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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 29.12.2012

"Sponsoring darf staatliche Förderung nicht ersetzen"

Ein Bilanzgespräch mit dem DOSB-Athletensprecher Christian Breuer zum ausgehenden Olympia-Jahr

Moderation: Martin Steinhage

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Christian Breuer, heute Athletensprecher des DOSB, in seiner aktiven Zeit (picture alliance / dpa - Franz-Peter Tschauner)
Christian Breuer, heute Athletensprecher des DOSB, in seiner aktiven Zeit (picture alliance / dpa - Franz-Peter Tschauner)

Alle Sportarten sollten gleichermaßen aus Steuergeldern gefördert werden, betont Christian Breuer, Athletensprecher des Deutschen Olympischen Sportbunds, auch wenn sie weniger medaillenträchtig seien. Der Privatwirtschaft sollte man die Finanzierung des Leistungssports nicht überlassen, weil deren Unterstützungswille sich - je nach Aktienkurs - schnell ändern könne.

Martin Steinhage: Herr Breuer, lassen Sie uns zunächst ein wenig über Ihre Eisschnelllaufkarriere sprechen, auch weil Ihre Laufbahn nicht untypisch ist für deutsche Spitzensportler. Warum hat es für die ganz großen internationalen Erfolge bei Ihnen nicht gereicht, obwohl Sie doch so oft Deutscher Meister waren?

Christian Breuer: Sicherlich, ich habe jetzt nicht reihenweise wie bei uns im Frauenbereich die Weltcups gewonnen, und zwar en masse, wie es die Damen getan haben, aber ich habe auch unter anderem internationale Medaillen bei Weltcups vorzuweisen oder eben auch einen Weltrekord, den ich gelaufen bin. Das sind so Punkte, da ist die Frage so ein bisschen: Wo wollen wir hin? Was ist Leistung? Was zählt denn als Weltspitze, wenn ein Top-Ten-Platz beziehungsweise durchgehende Top-Ten-Platzierungen da nicht zählen?

Ich will dadurch nicht schön reden, dass ich mir mehr erhofft hätte vielleicht international, aber dennoch glaube ich, dass sich das sehen lassen kann und das aber genau auch auf viele, viele unserer Leistungssportler zutrifft, dass die Leistungen auch vorzeigbar sind. Und an dem Punkt müssen wir, glaube ich, kommen, dass wir zwar unheimlich viel fordern, aber dann irgendwann auch den Grad der Zufriedenheit erreichen müssen, zu sagen, das ist das Maximale, was dieser Sportler rausgeholt hat aus seiner Leistung oder aus seinem Vermögen.

Martin Steinhage: Über die Sportler und deren Situation heute wollen wir noch ausführlich sprechen. Bleiben wir noch einen Moment bei Ihnen. Wie waren für Sie damals Mitte der 90er Jahre, als Ihre Karriere so richtig Fahrt aufnahm, die Rahmenbedingungen? Konnten Sie sich in diesen rund 10 Jahren so bis 2005, 2006 voll und ganz auf Eisschnelllauf konzentrieren?

Christian Breuer: Ja, eigentlich schon. Man muss es so beschreiben: Ich bin das klassische Beispiel des – ich sage jetzt mal – Amateursportlers, der aber unter Profibedingungen trainieren muss. Man wird in dem normalen Eisschnelllaufgeschäft durch diesen Sport nicht reich. Also, man kann sicherlich die Amateursportler, von denen wir sprechen, also die olympischen Sportler, nicht vergleichen mit hoch dotierten Formel-1-Fahrern oder auch Fußballern, das auf keinen Fall, sondern man muss die Rahmenbedingen suchen, die dann zu der Sportart und zu den Leistungen passen.

