Starke Mädchen

    Mit Sport gegen das indische Patriarchat

    04:58 Minuten
    Die Mannschft der Volleyball-Mädchen aus Gurgaon.
    Trainiert hier eine Medaillengewinnerin von morgen? Die Mannschaft der Volleyball-Mädchen aus Gurgaon. © Deutschlandradio/ Antje Stiebitz
    Von Antja Stiebitz · 14.02.2021
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    Indische Sportlerinnen beweisen zwar immer wieder, was sie können. Aber fehlende Mittel und Tradition machen es sportbegeisterten Mädchen in Indien grundsätzlich schwer, einen Sport auszuüben. Inzwischen lässt sich ein Umdenken beobachten.
    Auf dem Spielfeld der Kadipur Realschule ist es noch ruhig. Die staatliche Schule liegt in Gurgaon, einer Satellitenstadt der indischen Hauptstadt Delhi. Nach dem Unterricht, ab 14 Uhr, beginnt das Volleyballtraining der Mädchen. Eins von ihnen schöpft Wasser aus einem Eimer und gießt es über den unbefestigten Lehmboden. Sonst staubt es beim Spielen.
    "Hier trainieren 30 bis 40 Mädchen", erzählt Meenakshi. "Seit sechs Jahren trainiere ich mit ihnen Volleyball. Sie haben in der 6. Klasse damit angefangen und sind jetzt in der 11. oder 12. Klasse. Ihre Eltern vertrauen mir."

    "Ich habe nur ein Ziel im Leben"

    Meenakshi ist 31 Jahre alt und spielt seit 14 Jahren Volleyball. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen und musste sich durchboxen. Inzwischen hat sie es geschafft. Sie arbeitet seit sieben Jahren als Trainerin für die indische Regierung und setzt sich für "ihre Mädchen" ein. Die Mädchen gehören alle den Scheduled Castes an, in Indien eine offizielle Kategorie, die unterprivilegierte Kasten bezeichnet.
    Training der Volleyballerinnen in  Gurgaon.
    Die Volleyballerinnen trainieren regelmäßig in Gurgaon.© Deutschlandradio/ Antje Stiebitz
    Meenakshi erklärt: "Ich habe nur ein Ziel im Leben, ich möchte, dass diese Mädchen in ihrem Leben erfolgreich werden."
    Die Mädchen tragen Hürden für das Aufwärmtraining aus einem Raum. Sie mussten darum kämpfen, dass sie ihre Übungsgeräte darin unterstellen durften. Anfänglich wollte keiner, dass die Mädchen hier Sport treiben. Aber Meenakshi und die Mädchen haben sich durchgesetzt.
    Auch gegen die Einwände der Eltern: "Früher war es Mädchen nicht erlaubt, Sport zu treiben. Erst seitdem die Regierung die Mädchen fördert, erlauben die Familien, dass die Mädchen zum Sportunterricht gehen."
    Die Eltern der 17-jährigen Priya haben inzwischen verstanden, dass der Sport ihrer Tochter eine Zukunft bietet. Denn wer es bis zum Leistungssport auf nationalem Level schafft, hat später gute Chancen auf eine Arbeit bei der Regierung.
    "Hat eine Familie einen Jungen und ein Mädchen, werden die Eltern immer den Jungen zum Sport schicken. Die Mädchen erledigen Aufgaben im Haushalt."

    Der Mangel trifft oft die Mädchen

    Poushali Kundu weiß, dass es die patriarchalen Strukturen der indischen Gesellschaft den Mädchen schwer machen. Die Projektkoordinatorin arbeitet beim Center of Social Research in Delhi. Diese Denkfabrik für Genderfragen hat in den letzten zwei Jahren 500 Mädchen im indischen Bundesstaat Haryana unterstützt. Denn die starke Stellung des Mannes verknüpft mit der materiellen Not der Familien bedeutet für Mädchen oft Mangel.
    Pooja, eine der Volleyballerinnen im Porträt.
    Pooja ist eine der Spielerinnen der Kadipur Realschule.© Deutschlandradio/ Antje Stiebitz
    "Wenn sie ihre Kinder ernähren, ist es der Sohn in der Familie, der das extra Glas Milch erhält, nicht die Tochter", sagt Poushali Kundu. "Es handelt sich hier um Mädchen, die nicht einmal Geld haben, sich ein paar Schuhe zu kaufen."
    Die Denkfabrik unterstützte die Mädchen mithilfe von Nahrungsmittelspenden, etwa Milch und Bananen, mit kleinen Stipendien von 45 Euro im Jahr oder Sachspenden, wie Schuhe, Trikots oder Trainingsgeräte. Für die Mädchen machen bereits kleine Summen einen großen Unterschied:
    "Ich habe ein Stipendium von der Regierung bekommen. Dadurch hat sich vieles geändert. Früher wusste ich nicht, wie man spielt und jetzt spiele ich auf nationaler Ebene. Dadurch, dass ich jetzt auch in andere Städte reisen konnte, habe ich an Selbstvertrauen gewonnen."
    Dieses Programm gibt es seit zwei Jahren, erklärt Sunita Sharma vom Ministerium für Sport und Jugend in Haryana. Momentan sind tausend Mädchen aus zahlreichen sportlichen Disziplinen, etwa Hockey, Ringen oder Turnen, daran beteiligt. Neben dem Medaillengewinn müssen die Bewerberinnen nachweisen, dass ihre Eltern nicht mehr als 2.260 Euro im Jahr verdienen.
    Für die Mädchen der Kadipur Realschule bedeutet der Sport einen Weg in ein materiell abgesichertes und selbstbestimmtes Leben. Dafür eifern sie Meenakshi nach. Sie wollen alle Trainerin werden wie sie.
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