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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 15.09.2018

"Spurwechsel" für FlüchtlingeBleiberecht statt Abschiebung?

Wolfgang Grupp im Gespräch mit Annette Riedel

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Wolfgang Grupp, Inhaber von Trigema ( Trikotwarenfabrik Gebrueder Mayer ), in seinem Geschaeft in in Europas groesstem Einkaufszentrum Mall of Berlin am Eroeffnungstag Berlin, 25.09.2014. Berlin Deutschland PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xMichaelxGottschalkx Wolfgang Grupp Owners from Trigema Jersey products factory Brothers Mayer in his Business in in Europe groesstem Shopping Centre Mall of Berlin at Opening day Berlin 25 09 2014 Berlin Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xMichaelxGottschalkx (imago stock&people/Michael Gottschalk)
Wolfgang Grupp, Inhaber von Trigema Trikotwarenfabrik Gebrueder Mayer in seinem Geschaeft in Berlin. (imago stock&people/Michael Gottschalk)

Firmenchef Wolfgang Grupp setzt sich für ein Bleiberecht von Flüchtlingen ein, selbst wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde - wenn sie einen Arbeitsplatz haben. Er sagt: "Es wäre ein Frevel, die Arbeitskraft nicht zu nutzen."

Deutschlandfunk Kultur: Herr Grupp, Sie haben sich, wie schon über hundert Unternehmer aus dem Südwesten Deutschlands, der Unternehmerinitiative "Bleiberecht" angeschlossen. Familienunternehmer, aber auch Mittelständler wie Sie, auch ein paar ganz Große, die Firma Würth oder auch EnBW, haben sich dieser Initiative angeschlossen.

Sie wollen erreichen, dass gut integrierte Flüchtlinge, die einen Arbeitsplatz haben, in Deutschland bleiben können, auch wenn sie nicht als Asylbewerber anerkannt sind. Sie tun das aus ökonomischen Gründen. Oder ist das für Sie eine Frage der Menschenfreundlichkeit?
 
Wolfgang Grupp: Das sind natürlich in erster Linie ökonomische Gründe. Ich brauche Mitarbeiter, um meine Aufträge entsprechend abarbeiten zu können. Für uns ist es heute immer schwieriger, eine vernünftige Näherin zu bekommen, weil in Deutschland so die Meinung ist, jeder muss Abitur machen und möglichst noch studieren. Und wer Abitur gemacht hat, geht mir nicht mehr an die Nähmaschine.

Deshalb freuen wir uns über jeden Europäer, den wir einstellen können. Wir haben 20, 25 Nationalitäten in unserem Unternehmen. Aber es hat sich gezeigt, dass es nun tatsächlich in der Damenriege, in der Näherei sind ja normalerweise in der Vergangenheit nur Damen beschäftigt gewesen, plötzlich Männer gibt, die eben aus Syrien oder Pakistan kommen, die zu Hause genäht haben.
 
Deutschlandfunk Kultur: Nun ist es ja so, dass Sie – das sagen Sie auch von sich selbst – kein Sozialunternehmen sind. Es geht Ihnen tatsächlich darum, einen ordentlichen Umsatz zu machen und auch Profit zu machen.

Warum spielen dabei die Flüchtlinge eine Rolle? Denn es ist ja so, dass Sie zwar einerseits so leicht keine deutschen Mitarbeiter mehr finden in diesem Bereich, sagen Sie. Auf der anderen Seite gilt es natürlich, um Menschen aus einem völlig anderen Land, einer völlig anderen Kultur an die Arbeit heranzuführen, also, auch erstmal Investitionen zu tätigen. 

31.10.2016: Firma Trigema in Burladingen, Stammsitz des Textilunternehmens Trigema (Trikotwarenfabrik Gebrueder Mayer). (imago stock&people)Der Stammsitz der Firma Trigema in Burladingen. (imago stock&people)
Wolfgang Grupp: Ich habe ja auch bei Deutschen, die ich ausbilden muss, Investitionen. Ich muss die Ausbildung mache. Und wenn ich einen Flüchtling bekomme, der im Prinzip bereits zu Hause jahrelang genäht hat, ein Top-Näher ist, dann fallen mir die sogenannten Ausbildungskosten weg. Und wenn ich jetzt sage, ich habe ein bisschen Kosten wegen der Sprache, weil der noch einen Sprachkurs macht, dann ist das ja nicht viel. Und wir freuen uns. Und wir haben mit unseren Flüchtlingen im Prinzip überhaupt kein Problem. Die sind ja meistens schon zwei Jahre oder so in Deutschland gewesen, sind von einem Flüchtlingshelfer über Internet uns dann vermittelt worden.
 
Deutschlandfunk Kultur: Also, Sie haben nicht nach denen gesucht, sondern man ist an Sie herangetreten.

