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Zeitfragen | Beitrag vom 04.07.2018

Stacheldraht und Gated Community Als Zäune Amerikas weites Land eroberten

Von Arndt Peltner 

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Amerikanische Flagge hinter Stacheldraht (imago/UPI Photo)
Mit Stacheldraht zerteilten Siedler die Weiten Amerikas - mehr denn je sind die USA ein segmentiertes Land. (imago/UPI Photo)

Der Stacheldraht hat in der Geschichte Amerikas seine Spuren hinterlassen. Einst umzäunten die Siedler mit ihm ihre Ländereien. Eine Zerteilung, die bis heute nachwirkt. Aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist längst ein Land der Begrenzungen geworden.

Zu Anfang, als die Vereinigten Staaten gegründet waren, erstreckten sie sich entlang der Ostküste. Grob gesagt: östlich des Mississippi, der sich von Nord nach Süd durch den Kontinent zieht, bis er in den Golf von Mexiko mündet.

Westlich des Mississippi: weites Land, Prärien, aufsteigend in die Bergwelt der Rocky Mountains. Für Auswanderer aus dem engen Europa unendliche Weiten. Wer aus der räumlichen und politisch-gesellschaftlichen Enge Europas ausgewandert war, um ein neues Leben zu beginnen - hier waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten westlich des Mississippi gerade mal 700.000 Menschen. Lange Zeit wurde dieses Gebiet auf den Landkarten als Wüste dargestellt, aber es war ein Meer aus Gras. An manchen Stellen wuchs es so hoch, dass man sich auf den Rücken eines Pferdes stellen musste, um darüber hinweg zu blicken. Indianer und gewaltige Büffelherden zogen durch die Prärie.

"Es gab dieses ungeschriebene Gesetz des weiten Landes"

Der Westen war auch "Cowboy Land". Hier lebten jene harten Kerle, die im südlichen Bereich der Plains riesige Viehherden hüteten, um sie dann, einmal im Jahr, nach Chicago zum Verkauf zu treiben. Nichts konnte sie aufhalten, wie Joanne Liu, Autorin des Buches "Barbed Wire", erklärt:

"Was man über den amerikanischen Westen wissen sollte: Es gab dieses ungeschriebene Gesetz des weiten Landes. Und das galt, egal, wem das Land auch gehörte. Es besagte, dass Cowboys das Vieh auf jedes Weideland und zu jeder Wasserstelle bringen konnten. Am Anfang galt diese Regel für Federal Land, aber dann wurde es auch von privaten Landbesitzern übernommen."

So waren die Verhältnisse in der Frühzeit der USA. Dann aber drängten mehr und mehr Einwanderer Richtung Westen, und die weiten Flächen wurden interessant für die wirtschaftliche Nutzung. Und damit kam ein Prozess in Gang, der dem freien Ritt der Cowboys, der Vieh- und Büffelherden durch die Prärie ein Ende setzte und die amerikanische Gesellschaft tiefgreifend prägen sollte.

Siedlertreck auf dem Oregon Trail um 1869 (imago / Albert Bierstadt WHA )Ein Siedlertreck auf dem Oregon Trail um 1869 (imago / Albert Bierstadt WHA )

"Es kam einiges zusammen, was diese Umstände veränderte", sagt Brian DeLay, Geschichtsprofessor an der University of California in Berkeley.

"Einer der Gründe war der anhaltende Konflikt mit den Ureinwohnern, die weite Teile des Landes westlich des Mississippi kontrollierten. Das eskalierte in den 1850er Jahren und kam dann zur offenen Konfrontation in den 1860er und 1870er Jahren. Genau zu der Zeit gab es eine heftige Debatte in den Vereinigten Staaten, wie man eine Lösung für die wirtschaftliche Nutzung der Ebenen im Westen finden konnte. Und die hieß: Einzäunung."