Im Endeffekt war es bei mir so: Ich habe ganz regulär mein Abitur gemacht. Und danach gab es, wenn man sich denn für den Leistungssport entscheidet, auch bei mir nur zwei vernünftige Optionen – zum einen die Bundeswehr oder die Bundespolizei, aus dem einfachen Grund: Wir haben eigentlich nur Eisbahnen in größeren Städten, Erfurt und Berlin. Das heißt, wenn ich ein Studium gewählt hätte, also ein reines Studium und nicht ein Fernstudium, hätte ich mich an diesen Stützpunkten aufhalten müssen. Und dann ist auch die Frage aufgrund von Trainingslagern und Wettkämpfen: Wie oft wäre ich denn überhaupt an meinem Studienort gewesen?

Da blieb eben auch für mich dann nur die einzig sinnvolle Option, um eben auch eine Ausbildung zu bekommen, die Bundespolizei. Und ich bin mit der Situation auch damals ziemlich glücklich gewesen, so wie auch heute, und hab dann nahtlos nach Ende meiner Laufbahn auch ein Studium innerhalb der Polizei an der Akademie durchgeführt, um einfach auch die nächst höhere Laufbahnebene zu erreichen.

Aber letzten Endes, für diese Art der Sportarten, olympische Sportarten, sind es oft diese Wege, die man geht, um eben abgesichert zu sein, um seinen Sport machen zu können. Und in der Zeit habe ich natürlich mit – ich sage jetzt mal – kleineren Einschränkungen durch diese Ausbildung, die man absolviert, trotzdem meine Zeit dem Sport komplett widmen können.

Martin Steinhage: Jetzt sind wir sozusagen an der Schnittstelle, Herr Breuer – Erfahrung des Spitzensportlers und die Sicht des Athletensprechers, der Sie heute sind beim DOSB.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um die deutschen Spitzensportler im Jahr 2012 – also, um Leichtathleten, um Schwimmer, Fechter, Kanuten, Ruderer, Bobfahrer oder eben auch Eisschnellläufer? Welche Bedingungen finden die vor? Und sind die im Weltmaßstab dauerhaft wettbewerbsfähig?

Christian Breuer: Ja, wir sind wettbewerbsfähig. Ich glaube, das zeigen wir auch jedes Mal. Es ist so, dass unsere Sportler sehr gute Leistungen vorweisen, in vielen Bereichen aber auch nicht konkurrieren können. Das sehen wir immer noch oder das setzt sich eigentlich fort, dieser Trend, wo man dann auch scharf analysieren muss und auch in den Jahren sich überlegen muss, warum ist da nichts passiert in all den Jahren, genau in diesem Segment?

Also, nehmen wir das Beispiel Leichtathletik: Ja, wir sind gut, aber in den Wurf- und Stoßdisziplinen, und wir haben jetzt nicht jemanden, der Medaillenkandidat im Marathonlauf ist – als Beispiel. Da sind wir einfach außen vor. Das sind so Einzelbereiche aus einer kompletten Sportart. Da muss man wirklich differenzieren.

Ich glaube aber, dass wir trotzdem vernünftige Rahmenbedingungen vorfinden. Nur, der Sportler wünscht sich und fordert einfach spezialisierte Rahmenbedingungen. Jeder Sportler, der seine Sportart ausübt, wird verlangen, dass genau diese Sportart optimal gefördert wird. Wir gönnen jedem alles, also, auch dem anderen Sportler in einer anderen Sportart, aber man schaut eben auf das, was man selber ausübt. Da ist ganz entscheidend, dass die Sportler eine hohe Effizienz haben wollen in der Förderung und einfach eine Optimierung in diesem speziellen System, sprich, in ihrem kleinen Mikrokosmos innerhalb des deutschen Sports.

Martin Steinhage: Der weltbekannte Turner Philipp Boy hat auch deswegen seine Karriere kürzlich beendet, und zwar abrupt beendet, weil er die Notwendigkeit sieht, sich um seine berufliche Zukunft zu kümmern. Gleiches gilt für Fechtolympiasieger Benjamin Kleibrink, der sich jetzt nur noch um das Leben nach dem Sport kümmern will. Der eine ist 25, der andere gerade mal 27 Jahre jung. Beide könnten in ihrem Sport noch viel leisten.