"Ich möchte keinen entbehren"

Wolfgang Grupp: Wir haben im Internet stehen, dass wir konstant Näher einstellen oder auch anlernen. Und dann kriegen wir von Flüchtlingshelfern plötzlich die Nachricht aus Nordrhein-Westfalen, sie hätten einen Flüchtling, der sehr gut nähen kann und der gerne zu uns kommen würde. Dann wird der vorgestellt. Und dann finden wir ihn gut. Der kriegt eine Arbeitsstelle. Und dann kommt der nach ein paar Wochen, je nach dem, wenn er eine Möglichkeit hat, bei einem Freund zu wohnen oder bei einem Bekannten. Meistens haben die auch irgendwelche Bekannten. Und dann ist der bei uns Näher. So haben wir heute 36 Flüchtlinge, wo ich sage, ich möchte keinen entbehren.
 
Deutschlandfunk Kultur: Was passiert, wenn Sie jetzt jemanden entbehren müssen - ganz einfach deshalb, weil ein Asylgesuch abgelehnt worden ist und dann die Arbeitserlaubnis entzogen werden kann oder sogar die Abschiebung blüht? Was bedeutet das für Ihr Unternehmen, wenn diese Menschen, vielleicht nicht alle 36, aber der eine oder andere dann gehen muss, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo Sie nicht wissen, wann der kommt?

Wolfgang Grupp: Das ist ja bei uns auch der Fall. Ich habe ja 700 Näherinnen beschäftigt. Die können heute plötzlich schwanger werden. Das weiß ich auch nicht vorher. Damit müssen wir immer rechnen. Aber es ist so, dass wir zwei oder drei Flüchtlinge haben, die plötzlich einen Abschiebungsbescheid bekommen haben. Damit müssen wir leben. 

Moderatorin Annette Riedel und Trigema-Chef Wolfgang Grupp vor der Aufzeichnung des "Tacheles"-Gespräches im Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)Moderatorin Annette Riedel mit Trigema-Chef Wolfgang Grupp. (Deutschlandradio / Matthias Horn)

Und ich habe damals nur gesagt zu unserem Minister in Baden-Württemberg, Minister Strobl: Wäre es nicht sinnvoll, dass man sagt, ich garantiere den Arbeitsplatz. Können wir diesen Flüchtling ein Jahr später abschieben? Dann kann der noch ein Jahr zum Sozialprodukt Deutschlands beitragen? Er hat ein Jahr seinen Lohn. Und wir haben ein Jahr einen Näher.

Das ist aber scheinbar nicht machbar. Ich habe gesagt: Dann beuge ich mich natürlich der Politik, weil, die muss wissen, was ist für unser Land richtig oder nicht. Aber der hat Einspruch eingelegt. Und jetzt können wir ihn so lange beschäftigen, bis der Einspruch sozusagen erledigt ist.
 
Deutschlandfunk Kultur: Das heißt aber auch, was diese Initiative der Unternehmerinnen und Unternehmer, angeführt von der Chefin des Outdoorausrüsters Vaude, Antje von Dewitz, will, ist nicht unbedingt ein Bleiberecht für abgelehnte Asylbewerber, die einen Job haben, mit Open End, unbefristet. Sondern die Initiative sagt - oder sind Sie das in dieser Initiative? - die sagt: ein Jahr bleiben. Dann weiß man aber zumindest, das habe ich noch. Und das würde reichen.

Abschiebung bei Arbeitsplatz-Garantie verzögern

Wolfgang Grupp: Also, das war ich. Ich habe gesagt, ich kann nicht erwarten, dass die Politik, weil ich jetzt einen Mitarbeiter dringend brauche, ihre Grundsätze ändert, die ja überlegt sein müssen. Ob die für die Integration richtig sind in Deutschland oder nicht, das will ich nicht anzweifeln. Ich habe gesagt, nur die Frage, ob man nicht ein oder zwei Jahre, wenn ich die Verantwortung übernehme - garantierten Arbeitsplatz - dass man sagt, okay, die Abschiebung bleibt, aber sie wird um ein oder zwei Jahre verschoben.

Das war ein Vorschlag, den ich gesagt habe, weil ich mich nicht in die Politik einmischen will. Ich setze voraus, dass die Politik verantwortungsvoll die Integration im Griff hat und entscheidet: Das können wir gestatten oder das nicht, sonst werden wir überbevölkert oder was weiß. Und da will ich nicht eingreifen. Ich habe nur gefragt: Kann man das um ein Jahr verschieben?
 
Deutschlandfunk Kultur: Politisch diskutiert wird das unter der Überschrift "Spurwechsel", also, von einem Asylverfahren überzugehen in ein Beschäftigungsverhältnis, oder in dem Fall eines zu bestätigen, was ja schon da ist. Und genau dieser Spurwechsel - das ist Ihnen vielleicht dann auch vom Minister Strobl gesagt worden - ist aus der Sicht einiger in der Politik schwierig, weil sie sagen: Da setzen wir einen Anreiz für Menschen, die zu uns kommen, und zwar nicht, weil sie vor Krieg und Verfolgung flüchten, sondern weil sie ein Auskommen, eine Perspektive suchen, indem wir ihnen den Eindruck vermitteln: wenn du mal einen Job gefunden hast, wird alles gut.