Die Regierung in Washington schuf einen mächtigen Anreiz für Siedler, Land urbar zu machen und zu bewirtschaften: den sogenannten "Homestead Act” von 1862. Siedler erhielten kostenlos riesige Ländereien, wenn sie fünf Jahre lang das Land bestellten und beackerten. Das ging nur, wenn sie ihr Land abgrenzten von der Umwelt. Die privat bewirtschafteten Agrarflächen mussten vor wilden Tieren und den umherziehenden Viehherden geschützt, Zäune mussten gezogen werden.

"Der offene Westen hatte nicht die Materialien für Zäune, die es im Osten gab. Im Nordosten nutzte man Steine, noch heute kann man diese alten Steinzäune in New England sehen. Und im Rest der östlichen USA wurde Holz für Lattenzäune genutzt. Diese Einzäunung war notwendig, wenn man in die Landwirtschaft Arbeit und Geld investieren wollte, um sie vor allem vor Tieren zu schützen."

Das Zaunproblem im amerikanischen Westen

Die Materialien in den Westen zu transportieren war zu teuer, der Versuch mit Heckenanpflanzungen eine Begrenzung der Ländereien zu erreichen, dauerte zu lange.

"Es war eine richtige Jagd nach einer Lösung für das Zaunproblem im amerikanischen Westen. Bis zur siegreichen Erfindung von Glidden wurden Hunderte von Patenten angemeldet, zwei Drittel davon in den 1860er Jahren. Und das führte schließlich zu Joseph Gliddens Patent im Jahr 1873. Der Stacheldraht spielte eine riesige Rolle in der Entwicklung des Landes zu einer industriell-landwirtschaftlichen Wirtschaft zum Ende des 19. Jahrhunderts. Man hört eine Menge über die Bedeutung der Eisenbahn, der Windmühlen, aber ich denke, dem Stacheldraht wird dabei nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Er spielte eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des Landes. Nach dem Bürgerkrieg war wieder Geld da, die Städte an der Ostküste boomten, die Leute fanden wieder Arbeit, gründeten Geschäfte, die Bevölkerung wuchs. Es gab eine große Nachfrage nach Nahrungsmitteln, nach Fleisch, Getreide, Gemüse. Ich bin davon überzeugt, dass es ohne den Stacheldraht zu einer Nahrungsmittelknappheit gekommen wäre. Die Versorgung der wachsenden Bevölkerung wäre so nicht möglich gewesen."

Der Geschäftsmann Joseph Glidden hatte die richtige Idee, sein Patent des Stacheldrahts setzte sich durch und machte ihn zu einem der reichsten Männer der USA. Schon zwei Jahre, nachdem Glidden seine Erfindung der Öffentlichkeit präsentierte, produzierte er mit seiner "Barb Fence Company” in DeKalb, Illinois, nahezu 1500 Tonnen Stacheldraht. Die Nachfrage, gerade im Westen der USA, war riesig.

"Der Stacheldraht ist wahrlich der herausragende Faktor für das Ende der Vieh-Kultur, die für eine kurze Zeit so bedeutend im Westen war. Als der Stacheldraht auf den Markt kam, war er für die Farmer genau die richtige Lösung für ihr Problem. Er hatte viele Vorteile, er war billig, einfach zu installieren, er war leicht, er wurde vom Wind nicht umgeblasen, er warf keinen Schatten und beeinflusste damit nicht die Landwirtschaft, er entzog dem Boden keine Nährstoffe, wie das Hecken tun würden. Der Stacheldraht war also äußerst attraktiv. Natürlich waren all jene nicht gerade glücklich darüber, die in der Vieh-Industrie arbeiteten. Denn es wurden ja nicht nur die Farmen und Gärten umzäunt, sondern auch riesige Ländereien und vor allem Wasserstellen."

"Das ist der beste Zaun der Welt. Leicht wie Luft. Stärker als Whisky. Billiger als Schießpulver. Ganz aus Stahl und viele Kilometer lang. Das Vieh ist noch nicht geboren, das ihn überwinden kann. Meine Herren, nehmen Sie die Herausforderung an und bringen Sie Ihre Rinder!"

So pries John Warne Gates, ein Stacheldrahtverkäufer in Texas in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, das geniale Produkt zur Einzäunung beliebig großer Flächen an.

