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Die Reportage | Beitrag vom 14.10.2018

Sprechstunde in Hamburger U-BahnDer Zuhör-Kiosk

Von Axel Schröder

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Christoph Busch im Hamburger Untergrund: Seit Monaten hört er er anderen Menschen zu (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Christoph Busch im Hamburger Untergrund: Seit Wochen hört er hier anderen Menschen zu. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Der Drehbuch-Autor Christoph Busch hat in Hamburg einen verwaisten Kiosk in einem U-Bahnhof angemietet und bietet den vorbeieilenden Menschen an, sich ihre Gedanken und Geschichten anzuhören. Die Resonanz ist enorm.

Am frühen Nachmittag ist der Bahnsteig fast leer. Alte, genietete Stahlstützen, hellgrün gestrichen. Die Wände hellgelb gekachelt, Werbeplakate preisen Online-Partnerbörsen, leichte Zigaretten, einen Urlaub in der Türkei. Zwischendrin sitzt Christoph Busch sitzt in seinem Glaskasten. Der alte Kiosk steht in der Mitte des Bahnsteigs, zwischen den Gleisen. "Das Ohr" steht auf dem Plakat an einer der Scheiben. Fotobände liegen aufgeschlagen in der Auslage, ein Stofftier sitzt daneben, ein bisschen Nippes in den Regalen, mitgebracht von Christoph Buschs Besuchern.

"Vor zwei Jahren war ich das erste Mal hier. Und da stand an dem Kiosk so ein kleines Schild, heftgroß: 'Zu vermieten. Hochbahn'. Und dann habe ich dort angerufen. Eigentlich mit der vagen Idee: Da könntest du eigentlich hier sitzen und schreiben. Und dann sagten die: 'Nein, der ist schon wieder vergeben.' Da war ich total erleichtert, denn ich wusste eigentlich gar nicht so richtig, was ich hier soll. Letztes Jahr wieder, kurz vor meinem Geburtstag, steige ich hier mal wieder aus, hängt das Schild wieder dran. Ich rufe an und er ist noch zu haben!"

Von allen Seiten einsehbar

Der 71-jährige Drehbuchautor bekam den Zuschlag. Ohne genau zu wissen, was er denn überhaupt anfangen will mit einem leerstehenden Kiosk. Christoph Busch, Vater von zwei Kindern, hat Jura studiert, sein Geld als Taxifahrer und Antiquitätenhändler verdient. Zusammen mit Freunden beriet er sich. An das Schreiben von Drehbüchern im Glaskasten war nicht zu denken. Hier, auf dem Präsentierteller, von allen Seiten einsehbar. Dann entwickelte Christoph Busch Fragebögen für die Passanten. Und verwarf auch diese Idee. Er entschied sich, den Menschen, die am U-Bahnhof Emilienstraße ein- und aussteigen, einfach zuzuhören. Seine Skepsis, ob das funktionieren könnte, war schnell verflogen:

"Als ich dann das erste Plakat, dass ich mit Hilfe von Freunden zustande gebracht habe, mit dem großen Ohr drauf und 'Ich höre zu', da haben die Leute gesagt: 'Toll! Endlich mal wieder jemand, der zuhört!' Aus so einer völlig abstrakten Einsamkeit oder Vereinzelung heraus. Das waren oft Leute, wo ich gedacht habe: 'Die haben doch sicher Familie und Freunde und so weiter.' Aber das Gefühl ist weit verbreitet."

Hellgraues Haar, feine Lachfalten im schmalen Gesicht. Draußen an allen vier Glasfronten, auf einem DIN A2-großen Plakat steht der Name des Projekts: "DAS OHR", in Großbuchstaben. Und eine kurze Erklärung der Idee dahinter: "Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal." Buschs Mailadresse ist angegeben, seine Telefonnummer, die Öffnungszeiten: werktags, von 9.30 Uhr bis 14.30 Uhr ist er da.

Die Besucher bringen ihm Erinnerungsstücke 

In den alten Kioskregalen und in der Auslage liegen aufgeschlagene Fotobände, ein Stofftier sitzt daneben, ein Familienfoto in Siebzigerjahrefarben, eine geschnitzte Maske aus Asien, ein bisschen Nippes. Lauter Erinnerungsstücke, mitgebracht von Christoph Buschs Besuchern.

