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Studio 9 | Beitrag vom 12.04.2018

SR-Indentant Kleist zum Fall Wedel "Aus der heutigen Sicht schockiert es"

Von Tonia Koch

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Regisseur Dieter Wedel (Swen Pförtner / dpa )
Regisseur Dieter Wedel (Swen Pförtner / dpa )

Seit Wochen untersucht eine Kommission des Saarländischen Rundfunks die Missbrauchsvorwürfe gegen Filmregisseur Dieter Wedel während der Dreharbeiten für eine Serie. Eines ist klar: Der Sender wusste davon und hat nichts getan.

Was die Untersuchungskommission des saarländischen Rundfunks zum Fall des Filmregisseurs Dieter Wedel zusammengetragen hat, hat beim amtierenden Intendanten des SR, Thomas Kleist, Spuren hinterlassen: "Aus der heutigen Sicht schockiert es."

Schockierend an den Vorgängen rund um die SR-Filmproduktion mit dem Titel "Die Bretter, die die Welt bedeuten" sei vor allem, dass sich die komplette Hausspitze vor 40 Jahren, als die Vorabendserie gedreht wurde, aus der Verantwortung gestohlen habe, so Kleist.

"Die Verantwortlichen von damals sind ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden, das ist unsere conclusio."

Ihrer Verantwortung gegenüber zwei Schauspielerinnen, die sich bereits in Zeitungsberichten geäußert haben, dass sie von Dieter Wedel sexuell belästigt und misshandelt worden sind. In erneuten Befragungen des SR haben die Betroffenen das Geschehene erneut wiedergegeben.

Für den Saarländischen Rundfunk, der auch Dieter Wedel als weiteren Betroffenen befragen wollte, was dieser abgelehnt hat, bestehe kein Grund, den Angaben der beiden Frauen zu misstrauen, so Kleist.

"Es gibt deutliche Hinweise, und ich könnte es auch juristisch formulieren, es gibt Indizien, dass das, was die Frauen uns geschildert haben, der Wahrheit entspricht. Aber ich muss immer hinzufügen, wir müssen gerecht sein, und Gerechtigkeit heißt auch, die Persönlichkeitsrechte aller anderen zu schützen und der Verursacher, so will ich ihn einmal nennen, bewertet die Dinge ja anders und streitet vieles ab."

Angst vor einem Presseskandal

"Die Telefilm Saar geht tatsächlich davon aus, dass es in Folge verursachter sexueller Kontakte zu Handgreiflichkeiten zwischen einer der beiden Schauspielerinnen und dem Regisseur kam."

Diese Notiz findet sich in den Akten und davon hatten die Verantwortlichen Kenntnis, bis in die höchste Ebene hinein. Konsequenzen wurden jedoch keine gezogen, weil man einen Presseskandal verhindern wollte, heißt es in einer schriftlichen Begründung.

Darüber hinaus habe es sich der kleine Sender wohl nicht mit dem großen Regisseur verscherzen wollen, so Kleist. Zumal die Kosten für die Produktion seinerzeit aus dem Ruder gelaufen seien. Die für das Filmgeschäft zuständige SR-Tochter Telefilm sei deshalb in finanzielle Nöte geraten und habe sich einen Abbruch der Filmproduktion wohl nicht leisten wollen oder können.

"Man hat eine andere Wertigkeit vorgenommen und zwar zu Lasten der Betroffenen, der Opfer und zwar zugunsten der Wirtschaftlichkeit, das waren die Motive", sagt Kleist.

Der SR-Intendant will sich jedoch nicht zum Richter der Vergangenheit machen, da die Geschehnisse, die 40 Jahre zurückliegen, verjährt und damit strafrechtlich nicht mehr relevant sind. Kleist will dafür Sorge tragen, dass Alarmzeichen frühzeitig wahrgenommen werden:

"Wir haben ein ganzes Netzwerk von Anlaufstellen, wo sich Betroffene hinwenden können. Aber mir ist eines viel, viel wichtiger: Dass man eine Basis schafft, eine Unternehmenskultur, in der es keinen Nährboden mehr gibt für solchen Missbrauch, und das geht nur dadurch, dass ich ein Unternehmensklima schaffe, das geprägt ist von Respekt, von Wertschätzung und von Augenhöhe."

Der Saarländische Rundfunk ist bislang die einzige Rundfunkanstalt, die nach 40 Jahren noch Akten gefunden hat, in denen sich im Zusammenhang mit Dieter Wedel Hinweise auf sexuelle Belästigung finden. Alle anderen Fernsehanstalten, die Film-Produktionen mit Wedel durchgeführt haben, sind nicht fündig geworden. Das aber will SR-Intendant Thomas Kleist nicht bewerten:

"Ich kehre vor der eigenen Tür", sagt Kleist.

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