"Vor der Einführung des Stacheldrahtes waren die Viehzüchter die Herrscher des amerikanischen Westens. Sie sahen die Siedler kommen und beobachteten deren verzweifelten Versuche, das Land fruchtbar zu machen. Viele der Siedler, die durch den 'Homestead Act' gekommen waren, zogen wieder weg. Aber als der Stacheldraht kam und in Massen produziert wurde, erkannten die Cowboys schnell das Problem, sie machten sich Sorgen. Und damit begannen die Kämpfe zwischen den Viehtreibern und den Siedlern."

Cowboy mit Pferd im Sonnenuntergang (imago/All Canada Photos)Der Mythos von der unendlichen Weite Amerikas spiegelt sich noch immer im Bild des einsamen Cowboys in der Prärie. (imago/All Canada Photos)

Es kam zu gewalttätigen Übergriffen, nachts durchschnitten Cowboys die Zäune der Farmer, um freien Zugang zu Weideflächen und Wasserstellen zu bekommen. Im Musical "Oklahoma” wird das thematisiert. Dort heißt es:

"Ich möchte ein paar Worte über den Farmer sagen
Er kam in den Westen und brachte Veränderungen
Er kam in den Westen und errichtete eine Menge Zäune
Und baute sie quer durch unser Vieh Gebiet."

Doch aufhalten, so Professor Brian DeLay, konnten die Cowboys die Entwicklung nicht mehr.

"Die Ironie dabei ist, dass die Viehbesitzer, die lange Zeit gegen die Stacheldrahtumzäunungen waren, sich anpassten und erkannten, dass es damit durchaus riesige Vorteile gab. Denn wenn man seine Viehherde selbst einzäunt, kann man etwas tun, was bislang nicht möglich war: die Zucht kontrollieren. Das war vorher nicht möglich, als das Vieh irgendwo weidete. Und das wertete die Herde auf, man wurde aus Sicht der Besitzer flexibler. Und es verringerte die Arbeitskosten, denn somit musste man nicht mehr die ikonischen Cowboys anheuern. Der Stacheldraht hat damit diese Idee des Westens als weit offenen Raum beendet. Denn es kann nicht weit und offen sein, wenn man gleich an den Stacheldraht stößt."

Auswirkungen auf das Leben der indianischen Stämme

Der Stacheldraht hatte nicht nur buchstäblich einschneidende Wirkung für die Cowboys und die traditionellen Besitzer der Viehherden. Er hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben der indianischen Stämme im Westen der USA. Ihr Lebensraum wurde mehr und mehr verringert.

"Man kann nicht einfach auf den Stacheldraht deuten und sagen, genau das führte zum Ende des Einflusses der Native-Americans in den Ebenen. Was der Stacheldraht allerdings erreicht hat, ist die Aufteilung des indianischen Landes im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Regierung in Washington versuchte den Kollektivbesitz der Native Americans, die großräumigen Reservate, zurückzudrängen und daraus Grundstücke für Privatbesitzer zu machen, was eine Katastrophe für den Wohlstand, die Autonomie und die Macht der Native-Americans war. Und der Stacheldraht half dabei."

In seinem 1972 veröffentlichten Buch "De l'ethnocide” schreibt Roger Renaud: "So hatten die Indianer vor der Ankunft der Weißen nicht geahnt, dass die Erde einer bestimmten Person gehören könnte, und nicht das Gemeingut all derer sei, die auf ihr leben. Der Indianerstamm bewohnte ein Gebiet, das sich im Einklang mit seinen Bedürfnissen und der Größe der Bevölkerung befand, ohne dass die Rede von Grenzen oder Absperrungen gewesen wäre."

"Die Verbreitung des Stacheldrahts war der Nagel im Sarg der Indianer. Sie waren schon von der Regierung umgesiedelt worden, aber sie versuchten zu überleben, ihr Leben zu führen, Büffel zu jagen. Aber mit dem Stacheldraht fand das ein jähes Ende."

