Sonntag, 09.08.2020
 

Interview | Beitrag vom 17.07.2020

Stefan Raue über Haltung im Journalismus"Wir dürfen die Gesellschaft nicht eindimensional darstellen"

Moderation: Dieter Kassel

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Stefan Raue im März während eines Interviews im Funkhaus in Berlin. (dpa / Fabian Sommer)
Stefan Raue im März während eines Interviews im Funkhaus in Berlin. (dpa / Fabian Sommer)

Eine politische Agenda zu vertreten, ist für privatwirtschaftliche Medien zulässig, findet Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue. In den Öffentlich-Rechtlichen dagegen habe das nichts zu suchen. Denn deren Aufgabe sei es, Vielfalt zu sichern.

Haltung ist ein Reizwort im Journalismus. Wie viel Haltung dürfen Medien zeigen? Oder müssen sie "neutral" sein? 

Bei der "New York Times" kam es in diesem Zusammenhang zu einem Streit zwischen der Redakteurin Bari Weiss und der Zeitung. Weiss, die sich selbst als konservativ bezeichnet, kündigte und kritisierte in ihrem im Internet publizierten Rücktrittsschreiben die Arbeitsatmosphäre und die zunehmend ideologische Ausrichtung des Blattes.

Soweit es sich um ein privatwirtschaftlich organisiertes Medium handelt, ist eine solche Ausrichtung Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue zufolge unproblematisch: 

"Es ist das gute Recht der Zeitung zu sagen: Wir haben eine bestimmte politische Tendenz, und die wollen wir vertreten."

In öffentlich-rechtlichen Medien dagegen habe Derartiges seiner Auffassung nach nichts zu suchen, betont Raue. Denn Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen sei es - auch nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts - Vielfalt zu sichern.

"Wir haben nicht die Gesellschaft eindimensional oder zweidimensional darzustellen, sondern wir haben viele Einschätzungen, Meinungen, Überzeugungen auch zu spiegeln und zu diskutieren", sagt der Deutschlandradio-Intendant. Ganz ohne Grenzen ist diese Vielfalt gleichwohl nicht, allein schon aus Gründen des Persönlichkeitsrechts: "Schmähkritik ist natürlich verboten."

Vielfalt sichern und sauber argumentieren

Außerdem müsse eine Meinungs- oder Kommentarkultur, so wie er sie sich vorstelle, handwerklich sauber sein und auf Argumenten fußen, betont der Deutschlandradio-Intendant. Insofern müssten auch diejenigen, die ihre Meinung in den Programmen des Deutschlandradio vertreten, Argumente darlegen.

"Diese Argumente müssen klar nachvollziehbar sein, sie müssen belastbare Argumente sein, um dann zu bestimmten Meinungen zu kommen", so Raue.

(huc/uko)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Herr Raue, es hat einen Fall gegeben bei der "New York Times", ich verkürze das jetzt mal ein bisschen: Da gibt es eine Redakteurin, Bari Weiss, die gekündigt hat und ihre Kündigung verbunden hat mit einem offenen Brief, in dem sie sagt, sehr vereinfacht ausgedrückt, "meine Haltung passte der Zeitung nicht, und ich musste gehen". Deshalb würden wir mit Ihnen, dem Intendanten des Deutschlandradios, verantwortlich für unsere drei Hörfunkprogramme und unser Onlineangebot, gern über dieses Thema reden, auch im Zusammenhang mit uns, aber man kann über nichts reden, was man nicht erst mal erklärt hat, Herr Raue. Was bedeutet denn für Sie dieser Begriff "Haltung" im Zusammenhang mit Journalismus?

Stefan Raue: Na ja, zunächst mal klingt das ja für uns alle sehr sympathisch. Wir kennen das ja auch aus dem Alltag: Wenn man Haltung zeigt, macht man den Rücken gerade, ist mutig, man lässt sich nicht einschüchtern. Alles gute Eigenschaften, gehört zum Journalistenberuf wie zu anderen Berufen auch dazu. Das ist das eine.

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Aber wenn man genauer hinschaut, ist das eine Tugend, die Oskar Lafontaine mal Sekundärtugend genannt hätte, nämlich eine Haltung kann man für alles Mögliche haben. Auch ein sogenannter Klimaleugner kann mutig seine Meinung vertreten, Haltung haben. Wenn man genau schaut, was die Kollegin auch in New York meint, ist ja was anderes gemeint. Da geht es um eine politische Haltung, geht es um eine Botschaft, die man in seinem Programm oder in seiner Zeitung unterbringen möchte, die man dort vertreten möchte, die man als Akteur dort vertreten möchte.

