Staatlich geförderter Familienurlaub

    Gut gemeint, aber nicht gut gemacht

    07:54 Minuten
    Eine vierköpfige Familie, zwei Erwachsene und zwei Kinder, macht eine Fahrradtour. Alle Personen sind in der Rückenansicht zu sehen, wie sie einen asphaltierten Weg durch den Wald entlang fahren.
    Viele Familien konnten während der Corona-Zeit keinen gemeinsamen Urlaub machen. Das Programm "Corona-Auszeit" des Familienministeriums soll finanziell helfen. © imago stock&people
    Von Anh Tran · 21.10.2021
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    Die Idee des Bundesfamilienministeriums ist an sich prima: Nach der Zeit im Lockdown gibt es Zuschüsse für Familien mit geringem Einkommen, damit diese in den Urlaub fahren können. Doch viele Hotels sind schon ausgebucht, weil das Programm ohne Ankündigung kam.
    Wernigerode ist eine idyllische Kleinstadt mitten im Harz, unweit vom Brocken. Hier reiht sich Fachwerkhaus an Fachwerkhaus, auf einem Hügel thront majestätisch Schloss Wernigerode, mitten in der Stadt dreht ein Riesenrad seine Runden.
    Genau der richtige Ort für Erholung. Erholung, nach der sich diese Mutter aus Berlin lange gesehnt hat: "Ich habe meinen Job verloren, direkt zu Beginn der Pandemie", berichtet sie. "Erst auf Kurzarbeit und dann gekündigt. Auf einem Fleck zu hocken als Familie in einer kleinen Stadtwohnung mitten in Berlin: Das ist schon anstrengend."
    Insgesamt neun Monate habe ihre dreiköpfige Familie im vergangenen Jahr in Quarantäne gesteckt. Teils freiwillig, weil beide Elternteile zur Risikogruppe gehören und sie Angst hatten, den Sohn in die Kita zu schicken.
    Hellhörig wird die 41-Jährige, als sie online von dem "Corona-Auszeit für Familien"-Programm liest. Die Mutter aus Berlin beginnt zu telefonieren.
    "Da habe ich neun Unterkünfte kontaktiert und von zweien oder dreien eine Absage bekommen, diese eine hat uns zugesagt. Und der Rest hat sich gar nicht gemeldet, wegen völliger Überlastung wahrscheinlich."

    Die Hotels sind mit dem Ansturm überfordert

    Am Telefon stößt sie auf überforderte Unterkünfte: "Wir sind total überwältigt von den Anfragen, wir kommen gar nicht mehr hinterher. Bitte kontaktieren Sie uns nicht mehr, bitte rufen Sie uns nicht mehr an. Sie blockieren unsere Telefonleitungen."
    Von blockierten Telefonleitungen kann auch Stephan Fischer ein Lied singen: "Du hättest hier wirklich mit vier Leuten 24 Stunden lang Anrufe und Reservierungen entgegennehmen können. Es war wirklich ein Hype."
    Fischer arbeitet im Huberhaus in Wernigerode, der einzigen Herberge in ganz Sachsen-Anhalt, die sich bisher am "Corona-Auszeit"-Programm beteiligt. Über ganz Deutschland verteilt sind es 88. Auf Anfrage heißt es aus dem Bundesfamilienministerium:
    "Die Maßnahme wurde sehr kurzfristig ins Leben gerufen. Ziel der Corona-Auszeit ist es, berechtigten Familien kurzfristig noch in diesem Jahr für die Herbstferien 2021 eine Erholung zu ermöglichen. Die Nachfrage nach der Corona-Auszeit ist in der Tat groß."

    Das Ministerium justiert jetzt nach

    Wie hoch die Nachfrage derzeit tatsächlich ist, kann das Ministerium noch nicht sagen. Dafür ist es einen Monat nach Buchungsstart zu früh.
    Nur, dass sie groß ist, da ist man sich einig. Deswegen justiert das Ministerium nach, zusammen mit dem Verband der Kolpinghäuser, der das Programm bundesweit koordiniert als Schnittstelle zwischen den Familien und Unterkünften.
    Bereits in zwei Runden konnten Familienerholungseinrichtungen beantragen, am "Corona-Auszeit"-Programm teilzunehmen. Und:
    "Weitere Antragsrunden werden folgen, damit in den kommenden Wochen und Monaten weitere Unterkünfte hinzukommen bzw. diese ihre Kapazitäten aufstocken können. Es wird aktiv auf geeignete Einrichtungen zugegangen und auf die Maßnahme aufmerksam gemacht."
    Voraussetzung ist, dass die Einrichtung gemeinnützig ist und vor Ort ein Freizeitprogramm für Kinder und Eltern anbietet.
    Das Gesamtvolumen der Fördermittel für das Programm beträgt 50 Millionen Euro. Berechtigte Familien können für 2021 und 2022 jeweils einmalig bis zu sieben Tage bezuschussten Urlaub beantragen.
    Für Übernachtung und Verpflegung zahlen sie in den Unterkünften dann nur zehn Prozent, die restlichen Kosten übernimmt der Bund. Für Kurtaxe, An- und Abreise müssen die Familien selbst aufkommen.