Anfang des 19. Jahrhunderts gab es nahezu 65 Millionen Büffel in den Weiten des amerikanischen Westens. Am Ende des Jahrhunderts waren gerade noch ein paar Tausend übrig. Die Jagd des weißen Mannes und die Abriegelung von Weideflächen durch das "Devil's Rope", das Teufelsseil, wie man den Stacheldraht nannte, vernichtete fast die gesamte Population.

"Der Stacheldraht beschreibt Privatbesitz"

Ungeachtet ihrer brutalen Folgen war die Erfolgsgeschichte des Stacheldrahts nicht aufzuhalten, sie veränderte die Landschaft und die Lebensweise in Nordamerika – ein historischer Prozess, der sich auch auf die amerikanische Psyche auswirkte, auf die Mentalität, die eigene Lebenswelt zu ordnen, die privaten Lebensräume abzugrenzen.

"Der Stacheldraht ist zweifellos ein bedeutendes Symbol für Amerikaner. Es ist auch überall präsent. Der Stacheldraht beschreibt Privatbesitz, er beschreibt, was zugänglich ist, er beschreibt Macht, wer sie hat und wer nicht, wer willkommen ist und wer nicht. Der Stacheldraht stellt fest, dies ist mein Schloss, sei vorsichtig, du bist nicht willkommen. Es gibt da keine Zweideutigkeit, das hier ist meins, und du kannst nur rein, wenn ich das will. Und wenn du dich nicht daran hältst, hat das Konsequenzen."

Der wilde, wilde Westen, Cowboy-Country - der Mythos von der unendlichen Weite Amerikas verendete am Stacheldraht, der sich fortan durch die Prärie zog:

"Ich denke, der Stacheldraht brachte das zu einem Ende. Ein Teil dieses Mythos des Westens ist ja der Entdeckungsgeist, sich selbst herauszufordern. Jemand wie Teddy Roosevelt beschrieb es als Ort, an dem man seine Männlichkeit beweist, wo all die Errungenschaften der Zivilisation von einem abfallen, es reiner und stärker ist. Aber das funktioniert nicht in einer Landschaft voll mit Stacheldraht. Der Stacheldraht ist sozusagen das große Schild, das rausgehangen wird und auf dem steht: Aus - vorbei! Jetzt haben wir etwas, das sehr gezähmt ist, ordentlich, kontrolliert, ein überwachter Prozess der Entdeckung."

Ein Mann späht am 10.11.2016 am Strand von Tijuana durch den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA (picture alliance / dpa / Alejandro Zepeda)Am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA (picture alliance / dpa / Alejandro Zepeda)

Aus dem weiten Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde ein Land hinter Stacheldrähten und Abzäunungen. Wobei die Abgrenzungen nicht offen immer sichtbar waren und sind:

"Das grundlegende Muster, das den Vereinigten Staaten zugrunde liegt, ist ein Apartheid-Muster. Es trennte Menschen bei Rasse, bei Ethnie, und damit wurden sie bewusst von Möglichkeiten und Hilfen getrennt. Das ist das fundamentale Nach-Sklaverei Muster in den Vereinigten Staaten, es ist eine rassistische Wohntrennung."

Dr. Anthony Iton ist der "Senior Vice President of Healthy Communities” der California Endowment. Er hat sich intensiv mit dem Phänomen des "Redlining” beschäftigt, einer imaginären Stacheldrahtziehung in den amerikanischen Städten und Gemeinden. Die Regierung in Washington hatte dabei durch den sogenannten "National Housing Act” von 1934 Nachbarschaften in A, B, C und D unterteilt. A war eine rein weiße Nachbarschaft, erstrebenswert für die Mittelklasse. Schon eine farbige Familie in der Gegend drückte den Grad von A auf B. Und das hatte dramatische Folgen, denn nicht nur, dass eine A-Straße "weiß” sein sollte, also ausschließlich von Weißen bewohnt - die Stadtteile unterhalb von A wurden auch gezielt benachteiligt und zurück gelassen.

