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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.09.2007

SS-Mörder privat

Ein Fotoalbum zeigt erstmals das "soziale" Leben der Aufseher in Auschwitz

Von Jochanan Shelliem

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Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)
Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)

Tagsüber töten, abends feiern. - So muss man sich wohl den "Arbeitsalltag" der SS-Schergen in Auschwitz vorstellen. Das jetzt veröffentlichte Fotoalbum des Lageradjudanten Karl Höcker zeigt, wie die Massenmörder ihre Freizeit gestalteten.

"Blaubeerschlemmen in Auschwitz." Ja das gab es wohl – Wer schlemmte? Lageradjutant Karl Höcker hat SS-Offiziere beim Ausflug fotografiert, ja ein paar Mädels waren auch dabei. Die SS-Helferinnen lachten, alles war besser als Arbeit im Schatten der Krematorien.

Stierhoden, Zahngold im Fresspaket nach Haus, das gab es auch und ein Bordell und lachende Gesichter, wenn der Kapo ein Kind mit Schwung gegen die Hauswand schmetterte, das gab es auch. Und Mengele, Herr Dr. Mengele war auch ein distinguierter Offizier, einer der Umgangsformen hatte, zwischen Mensch und Material unterschieden hat, die Menschen haben seine Manieren genießen können, die menschlichen Materialien seine Versuchsanordnungen.

Das war eine der Grundlagen der Vernichtungspolitik im Dritten Reich, der kleine Unterschied und wer den nicht begriff, kam ins KZ.

Die "Banalität des Bösen" war das Endprodukt, der Reichsdeutschen im Zustand der Endlösung. Das kaum ein Nachkriegsjurist die Dimension des Postulats von Hanna Ahrendt begriff, begreifen wollte, mündete in die bieder brave Argumentation beim Freispruch altgewordener Massenmörder, er habe sich seit dem Krieg ganz unauffällig verhalten.

Die Bilder des letzten Lageradjudanten von Auschwitz, zeigen die Sehnsucht nach der launigen Normalität. Hätten SS-Größen damals ihr Handy mitgehabt, dann gäbe es heute Knutschszenen in Baracken und das Große Fressen im Bordell und auch die sauberen Lagergassen von Auschwitz im Internet zu sehen.

Das Fotoalbum des Karl Höcker zeigt die Sehnsucht des erfolgreich zum professionellen Unterscheider zwischen Mensch und Material sozialisierten nach der braven Biederkeit.

Es ist doch alles nicht so schlimm gewesen, sagt jedes Bild. Wer will mit diesen freundlichen SS-Offizieren beim entspannten Feierabend, so die Bildunterzeile, nicht das Zimmer teilen Freilich bestand ihr Arbeitstag, dessen Abend sie feierten in der Vernichtung von Menschen und deren Folterung zuvor. "SS-Offiziere beim entspannten Feierabend", so die Bildunterschrift in der "Süddeutschen Zeitung". Gibt es ein Bild, das heutzutage einen Kidnapper beim entspannten Feierabend zeigt. Es gibt keine Kidnapper heutzutage, die die fabrikmäßige Vernichtung ihrer Opfer betreiben, aber das Bild vom Bösen ist heute wieder ein statisches.

Der polnische Präsident und sein Zwillingsbruder arbeiten daran und andere angstvolle Deutsche auch. Das Böse soll als Böses auf die Welt gekommen sein, so wie bei Steven King. Die Sozialisation des "Polizeibatallions 101", wo bieder brave Deutsche aller Couleur, ein bunter Haufen wie im Stadion, den ersten Massenmord durch Nahrungsmittelrationierung und Wegsehen und Weghören hinter sich brachten, die Grausamkeiten steigerten bis ihnen die Liquidation von Menschenmassen ebenso leicht fiel wie die vorschriftsgemäße Kleidung. – Die Wahrheit, dieses dynamische Gebilde, das Großvater ein Schwein gewesen ist, der Dinge tat, die in dem anämischen Machtvakuum des nachkriegsdeutschen Trümmerdorfes ganz undenkbar gewesen sind, die Wahrheit, dass die polnischen Bewohner von Jedwabne, die im Schutz der Wehrmacht 1600 Juden ermordeten, einen Großteil bei lebendigem Leibe in einer Scheune verbrannten, dass diese Polen keine Opfer gewesen sind, sondern die Situation ihrer Besetzung nutzten, um die Vermögensverhältnisse vor Ort ein für alle Mal zu klären, gespeist durch einen katholisch-mystischen Antisemitismus. Mit dieser Klarstellung wird man sich bis heute auch in Polen keine Freunde machen.

Einfacher ist: Der Satan ist der Mörder und alle, die keine Hörner tragen, die sind gut. So einfach ist das, doch da es allen dämmert, dass der Kinderglaube nicht ganz stimmen kann, gelten nun Bilder aus verschollenen Fotoalben als Beweis für die geheime Seite jener Biedermänner, die die Krematorien mit Menschen fütterten, dabei zeigen die Bildern nicht weniger als das Bedürfnis, erfolgreich sozialisierter Mörder nach einem lachenden Idyll – auf allen Bildern im Fotoalbum des Lageradjudanten Karl Höcker ist nicht ein einziger Gefangener zu sehen.

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