Nimmt man bei DOSB solche und ähnliche Fälle einfach nur bedauernd zur Kenntnis und geht zur Tagesordnung über? Oder wie geht man damit um, dass solche Spitzenleute sagen: "Nee, ich möchte nicht mehr"?

Christian Breuer: Da müssen Sie auch den DOSB fragen. Ich bin der Athletensprecher eines Gremiums, der Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund. Das heißt aber nur, organisatorisch in dem Sinne auch angegliedert im DOSB. Also, sprich, wir sind kein Gremium, was durch den DOSB bestimmt wird, sondern durch die Athletensprecher aller Verbände gewählt wird. Deswegen sprechen wir ausschließlich auch für die Athleten.

Wir sehen das schon mit Bedauern, wenn ein Sportler sagt, ich möchte mich jetzt, oder ich muss mich jetzt langfristig erstmal um meine Karriere kümmern, und zwar die berufliche, und muss mit dem Sport aufhören. Man muss sich da aber auch die Frage stellen: Also, zum einen, hat er den Entschluss schon gefasst, als er 20 war, zu sagen, ich mache jetzt noch einen olympischen Zyklus und dann muss ich sehen, ob ich oben mitmische oder nicht? Und das macht eigentlich ein Turner Boy ja auch.

Martin Steinhage: Olympischer Zyklus heißt vier Jahre?

Christian Breuer: Ja, genau in dem Sinne. Wir rechnen dann, ich persönlich vor allem, in einem olympischen Zyklus, also in vier Jahren. Ein Turner, wie Philipp Boy ist Weltspitze, ganz klar. Und wenn er natürlich trotzdem die Entscheidung trifft, ich mache da jetzt nicht weiter, weil ich eigentlich vielleicht auch alles erreicht habe oder das gefunden habe, was ich finden wollte, aber ich brauche jetzt neue Ziele, dann mag das aus Sicht des Sports vielleicht tragisch sein, aber aus Sicht des Sportlers ist es die richtige Entscheidung.

Ich finde es viel tragischer, wenn Sportler im Kader gehalten werden, ich will jetzt nicht sagen, ihnen werden Versprechungen gemacht, aber zumindest werden sie innerhalb eines Verbandes gehalten, wo man ihnen doch eigentlich offen und ehrlich ins Gesicht sagen müsste: Junge, kümmere dich um was anderes. Du kommst hier nicht weiter. Du bist jetzt seit x Jahren zwar mal in einem Weltcup oder Europacup oder was es für Turniere gibt. Du bist aber einmal mit Glück zur WM gefahren, du hast Olympische Spiele nicht geschafft.

Also, man behält diese Leute bei der Stange, ohne andere Optionen zu schaffen. Und ich erzeuge damit einfach einen luftleeren Raum. Also, er bringt sportlich keinem Verband was, dieser Sportler. Aber er bringt persönlich sich auch nichts mehr, weil er einfach den Sport weitermacht, weil er nichts anderes hat. Das ist, glaube ich, das große Problem.

Wir würden unsere Sportler viel besser versorgen, wenn alle Sportler sich abgesicherter fühlen würden und dann auch eben ganz klar zu jeder Zeit entscheiden können, ich ehe den Weg weiter, weil ich keine Nachteile nach zehn Jahren Leistungssport habe. Es müssen noch keine Vorteile sein, aber es dürfen auf jeden Fall keine Nachteile sein im Vergleich mit der Gesellschaft. Das ist, glaube ich, der entscheidende Knackpunkt, also, dass man auch keinen Sportler verwenden darf, um einen Verband am Leben zu erhalten.

Martin Steinhage: Ich möchte diesen Gedanken gleich aufnehmen. Herr Breuer, ein paar Zahlen, die ich mir herausgesucht habe: Rund 4000 Athleten werden von der Sporthilfe gefördert. Die meisten Athleten haben eine 60-Stunden-Woche. Sie kommen mit Sporthilfe und allen Sponsoren auf vielleicht 2000 Euro brutto im Monat. Auf der anderen Seite fließen immer noch 130 Millionen jährlich in die Sportförderung. Eine ähnliche Summe geht zu diesem Zweck an Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll.