"Die Schwarzweiß-Fotos, die habe ich zu Anfang hier aufgehängt. Und auch einige Gegenstände hingestellt, damit die Leute auch eine Legitimation haben, hier auch reinzugucken. Das ist ja meine Privatsphäre. Und darum habe ich Sachen hier reingestellt, die das Verweilen erlauben und habe mir dann auch angewöhnt, wenn Leute so mit Blick aus den Augenwinkeln vorbeischleichen, die anzulächeln. Und dann hatten sie die Erlaubnis, reinzugucken und das haben sie dann auch gründlich ausgenutzt."

Eine Puppe, eine Maske, Fotos (Axel Schröder )Nippes und mehr: die Mitbringsel der Erzähler. (Axel Schröder )

Auf seine Besucher muss Christoph Busch nicht lange warten. Draußen vor dem Glaskasten grüßt eine ältere Dame, auf den perfekt frisierten Haaren eine feine, rote Baskenmütze. Eine lederne Handtasche unter den Arm geklemmt. Christoph Busch steht auf, schiebt die Glasscheibe auf, sagt Hallo:

"Alles gut?"

"Guten Morgen! Immer schön zu schauen hier! Immer was Neues im Fenster und so wird man aufmerksam!"

"Wann kommen Sie mich denn mal besuchen?"

"Ich habe auch schon gedacht, ich hätte so viele Geschichten zu erzählen!"

"Nur Mut!"

"Nee. Ich hab keine Zeit! Schönen Tag!"

Der Zuspruch ist groß

Die U-Bahn rollt ein, die Dame macht sich auf den Weg. Und schon klopft der nächste an die Tür. Marcel Baumeister heißt er und engagiert sich im Verein "Lass Dir helfen". Ein Angebot an einsame ältere Bewohner im Viertel, das seine Mutter ins Leben gerufen hat, um einsame Menschen zuhause zu besuchen, ihnen Halt zu geben. Die beiden kommen schnell ins Gespräch, Christoph Busch hat seine Kladde auf den Knien, macht sich Notizen.

"Ihr habt ja ganz viel Einblick in Leben. Warum machst Du das?"

"Meine Mama ist halt Altenpflegerin und, damit ich nicht alleine bin, bin ich mitgegangen und habe im Altersheim geschlafen. Mama hatte Nachtschicht. Und ich habe erlebt, wie sie die alten Menschen versorgt hat. Und wie schwierig das aber auch war und wie damals schon das Pensum so hoch war und nicht für jeden viel Zeit ist."

"Wann ist 'damals?"

"Damals ist: in den Neunzigerjahren."

Eigentlich wollte Marcel Bauermeister nur wissen, ob sein Verein mit dem Erzählkiosk zusammenarbeiten könnte. Jetzt aber sitzt er da und erzählt. Von sich und darüber, warum er sich ehrenamtlich um die Alten im Viertel kümmert. Busch macht sich ein paar Notizen und nach dem Gespräch noch ein Foto von seinem Besucher, bittet um eine Unterschrift. Er plant ein Buch über die Menschen, die mit ihm ins Gespräch kommen. 

Ein Buch zum Abschluss

"Es wird ein Buch daraus! Da bin ich inzwischen sicher. Am Anfang war das so eine weiße Karte, die ich hochgehalten habe, um mir auch selber Mut zu machen. Inzwischen habe ich so viel spannende und abwechslungsreiche Geschichten gehört, dass ich ganz sicher bin! Und ich versuche, noch die Zeit zu haben, mich selbst zu beobachten und aufzuschreiben, wie es mir eigentlich dabei geht."

Draußen auf dem Bahnsteig, kurz bevor seine Bahn kommt, erzählt Marcel, warum der "Erzählkiosk" eine so gute Idee für das Viertel ist, das eigentlich ein ganz durchschnittliches Hamburger Quartier ist, in dem etwas weniger alte Menschen als anderswo leben und das Durchschnittseinkommen etwas unter dem in anderen Vierteln liegt.

"Rein äußerlich geht das hier. Aber in den Häusern ist das Elend groß. Die Leute sind psychisch und körperlich beeinträchtigt. Du wir haben oft auch Verwahrlosungsfälle, die gar nicht mehr rausgehen. Und wir haben ein Projekt, das heißt: ‚Raus aus der Armut und Isolation!‘, in dem wir Leute langsam wieder in die Gesellschaft begleiten. Die Menschen sind hinter den schönen Fassaden und kommen da gar nicht mehr raus. Und die Armut ist groß. Und da sind wir aktiv und das machen wir ehrenamtlich und wir sind hauptamtlich tätig als Pädagogen oder was auch immer."

