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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2015

Sri LankaDer lange Weg zum inneren Frieden

Von Sandra Petersmann

Sri Lankas neuer Präsident Maithripala Sirisena beim Besuch eines Tempels (imago/xinhua)
Sri Lankas neuer Präsident Maithripala Sirisena (Mitte) will das Land versöhnen. (imago/xinhua)

Der Frieden in Sri Lanka ist eine zarte Pflanze. Fast drei Jahrzehnte dauerte der Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singhalesen. Die beiden Gruppen stehen sich weiter misstrauisch gegenüber. Doch seit der Präsidentschaftswahl im Januar gibt es Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Mitten im Dschungel ist zwischen zwei Bäumen ein Seil gespannt. Auf dem rennt ein kleiner Affe hin und her und schlägt Salti. Er soll das Publikum unterhalten, das sich versammelt hat, um bei einer Buchvorstellung dabei zu sein. Mitten im Dschungel – im Norden Sri Lankas, in der Nähe der Stadt Kilinochchie.

Noch im Frühjahr 2009 ist hier viel Blut geflossen. Heute sitzen rund 200 Menschen plaudernd auf Plastikstühlen unter dem dichten, grünen Blätterdach, um Puratchi zuzuhören.

Puratchi kennt den Dschungel in- und auswendig. Er hat hier früher gegen die sri-lankische Armee gekämpft. Er wollte mit Gewalt einen eigenen tamilischen Staat im Norden Sri Lankas erzwingen. Wie viele andere Tamilen empfand er die Vorherr-schaft der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit als Unterdrückung. Kilinochchie war jahrelang das politische und militärische Hauptquartier der tamilischen Separatis-tengruppe "Befreiungstiger für Tamil Eelam", kurz LTTE. Und Puratchi war ein über-zeugter LTTE-Kämpfer – bis zum Schluss.

"Nur die LTTE hat sich um uns Tamilen gekümmert, um unsere Rechte, um unsere Freiheit. Für uns gab es nur die LTTE. Sie war unsere Regierung, und sie war unser Schutz."

Puratchi ist ein durchtrainierter Typ mit sauber gestutztem Schnurbart und intensiven Augen. Er schreibt heute Bücher. Im Dschungel vor den Toren Kilinochchis stellt er sein insgesamt drittes vor.

"Ich schreibe über meine Erfahrungen im Krieg. Wir waren in einem tödlichen Kreis-lauf gefangen. Die tamilische Bevölkerung hat schreckliche Dinge erlebt. Es gab kein Entrinnen. Das war ein tödlicher Kreislauf. Zum Schluss waren über 100.000 Menschen auf engstem Raum eingesperrt. Es ging nur um ein paar Kilometer. Ich war unter ihnen."

Sein Blick schweift über das Publikum. Hinter der letzten Stuhlreihe sind Angehörige des militärischen Geheimdienstes aufgezogen. Die fünf Männer tragen zivil. Puratchi knetet seine Hände.

"Ich muss sehr diplomatisch und vorsichtig antworten. Ich kann mich heute zwar frei bewegen, aber ich kann nicht alles frei sagen. Ich bin unter ständiger Beobachtung."

Puratchi hat nach dem Ende des sri-lankischen Bürgerkriegs drei Jahre im staatlichen Internierungslager verbracht. Tausende Gefangene sind bis heute verschwunden. Für Puratchi gab es erst endlose Verhöre, dann nahm er an Umerziehungs-Programmen teil und entdeckte seine Leidenschaft für das Schreiben. Er kämpft weiter für die tamilische Sache. Aber ohne Waffe, wie er beteuert. Auch einen eigenen Tamilen-Staat fordert er nicht mehr öffentlich.

"Alle sollen hier frei und ohne Angst leben können. Wir Tamilen wollen ein selbstbestimmtes Leben in dieser Nation führen."

Die Befreiungsorganisation galt als brutale Terrorgruppe

Der ehemalige Befreiungstiger kämpfte schon als Minderjähriger für die LTTE. Freiwillig, wie er betont. Heute ist Puratchi Mitte 30. Er reflektiert seine Geschichte, und er kämpft mit der Wahrheit. Seine LTTE galt auch in Europa zum Schluss nicht mehr als Befreiungsorganisation, sondern als brutale Terrorgruppe. Puratchi sieht das anders.

"Jeder weiß, was passiert ist. Alle wissen es. Die Wahrheit ist bekannt. Ich kann hier jetzt nicht die Wahrheit sagen."