Der Bundesinnenminister Friedrich, der auch für die Sportförderung zuständig ist, hat klipp und klar dieser Tage gesagt, mehr Geld für den Spitzensport wird es nicht geben, kann es nicht geben. Friedrich schließt stattdessen eine Konzentration der Finanzmittel auf erfolgversprechende Disziplinen nicht mehr aus. – Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg? Und was heißt das überhaupt?

Christian Breuer: Ich habe dann immer im Hinterkopf den Gedanken, vor allem auch im Bereich der Politik, welche Diskussion wir jetzt führen würden als Beispiel, wenn wir den Zuschlag für 2018 München Olympische Spiele bekommen hätten. Dann hätten wir überhaupt keine Diskussion um Nullen hinterm Komma oder vor dem Komma. Da würde es auch keine Diskussion darüber geben, wie viel Geld der Sport braucht, weil, auf einmal hätte das einen Stellenwert in der Gesellschaft. Das muss gefördert werden. Und zwar würden dann auf einmal alle guten Aspekte des Sports für die Gesellschaft auch von der Politik hören.

Und jetzt hören wir eben, es wird keine weitere Erhöhung der Mittel geben, womit ich jetzt auch erstmal leben kann. Und die Frage einer Konzentration auf erfolgreiche Sportarten? Davon haben wir – in Anführungszeichen – leider sehr viele. Das heißt, ich muss dann wieder die Gießkanne bedienen. Wenn ich mich dann konzentriere und unsere erfolgreichen Sportarten mal zusammenfasse, dann bräuchte ich theoretisch, um konzentrieren zu können, ja vielleicht auch mehr Mittel. Also, die Rechnung geht ja dann auch nicht auf, denn wir haben nun mal sehr viele erfolgreiche Sportarten.

Martin Steinhage: Ja gut, ich könnte ja jetzt sagen, ich fantasiere jetzt mal: Ich stecke ganz viel Geld in den Eisschnelllauf der Frauen. Ich stecke ganz viel Geld beim Biathlon rein und ziehe Mittel bei den Turnern ab, weil ich sage, da kommt eh nicht viel.

Christian Breuer: Richtig. Und dann hat man die Diskussion natürlich wieder mit dem Turnerbund, der sagt, Moment mal, aber wir haben doch eine Breite im Leistungssport und auch eine Breite im Sport im Allgemeinen. – Da ist natürlich immer die Frage, wie man eine Statistik liest und welche Argumente man selber herausziehen möchte, um seine Sportart nach vorne zu stellen – logischerweise.

Ganz klar ist der Output an, wenn man jetzt wieder dieses Medaillenzählen beginnen würde, der Output an Medaillen, bezogen auf die Anzahl der Sporttreibenden, da ist zum Beispiel meine Kernsportart oder meine Sportart Eisschnelllauf ganz vorne mit der Ausbeute – in Anführungszeichen, die wir haben im internationalen Bereich im Vergleich zum Turnen als Beispiel, wo eben auch viele, viele turnen und viele diesen Sport betreiben, ohne eben dann diese Ausbeute bei Olympischen Spielen zu haben.

Das ist, glaube ich, der Punkt, an den wir da kommen müssen. Also, eine Spezialisierung auf einzelne Sportarten wird in meinen Augen zumindest da nicht viel bringen. Es ist nur die Frage, ob man dann hingeht und einfach sagt, man versucht mit einem Teil des Geldes noch spezifischer auf Probleme einzugehen, die der jeweilige Verband dann eben definiert für sich. Das ist dann die Frage, die man sich stellen muss.

Aber zu sagen, ich kann jetzt einfach mal einzelne Sportarten sozusagen über die Wupper gehen lassen, wir reden hier von Spitzensportförderung, dann reden wir auch von Verbänden, die regulär an Olympischen Spielen teilnehmen.

