Stammtisch Internet

Von Reinhard Kreissl |
Hans Müller ist schwul. Lieschen Maier aus der 7b hat einen dicken Hintern. Wer erinnert sich noch an solche Invektiven, mit krakeliger Schrift an der Bushaltestelle vor der Schule in die Wand des Wartehäuschens geritzt?! Wenn keiner hinsah, jedenfalls keiner, der etwas dagegen sagen konnte, griffen die Kritiker von Hans und Lieschen zum Griffel, um aller Welt die Wahrheit über die beiden zu sagen.
Heimlich und hemmungslos die eigene Meinung vor großem Publikum zu verbreiten, diesen Lustgewinn konnten die anonym bleibenden Graffitikünstler für sich verbuchen. Man musste gar nichts gegen die Person haben, und auf den Wahrheitsgehalt solcher Kritik kam es auch nicht an. Wichtig war der Kitzel des Verbotenen, der für die Täter folgenlosen aber dennoch öffentlich wahrnehmbaren Normübertretung. Heute ist dank E-Mail die Welt zum Bushäuschen geworden, an dessen virtuellen Wänden sich die unglaublichsten Sätze finden. Und auch der Unterschied zwischen Leser- und Drohbriefen wird allmählich obsolet, wenn die Hemmung dank elektronischer Vernetzung schwindet.

Aus der Distanz ist gut schimpfen und im Kreise Gleichgesinnter ist Erregung über die Abwesenden noch viel prickelnder. Davon lebt der Stammtisch. Schon der Lateiner warnte: De mortuis nil nisi bene. Schimpft nicht über die Toten, denn sie weilen nicht mehr unter uns, können sich nicht mehr wehren.

Philosophen und Psychologen haben diesen Mechanismus ausführlich untersucht. Emanuel Levinas verweist in seinen Schriften auf die psychologische Bedeutung des realen Anderen, die empfundene Präsenz eines Mitmenschen für die Entwicklung der Ethik und Hunderte von sozialpsychologischen Studien konnten den Zusammenhang zwischen Distanz und Ablehnung nachweisen. Je weniger einer über eine stereotypisierte Gruppe – seien es Schwule, Neger oder Ausländer – wusste, je weniger Kontakt einer mit den anderen hatte, desto größer die Ablehnung, desto schräger die geäußerten Vorurteile.

Im Angesicht des anderen und vor Publikum aber verstummen die größten Schreihälse. Man kann das auch als zivilisatorische Kraft der demokratischen Öffentlichkeit bezeichnen. Hier wird von jedem erwartet, dass er für seine Behauptungen eine Deckungsreserve an Begründungen in der Hinterhand hat. Also müsste er Lieschens Hinterteil oder Hansens sexuelle Orientierung belegen und die beiden könnten sich dagegen wehren. Da ist es dann schon besser, die Faust in der Tasche zu ballen und stumm ein freundliches Lächeln aufzusetzen.

Distanz und Aggression – die Folgen dieses Zusammenhangs kennen wir seit der Erfindung der Feuerwaffen. Und ähnliches ist heute im Bereich der symbolischen Aggressivität zu beobachten. Der soziale Raum verliert an Kontur, ändert seine Morphologie und wird zum Cyberspace.

Damit kollabiert so ziemlich alles, was bisher ethisch und moralisch wichtige Bremswirkungen entfalten konnte. Die Schrecksekunde beim Schreiben, der Widerstand der Reflexion auf dem Weg zum Briefkasten schwindet vor dem Bildschirm, von dem per Knopfdruck alles in die Welt hinaus geht. Hier kann ein jeder absondern was er will, kann ebenso hemmungs- wie folgenlos sich entleeren und präsentieren – seit Erfindung der Webcam sogar in Bildern.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die an das Internet geknüpften Hoffnungen einer Demokratisierung des Wissens, der Politik und aller bisher den Eliten vorbehaltenen symbolischen Güter sich zusehends als unüberlegter Optimismus einiger Techno-Pioniere entpuppen. Denn was zeigt sich hier? Die auf dem Dreiklang, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit gebauten Vorstellungen der digitalen Revolution haben die Bedeutung der materiellen Basis übersehen. Neben Software und Hardware bleibt immer noch störrisch der Mensch als körperliches Wesen, in der Cyberterminologie als Wetware bezeichnet, die erst in der dreidimensionalen kollektiven Präsenz ihre kulturstiftende Wirkung entfaltet. Ein jeder für sich kann alles – schrankenlos im virtuellen Raum.

Befreiung aber, liebe Hörerinnen und Hörer, findet jenseits der Festplatte statt und ist immer nur mit mehreren zusammen und vor Ort möglich. Man braucht mindestens einen anderen und Sex im Second Life wird immer zweite Wahl bleiben.


Dr. Reinhard Kreissl, geb. 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u. a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Letzte Buchpublikation: "Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist". Kreissl lebt in München und Wien.