Keine Politisierung des Sports

Man muss nicht immer ein Zeichen setzen

Frauen beim 800-Meter-Lauf bei der Leichtathletik Weltmeisterschaft in Budapest.
Bewundernswürdige Athletik ohne politischen Eklat: 800-Meter-Lauf bei der Leichtathletik Weltmeisterschaft in Budapest. © picture alliance / dpa / Sven Hoppe
Ein Standpunkt von Christian Schüle · 19.09.2023
Spitzensportler sollen heutzutage auch Botschafter der guten Sache sein, sich gegen Rassismus oder Homophobie einsetzen. Dem Autor Christian Schüle geht das zu weit. Gelebte Diversität im Sport sei wirkungsvoller als Zeichen zu setzen, sagt er.
Sport ist längst nicht mehr nur Sport. Immer wieder gerät der Sport durch Moralisierung und Politisierung in die ideologischen Gefechte eines Kulturkampfs. Mittlerweile ideologisiert und instrumentalisiert ein eifriger Moralismus auch die letzten autonomen Systeme der Gesellschaft: Säuberungskult in der Kunst und Zurüstung des Sports zum Bannerträger der richtigen Gesinnung.
Die Posse um die One-Love-Binde bei der Fußball-WM der Männer in Katar im vergangenen Jahr zeigte die ganze Peinlichkeit eines moralisch intakten Sendungsbewusstseins, das in Belehrung anderer Kulturen spitze und in Hinsicht auf die sportliche Leistung desaströs war.

Sportler werden mehr und mehr zu Aktivisten

Wenn Sportler nicht mehr um Tore, Zentimeter oder Zehntelsekunden wettkämpfen, sondern Aktivisten in einem politischen Kampf sein sollen oder auch wollen (jedenfalls manche), steigert das den Erregungsgrad einer ohnehin gefährlich überhitzten Empörungsindustrie immer weiter. Fast vernichtend kann es da zum Beispiel sein, wenn ein Sportler zu Hause das Falsche tut.
Wer, wie vor zwei Jahren der Fußballspieler Joshua Kimmich, eine ablehnende Haltung zum Thema Impfen hat – worüber man in der Sache streiten kann – muss mit Verachtung, gar Rufmord rechnen.
Und wer von Formel-1-Fahrern erwartet, dass sie künftig – wie Lewis Hamilton – einen coolen Instagram-Account mit kulturkämpferischen Banderolen pflegen, wird einen Champion wie Max Verstappen als unerwünschten Langweiler abtun, weil der nur fahren, gewinnen und sich öffentlich nicht weiter engagieren will. Und jedes Mal greift die fatale Logik des falschen Umkehrschlusses: Wer kein Zeichen setzt, ist bereits auf der Seite des Schlechten. 

Sport hat auch so schon Vorbildfunktion

Sport hat eine große Vorbildfunktion. Was könnte bezüglich Diversität überzeugender sein als die Erkenntnis, dass ein Großteil der besten Athletinnen und Athleten der Welt eine nicht weiße Hautfarbe hat? Was könnte prägender sein, als zu sehen, wie sich weiße und schwarze Athleten hinter der Zielgerade umarmen, einander gratulieren, sich wertschätzen? Wo könnten Kinder besser verstehen, dass dunkelhäutigen Frauen mit absoluter Selbstverständlichkeit genauso Trophäen und Goldmedaillen zustehen wie weißhäutigen Männern, weil sich Anstrengung, Training und Ehrgeiz lohnen und Weltrekorde keine Hautfarbe kennen? 
Im, beim und durch den Sport können Jugendliche lernen, dass der Sport eine ideale Chance zum sozialen Aufstieg bietet, was zahlreiche Biografien eindrücklich belegen. Durch und mit dem Sport können Kinder und Jugendliche Problembezirken und Banlieues entkommen, ihren Selbstwert steigern, Identität formatieren und bei gegebenem Talent mit kontinuierlicher Arbeit zu den Besten gehören. 

Sportförderung als Mittel zur Gewaltprävention

Zur Prävention von Gewalt und Radikalisierung sollte sich eine Gesellschaft um Sportförderung kümmern. Während millionenschwere Fußballspieler wie Lionel Messi oder Harry Kane in quasireligiöser Sakralisierung zu Erlöserfiguren einer Helden- und Spektakel-Maschinerie inthronisiert werden, schließen an der Basis wegen Mitgliedermangel die Vereine. Es fehlen Nachwuchs und Ehrenamtliche. An den Schulen fällt Sportunterricht aus und weg, und ganz grundsätzlich treiben immer weniger Kinder Sport, welcher Art auch immer – weshalb sie zum Teil unbeweglicher, dicker und krankheitsanfälliger werden.
Vor Kurzem hat die Leichtathletik-WM in Budapest eindrucksvoll gezeigt: Es geht auch ohne Zeichensetzen, ohne kalkulierten Eklat. Der Sport war, was er ist: bewundernswürdige Athletik. Wettkampf. Fairness. Rausch.
Und all das, obwohl diese Meisterschaft in einem Land stattfand, dessen Bevölkerung den rechtskonservativen Nationalisten Viktor Orbán bereits viermal wiedergewählt hat. 

Christian Schüle, geboren 1970, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert. Er hat einen Lehrauftrag für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und lebt als freier Schriftsteller, Essayist und Publizist in Hamburg. Unter seinen zahlreichen Büchern sind der Roman „Das Ende unserer Tage“ und zuletzt die Essays „Heimat. Ein Phantomschmerz“ sowie „In der Kampfzone“.

Der Autor Christian Schüle.
© imago / Sven Simon
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