Martin Steinhage: Es ist ja auch immer die Rede davon, dass die Wirtschaft verstärkt als Sponsor zur Verfügung stehen soll. Andere sagen, beispielsweise auch Bundesinnenminister Friedrich hat es jüngst wieder angeregt, künftig verstärkt einzelne Unternehmer für die Förderung junger Athleten zu gewinnen. Ist das ein gangbarer Weg aus Ihrer Sicht?

Christian Breuer: Ja, wenn es oben drauf gesetzt wird. Also, es soll nicht ersetzen. Es kann dann oben drauf gesetzt werden. Natürlich ist es so: Wenn man das Interesse am Sport sieht und vor allem auch, dass man damit – in Anführungszeichen – Gutes tut, ist das Interesse, oder soll das Interesse auch in der Wirtschaft hoch sein und darf auch ruhig hoch sein, aber es darf nicht das ersetzen, was an Strukturen aufgebaut worden ist. Denn die Struktur dahinter ist, glaub ich, auch ganz entscheidend für die langfristige Planung.

Denn wir kennen alle, wie die Privatindustrie funktioniert. Da geht’s auch auf und ab nach dem Aktienkurs. Und da brauchen nur die Geschäftsführer wechseln oder man muss seinem Aufsichtsrat oder vielleicht auch den Aktionären mitteilen, warum ich jetzt auf einmal Sport fördere und nicht etwas anderes, oder nicht Gewinne abschöpfe und dann verteile. Das sind alles Fragen, die sich dann irgendwann stellen würden.

Klar, eine Beteiligung am Sport in verschiedensten Modellen, ob es über die Deutsche Sporthilfe ist oder über andere Modelle, gerne. Aber ich denke eher "on top" und nicht als Ersatz. Das ist, glaube ich, der entscheidende Knackpunkt, den man da nicht verkennen darf. Und da wäre es interessant zu sehen, ob dann auch die Politik, sprich, unser Innenminister, auch diesen Weg unterstützen würde und auf einmal dann Unternehmen akquiriert für den Leistungssport. Also, ich find die Überlegung spannend.

Martin Steinhage: Einmal abgesehen von den finanziellen Rahmenbedingungen des Leistungssports, wo sehen Sie als Athletensprecher und Exsportler Verbesserungsbedarf im System der deutschen Sportförderung? Wo könnte man da sinnigerweise ansetzen?

Christian Breuer: Also, letzten Endes, es ist jetzt auch in den letzten Monaten um London herum und nach London sicherlich viel geklagt worden, auch von den Verbänden. Ich glaube aber, dass wir in erster Linie eine Steigerung der Effizienz brauchen und eine Optimierung, auch was die Geschwindigkeit der Förderung angeht. Denn wir haben Situationen im Leistungssport, wo manchmal auch schnell agiert werden muss.

Natürlich plant man Training, man plant Maßnahmen langfristig. Und es gibt auch Situationen, wo dann manchmal auch schnell reagiert werden muss, was Trainingsmaßnahmen angeht oder Trainingslager. Und diese Schnelligkeit in der Zurverfügungstellung auch von Mitteln oder auch in Entscheidung, das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig. Und wir sind momentan oder wir sind mittlerweile, sagen wir mal, in der Lage, durch verschiedenste Statistiken jeden Sport sehr, sehr genau zu analysieren, und zwar jede Sportart für sich. Und ich glaube, das ist eine gute Grundlage, um daraus eben auch Förderung zu optimieren und anzupassen an die Bedürfnisse der Verbände oder dann eben auch natürlich an die Sportler.

Martin Steinhage: Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie jetzt ganz charmant gesagt: Leute, wir brauchen weniger Bürokratie. Sie haben das Wort nur nicht in den Mund genommen. Habe ich Sie da richtig verstanden?