Spurwechsel logischer als Neuanwerbungen im Ausland

Wolfgang Grupp: Jetzt muss man das natürlich klassisch sehen. Das heißt, wenn ich sage, ich habe nun einen solchen abzuschiebenden Asylanten, der zwei Jahre seine Pflicht getan hat, anständig war, die Sprache spricht, der müsste jetzt partout abgeschoben werden. Das war eben die Frage. Für unseren Arbeitsplatz müssen wir ja irgendwann Leute anwerben können, so dass wir sagen: Wir könnten in irgendeinem Land fragen, ob wir da nicht Arbeitskräfte kriegen. 

Dann ist die doch aber Frage: Ist es nicht logisch oder naheliegend, dass wir die, die bereits gezeigt haben, dass sie für den Arbeitsplatz passend sind, die bereits die Sprache sprechen - ist das nicht einfacher, die im sogenannten Spurwechsel auf diese neue Schiene zu bringen, bevor ich diese abschiebe und wenn sie draußen sind, wieder anwerbe? Das war nur ein vernünftiger Vorschlag. 

Natürlich habe ich oder hat die Politik mit solchen Leuten auch die Verantwortung, dass die sich anständig verhalten, dass die nicht irgendwo der Gesellschaft zur Last fallen. Und da würde ich für alle die, die wir im Prinzip beschäftigen wollen, die Hand ins Feuer legen, weil wir die kennen, wie sie sich integriert haben und die fleißig und topp sind. 

Chance für die, die arbeiten wollen und integriert sind

Deutschlandfunk Kultur: Politiker der AfD sagen, das wäre eine Prämie für illegale Einwanderer, die das Asylrecht missbrauchen, um sich eine Eintrittskarte nach Deutschland zu verschaffen. – Was halten Sie so jemandem entgegen?

Wolfgang Grupp: Ich würde mal sagen, wenn ich von denen spreche, die bei mir beschäftigt sind, dann würde ich sagen, das ist sicherlich nicht der Fall. Die haben sicherlich versucht, über Asyl bei uns einen Platz zu finden. Das hat nicht geklappt. Aber sie haben sich topp gezeigt als Facharbeiter. Und dann ist die Frage, ob wir das nicht auch in Deutschland ruhig ein bisschen egoistisch sehen.

Wir brauchen ja für die Zukunft Facharbeiter – ob das im IT-Bereich ist oder ob das in der Produktion ist, dass wir sagen: Okay, wenn die sich anständig verhalten haben und wenn die sich in die Gesellschaft integriert haben und kein Problem machen… Wichtig ist, dass sie anständig sind. Und das muss der Unternehmer, der sie zwei Jahre beschäftigt hat, beurteilen können. Dann müsste ich sagen, dann gebe ich denen eine Chance, bevor ich neue bringe, wo ich gar nicht weiß, wie sie sich verhalten. Da gehe ich ja auch ein Risiko ein.
 
Deutschlandfunk Kultur: Man könnte natürlich auch genau umgekehrt argumentieren: Was kann es für eine bessere Motivation geben, sich einzufügen in eine Gesellschaft, als ein Arbeitsplatz? Wenn man so etwas machte, wie jetzt die Initiative Bleiberecht sich wünscht, ja fordert und mit entsprechendem Druck auf die Politik auch versucht umzusetzen, dann sendet man das Signal aus an diejenigen, die hierher kommen: Also, wenn ihr schon hierbleiben wollt, dann müsst ihr euch auch einfügen.

"Wer das Gastrecht missbraucht, muss das Land verlassen"

Wolfgang Grupp: Ganz klar. Ich meine, ich verurteile natürlich auch die Politik, wenn ich sage: Wer hier das Gastrecht in der Vergangenheit missbraucht hat, hat bei mir keine 24 Stunden mehr das Recht, dass wir ihn beschützen. Wer das Gastrecht missbraucht, muss auf der Stelle das Land verlassen. – Wenn das so wäre, dann hätte auch die AfD sicher nicht dieses Argument, dass sie sagen, das könnte gefährlich werden. Wenn ich sage, es hilft mir einer, dann kann ich den nicht betrügen. Also, das muss erste Voraussetzung sein.
 
Deutschlandfunk Kultur: Das heißt aber auch, dass sozusagen die Kehrseite der Medaille von Bleiberecht wäre, diejenigen konsequent abzuschieben, die sich nicht einfügen, oder diejenigen, die keinen Arbeitsplatz haben, zumal wenn sie kein Asylrecht genießen.
 
Wolfgang Grupp: Ganz klar. Wir müssen einmal sagen: Wir haben eine Verpflichtung gegenüber denen, die verfolgt sind, also sozusagen Flüchtlinge. Das ist ein Entgegenkommen, solange wie die Situation ist. Und dann müssen wir sagen: Wir geben auch welchen die Chance, ihren Lebensunterhalt besser zu gestalten. Aber die müssen die Gastfreundschaft hundert Prozent achten. Und wer die nicht achtet, hat keine Chance.

Politische Hürden müssen bewältigt werden

Deutschlandfunk Kultur: Bundeskanzlerin Merkel hat im September 2015, als viele Menschen zu uns kamen, an die Wirtschaft appelliert, dass sie Arbeitsplätze schaffen soll. Zurzeit, sagt man, sind noch ungefähr 500.000 Flüchtlinge, Asylbewerber auf Jobsuche. Aber immerhin 27 Prozent, endenz steigend, haben mittlerweile einen Arbeitsplatz gefunden. Würden Sie sagen, die Wirtschaft erfüllt ihre Pflichten in dem Bereich?
 
Wolfgang Grupp: Also, ich möchte mal sagen, die Flüchtlinge müssen ja passen. Wenn es theoretisch keine Textilproduktion mehr gäbe, dann nützt es nichts, wenn ein Textilnäher aus Pakistan sich bewirbt. Aber meiner Meinung nach hat die Wirtschaft schon gerade im Moment, wo sehr viel Nachfrage ist, ihre Pflicht erfüllt. Es dauert natürlich eine gewisse Zeit, bis die Integration machbar ist. Da müssen gewisse Hürden, die die Politik verlangt, bewältigt werden.

Und dann muss der in das Bundesland kommen, wo der Arbeitsplatz ist. Er muss umziehen. Er muss eine Wohnung haben. Er muss die Sprache haben. Aber wenn man sagt, es sind 27 Prozent bereits beschäftigt - es sind ja jetzt zwei, drei Jahre her seit 2015 - dann ist das schon mal sicher nicht wenig. Und das wird sicherlich in Zukunft mehr werden, weil die Integration schneller jetzt vor sich geht und die anderen sicher vorbereitet sind, so dass es in Zukunft demnächst vierzig, fünfzig Prozent sein werden.

Unternehmen haben eine gesellschaftliche Verantwortung 

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben gesagt, in Ihrem Unternehmen werden diese Menschen - Flüchtlinge, Migranten, Asylbewerber - aus ökonomischen, betriebswirtschaftlichen Gründen beschäftigt. Meinen Sie denn, dass Unternehmen, Unternehmer wie Sie, auch eine gesellschaftliche Verantwortung für Integration haben, also jenseits der ökonomischen Erwägungen?
 
Wolfgang Grupp: Selbstverständlich. Ich meine, das habe ich ja auch mit meinen Mitarbeitern in der Vergangenheit gehabt. Ich hatte verdiente Mitarbeiter. Und plötzlich war die Textilindustrie sozusagen verpönt. Man kann nicht mehr produzieren in Deutschland. Da habe ich gesagt: Das kann’s nicht sein. Ich kann einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, die zwanzig Jahre ihre Pflicht getan hat, nicht einfach outen, weil es mir jetzt besser ginge, wenn ich sie oute. Gibt es nicht! Meine Aufgabe ist als Unternehmer, auch für diese Treue, die mir der Mitarbeiter gegeben hat in einer schwierigen Zeit, geradezustehen und die Mitarbeiter weiterhin zu beschäftigen.

Deutschlandfunk Kultur: Aber das gilt natürlich jetzt für die Personengruppe, von denen wir gerade reden, für Migranten, eigentlich nicht.
 
Wolfgang Grupp: Und heute ist es umgekehrt. Das heißt, Deutschland hat nun dieses Flüchtlingsproblem. Und da sind wir Unternehmer auch verpflichtet dafür zu sorgen, wenn wir Leute, die verfolgt werden, hier haben und die beschäftigt werden sollen, dass wir mithelfen. Also, wir müssen auch die Politik unterstützen. So wie uns die Politik auch in gewisser Weise unterstützen muss.
 
Deutschlandfunk Kultur: Tut die Politik das ausreichend? 

Wolfgang Grupp: Ich brauche nicht so viel Unterstützung von der Politik, weil ich weiß, dass ich meine Probleme selbst lösen muss.

Mehr Jobs für Flüchtlinge, wenn die Politik unterstützt

Deutschlandfunk Kultur: Ich meine jetzt schon in diesem umrissenen Bereich, über den wir gerade reden - also was die Integrationsleistung betrifft, die die Unternehmen ja erkennbar auch wirklich erbringen. Kriegen Sie da die Unterstützung der Politik, die Sie brauchen?
 
Wolfgang Grupp: Die Politik versucht es ja, aber mir geht’s oft zu langsam. Es könnte ja wesentlich schneller gehen. 
 
Deutschlandfunk Kultur: Was denn, zum Beispiel.

Wolfgang Grupp: Wenn ich etwa frage: Kann jemand übersiedelt werden oder kann der von dem Bundesland in das nächste kommen. Ich hatte ja mal den Fall - das liegt ein gutes Jahr zurück - wo ich lange warten musste, bis der Bescheid kam. Da habe ich gesagt: Wenn der jetzt nicht bald kommt, dann beschäftige ich den illegal. Und dann sollen sie mich verurteilen, weil mir vieles eben zu bürokratisch ist und zu lange geht. 

Voraussetzung ist natürlich, wenn die Bürokratie dafür da ist, um alles sicher zu machen, dann müsste der Unternehmer natürlich auch die Verantwortung übernehmen. Und die hätte ich ja dann auch für einzelne Mitarbeiter übernommen, damit wir nicht am Schluss irgendwelche Probleme kriegen, wie der Staat vielleicht vorher gedacht hat und regeln musste und deshalb so lange braucht. Wenn ich aber sage, ich stehe gerade für diesen Flüchtling, dann müsste manches möglich sein.

Keine Ausgrenzung wegen der Herkunft

Deutschlandfunk Kultur: Herr Grupp, Unternehmen sind ja immer auch ein Mikrokosmos. Also, sie sind wie die Gesellschaft. Sie sind Teil der Gesellschaft. Erleben denn Ihre Mitarbeiter, die eben Flüchtlinge sind oder schon allein vom Äußeren einen Migrationshintergrund haben, auch so etwas wie Ablehnung, wie Widerwillen von den anderen Belegschaftsmitgliedern?
 
Wolfgang Grupp: Also, das hatte ich bei uns an und für sich von Anfang an nicht, das Gefühl, weil wir immer schon 15, 20, 25 verschiedene Nationalitäten hatten. Wir haben Russen, wir haben Chinesen. Ich weiß gar nicht, wie die alle nach Baden-Württemberg kommen, wo die Männer vielleicht bei einem anderen arbeiten, die Frauen bei uns. Und wir haben immer Ausländer gehabt. Wenn der Ausländer sich anständig verhalten hat, gab's überhaupt kein Problem.

Und so waren die Flüchtlinge, die jetzt eben als Flüchtlinge gekommen sind, sehr schnell integriert. Das einzige Problem war, dass in unserer Konfektion, wo genäht wird, ausschließlich Frauen gearbeitet haben. Und die ersten Männer, die da dazwischen waren, die wurden etwas bestaunt oder angeschaut von den Damen. Und die Männer fühlten sich auch ein bisschen unter lauter Frauen am Anfang etwas ungewohnt. Aber das ist alles toll vonstattengegangen. Und ich freue mich heute, wenn ich durch unsere Konfektion oder Näherei laufe in den verschiedenen Werken, dann strahlen die Leute. Sie lachen. Sie haben sich integriert und sie sind praktisch ein Teil unserer großen Betriebsfamilie geworden.

Geschichten mit Rechten kommen in der Firma nicht vor

Deutschlandfunk Kultur: Es gibt eine Geschäftsführerin eines Uhren-Unternehmens in Sachsen mit dem Namen Nomos. Die Geschäftsführerin heißt Judith Borowski. Die hat zum Beispiel erzählt, dass sie eine Verantwortung empfindet gegenüber rechtsextremen Tendenzen, wie sie sie teilweise wahrnimmt unter Mitarbeitern in ihrem Unternehmen, und dass sie schon mal einem Mitarbeiter gekündigt hat, weil sie einen Musikträger mit rechtsradikalem Liedgut in einem Firmenlieferwagen gefunden haben. 

Würden Sie auch so reagieren? Oder sind Sie ganz froh, dass Baden-Württemberg nicht Sachsen ist?
 
Wolfgang Grupp: Also, ich bin noch nie in die Verlegenheit gekommen, so etwas erfahren zu müssen, dass solche Rechts-Geschichten bei uns in der Firma vorgekommen sind.
 
Deutschlandfunk Kultur: Kennen Sie nicht?

Wolfgang Grupp: Das kennen wir nicht. Wir sind auf der Schwäbischen Alb. Ein Miteinander ist bei uns ja immer propagiert worden. Familienbetrieb. Ich stehe für meine Mitarbeiter, die Mitarbeiter stehen zu mir. Das Miteinander war immer groß propagiert. Und ein Fremder war immer willkommen, wenn er sich anständig verhalten hat.

Und da die Mitarbeiter bei uns, die sogenannten Flüchtlinge, sich topp integrieren, anständig verhalten, auch nicht jetzt übermäßig Wünsche haben oder sonst was, gibt’s diese Meinungen bei uns bisher nicht. 

Deutschlandfunk Kultur: Sind Sie denn froh trotzdem, dass Ihr Unternehmen nicht in Sachsen produziert und dann eben auch als Teil wahrgenommen wird, - auch möglicherweise bei potenziellen Kunden, als einer Region, die ein Problem hat, wo Neonazis ihr Unwesen treiben und es natürlich auch eine Art Rufschädigung ist, die dann stattfindet?
 
Wolfgang Grupp: Ich möchte mal sagen, wenn Sie mich so direkt fragen, dann müsste ich ja normal "ja" sagen, dass ich froh bin. Aber ich möchte mal sagen, ich kann das nicht beurteilen. Wenn ich in Sachsen wäre, weiß ich nicht, ob das bei uns im Betrieb dann auch so wäre, wie Sie es jetzt schildern. Bei uns gibt’s ja auch AfD in Baden-Württemberg.
 
Deutschlandfunk Kultur: Die hatte fast 13 Prozent bei den Bundestagswahlen.
 
Wolfgang Grupp: Aber auch da spüren wir das nicht, weil wir eben den Betrieb familiär führen und ein Miteinander propagieren und die Leute einbinden und immer schon Integration hatten. Weil, wir ja das auch früher mussten, als ich in die Firma kam vor knapp fünfzig Jahren, da waren Italiener und Spanier, wurden als Fremdarbeiter sozusagen integriert. Und die wurden herzlich willkommen geheißen. Man hat sich gefreut. Also, die Integration kann man sehr positiv sehen. 

Nur, wenn sie natürlich von Grund auf schon irgendwo negativ gesehen wird, dann ist es sicher schwieriger. Aber bei uns ist sie immer positiv gesehen worden, weil die Mitarbeiter, die neu kamen, eben geholfen haben, Engpässe zu bewältigen.
 
Deutschlandfunk Kultur: Ist es die Pflicht eines jeden Bürgers und damit auch eines jeden Unternehmers, Herr Grupp, sich gegen Rechts zu stellen, zu engagieren, gegen Rechts zu wirken?

"Nicht alle Kritik, die von der AfD kommt, ablehnen"

Wolfgang Grupp: Selbstverständlich, wenn Rechts so ist, dass ich sage, das ist nicht vertretbar. Wir müssen natürlich auch schauen - ich kann nicht alle Kritik, die von der AfD kommt, ablehnen. Es gibt berechtigte Kritik. Ich möchte mal sagen, wenn die Politik sagt - ich meine da jetzt nicht speziell Frau Merkel, aber ich sage mal: Der Willkommensgruß war sicher korrekt. Das war in Ordnung, menschlich gesehen. Wenn wir aber damals gemerkt haben, was dann auf einen zukommt, hätte dort sehr früh eine gewisse Korrektur kommen müssen. Denn man durfte dort nicht alles in gewissen Landkreisen alles denen einfach überlassen, die dann mit dem überfordert waren. 

Das heißt, wenn ich großartig Leute einlade oder Flüchtlinge, sage, ich beschäftige sie, dann darf ich das nicht unten den Leuten überlassen und sagen, da gibt’s keine Nähmaschine, gibst keinen Arbeitsplatz und die sollen gucken, wie sie zurechtkommen. Dann habe ich auch die Verantwortung für meine Entscheidung, bis hinunter durchdenken zu müssen und dafür Sorge zu tragen, dass es keine Probleme gibt. Dann wäre sicherlich auch dieser Einwand von Rechts manchmal nicht so ausgefallen.

Deutschlandfunk Kultur: Haben wir nicht eigentlich andere Probleme in Deutschland? Man könnte manchmal meinen, dass sich tatsächlich alles um Flüchtlinge und Asyl dreht…

Wolfgang Grupp: Ja, wir haben sicher andere Probleme, aber Sie können nicht dem Einzelnen übel nehmen, dass er im Prinzip das, was ihn gerade tangiert, eben sagt und ausspricht.
 
Deutschlandfunk Kultur: Sie, Herr Grupp, haben der GroKo, der Großen Koalition, von Anfang an sehr, sehr kritisch gegenüber gestanden. Sie haben geschrieben, kurz nachdem sie denn zustande gekommen war, dass das ein reines Machterhaltungsprogramm für Kanzlerin Merkel war und ist. 

Auf der anderen Seite steht Deutschland wirtschaftlich so gut da wie kein anderes Land in der Europäischen Union, was einen doch zu der Überlegung bringen könnte, dass diese real existierende Große Koalition doch nicht alles falsch machen kann.
 
Wolfgang Grupp: Wenn die Wirtschaft gut dasteht, dann ist das jetzt nicht eine Frage der Großen Koalition oder einer Partei. 
 
Deutschlandfunk Kultur: Aber sie stört dann auch nicht.

Die Wähler wollten keine Große Koalition mehr

Wolfgang Grupp: Dann ist das in erster Linie Sache der Wirtschaft selber, natürlich. Die müssen das machen. Wissen Sie, ich habe noch nie in meinen knapp fünfzig Jahren erlebt, dass ich die Aufträge oder die Arbeitsplätze von der Politik bekommen habe …

Deutschlandfunk Kultur: Nein, aber die schafft die Rahmenbedingungen.

Wolfgang Grupp: Sie schafft die Rahmenbedingungen, ja. Aber ich sage mal: Die Große Koalition, habe ich natürlich gesagt, war für mich nicht ganz logisch, weil, der Wähler hat ja die Große Koalition davor abgewählt und wollte sie nicht. Und wenn die Große Koalition abgewählt worden ist, dann weiß ich nicht, ob es richtig ist, dass man durch Hin- und Herjonglieren das wieder neu einrichtet.
 
Deutschlandfunk Kultur: Vergossener Wein. Wir haben sie jetzt. Und wenn Sie jetzt Noten verteilen müssen zwischen eins und sechs, wie bewerten Sie denn die Arbeit der Koalition?
 
Wolfgang Grupp: Da bin ich überfragt, weil ich mich in die Politik nicht so einschalte …

Deutschlandfunk Kultur: Aus Unternehmersicht...

"Ich habe noch nie groß von der Politik etwas gewollt"

Wolfgang Grupp: Ich habe noch nie von der Politik groß was gewollt. Ich wusste, dass ich meine Probleme selber lösen muss und sie auch selbst gelöst habe in der Vergangenheit. Denn ich konnte nicht warten bis die Politik sie löste. Politik muss gewisse Rahmenbedingungen machen, so wie wir sie jetzt auch in der Asylpolitik verlangen, dass wir sagen, wir können schnell agieren. Aber Große Koalition? Ich weiß nicht, ob allgemein die Wähler dieses von der der CDU mehr nach links Abdriften und von der SPD mehr nach rechts Abdriften - ob die das auf die Dauer so akzeptieren. Man will an und für sich eine klare Linie. Man will wissen, ich bin rechts oder ich bin links. Und das ist ja sehr stark vermischt worden.

Deutschlandfunk Kultur: Nun könnte man sagen in der Flüchtlingspolitik, selbst da, in der viel gescholtenen, macht die Regierung nicht alles verkehrt. Denn es ist ja so, dass sich die Flüchtlingszahlen enorm reduziert haben. Wir sind jetzt wieder bei Zahlen - 2018 bisher 110-Tausend und ein paar zerquetschte Asylanträge, wie es in den 90er Jahren schon mal war. Also, viel gescholten - aber sie tun etwas und es wirkt auch, was sie tun.

Wolfgang Grupp: Ich meine, irgendwas muss ja die Politik tun. Denn das, was 2015 passiert ist, konnte ja nicht fortgesetzt werden. Denn das wäre ja für unser Heimatland nicht mehr tragbar gewesen. Also, sie war ja gezwungen, etwas zu tun. Wobei ich jetzt nicht große Vorwürfe machen möchte. Aber ich sage mal, 2015 hätte man natürlich etwas schneller reagieren können. Man hätte gleich sagen müssen: Wenn die europäischen Grenzen nicht funktionieren, dann müssen wir wieder entsprechende Landesgrenzen einrichten - also deutschlandweit Grenzen einrichten, so wie wir es dann lange später gemacht haben, und nicht dem Österreicher oder dem Ungarn vorwerfen, dass er Landesgrenzen macht. Irgendwo müssen wir, wenn etwas nicht funktioniert, eben kurzfristig entscheiden und sagen: Europagrenzen sind in Ordnung, aber sie müssen funktionieren. Solange es nicht funktioniert, müssen wir hier Einhalt gebieten.

Deutschlandfunk Kultur: Sagt der Unternehmer, der doch aber letztendlich auch auf offene Binnengrenzen angewiesen ist, oder?

Ohne funktionierende Grenzen ist es ein Chaos

Wolfgang Grupp: Natürlich sind wir darauf angewiesen. Aber wenn etwas nicht funktioniert, dann muss ich sagen, solange dieses Programm nicht funktioniert, muss ich das alte Programm stehenlassen. Ich kann nicht sagen, ich mache das neue Programm - funktioniert nicht. Dann ist ein Chaos. Und über diesen Willkommensgruß sind ja damals viele nicht willkommen gemeinte Flüchtlinge in unser Land reingekommen. Das war ja das Problem. 

Und das ist ja das, was die AfD gestärkt hat. Wenn das rechtzeitig von der Politik geändert worden wäre und man gesagt hätte: Okay, wir müssen den Willkommensgruß beschränken. Flüchtlinge ja, aber Scheinflüchtlinge eben nicht - dann stünde sicherlich heute die AfD mit anderen Zahlen, mit anderen Mitgliedern da.
 
Deutschlandfunk Kultur: Wobei man schon auch sagen kann, das liegt auch viel an der Wortwahl und an dem Hochjazzen dieses Problems. Denn da, wo die AfD besonders stark ist, ist es ja nicht unbedingt so, dass da besonders viele Flüchtlinge sind. Wir reden hier also schon auch von einer gewissen gesellschaftlichen Stimmung, die da erzeugt wurde.

"Stimmungsmache gab es immer"

Wolfgang Grupp: Die Stimmungsmache gab's ja immer. Klar ist, dass man ein gewisses Problem hochjubelt. Aber ich sage mal, wenn Sie gesehen haben, dass gewisse Dinge, Verbrechen gelaufen sind und dann die Amris laufen lässt, dann tut das sicherlich nicht gut. Dann muss man auch hier konsequent sein, wenn man vom einfachen Bürger verlangt, Recht und Ordnung muss sein, und die Verbrecher… Ich will gar nicht den NSU-Prozess nennen – acht Jahre lang hin schleppen, Millionen dafür ausgeben…Das ist die Frage, ob das einem Rechtsstaat dient oder ob das den anderen, die darüber anders denken, nicht entsprechende Munition gibt.