    Immer noch zu teuer für Hartz-IV-Bezieher

    Die Mutter aus Berlin konnte vier Tage Urlaub im Huberhaus ergattern. Ihr war wichtig: "Ich habe extra Sachen gebucht, wo wir nicht so weit fahren müssen, wo wir gut mit dem Zug hinkommen, weil wir kein Auto haben."
    Mit 120-Kilometer-Ticket und im Regio ist die dreiköpfige Familie von Berlin in den Harz gereist. Das ist relativ günstig, aber für Menschen im Hartz-IV-Bezug immer noch kostspielig. Denn für eine erwachsene Person kommen trotz Vergünstigung bei sechs Übernachtungen inklusive Kurtaxe und An- und Abreise Kosten von insgesamt über 95 Euro zusammen. Das ist viel Geld vor dem Hintergrund, dass einer alleinerziehenden Person im Monat etwa 40 Euro für Verkehr und nochmal knapp zwölf Euro für Beherbergungs- und Gaststättenleistungen zustehen – also insgesamt 52 Euro.
    Das stimmt auch die Mutter aus Berlin nachdenklich: "Das habe ich mich tatsächlich auch gefragt, wie sich das solche Familien leisten sollen. Wir hatten tatsächlich auch schon Hartz IV-Bezug, ich weiß, wie es ist, mit so wenig Geld auszukommen. Da ist so eine Zugfahrt schon eine Belastung, die man sich erstmal ansparen muss."
    Innerhalb von einer halben Stunde sei das Huberhaus für 2021 komplett ausgebucht gewesen, berichtet Stephan Fischer. Für 2022 gibt es nur noch kleine Lücken unter der Woche.
    "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Da fällt ein ganzer Teil hinten runter, die es vielleicht auch dringend nötig hätten, aber die gar keine Möglichkeiten mehr haben, daran teilzunehmen."

    Gute Idee und Schnellschuss zugleich

    Die Corona-Auszeit für Familien nennt Fischer eine gute Idee, spricht rückblickend aber von einem Schnellschuss. Erst zwei Wochen nach dem offiziellen Buchungsstart habe es eine Onlineveranstaltung gegeben, bei der die teilnehmenden Häuser erfahren hätten, wie das ganze Programm umgesetzt werden soll. Etwa, wie sie Buchungen vornehmen sollen und die Anträge später bearbeiten müssen, um auf den Topf für das Programm zugreifen zu können.
    Den ganzen Papierkram erledigen die Unterkünfte für eine Verwaltungspauschale von je 15 Euro. "Es ist das notwendige Übel in einem bürokratischen Staat", sagt Lucien Hoffmann an der Rezeption. Er kümmert sich im Huberhaus um die Anträge.
    Wann Familien noch eine Chance auf eine Buchung hätten? "Optimal ist momentan der 30. Februar", witzelt Hoffmann. Eigentlich könnten in der Herberge in Wernigerode 91 Betten belegt werden, wenn nicht gerade Corona wäre.
    Vieles an der Corona-Auszeit sei gut gemeint, aber nicht gut gemacht, findet Hoffmann. Vor allem störe ihn "dieses Holterdipolter", von jetzt auf gleich. Viele Hotels seien bereits gut gebucht gewesen - und das über das ganze Jahr.
    Oft reservieren Stammgäste bereits ein Jahr im Voraus. Für die Corona-Auszeit-Familien ist also nur begrenzt Platz. In dieser Woche sind es in Wernigerode gerade mal drei bis vier Familien, die beherbergt werden können.
    Wer einen der begehrten Plätze bekommt, kann sich glücklich schätzen: "Eine Familie war zum Beispiel hier, die haben gesagt: Sie sind einfach so glücklich, dass sie hier sein dürfen, weil das ihr erster Urlaub nach zwölf Jahren ist."
    Das sind die Momente, in denen Fischer weiß, wofür sich der Aufwand lohnt.
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