Christian Breuer: Nein, ich hab’s jetzt nicht vermieden, aber der Punkt ist der: Was definieren die Menschen unter Bürokratie? Das ist nicht immer nur die Seite, die jetzt in Berlin oder Bonn sitzt, also, sprich, nicht immer die Regierung. Wenn ich ein System aufbaue, wo Verbände auch bürokratischer werden, wo wir mehr Abläufe dokumentieren, wo viel Papier entsteht, wo viel Arbeitszeit und Energie draufgeht für – ich sage jetzt mal – Genehmigungsverfahren oder ähnliches, sowohl in Richtung der Landesregierung, in Richtung der Bundesregierung, in Richtung des DOSB, in Richtung der Olympiastützpunkte, da geht viel Energie verloren. Und ich glaube, das ist nicht nur im Sport so. Das haben wir in vielen gesellschaftlichen Bereichen, dass genau das ein Problem wird, dass wir sehr viel verwalten und diese Bürokratie einfach zunimmt.

Ganz ehrlich, der Leistungssportler wird abgerechnet nach seiner Wettkampfleistung. Und er kann zehnmal sagen, ja, ich hatte im April das Problem und ich musste aber im Herbst das tun, dann sagt trotzdem auch der Reporter: Ja, aber sorry, du bist nur 15. geworden. Die Ausreden sind ja gut, aber woran lag’s denn? – Also, man wird abrechnet durch Leistung. Und im Endeffekt hemmt nun mal jede Form der Bürokratie, egal auf welcher Seite, normalerweise das Freisetzen von Energie. Sowohl bei den Mitarbeitern eines Verbandes als auch dann im Endeffekt dann, runtergebrochen auf einen Trainer und auf den Sportler, hemmt es langfristig die Leistung.

Martin Steinhage: Herr Breuer, wenn man sich über Sport und Sportpolitik unterhält, kommt man am Thema Doping nicht vorbei. Vor knapp drei Wochen hat sich der Deutsche Olympische Sportbund mit großer Mehrheit dafür entschieden, Dopingbetrüger unter den Athleten auch in Zukunft ohne staatliche Hilfe zu bekämpfen und zu bestrafen. Grundsätzlich soll der Staatsanwalt draußen vor bleiben. So will es der DOSB. Können Sie diese Haltung nachvollziehen?

Christian Breuer: Nachvollziehen kann ich das. Ich kann wohl das Prozedere, was ich auch miterlebt habe bei der Mitgliederversammlung, nicht nachvollziehen. Vorweggenommen: Ich glaube, der DOSB als auch die Spitzenverbände würden das nicht unterschreiben. Also, sie sehen nicht den Punkt, dass man auf staatliche Hilfe verzichtet. Das ist nicht der Punkt. Sondern es gab diese starke Debatte um eben die Besitzstrafbarkeit oder eben nur das Verbot des Besitzes in nicht geringer Menge. Das ist, glaube ich, der Knackpunkt bei dem Ganzen.

Also, sprich: Man wehrt hier nicht die Staatsgewalt ab und sagt, wir möchten hier keine Verfolgung von Dopingsündern. Das ist auch überhaupt nicht das, was die Athleten fordern. Was mich an dieser Debatte aber am meisten stört und das ist da auch zur Genüge gesagt worden, zwar nicht von allen, aber von vielen: Wenn dieser Punkt schon länger bekannt ist, dass man da Diskussionsbedarf hat, dann kann man das nicht in einem Eilantrag oder in einem kurzfristigen Antrag mal eben in einer Runde der Spitzenverbände einbringen.

Martin Steinhage: Das heißt, Sie kritisieren jetzt den Deutschen Leichtathletikverband?

Christian Breuer: Ja selbstverständlich, ja, einfach aus dem Grund, es geht hier um die Interessen der Athleten. Und wenn man sich hinstellt und meint, das wäre jetzt auf einmal im Interesse der Athleten, das wäre besser für den Sport, und hat es aber vorher durch kein Gremium geführt, sprich, nicht mit allen anderen Verbänden gesprochen über dieses Thema, dann ist das ein bisschen kurzsichtig.