"'Redlining' war wohl die am meisten durchgeführte Praxis in den Vereinigten Staaten. Mit dieser Politik wurden Nachbarschaften als investitionswürdig eingestuft. Darin enthalten war auch, dass eine Nachbarschaft rasserein sein sollte, dass es keine multikulturellen Nachbarschaften geben sollte. Afro-amerikanische und andere Gruppen, aber vor allem Afro-Amerikaner wurden somit in Stadtteile gedrängt, in denen es schwieriger war, Hypotheken zu bekommen, Versicherungen zu kriegen, wo weniger geschäftliche Investitionen getätigt wurden."

Versicherungsunternehmen hatten mit diesem Ranking in den späten 1920er Jahren begonnen; 1934, als Franklin D. Roosevelt US-Präsident war, wurde die Praxis von der Bundesregierung festgeschrieben, bis in die 1970er Jahre noch blieb diese Form der urbanen Diskriminierung gängige Praxis. Mit Folgen bis heute:

"Wir reden über etwas, was in den 1920er Jahren, also vor fast hundert Jahren, eingeführt wurde. Es gibt in Oakland heute Familien, die Grundstücke von ihren Eltern und Großeltern geerbt haben, die in Stadtteilen liegen, aus denen sie bis in die 70er Jahre nicht wegziehen konnten. Es gab bis dahin noch immer diese Praktiken von Immobilienmaklern, die die Zusammensetzung von Nachbarschaften rassisch steuerten. Weiße Familien in diesen Stadtteilen - und Afro-Amerikaner in jenen."

Sheila Savannah arbeitet für die gemeinnützige Organisation "Prevention Institute” im Bereich "Social Justice”. Sie überlegt nicht lange auf die Frage, ob "Redlining” als moderner Stacheldraht gesehen werden kann.

Savannah: "Was für mich interessant ist: diese Praxis ist heute fast überall illegal. Diese Stacheldrahtzäune sind nicht mehr da, aber die historische Bedeutung ist noch gegenwärtig. Wenn ich mir nur einige dieser 'Redlining' Karten ansehe, dann sieht man deutlich, wie sie Gang-Territorien geprägt haben, wie Schul-Rivalitäten entstanden sind, wie Autobahnen geführt wurden. Das 'Redlining' wird nicht mehr benutzt, aber diese lange Geschichte durch viele verschiedene Bereiche hat einen dauerhaften Stacheldraht gebildet, den man nur entfernen kann, wenn man ihn bewusst entfernt."

Iton: "Historisch betrachtet sind es nicht nur die Grundstückspreise. Sie sind nur eine Reflexion der Rahmenbedingungen in dem Stadtteil - wie fehlende Parks, Supermärkte, Fahrrad- und Fußgängerwege. Sogar grundsätzliche Infrastrukturprojekte - wie Bürgersteige - sind verwahrlost. Und schauen wir nach Flint, Michigan, dort gab es noch nicht einmal Trinkwasser in diesen Nachbarschaften. All diese Investitionen in die Infrastruktur, die Stadtplaner in bestimmten Stadtteilen tätigen oder nicht tätigen, hängen davon ab, ob sie einen Wert dafür in den betroffenen Nachbarschaften erkennen."

"Redlining" beförderte die Ghettoisierung

Die virtuelle Grenzziehung ist Teil des Lebens in allen amerikanischen Großstädten geworden. Ich selbst kenne das nur zu gut. Freunde, die mich in Oakland besuchen, fragen, wo sie in der Stadt hingehen können und wo sie besser einen Bogen drum machen sollten. Meine Antwort ist immer: "Don’t go to East-Oakland”.

Savannah: "Wenn Du East-Oakland Deinen Besuchern beschreibst, dann als gefährlich. Aber diese Information bekommst du aus den Medien, das ist, was du im Fernsehen siehst. Du erfährst nichts über die Zahl der Schulabsolventen, was sie danach machen, über die Familien, die dort schon seit Generationen leben. Was wir erwarten, ist das, was wir hören, daraus entsteht das Grundbild dieser Stadtteile. Das verdoppelst du noch dadurch, dass Lehrer in diesen Nachbarschaften nicht arbeiten wollen. Als ich in der direkten Sozialarbeit in solchen Vierteln tätig war, wollten die Kinder nur raus. Wenn wir jedoch jedem Kind, das durchaus Führungsqualitäten hat oder daran interessiert ist, Dinge zu verändern, wenn wir ihm sagen: Erfolg ist, wenn du aus deinem Viertel rauskommst, dann entziehen wir diesen Stadtteilen weiterhin Talente und Möglichkeiten. Deshalb meine ich, ist es nicht so sehr eine rassistische Diskriminierung, sondern mehr eine Diskriminierung der Möglichkeiten."