Welche Wahrheit? Die rund 200 tamilischen Dorfbewohner, die sich im Dschungel für Puratchis Buchvorstellung versammelt haben, verehren ihn als mutigen Freiheitskämpfer. Für die Armeegeheimdienstler in zivil hinter der letzten Stuhlreihe hat Puratchi eine gefährliche, terroristische Vergangenheit, die es rechtfertigt, ihn weiter zu kontrollieren.

Sri Lanka tut sich schwer mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Es geht dabei auch um Kriegsverbrechen und um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Waf-fen schweigen seit Sommer 2009. Doch fast drei Jahrzehnte Krieg und Gewalt haben tiefe Spuren in den Köpfen vieler Menschen hinterlassen.

Die Mehrheit sind Singhalesen, 15 Prozent sind Tamilen

Die große Mehrheit der heute knapp 21 Millionen Einwohner sind Singhalesen. Etwa 15 Prozent sind Tamilen. Die beiden größten Bevölkerungsgruppen des Landes un-terscheiden sich vor allem religiös und sprachlich. Die meisten Singhalesen sind Buddhisten, die meisten Tamilen sind Hindus. Die politische, militärische und wirtschaftliche Macht ist in singhalesischen Händen konzentriert.

Vor allem die Tamilen im Norden und Osten Sri Lankas lehnten sich nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1948 gegen die zentralisierte Machtverteilung auf. Erst ging es um Autonomie und kulturelle Selbstbestimmung, dann um einen eigenen tamilischen Staat. 1983 griffen die Befreiungstiger von Tamil Eelam unter ihrem An-führer Velupillai Prabhakaran zu den Waffen. Die Tiger stürzten Sri Lanka in einen drei Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg, dem vermutlich 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Die tamilische LTTE gilt als erste Gruppe weltweit, die Selbstmordattentäter als Waffen einsetzte. Als Mahinda Rajapaksa 2005 Präsident wurde, entschied er sich, alle Verhandlungen abzubrechen und die tamilischen Befreiungstiger zu vernichten. Im Frühjahr 2009 kam es auf einem schmalen Küstenstreifen im Norden Sri Lankas zur letzten Schlacht. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben allein in diesen Wochen des Bürgerkriegs bis zu 40.000 Menschen. Davon unbeirrt verkündete Präsident Mahinda Rajapaksa im Mai 2009 den Triumph.

"Ich gebe stolz bekannt, dass es meiner Regierung dank des aufopferungsvollen Einsatzes unserer Armee endlich gelungen ist, die LTTE in einer noch nie da ge-wesenen humanitären Operation militärisch zu besiegen. Durch unsere präzise hu-manitäre Operation ist es uns gelungen fast alle Zivilisten zu befreien, die von der LTTE als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden."

Nur das Wasser schwappt ans Ufer. Ansonsten herrscht Totenstille. Die Nandikadal Lagune im tamilischen Norden Sri Lankas ist ein gespenstischer Ort. Sie schmiegt sich malerisch an die Küstenstadt Mullaitivu, doch ihr Marschland ist blutdurchtränkt. Hier fand die letzte Schlacht statt. Hier war der Tod allgegenwärtig. Paramesvari hat überlebt. Nach endlosen Stunden der Todesangst. Sie war damals mit fünf Enkelkindern auf der Flucht. Ihr laufen Tränen über die Wangen, als sie ihre Geschichte er-zählt.

"Wir waren im Bunker. Wir haben damals fast nur noch im Bunker gelebt. Meine Tochter und mein Mann verließen um die Mittagszeit unseren Bunker, um Essen aufzutreiben. Die Kinder waren so hungrig. Wir hatten schon seit Tagen nichts mehr gegessen. Das war am 20. April 2009. Dann schlug das Geschoss im Garten ein und mein Mann und meine Tochter waren tot. Ich bin dann mit den Kindern geflohen. Wir sind um unser Leben gerannt. Richtung Lagune. Aber sie haben immer weiter geschossen. Wir haben uns in Löchern versteckt, die wir uns selbst gegraben haben."

Für eine Beerdigung der Toten blieb keine Zeit. Großmutter Paramesvari und ihre Enkelkinder steckten am Ende ihrer Flucht tagelang im schlammigen Uferwasser der Nandikadal-Lagune fest. Die tamilischen Tiger hinderten die Zivilisten an der Flucht, die vorrückende Armee feuerte. Auf Dörfer, Schulen, Krankenhäuser, auf die Lagune.

"Wir waren lange im Wasser und völlig erschöpft. Die Armee hat einen nach dem anderen aus dem Wasser rausgeholt. Sie haben uns dann alle in ein Camp gebracht, das mit Stacheldraht eingezäunt war. Da war es sehr eng und voll, und wir wurden alle verhört. Aber für mich und die Kinder war das eine Rettung. Wir mussten uns hinsetzen und Befehlen gehorchen. Wir waren gefangen. Aber wir waren in Sicher-heit und hatten endlich zu essen und zu trinken."