Öffentlich-rechtliche Medien sind keine Tendenzmedien

Und da bin ich der Meinung, das hat in öffentlich-rechtlichen Medien nichts zu suchen, in den sogenannten Tendenzmedien, also beispielsweise in den Zeitungen, ist das durchaus erlaubt. Also wenn die Kollegin in New York sagt, meine Meinung, meine Haltung ist dort nicht gewünscht, dann ist das das gute Recht der Kollegin zu sagen, das mache ich dann nicht mehr mit. Aber es ist auch das gute Recht der Zeitung zu sagen, wir haben eine bestimmte politische Tendenz und die wollen wir vertreten. Aber das ist nicht die Haltung der Öffentlich-Rechtlichen oder es ist nicht das Fundament des öffentlich-rechtlichen Rundfunks... 

Kassel: Entschuldigung, Herr Raue, gehört nicht zu der Haltung, die wir auch hier bei den Programmen des Deutschlandradios haben, darüber hinaus, dass man offen fragt, dass man ohne Vorurteile fragt, aber selbstverständlich kritisch, wenn es passend ist? Gehört nicht auch eine vielfältige Auswahl der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner dazu? Das fällt mir auch manchmal bei einigen Medien auf, dass man es sich dann leicht macht und gerne nur mit Leuten spricht, die die eigene Meinung vertreten.

Raue: Ja, ich würde das zuspitzen. Das ist nicht die Kür, das ist die Pflicht. Das ist das Fundament unserer Arbeit, Vielfalt zu sichern. Das sagt das Bundesverfassungsgericht auch in allen Medienurteilen, in allen Rundfunkurteilen, es ist besonders wichtig, das ist unsere Aufgabe als Öffentlich-Rechtliche, Vielfalt herzustellen.

Wir haben nicht die Gesellschaft eindimensional oder zweidimensional darzustellen, sondern wir haben viele Einschätzungen, Meinungen, Überzeugen auch zu spiegeln und zu diskutieren. Nicht als bloße Überschrift, sondern wir müssen da schon tiefer gehen und nachfragen, was ist mit der jeweiligen Meinung, Äußerung gemeint, aber trotzdem haben wir ein vielfältiges Bild abzugeben.

"Schmähkritik ist natürlich verboten"

Kassel: Ich weiß nicht, ob er das erfunden hat, aber ich denke immer im Zusammenhang mit diesem Begriff an den Bundespräsidenten, der ihn benutzt hat, nämlich Meinungskorridor. Er hat gesagt, der Meinungskorridor würde immer enger werden. Ist es nicht auch unsere Aufgabe, öffentlich-rechtlich allgemein und auch unserer bundesweiten Programme speziell, diesen Meinungskorridor so breit zu halten, wie es möglich ist?

Raue: Ja, Grenzen gibt es auch juristisch, nur in den Persönlichkeitsrechten eines Menschen – also Schmähkritik ist natürlich verboten, sagen auch die Richter des Verfassungsgerichts, das ja einen sehr weiten Begriff von Meinungsfreiheit hat. Für mich gehört aber auch in unseren Programmen dazu, dass es nicht darum geht, Meinungen, irgendwie Blasen einfach loszulassen, Meinungen loszulassen, dem anderen vor den Kopf zu hauen.

Sondern wir müssen handwerklich sauber arbeiten, und das fordern wir auch von denjenigen, die in unserem Programm Meinungen vertreten. Sie müssen ihre Argumente darlegen, diese Argumente müssen klar nachvollziehbar sein, sie müssen belastbare Argumente sein und dann zu bestimmten Meinungen kommen. Das ist die Meinungskultur oder die Kommentarkultur, die ich mir vorstelle.

Kassel: Herr Raue, ich hatte mich eigentlich darauf gefreut, ein intensives, fast debattenartiges Gespräch mit Ihnen zu führen, obwohl wir uns in einigen Punkten ja einig sind. Das können wir jetzt leider aufgrund der technischen Probleme nicht mehr tun. Wollen wir beide mal jetzt abmachen, dass wir das nachholen, denn ich glaube, dieses Thema wird uns ja nie so ganz verlassen.

Raue: Unbedingt. Das orientiert sich an ganz vielen Themen, denken Sie an Corona – wie viel wir darüber alle gestritten haben, wie unterschiedliche Einschätzungen wir haben. Solche Themen lassen uns nie los und gehören zur Substanz unserer Diskussion im Sender, aber auch in der Gesellschaft insgesamt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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