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Zeitfragen | Beitrag vom 02.09.2019

Sprachförderung in KitasZu wenig Personal, zu große Gruppen

Von Vivien Leue

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Kinder in einer Kindertagesstätte laufen in einer einer Schlange.  (picture alliance / Ulrich Baumgarten)
Kinder in einer Kindertagesstätte: Nur isoliert fehlende Deutsch-Kenntnisse zu betrachten, sei der falsche Weg, sagt die Ärztin Gabriele Trost-Brinkhues. (picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Sprache ist ein Schlüssel zu Teilhabe und Bildung: Umso wichtiger ist es, dass Kinder bei ihrer Einschulung gut Deutsch sprechen. Nicht immer ist das Erkennen des Förderbedarfs einfach – und eine gezielte Förderung in den Kitas ist aufwendig.

"Wer zählt denn mal bis drei? Wer traut sich?" Es ist ein Montagmorgen in der Kindertagesstätte Schwanenhöfe der Arbeiterwohlfahrt in Düsseldorf-Flingern.

Erzieherin Anna Tarka sitzt mit mehreren Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren in einem Kreis. Ihre Chefin, Tatjana Schneider, die Leiterin der Kita, ist auch dabei.

"Wir haben ein paar klassische Hartz IV-Familien.", erzählt sie. "Wir haben so eine breite Mittelschicht, wo einer oder zwei berufstätig sind, wir haben ein paar Familien, die nur zwei, drei Jahre in Deutschland sind, dann Flüchtlingskinder inzwischen."

Die Erzieherin Tarka fragt: "Wer hat was am Wochenende gemacht?"

"Am Wochenende hat meine Mama gebadet und ich war bei meiner Mama im Badezimmer", antwortet ein Kind. "Ich war in Wochenende bei Spielplatz, da habe ich geschaukelt und dann sind wir wieder zu Hause gegangen, dann habe ich Fernseher geguckt", erzählt ein anderes.

Sprachprobleme nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund

"Wir haben viele Kinder, die teilweise noch gar kein oder sehr schlecht Deutsch sprechen. Das sind nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund, sondern auch Kinder, die hier geboren und bisher aufgewachsen sind", erklärt Kita-Leiterin Schneider.

In der Schildkrötengruppe von Anna Tarka, einer sogenannte Familiengruppe, sind Kinder von knapp einem Jahr bis zum Schuleintritt: "Die Herausforderung ist es, allen gerecht zu werden und es kommen auch viele Kinder, die zweisprachig groß werden." Sprachförderung findet hier deshalb quasi permanent statt.

"Wenn ich mit den Kindern den Tisch decke", sagt sie, "dann sage ich: Gib mir mal einen Teller, jetzt stelle ich den Teller auf den Tisch. Gib mir eine Gabel, ein Messer, also, es wird alles sprachlich begleitet, übers Zähneputzen, wenn wir rausgehen und die Gummistiefel anziehen."

Sprachtests zwei Jahre vor Schuleintritt

Diese alltagsintegrierte Sprachförderung ist in Nordrhein-Westfalen fester Bestandteil der Kita-Arbeit und erreicht nach Angaben des Schulministeriums etwa 95 Prozent der Kinder in NRW. Die restlichen fünf Prozent, die nicht in eine Kita gehen, werden zwei Jahre vor Schuleintritt zum Sprachtest geladen.

2018 waren das etwas mehr als 10.000 Kinder. Bei 60 Prozent von ihnen stellten die Tester, Lehrer und Sozialpädagogen, einen Sprachförderbedarf fest. Diese Kinder müssen einen vorschulischen Sprachförderkurs besuchen – oder doch noch in eine Kindertagesstätte gehen.

Ob der späte Kita-Besuch allerdings reicht, um ein Kind zwei Jahre vor Schuleintritt noch ausreichend sprachlich zu fördern, bezweifelt Erzieherin Anna Tarka – zumindest unter den aktuellen Bedingungen: Große Gruppen, zu wenig Personal.

"Dieses: Immer mehr Kinder in eine Gruppe und immer weniger Erzieher, da habe ich nicht die Zeit, mich mal wirklich mit dem Kind zu beschäftigen. Oder mich mal wirklich zu unterhalten", sagt die Erzieherin.

"Ich sehe, dass Politik eher daran interessiert ist, eine gute Betreuungsquote innerhalb der Stadt anzubieten", ergänzt ihre Chefin Tatjana Schneider. Also möglichst viele Kita-Plätze anzubieten. Darunter leidet aber nicht selten die Betreuungsqualität. Die Kita-Leiterin wünscht sich vor allem mehr – qualifiziertes – Personal, das auch in Sachen Sprache entsprechend sensibilisiert ist.