Längst nicht jede Geschichte ist traurig

"Es gibt die Leute, die wissen sofort, warum sie hier sind", sagt Busch. "Zum Beispiel glauben sie, dass es an der Zeit wäre, ihre Biografie mal aufzuarbeiten und wollen meine Hilfe dabei. Dann gibt es Leute, die kommen hier rein und sagen gleich ihre psychiatrische Diagnose, stellen sich damit vor. Und dann geht's los. Mit Schizophrenen kann man unheimlich gut über Wahrheit reden. Weil alles relativ ist und 'Wer sagt gerade was über wen?' und was bedeutet das wirklich? Das ist sehr spannend! Dann gibt es ganz traurige Geschichten mit viel Leid. Wo ich dann auch nicht helfen kann."

Aber die, die zu ihm kommen, erzählen längst nicht nur traurige Geschichten, erklärt der Zuhörer. Ab und zu sind Beichten dabei. Und auch ganz erfüllte, mutmachende kleine Erzählungen.

Christoph Busch in dem ehemals verwaisten Kiosk: Beim Zuhören macht er sich Notizen (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)Christoph Busch in dem ehemals verwaisten Kiosk: Beim Zuhören macht er sich Notizen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Zwei Monate nach dem Start des Projekts, Ende Februar, ist Christoph Busch ein gefragter Mann im U-Bahnhof. Fünf Stunden pro Tag ist er im Dienst, wartet immer nur kurz auf neue Gäste. Was treibt ihn selbst an? Die Neugierde? Die Lust an Begegnungen? Oder ist das, was er macht schon  Voyeurismus? Busch grinst:

"Natürlich hat das hier alles mit Exhibitionismus, mit kräftiger Neugier zu tun und Interesse an anderen Menschen. 'Voyeurismus' wäre es, wenn ich die Leute sozusagen gefühlsmäßig auch nackt machen würde. Das mache ich nicht."

Wie groß der Bedarf nach einem ist, der zuhört, hat er nicht geahnt, erzählt Christoph Busch. Als ich ihn im Sommer aufsuche, erzählt er, dass er seinen Mietvertrag verlängert hat. Und wir verabreden uns für den Herbst. Anfang Oktober besuche ich ihn dann wieder. Und will als Erstes natürlich wissen, warum er weitergemacht hat. Schon vor den Sommerferien, erzählt er, hatte er angefangen, sich Mitstreiter zu suchen. Und sie gefunden.

Sieben Tage, sieben Zuhörer 

"Bei uns im Haus wohnt ein evangelischer Pastor. Mit dem habe ich gesprochen und der hat ein bisschen rumgeschrieben. Ich habe mich auch ein bisschen umgehört. Und so sind jetzt ein paar Menschen schon gekommen. Und es sind Leute aus ganz verschiedenen Bereichen bisher: Diakonie, evangelische Kirche, aber auch Schule, ein KiTa-Leiter. Es ist schwer zu kategorisieren. Leute, die auch schon woanders engagiert sind. Du brauchst ja Zeit, Du brauchst gute Nerven und darfst nicht auf das Geld angewiesen sein."

Jetzt sind sie zu siebt, teilen sich die Wochentage untereinander auf.

"Es gibt einen, der macht den Montag. Das bin ich. Eine Frau macht den Dienstag. Zwei Frauen wechseln sich ab am Mittwochnachmittag. Ein Mann macht den Donnerstag und ein anderer, gerade jetzt neu, der macht den Freitag."

Für sein Buchprojekt hat er sein aktuelles Drehbuchprojekt für eine Weile aufgeschoben. Und hört, immer montags, den immer neuen Geschichten der Menschen zu.

"Man kann hier süchtig werden, weil eben. Weil eben dieses Überraschungsmoment da ist. Hier weiß ich nie, wer kommt und ich weiß auch vorher nicht, was ich mit dem mache."

Natürlich nimmt er einzelne Gespräche aus der U-Bahn auch mit nach Hause, kaut dann selbst darauf herum.

"Ich habe eine Geschichte, die ging auch ziemlich lange und das hat mich sehr mitgenommen. Danach brauchte ich eine große Pause. Wenn sich seelische Schmerzen in körperliche Schmerzen umsetzen und ich weiß nicht, wie ich helfen kann, dann ist das schon anstrengend."

In einer halben Stunde macht Christoph Busch Feierabend. Er räumt das Geschirr in die kleine Spüle, klappt seine Kladde zu. Draußen vor der Glasscheibe nickt eine Passantin in den Kiosk. Christoph Busch schiebt das Schiebefenster auf, lädt sie ein in den Kiosk. Wenn nicht heute, dann ein andermal.

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