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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.07.2009

Stauffenberg-Fan ohne Distanz

Ulrich Schlie: "Es lebe das heilige Deutschland - ein Tag im Leben des Claus Schenk Graf von Stauffenberg". Herder, Freiburg 2009. 192 Seiten

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Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 versuchte, Hitler in die Luft zu sprengen. Der Versuch schlug fehl und von Stauffenberg wurde zusammen mit anderen Widerstandskämpfern hingerichtet. (AP)
Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 versuchte, Hitler in die Luft zu sprengen. Der Versuch schlug fehl und von Stauffenberg wurde zusammen mit anderen Widerstandskämpfern hingerichtet. (AP)

Schlie beginnt mit der dramatischen Nacherzählung des 20. Juli 1944, verfolgt im klassischen Biografie-Modus das Leben Stauffenbergs von Kindheit an, skizziert den Verschwörerkreis samt den Tatvorbereitungen und endet mit einer geschichtspolitischen Reflexion über "Stauffenberg und die Deutschen." Dabei ist der Leiter des Planungsstabs im Bundesverteidigungsministerium bis zur Ergebenheit fasziniert von Charisma und Charakter, insbesondere aber vom "geistig-sittlichen Soldatenbegriff" des Attentäters.

Die Hauptabsicht des Historikers Ulrich Schlie ist unverkennbar: In "Es lebe das heilige Deutschland" soll Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg als "ein zeitgemäßer Held" unserer Tage porträtiert werden. Schlie beginnt mit der dramatischen Nacherzählung des 20. Juli 1944, verfolgt im klassischen Biografie-Modus das Leben Stauffenbergs von Kindheit an, skizziert den Verschwörerkreis samt den Tatvorbereitungen und endet mit einer geschichtspolitischen Reflexion über "Stauffenberg und die Deutschen." Dabei ist der Leiter des Planungsstabs im Bundesverteidigungsministerium bis zur Ergebenheit fasziniert von Charisma und Charakter, insbesondere aber vom "geistig-sittlichen Soldatenbegriff" des Attentäters.

In der Stauffenberg-Literatur kennt sich Ulrich Schlie gut aus. Er berücksichtigt aktuelle Forschungen zur esoterischen Stefan-George-Jüngerschaft der Stauffenberg-Brüder samt der Proklamation des "geheimen Deutschland" genauso wie zu den früher oft unterschlagenen außenpolitischen Kontakten der Verschwörer. Er kann wissenschaftlich argumentieren (ohne Neues zu bieten), essayistisch unterhalten und historische Szenen dramatisch verdichten. Gleichzeitig schreibt er floskelhaft und streut nahezu willkürlich Verehrungssentenzen ein. Auch ein Strauß greller Stilblüten fehlt nicht ("Für den Kavalleristen sind Pferde so etwas wie seine zweite Heimat").

Zu den stilistischen Ungereimtheiten, die sich schon in dem in vier(!) verschiedenen Schrifttypen gesetzten Titel ankündigen, kommt Schlies Manie, dem Leser jegliches Urteil über Stauffenberg vorzuschreiben und diesen vor ernsthafter Kritik zu schützen. Dass Stauffenberg zunächst einige Sympathie für die Nazis und noch 1939 ein, gelinde gesagt, heikles Verhältnis zu Juden und Polen hatte, dass er mit den anderen Verschwörern die demokratische "Gleichheitslüge" bis zum Schluss verachtete und von "künftigen Führern" träumte - Schlie unterschlägt es nicht, bemüht sich aber stets um Entschuldigung und Reinwaschung. Ganz bei sich ist der Autor, wenn er Stauffenbergs gelegentliches Pathos kopieren oder überbieten kann:

"Leben hieß für ihn: Krieger sein. Was für die Stoiker gilt, traf für ihn im wahren Wortsinn zu."

Schlie will den bestmöglichen Stauffenberg zeigen - was unwissenschaftlich, wenn auch legitim ist. Dass er dabei Stauffenbergs Welt-, Menschen- und Selbstbild ohne Rücksicht auf dessen kaiserzeitlich-elitäre, heute reaktionär anmutende Ideale zur Verehrung ausstellt, verleiht dem Buch anachronistische Züge.

Schlies Stauffenberg-Porträt unterschlägt das Paradoxe: Dass man die Verschwörung vom 20. Juli befürworten, Stauffenbergs persönlichen Mut anerkennen, seine Gewissensentscheidung belobigen und mit gleicher Überzeugtheit sein militärisches Ethos, seine Gesellschaftsvisionen und seine Verachtung für die "Gemeinen" ablehnen kann. Wer A sagt, muss hier nicht B sagen.

Ulrich Schlie jedoch, dessen Sympathie für die deutsche Vorkriegsgesellschaft bereits in mehreren Büchern sichtbar wurde, kann solche Brüche nicht dulden. Er will Stauffenberg, das Kommunikations- und Organisationswunder, als unbefleckten Hero, durch und durch menschlich und doch von übermenschlichem Format - eben "ein antiker Kriegsgott" (Albrecht von Kessel). Es entsteht der Eindruck, als würde Schlie das "geheime Deutschland" aus dem Geiste Stefan Georges, das Stauffenberg früh geprägt hat, noch in der Gegenwart für eine nützliche Utopie halten.

Man liest und staunt. Und geht auf Distanz - nicht unbedingt zum bekanntermaßen schillernden Stauffenberg, wohl aber zum Huldigungsexperten Schlie. Er wollte ein biografisches Porträt schreiben, hat aber eher eine Hagiographie verfasst, oder anders: ein Fanzine, ein gut informiertes Stauffenberg-Magazin von Fans für Fans.

Besprochen von Arno Orzessek

Ulrich Schlie: "Es lebe das heilige Deutschland" - ein Tag im Leben des Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Herder, Freiburg 2009
192 Seiten, 17,95 EUR

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