit" soll Überreste von in Auschwitz ermordeten Menschen ausgestellt haben. Damit wollte es in einer künstlerischen Aktion vor einem politischen Rechtsruck warnen. Geblieben ist vor allem Verwirrung.

An der Stelle, wo Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, steht sie noch, die Stahlsäule, die nach Angaben des Zentrums für politische Schönheit Asche und Knochen von Toten der deutschen Vernichtungslager enthält. Die Stahlstele ist von einem Glasmodul unterbrochen, in dem die sterblichen Überreste von Kunstharz umschlossen für jedermann bis Mittwoch sichtbar waren. Nach der vielen Kritik verhüllten die Aktivisten das Sichtfenster zu den Überresten der Toten.

Die Stele in Sichtweite des Reichstagsgebäudes sollte die Bundespolitik mahnen, so Stefan Pelzer vom Zentrum für politische Schönheit im RBB:

"Wir wollen ein eindeutiges Zeichen setzen, an die CDU und CSU-Fraktion gerichtet, ganz klar machen, dass sie nicht wieder unsere Demokratie leichtfertig in die Hände von Faschisten legen dürfen. Und damit Verrat an der Demokratie begehen...es darf keine Zusammenarbeit mit der AfD geben."

Kunstaktion trifft auf Totenruhe

Die Aktivisten gaben zudem vor, diese Aktion mit dem Zentralrat der Juden abgestimmt zu haben, was dieser verneinte. Albert Meyer, Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden und ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin, erläutert seine Kritik und Sympathie:

"Ich habe für die Gruppe größte Sympathie. Aber, was da stattfindet, das betrifft mich schon sehr. Ich bin der Meinung, dass es sich hierbei um die Störung der Totenruhe handelt. Juden haben grundsätzlich ein anderes Verhältnis zu ihren Toten als Christen. Bei uns sind die Gräber auf ewig. Konzentrationslager sind Friedhöfe, und da macht man keine Bodenproben und findet plötzlich Knochen. Das ist ja als wenn einer von meinen Verwandten plötzlich auf dem Kaminsims stehen würde von irgendjemandem. Ich habe dafür überhaupt kein Verständnis."

Öffentliche Entschuldigung

Tatsächlich haben die Aktivisten in der Nähe von Auschwitz die Asche und Knochen aus einem Damm geholt, der aus den Überresten der Toten aufgeschüttet wurde. Weitere Überreste stammen aus einem See in der Nähe des Lagers, in den ebenfalls Asche von Holocaustopfern aus Auschwitz geschüttet wurde.

Das Zentrum für Politische Schönheit hat seine Konsequenzen gezogen und sich öffentlich entschuldigt. In der Stellungnahme heißt es:

"Wir verneigen uns vor den Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen. Unsere Arbeit, unser ganzes politisches und künstlerisches Handeln ist angetrieben von dem Entsetzen über die Verbrechen der Nationalsozialisten, deren Ziel es war, ihren Opfern jegliche Würde abzusprechen – über ihren Tod hinweg. Die Mörder haben sie jeder Individualität beraubt, außer der einen Eigenschaft, die sich ihnen nicht nehmen ließ: dass sie Menschen sind.

Wir bedauern aufrichtig, dass wir den zentralen Wirkungsaspekt unserer Arbeit nicht im Vorfeld erkannt haben. Als wir begannen, die Orte aufzusuchen, an denen wir die Überreste der Ermordeten vermuteten, waren wir überwältigt von dem Schrecken. Wir waren uns bewusst, dass wir die Gefühle vieler Menschen aufwühlen würden, wenn wir berichten, was wir vorgefunden haben."

Die Bundestagsfraktion von CDU und CSU wurde mit einem gefälschten Schreiben zum Denkmal eingeladen. Dazu wollte sich die Fraktion nicht äußern. Gleichwohl zeigte Matthias Hauer von der CDU Verständnis für das Ziel des Protests.

"Ich kann das nur politisch bewerten. Ich teile die Zielrichtung, die sich gegen die AfD richtet. Wir müssen sehr deutlich machen, dass die AfD nie Verantwortung in unserem Land übernehmen darf. Und da kommt uns natürlich als CDU eine große Verantwortung zu, das zu verhindern."

Orthodoxe Rabbiner bieten Hilfe an

Unterdessen hat der Antisemitismusbeauftrage der Bundesregierung gefordert, beim Abbau der Installation die jüdischen Religionsgesetze zu beachten. Auch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz und der Zentralrat der Juden teilen diese Befürchtung. Dennoch, so Albert Meyer vom Zentralrat, dankt er der aktivistischen Gruppe, die mit ihren Aktionen auf den immer stärker werdenden Antisemitismus aufmerksam macht und die Menschen wachrüttelt.

"Deswegen war mir diese Gruppe eigentlich auch sympathisch und ist mir auch weiterhin sympathisch. Die Aktion, die sie gegen Höcke vollzogen hat, das war schon ein großer künstlerischer Streich."

Das Zentrum für politische Schönheit hatte auf dem Nachbargrundstück des thüringischen AfD-Fraktionschefs einen Nachbau des Holocaustmahnmals von Berlin errichtet.

Kein Gegeneinander von Gleichgesinnten

In Berlin und anderen Gedenkorten wie Cottbus, Halle und Arnstadt hat das Zentrum für Politische Schönheiten seine Gedenkstelen verhüllt. Auch der für morgen geplante Zapfenstreich gegen die AfD an der Stele in Berlin wurde abgesagt mit der Begründung:

"Die Vorstellung, dass sich dort Menschen, die sonst auf einer Seite stehen, in Kundgebungen gegenüberstehen könnten, ist für uns nicht vorstellbar."

Aus der jüdischen Welt

Jüdische KaraitenOhne Rabbiner und Klagemauer
Lithographie, koloriert, von Auguste Raffet, zeigt Angehörige der jüdischen Gemeinde der Karäer in Odessa, Ukraine im Jahr 1854. (picture alliance / akg / Auguste Raffet )

Die Karaiten lehnen nachbiblische Interpretationen der Tora ab. Für sie sind allein die geschriebenen Gebote ausschlaggebend. Sie werden in Israel anerkannt, gelangen aber aufgrund ihres Brauchtums mit vielen – zumeist Orthodoxen – in Konflikt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur