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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.10.2011

Spürsinn, Mut und Gottvertrauen

Ein Kölner auf der Jagd nach einem verschollenen Bilderzyklus

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Der heilige Bruno stammt aus Köln. (WDR-Fotoredaktion)
Der heilige Bruno stammt aus Köln. (WDR-Fotoredaktion)

Der heilige Bruno aus Köln war Begründer des Kartäuserordens. Der aus Italien stammende Maler Vincente Carducho hat sein Leben in 54 lebensgroßen Gemälden festgehalten. Doch der Zyklus ging verloren. Ein Kölner Historiker hat in mühsamer Kleinarbeit den verlorenen Schatz wiedergefunden – vor wenigen Wochen präsentierte ihn die spanische Kulturministerin der Öffentlichkeit.

Ein waschechter Kölner Junge, dieser Bruno! Geboren um das Jahr 1035 im Schatten des - damals noch - karolingischen Doms. Spross der Patrizierfamilie Hardefust. Fromm, intelligent, wissbegierig und kompromisslos strebt er hinaus in die Welt. Und will dieser Welt doch entsagen – denn im Chartreuse-Gebirge, mitten in der Einsamkeit der französischen Alpen gründet er mit sechs Gleichgesinnten eine Einsiedelei, die "Große Kartause".

Sie wird zum Mutterkloster der Kartäuser, eines kontemplativen Ordens, dessen Mönche sich einem Leben in Einsamkeit, Stille und strengem Schweigen verschrieben haben.

Auch Werner Beutler ist ein waschechter Kölner Junge. Geboren 1924 im Schatten der Domtürme. Spross einer frommen rheinisch-katholischen Familie. Studierter Historiker, den es in die Welt hinauszieht. Bis in die 1960er-Jahre unterrichtet er an der Deutschen Schule in Madrid. Nach Rückkehr in die heimatliche Domstadt ist er Studiendirektor an einem renommierten Kölner Gymnasium. Sein Spezialinteresse: Bruno, der Kartäuservater, der einzige Heilige, der aus Köln kam.

Um diesen Bruno zu ehren, so findet Beutler heraus, hatte die Kölner Kartause St. Barbara im 18. Jahrhundert einen Gemäldezyklus von acht Bildern in Auftrag gegeben. Nach der Säkularisation der Kartause 1802 wurde der Zyklus dann in der Kirche St. Severin aufbewahrt. Von dort verschwand er in den Wirren des Zweiten Weltkriegs und galt seither als verschollen.

Und so macht sich der eine Kölner, Werner Beutler, auf Spurensuche nach dem anderen Kölner: dem Heiligen Bruno und seinem Bilderzyklus. Zunächst natürlich in St. Severin in Köln. Werner Beutler:

"Ich zum Pfarrer von St. Severin: 'Können Sie mir mal den Zyklus zeigen?' Er sagte: 'Habe ich nie von gehört.' Nun wusste ich aufgrund meiner Messdienertätigkeit, dass die nächste Frage lauten musste: 'Haben Sie einen Keller unter Ihrer Kirche?' Und da sagte des Pastor: 'Warum?' Und ich sagte: 'Darf ich da mal rein?' Kurz und gut: in dem Keller stand der Zyklus, war im Krieg da ausgelagert, vergessen worden, stand im Wasser und sah erbärmlich aus."

Das war 1990. In den folgenden Jahren wurde der Zyklus restauriert. Werner Beutler:

"Heute hängt der, schön wie am ersten Tag in der Kirche St. Severin. Seitdem hängt mir das Etikett an: Der findet verloren geglaubte Kunstschätze, unter anderem auch Kartäuserzyklen."

Wie sehr er diesem Ruf noch gerecht werden soll, das ahnt Werner Beutler damals noch nicht. Denn, beflügelt von diesem Glückstreffer, beginnt er eine weitere, ungleich aufwendigere Bildersuche". Diesmal in Spanien.

Dort nämlich ist seit Ende des Spanischen Bürgerkriegs 1939 ein großer Teil des berühmten "Kartäuserzyklus" des Barockmalers Carducho verschollen. Was seltsam scheint, denn immerhin handelt es sich bei den 1626 vom Kloster El Paular in Auftrag gegebenen 54 Bildern um den größten Gemäldezyklus der Kunstgeschichte:

"El Paular liegt 56 Kilometer nordwestlich von Madrid. Sehr schön, sehr einsam. Und seitdem interessierte ich mich für diesen Zyklus und habe festgestellt bei vielen Reisen nach Spanien auf der Suche nach diesem Zyklus: Nach der Aufhebung der Kartause von 1835 wurde der über verschiedene Plätze in Spanien verteilt. Er ist also noch da, versunken zwar aber nicht verschwunden."

Werner Beutler lässt das keine Ruhe. Er geht auf die Jagd nach den Bildern. Und findet zwei in der Universität von Sevilla. Werner Beutler:

"Sechs in der Kathedrale von Valladolid, zwei in der noch existierenden Kartause Miraflores bei Burgos und so weiter. Zwei sind im Bürgerkrieg verschwunden, waren in Tortosa in dem dortigen Provinzialmuseum. Im Bürgerkrieg '36 bis '39 ist die Stadt furchtbar beschossen worden und dabei ist das Museum abgebrannt und die zwei auch. Aber von den 54 ursprünglichen existieren noch 52."

Der Zyklus bestand aus zwei Teilen: 27 Bilder zum Leben des Heiligen Bruno und weitere 27 zur Geschichte des Kartäuserordens:

Nun war der Künstler Vicente Carducho nicht irgendwer, sondern Hofmaler Seiner Majestät König Philipps IV. Seinen Namen hatte er hispanisiert, denn ursprünglich hieß er Vincenzo Carducci und war Italiener. Werner Beutler:

"In Florenz ist er geboren: 1575 oder 1578. Er ist nach Spanien gekommen als kleiner Junge, denn sein Bruder Bartolomeo wurde vom spanischen König Phillip II. nach Spanien geholt, um sein achtes Weltwunder auszumalen: den Escorial. Und der ist dann in Spanien großgeworden und hat sich auch als Spanier gefühlt. Als Kirchenmaler hat er sich zuerst einen Namen gemacht. Er hat Altarbilder gemalt, und er hat ein Werk geschrieben 'Diàlogos de la Pintura', also 'Dialoge über die Malerei', wo er das gesamte Wissen seiner Zeit zur Theorie der Malerei niedergelegt hat. Und so ist also dieser Carducho zu seiner Zeit sowohl als Maler wie auch als Theoretiker mit der bekannteste. Umso verwunderlicher - und das ist eben etwas, das mich ständig angestachelt hat - dass der total in Vergessenheit geraten ist."

1632, sechs Jahre nach Auftragserteilung schmückt der Zyklus tatsächlich den Kreuzgang des Klosters El Paular. Carducho hat seine Aufgabe bis zum letzten Pinselstrich erfüllt.

Und so hingen dort 54 Gemälde - jedes riesige 3,45 m mal 3,15 m groß, mit den 126 Figuren von Kartäusermönchen in strahlendweißem Festtagsornat.

Doch Carduchos Werk wird zum Spielball politischer Wirren: Nach der Säkularisation 1835 und dem Ende der Kartause El Paular wird der Zyklus auseinandergerissen und über das ganze Land "verteilt". Und das völlig ohne System. Es scheint, als habe sich jeder - Kloster, Kirche, Museum - der ein paar Bilder haben wollte, wahllos aus diesem "Fundus" bedienen können. Offenbar weiß damals niemand mehr, dass da einer der größten Schätze spanischer Barockmalerei "gefleddert" wurde, auch, wenn 17 der Bilder im Prado in Madrid aufbewahrt werden – allerdings nicht in der Ausstellung, sondern im Magazin.

Aus Werner Beutler, dem eher konventionellen deutschen Studiendirektor mit gedecktem Anzug und goldgeränderter Brille wird nun fünf Jahre lang ein Abenteurer, der in Jeans und Turnschuhen und bewaffnet mit Rucksack, Spaten und Taschenlampe quer durch Spanien reist und landauf, landab Museumsdirektoren und hohe Geistlichkeit gleichermaßen nervt.

Etwa im erzbischöflichen Palast der Stadt Valladolid, wo er nach sechs der verschwundenen Carduchos fahndet. Und natürlich mal wieder niemand etwas über die Bilder weiß. Werner Beutler:

"Der Generalvikar hatte keine Ahnung, dass es die überhaupt gab. Dann habe ich mich langsam durchgefragt bis zum Küster in der Kathedrale und der sagte: "Sagten Sie das was von Bildern? Ich weiß nicht, ob das Bilder sind, aber wir haben da so Platten in einer Seitenkapelle vom Chor stehen. Schon lange!" Und da bin ich also mit dem in diese Seitenkapelle: kein Licht und nichts und dann mit der Taschenlampe. Und siehe da: Da waren die sechs Exemplare aus dem Zyklus, die Valladolid gehörten."