Deutschlandfunk Kultur: Ich würde gerne die letzten Minuten unseres Gesprächs nicht auf einen Spurwechsel, sondern auf einen Themenwechsel verwenden. Der deutsche Mittelstand fordert neben einem zukunftssichernden Einwanderungsgesetz, was wir bekommen - vielleicht früher, vielleicht später - auch mehr Engagement der Bundesregierung in anderen Bereichen, als da wären: Digitalisierung, Bildung, Infrastruktur, Unternehmenssteuerreform, Bürokratieabbau, das Stichwort haben Sie auch schon genannt. Ihre persönliche Agenda 2040, was erhoffen Sie, was erwarten Sie von der Politik?

Wolfgang Grupp: Wenn Sie das so sagen - Bürokratieabbau muss sein. Es kann nicht sein, dass wir sagen, wir brauchen sechs Monate [bei Asylverfahren] und da schaffen wir das nicht. Wir müssen sehr schnell entscheiden. Und da brauchen wir dringend einen Bürokratieabbau. Wenn wir nun mal eine Verpflichtung haben, Flüchtlinge hereinzunehmen, dann ist im Moment - wenn wir überall wissen, dass Wohnungsnot ist und dass wir den Flüchtlingen eine Wohnung geben müssen, aber gleichzeitig auch wissen, dass unsere Bürger von Deutschland im Prinzip keine Wohnungen auch haben - dann müssen wir hier im Wohnungsbau etwas tun, damit auch bezahlbarer Wohnraum wieder machbar ist. Und das es nicht so ist, wie die AfD zu Recht reklamieren kann, dass der Bürger Deutschlands das nicht mehr zahlen kann, aber die, die wir willkommen hießen und die von draußen reinkommen, das praktisch einfach so bekommen.

Gerechtigkeit und Anständigkeit müssen sein

Es muss eine gewisse Gerechtigkeit und Anständigkeit sein. Da brauchen wir in der Wohnungsgeschichte eine Möglichkeit, dass wir diesen Engpass schnellstens lösen. Denn da sind wir unseren Bürgern verpflichtet. 

Dann gibt’s natürlich auch die Rentner, die im Prinzip natürlich auch zu Recht sagen, die einen kriegen es geschenkt. Das sind die, die reinkommen. Und die anderen kriegen immer weniger. Es muss eine gewisse Gerechtigkeit sein. Leistung muss honoriert werden. Nichtleistung darf nicht gleich honoriert werden. Und die, die zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahre gearbeitet haben, dürfen nicht schlechter wegkommen als die, die man als Gäste empfängt. Das muss also ganz klar sein. 

Wenn ich dann so Fälle kenne, fragt man sich, mit welcher Berechtigung, etwa Flüchtlinge jetzt für Kinder, die gar nicht in Deutschland leben, den deutschen Kindergeldanspruch haben…
 
Deutschlandfunk Kultur: Da reden wir von Minimal-Zahlen.

Wolfgang Grupp: Ja, aber ich meine, das sind ja so Kleinigkeiten, wo ich sage, da fehlt für mich natürlich auch die Logik. Und das schürt natürlich immer wieder die anderen.

Deutschlandfunk Kultur: Und so was wie Infrastruktur, Steuerreform juckt den Selfmademan nicht so sehr?

Unternehmer sollten persönlich haften für Verluste

Wolfgang Grupp: Wenn Sie mich fragen, Steuerreform, wir brauchen wieder die Verantwortung zurück in unsere Gesellschaft. Und deshalb verlange ich ja schon lange die persönliche Haftung der Unternehmer. Und wer persönlich mit seinem gesamten Privatvermögen haftet, dürfte normal nicht gleich besteuert werden wie der, der nicht haftet. Wir haben ja heute so, dass man problemlos Insolvenz machen kann.

Die Verluste werden sozialisiert und die Gewinne sind vorher privatisiert worden. Hier müsste mehr die Verantwortung zurück, die Haftung. Das würde ich der Politik raten, dass die, die Verantwortung übernehmen, anders besteuert werden als die, die sagen: Wenn's gut geht, wird kassiert, und wenn's schlecht geht, dann schmeißen wir den Bettel hin. 

Deutschlandfunk Kultur: Und wie taub sind die Ohren, auf die Sie stoßen, wenn Sie das in Richtung Politik so sagen?

Wolfgang Grupp: Die verstehen das. Die respektieren das auch. Es ist ja logisch. Wenn ich eine Vollkasko abschließe oder eine Selbstbeteiligung habe, dass die Prämie unterschiedlich ist. Aber bei der Unternehmerhaftung ist es eben nicht so. Das begreifen sie, aber geschehen wird auch in der Zukunft wahrscheinlich nichts.

Wolfgang Grupp ist Inhaber und Geschäftsführer des Textilunternehmens Trigema. Nach dem Wirtschaftsstudium an der Universität Köln, das er als Diplom-Kaufmann abschloss, übernahm Wolfgang Grupp das Unternehmen 1969 von seinem Vater. Vor allem durch eine Fernsehwerbung für sein ausschließlich in Deutschland produzierendes Unternehmen mit einem Schimpansen wurde Wolfgang Grupp deutschlandweit bekannt.

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