Wenn man sich die Entwicklung der USA aus diesem Blickwinkel anschaut, steht das Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten in einem harten Kontrast zur Alltagswirklichkeit – mit einem für deutsche Verhältnisse befremdlichen Hang zur Grenzziehung und physischen Abgrenzung, und die wiederum bedeutete praktisch eine staatlich geförderte Begrenzung von Lebensmöglichkeiten für erhebliche Teile der Bevölkerung. Denn "Redlining” beförderte die Ghettoisierung in den amerikanischen Großstädten, und die traf vor allem die Afro-Amerikaner:

Iton: "Mit der Entwicklung des billigen Autos und dem Ausbau des Freeway-Systems nach dem Zweiten Weltkrieg, Mitte des 20. Jahrhunderts - das führte dazu, dass viele Menschen in die Vorstädte zogen. Das alles fiel zusammen mit der 'GI Bill', als Soldaten nach Hause kamen und billige Kredite und Hypotheken für den Hauskauf bekamen. Aber auch das war nach Hautfarbe getrennt. Die 'GI Bill' richtete sich vor allem an weiße GIs, denn auch das Militär war größtenteils bis in die 50er Jahre nach Rassen getrennt. Viele Afro-Amerikaner kamen also nicht oder kaum in den Genuss dieser Hilfsprogramme. Die Vorstädte wurden also zum Inbegriff des amerikanischen Lebens. Die Menschen verließen die Innenstädte, um draußen zu wohnen, mit ihrem weißen Zaun, dem kleinen Garten, dem Einfamilienhaus. Zurück ließen sie die Afro-Amerikaner."

Amerika ist noch immer ein Land voller offensichtlicher und imaginärer Grenzen. 'Gated Communities' gibt es überall, das sichere Leben hinter hohen Zäunen und unter dem wachsamen Auge von Kameras und Sicherheitspersonal. Und durch das 'Redlining' wurden über Jahrzehnte unsichtbare Grenzen in den Städten gezogen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, doch die noch immer dramatische Auswirkungen auf das Leben in den USA haben. Diese unsichtbare Grenzziehung bestimmt nach wie vor persönliche Entwicklungen und Lebensläufe, wie Sheila Savannah vom Prävention Institute erklärt:

"Genau wie beim Stacheldraht - wenn man ihn überwindet, bekommt man Narben. Man schneidet sich, man verletzt sich. Es ist nicht für jeden einfach, den Stacheldraht zu überwinden, deshalb wissen viele, es ist gefährlich, es zu tun. Nicht jeder kann es sich leisten, woanders zu leben. Und, was auch passiert, die Menschen geben auf, sie glauben, nichts Besseres einfordern zu können. Wir haben mit High School-Schülern in Houston gearbeitet und gefragt, wie man die Schulen verbessern könnte. Ein junger Mann meinte, seine Mutter begreife nicht, dass sie selbst eine Steuerzahlerin ist und die Schule eigentlich für sie arbeitet. Doch die Schule behandelt sie nicht so. Diese Art der Entmachtung über mehrere Generationen hinweg hat seine Spuren hinterlassen. Es gehört viel dazu, die Überzeugung, den Glauben, die Energie und die Zeit, diese Art von Wandel zu verlangen. Oftmals bedeutet das erst einmal weitere Rückschläge und weitere Narben."

Iton: "Wir haben in Oakland eine Studie durchgeführt und dabei die 'Redline'-Nachbarschaften mit den höchsten Zahlen der verfrühten Sterbefälle in Oakland verglichen. Und beide stimmen überein. Denn diese Stadteile waren nicht nur Orte, an denen Afro-Amerikaner leben mussten, es waren auch Orte, an denen Entwicklungsmöglichkeiten nicht bestanden. Die Leute wurden da gelassen, wo es kaum wichtige Hilfen gab, die notwendig sind für ein gesundes Leben."