Der Schatzsucher aus Deutschland scheuert sich beim Herumkriechen in feuchten Kellern und auf staubigen Dachböden die Knie auf. Und nirgends, wo er mit einer Mischung aus kriminalistischem Spürsinn und Gottvertrauen einen weiteren Carducho entdeckt, ahnt man, was man da besitzt. So findet Beutler im Provinzialmuseum im nordspanischen Zamora zwei der gesuchten Bilder in einem Taubenschlag abgestellt und vollständig vom Taubenkot verdreckt.

Ahnungslos ist man auch im katalanischen Zisterzienserkloster Poblet. Dort nämlich hingen die Bilder. Werner Beutler:

"Im ehemaligen Schlafsaal der Mönche, aber der wird nicht mehr benutzt. Die Führer erzählen immer was von dem Schlafsaal, aber keiner sagt: da hängen zwei Bilder von Carducho. Das wissen die auch nicht mehr. Auch nicht, was darauf dargestellt ist. Das ist das Allerdollste."

Denn nun gibt es auch noch inhaltliche Probleme: Da die Bilder bei der Auflösung der Kartause von El Paular auseinandergerissen worden sind, weiß heute niemand mehr, was sie eigentlich darstellen. Als man damals die Gemälde von den Wänden holte, hatte man schlicht vergessen, sie der Reihenfolge nach zu numerieren. Werner Beutler:

"Und als die Bilder jetzt verstreut wurden, hat man unterlassen, die Mönche, die damals noch lebten, aufschreiben zu lassen, was denn auf den Bildern dargestellt ist."

Vom Zerreißen des "einigenden Bandes", das den inhaltlichen Zusammenhang bildet, hat sich der Zyklus nie wieder erholt. Selbst, wenn ein Museum wie das in La Coruña 14 Exemplare bekam, waren das keineswegs 14 aufeinanderfolgende, sondern bunt zusammengewürfelte.

Manchmal, wenn Werner Beutler die Schwierigkeiten über den Kopf wachsen und er kurz davor ist, aufzugeben, geschieht das eine oder andere kleine Wunder. Etwa in der Kartause Miraflores bei Burgos, in der noch heute Kartäuser leben und die zwei Carduchos besitzt. Werner Beutler:

"Als ich fragte, ob ich Fotos davon kriegen könnte, ist das bei Kartäusern sehr schwierig. Kartäuser sind heute noch von der Welt abgeschieden. Und dann kam der Prokurator in seiner weißen Kutte; das ist für mich immer ein schönes Erlebnis, wenn die jetzigen Kartäuser immer so aussehen wie bei Carducho, und dann hatte der sofort Verständnis dafür und sagte: 'Selbstverständlich.' Und dann sagte ich: 'Ich weiß, dass das eine Mühe für Sie ist, Sie müssen einen Fotografen beauftragen und das kostet Zeit und Telefonate, aber natürlich wird das bezahlt von mir.' Und dieser Prokurator sagte: 'Lassen Sie das mal meine Sorge sein, ich habe hier so viele Fotografen, die Kunstpostkarten machen, dann sollen die mir auch diese Bilder kostenlos fotografieren.'"

Das Ergebnis von Werner Beutlers fünfjähriger Schatzsuche ist nicht nur ein
prachtvoller Bildband über den Zyklus, der die Bilder erstmals in Farbe zeigt; angestoßen hat er auch die Restaurierung sämtlicher Gemälde.

Es vergingen noch einmal Jahre, bis die vollständig restaurierten 52 Bilder ihren angestammten Platz im Kreuzgang des Klosters El Paular wieder einnehmen konnten.

Vor einigen Wochen nun übergab die spanische Kulturministerin Angeles González-Sinde stolz der Öffentlichkeit und der Schar geladener Honoratioren aus Politik und Kunst das wiederhergestellte Gesamtkunstwerk. Werner Beutler allerdings stand nicht auf der Liste der geladenen Gäste...

Hinweis:
Der Bildband von Werner Beutler "Vicente Carducho Der Große Kartäuserzyklus in El Paular" aus der Reihe "Analecta Cartusiana", herausgegeben von James Hogg, ist 1997 am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Salzburg erschienen.

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