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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.02.2009

Sprachgewandte Textgemälde

Leopold Federmair: "Ein Büro in La Boca", Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien, 2009, 232 Seiten,

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Versucht man, die sechs Erzählungen im jüngsten Band von Leopold Federmair auf einen Nenner zu bringen, stößt man zwangsläufig auf die großen Fragen des Lebens: Anfang und Ende, Zukunft und Vergangenheit und, dazwischen aufgespannt, das Dasein des konkreten Menschen.

Dieser konkrete Mensch, bis auf eine Ausnahme der Ich-Erzähler, stellt jene existenziellen Überlegungen an. Das geschieht jeweils unterschiedlich, und man darf hinter keiner der Ich-Figuren den Autor vermuten, es sind jeweils eigne, realistisch modellierte Charaktere.

Manche Erzählung beginnt sehr realistisch, entschwindet aber plötzlich ins Phantastische. Das ist insbesondere bei den ersten drei Geschichten der Fall. In der "Wortmaschine" begleitet in einem vergangenen Jahrhundert der Erzähler einen Mann zum Palast seines Onkels, wo dieser eine riesige Wortmaschine konstruiert hat. Dessen Hypothese: Alles, was gesagt wird, wurde schon einmal gesagt, nichts, was wird, gab es nicht schon einmal. Die Maschine wird mit allen denkbaren Varianten an Worten gefüttert, um die Zukunft berechnen zu können. Spätestens beim Gang zur Maschine hebt die Erzählung ab ins Assoziative, wird zur Beschreibung traumhafter Szenen.

Noch schärfer wird dieser Aufbau im "Büro in La Boca", der vielleicht Autobiografischem am Nächsten kommenden Geschichte: Der Erzähler berichtet von seinem Aufenthalt in Buenos Aires, der Anmietung eines kleinen Arbeitszimmers und dem gemeinsamen Rauchen eines Joints mit dem Vermieter. Bei der Rückfahrt zur Wohnung, gemeinsam mit seiner Freundin, verschwimmt mit einem Mal die Realität, der Erzähler vermeint kommende Wegstrecken bereits passiert zu haben, Künftiges im Retourgang zu erleben.

Ähnlich liest sich "Ginster": der Titel ist der Name eines Lokomotivführers auf einer Vorstadtstrecke. Realistisch wird sein Arbeitsalltag geschildert, die unterschwellige Eifersucht gegenüber seinem Kollegen Brahms, der, so suggeriert der Text, etwas mit Ginsters Ehefrau Margarita haben könnte. Auch da verlässt der Text sachte die realistische Schilderung und bedient sich zum Schluss einer fast lyrischen Sprache, in der es nicht mehr auf Handlung, sondern auf durch Begriffe ausgelöste Empfindungen ankommt. Hier entwirft Federmair am Deutlichsten ein zwar zunehmend unlogisches, aber alle Sinne ansprechendes Textgemälde.

"Herr Goto" spielt in Japan und beschäftigt sich vordergründig mit einem Geschehen, dessen Auflösung, ob sich Verbrechen ereignen, ob sich jemand schuldig gemacht hat, der Autor im Dunkeln lässt. Eigentlich werden aber philosophische Fragen abgehandelt.

Im "Paradieskäfig" erzählt die weibliche Hauptfigur, eine junge Schauspielerin, die mit einem schwulen Kollegen täglich mehrere Stunden als Teil einer Installation - "Adam und Eva" - nackt im Käfig einer Ausstellung über "Paare in der Geschichte" verbringt. Auffallend, wie stimmig Federmair die Mann-Frau-Beziehung, die eigene Leiblichkeit und die Sinnlichkeit aus der Psyche der Frau beschreibt.

Generell gelingt es dem Autor, für jede Erzählung eine geeignete Sprache zu finden und durchzuhalten. Das ist in der "Wortmaschine" der etwas mythische Ausdruck, im "Paradieskäfig" das fast schnoddrige Schildern durch eine erdgebundene Frau, in "Mein Todestag" die Überlegungen der eigenen Endlichkeit oder eines Hinübergehens zur Unsterblichkeit vor dem Hintergrund einer katholisch geprägten Jugend.

Federmair enttäuscht alle, die Auflösung seiner in den Texten gemachten Andeutungen oder ein rundes Ende erwarten. Federmair erzählt wie das Leben ist: Ausschnitte dieses Lebens mit offenem Schluss.

Rezensiert von Stefan May

Leopold Federmair: "Ein Büro in La Boca"
Erzählungen, Otto Müller Verlag Salzburg-Wien, 2009
232 Seiten, 21 Euro

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