Der Mythos des weiten Westens ist geblieben

150 Jahre nach dem Eroberungszug des Stacheldrahtes sind die USA ein Land, das durchzogen ist von einem Geflecht von Grenzen. Der Mythos des weiten Westens besteht nach wie vor, doch er ist nicht mehr als das - ein Mythos. Wer durch die USA fährt, sieht das 'Devil’s Rope' links und rechts der endlosen Highways. Das Auge nimmt den Stacheldraht kaum wahr, der Blick geht bis weit zum Horizont, man schwärmt von der Weite des Westens. Und doch, der Zaun macht deutlich, bis hierher und nicht weiter. Der Stacheldraht, diese Erfindung des amerikanischen Farmers Joseph Glidden, wurde durchaus zu einem Symbol des amerikanischen Lebens. Grenzziehung als Grundmuster des Lebens, das über den sichtbaren Alltag hinaus tief eingedrungen ist in die amerikanische Mentalität. Grenzziehung, die Realität ist, aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Obwohl das 'Redlining' nie ein Geheimnis war und es über Jahrzehnte in allen Städten und Gemeinden praktiziert wurde, wissen nur die wenigsten Amerikaner mit diesem Begriff etwas anzufangen. Es betrifft sie nicht, auch das ist ein Ergebnis dieser mentalen Grenzziehung.

Iton: "Ich glaube, das ist ein Aspekt in der amerikanischen Psyche. Man hat das auch deutlich in der letzten Präsidentschaftswahl gesehen, dieses Narrativ, das wir als ausschließendes Narrativ umschreiben können. Es schaut nostalgisch in die Vergangenheit und spricht davon, wie wunderbar die Vergangenheit war und, dass man da wieder hin möchte. Und es blickt mit Angst und Sorgen in die Zukunft. Es ist ausgelegt, um sorgenvoll nach vorne zu blicken. Und es hat normalerweise einen Sündenbock, ein Teil der Bevölkerung ist eine Bedrohung, die etwas weniger menschlich ist, und das Ziel ist es, diese Bedrohung unmenschlich zu machen. Isoliert und ohne Chance. Dieser Präsident ist auf die Bühne getreten und hat seinen Wahlkampf damit verkündet, in dem er über eine Gruppe von Amerikanern als Vergewaltiger und Kriminelle gesprochen hat. Das war beabsichtigt, damit sollte eine Bedrohung entstehen, die im Unterbewusstsein Angst bei seinen Wählern schafft. Und gleichzeitig blickte er zurück auf eine Zeit, die schön und gut war. Die Zukunft jedoch ist voller Angst, deshalb brauche es eine Politik mit Mauern und einer Verhaftungswelle, das Ende von Krankenversicherung und Hilfsangeboten, die eigentlich für jeden wichtig sind. Es ist eine klassische rhetorische Strategie. Der Versuch, Unterstützung für den Mauerbau, 'Gated Communities' und eine isolationistische Überzeugung zu bekommen."

Savannah: "Es geht um Mauern und Pforten, ich will kontrollieren, wer rein kommt und wer raus geht. Das richtet sich gegen alles, wie der Großteil der Welt gemeinsamen Erfolg und Vorwärtskommen bewertet. Aber ich sehe schon, was diese Diskussion um die Mauer bringt, es geht darum, wie wir uns von den anderen abgrenzen können."

Davon ist natürlich nicht die ganze amerikanische Gesellschaft durchdrungen – aber es ist eine mächtige Strömung in den USA, tief verwurzelt in der Geschichte. Und jene, die nun lautstark 'Make America Great Again' rufen, denken dabei an ein Land voller realer und mentaler Zäune, Grenzen und Mauern. Es ist die Verherrlichung einer Gesellschaft, in der die Trennung der Menschen der gelebte und gefeierte Alltag war.

Autor Arndt Peltner wurde für sein Feature im Mai dieses Jahres mit dem Radio-Preis der RIAS-Kommission ausgezeichnet.

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