Sprache ist Schlüssel zu Bildung und Teilhabe

"Sprache ist der Schlüssel, zunächst einmal der Schlüssel zur Teilhabe", sagt der Kölner Psychologe und emeritierte Pädagogik-Professor Rainer Strätz. Wer sein Umfeld nicht verstehe, könne am Gemeinschaftsleben kaum teilnehmen.

"Dann ist Sprache der Schlüssel zur Bildung", erklärt Rainer Strätz. "Alles das, was Kitas oder Schule zur Bildung anstoßen, läuft im Wesentlichen über Sprache. Und davon ausgeschlossen zu sein, ist ein massives Hindernis für den Bildungsprozess."

In sozial schwachen oder stark migrantisch geprägten Kommunen in NRW haben zum Teil gut ein Viertel der Erstklässler in Deutsch einen sprachlichen Förderbedarf, in manchen Brennpunkt-Bezirken ist die Quote noch weit höher.

"Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk und ein Gewinn"

Strätz warnt aber davor, deshalb andere Muttersprachen als das Deutsche zu verteufeln: "Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk und ein Gewinn. Studien zeigen, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, nicht nur im Sprechen, sondern auch im Denken flexibler werden."

Experten raten Eltern sogar, ihr Kind in ihrer Muttersprache groß zu ziehen, zumindest, wenn die eigenen Deutsch-Kenntnisse nicht gut genug sind. Mit der deutschen Sprache kommen diese Kinder dann im Kindergarten in Berührung. Sie werden dort – wie es in der Fachsprache heißt – in ein Sprachbad geworfen und müssen eben schwimmen, beziehungsweise Deutsch sprechen lernen.

"Wenn sie aber eine Kita haben mit 80 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund fällt dieses Sprachbad flach. Deshalb muss man dafür sorgen, dass die Erzieherinnen dort viel bessere Möglichkeiten haben, kleinere Gruppen, mehr Personal um das aufzufangen."

Die Aachener Kinder- und Jugendärztin Gabriele Trost-Brinkhues sieht das ähnlich. Sie ist im Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes für die Themen "Kinder und Schule" zuständig.

Es gibt noch mehr Probleme als fehlende Deutschkenntnisse

"Wenn das System weiter zugespitzt wird", erklärt die Ärztin, "mit Inklusion und einem höheren Anteil an nicht-deutschen Kindern, einem höheren Anteil an nicht-erzogenen Kindern, an psychisch belasteten Kindern, dann tun mir die Lehrer leid."

Bei Vorschulkindern nur auf fehlende Deutsch-Kenntnisse zu schauen und diese isoliert als Problem zu betrachten, ist auch ihrer Meinung nach der falsche Weg:

"Man muss das ganze Kind, sich die ganze Situation anschauen. Wir gehen gar nicht mehr von Schulfähigkeit aus, sondern eine Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und dafür ist das Emotionale ganz wichtig. Traue ich mir selber was zu, habe ich was ausprobieren dürfen, all diese Dinge sind viel wichtiger."

Neugierige Kinder lernen schnell Deutsch

Wenn das Kind in einer nicht-deutschen Sprache gut sprechen kann und auch sonst selbstbewusst und neugierig ist, lernt es schnell Deutsch, erklärt Trost-Brinkhues, ob im Kindergarten oder in der Schule. Problematisch werde es, wenn das Kind in gar keiner Sprache gut sprechen könne. In solchen Fällen helfen nach einhelliger Expertenmeinung aber nicht allein Sprachförderkurse, sondern Erziehungshilfen.

In der Kita Schwanenhöfe in Düsseldorf versucht Erzieherin Anna Tarka, solchen Kindern – auch deutscher Eltern – besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken und sucht auch regelmäßig das Gespräch mit den Familien.

"Dieses: Ich setze mein Kind vors iPad, das ist ganz nett und Medienerziehung ist auch wichtig", sagt sie. "Aber das ist nicht alles. Eine Gute-Nacht-Geschichte am Abend in Gold wert." Auch ein fernsehfreier Tag sei gut. "Und ein Tipp an alle Eltern: Hören Sie ihren Kindern zu. Die haben so viel zu erzählen."

So wie die Kinder in der Schildkrötengruppe. Sie ziehen sich gerade die Schuhe an.: "Ja, und dann gehen wir nach draußen", sagt eines: "Tschüss!"

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