Heute ist die hagere Paramesvari mit ihren Enkeln zurück in dem kleinen Haus mit dem kleinen Garten in Mullaitivu, in dem ihr der sri-lankische Bürgerkrieg ihren Mann und ihre Tochter raubte. Entschädigt wurde sie nie.

"Ich mache die Armee verantwortlich. Die Soldaten wussten, dass hier Menschen wohnen, und sie haben trotzdem auf uns geschossen."

Eine Erinnerungsstätte für die getöteten Zivilisten gibt es nicht

Die sri-lankische Armee ist im Norden bis heute omnipräsent. Im Straßenbild und als Wirtschaftsfaktor. Soldaten mit Gewehren auf dem Rücken fahren auf Fahrrädern Patrouille. Soldaten pflügen Felder, sie mästen Hühner und sie bauen Gemüse an. Die Armee betreibt auch Geschäfte und Hotels. Die neuen Straßen in der ehemaligen Kampfzone sind gesäumt mit großen Hauptquartieren, Stützpunkten und bombastischen Siegessäulen, hinter denen die zerstörten Häuser der lokalen Bevölkerung fast verschwinden. Die Ehrenfriedhöfe und Denkmäler der LTTE sind verschwunden. Eine Erinnerungsstätte für die getöteten Zivilisten gibt es nicht. Chilaama hat den Kessel von Nandikadal überlebt. Sie ist nie wieder zur Lagune zurückgekehrt. Chilaama hatte einen minderjährigen Sohn, der in der letzten Phase des Krieges von der LTTE zwangsrekrutiert wurde.

"Wir leben jetzt in Frieden. Jetzt kommt niemand mehr und zwingt unsere Kinder, Bunker zu graben und Waffen zu tragen. Viele von uns haben Ehemänner und Kinder verloren. Ich habe wie viele andere auch nicht nur unter der Armee, sondern auch unter der LTTE gelitten, vor allem in der letzten Kriegsphase. Die LTTE hat uns gezwungen Bunker zu graben und Sandsäcke zu füllen, als wir fliehen wollten. Es gab so viele Tote und Verletzte. Die LTTE hat mir meinen Sohn genommen. Später haben wir erfahren, dass er von Regierungssoldaten erschossen worden ist."

Am 8. Januar 2015 wählte die sri-lankische Bevölkerung völlig überraschend den Mann aus dem Amt, dem es gelungen war, die tamilischen Befreiungstiger militärisch zu besiegen. Der Präsident sonnte sich fast sechs Jahre lang im Glanz des Sieges über den Terror und regierte zusehends autokratischer. Er entmachtete das Parlament, schränkte die Meinungsfreiheit ein und ließ politische Gegner ausschalten. Mit ihm wurde auch seine Familie immer mächtiger und reicher. Der Rajapaksa-Clan verweigerte sich nach dem Kriegsende einem politischen Wahrheits- und Versöhnungsprozess.

"Wir können doch niemanden für den Sieg über den Terror bestrafen. Ich werde nicht zulassen, dass die Staatengemeinschaft uns für unseren Sieg über den Terror bestraft."

Sri Lankas neuer Präsident Maithripala Sirisena hat die Ära des Rajapaksa-Triumphalismus beendet, die einer breiten Versöhnung im Weg stand. Er hat versprochen, einen nationalen Wahrheitsprozess einzuleiten. Im Tropenparadies ist noch nichts entschieden, aber es scheint vieles endlich möglich zu sein.

Im Dschungel vor Kilinochchi im Norden Sri Lankas wartet Nimal auf die Buchvor-stellung seines alten LTTE-Kameraden Puratchi, der heute Schriftsteller ist. Nimal sitzt im Rollstuhl. Der junge Mann verlor kurz vor Kriegsende beide Beine, als eine Granate der Armee in seiner Stellung einschlug. Der ehemalige Befreiungstiger träumt davon Musiker zu werden. Er hat ein Lied über Sri Lanka geschrieben.

"Großer Gott, der du dich um das Wohlbefinden der Nation kümmerst", singt Nimal mit fest geschlossenen Augen: "Wird es in meinem Leben ein Licht geben, damit ich den Schmerz ertragen kann, der meinen Körper und meine Seele noch nicht verlassen hat?"

Es ist ein Lied voller Fragen. "Wer kann meinen Schmerz lindern? Wer reicht mir die Hand?" Erst als er zu Ende gesungen hat, öffnet Nimal wieder seine Augen. 

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