Also, ich möchte nicht unterstellen, dass Einzelne erst auf der Zugfahrt die Unterlagen lesen, aber über so eine Tragweite zu entscheiden in einer Mitgliederversammlung, ohne vorher eine Runde einberufen zu haben mit Staatsanwälten, mit Ermittlungsbehörden, und ich gehöre selber zu einer Ermittlungsbehörde, dann ist das der falsche Weg.

So gut Argumente dafür sein können wie auch die dagegen, der richtige Weg ist, glaube ich, sich da ganz genau Gedanken zu machen, wo man hin möchte und wie man das umsetzt. Denn wir dürfen auch bei all dem nicht vergessen: Was der Gesetzgeber am Ende daraus macht, ist auch nicht in den Händen des Sports. Es kann sicherlich eine Empfehlung geben, aber vielleicht kann der Schuss auch nach hinten losgehen und wir haben nachher ein System oder eine Regelung auch gesetzlich, mit der dann am Ende keiner zufrieden ist. Das kann auch passieren.

Martin Steinhage: Lassen Sie mich noch einen Moment bei dem Punkt bleiben. Wie wenig effizient der Kampf gegen Doping hierzulande ist, zeigt sich meines Erachtens daran, dass 2011 von fast 8.000 Kontrollen gerade einmal vier positiv waren, sprich, vier Athleten sich überhaupt verdächtig gemacht haben. Wenn man aus dieser Zahl nicht den Schluss zieht, dass es praktisch kein Doping unter deutschen Athleten gibt, dann kann doch die Schlussfolgerung eigentlich nur lauten, das System funktioniert nicht. Und trotzdem verzichtet es unverdrossen auf staatsanwaltliche Unterstützung – ich bleibe dabei - also zum Beispiel im konkreten Verdachtsfall auf die Möglichkeit von Hausdurchsuchung, Telefonüberwachung und Ähnlichem.

Christian Breuer: Das ist eben diese Unterstellung – in Anführungszeichen – auch, dass automatisch, bloß weil keiner gefunden wird, trotzdem ein Großteil dopt. Ich kenne auch die verschiedensten Aussagen, was anscheinend möglich ist im Leistungssport und wie dort auch mit Doping umgegangen wird.

Aber dennoch, und das ist, glaube ich, der entscheidende Faktor für uns, also für uns als Athletenvertreter, jede negative Dopingkontrolle, also ohne einen positiven Fund, steigert eigentlich auch die Glaubwürdigkeit unserer Athleten.

Also, für den Athleten ist eine Dopingkontrolle außerordentlich wichtig für die Glaubwürdigkeit auch seiner Leistung. Das heißt aber auch, man muss an den Punkt kommen, dass man natürlich eine Dunkelziffer auch aufdecken kann. Und ich glaube, dass wir irgendwann durch konkretere Ermittlungen, auch von Umfeldern nicht drumrum kommen werden. Aber ich bin auch der Meinung, dass mit den bestehenden Gesetzen oder der Gesetzgebung auch die Ermittlungsbehörden erstmal diesen Rahmen ausschöpfen müssten.

Wenn ich dann auch mitbekomme, dass die Staatsanwaltschaften unterschiedlich an die Sache herangehen, also, wann sie einen Anfangsverdacht begründen, um eben auch in eine Telefonüberwachung einzusteigen oder Hausdurchsuchungen, da – muss ich sagen – muss man auch erstmal eine Linie finden auf Seiten der Ermittlungsbehörden, dass man eben das – in Anführungszeichen – synchronisiert, was da stattfindet. Denn der Anfangsverdacht kann sicherlich viel auslösen auch an Maßnahmen, die die Staatsanwaltschaft als Ermittlung sozusagen anstoßen kann.

Aber man darf dabei auch nicht vergessen, wir haben ein System der Dopingkontrollen. Ich kenne es selber als Bundespolizist. Der Dopingkontrolleur darf zu anderen Uhrzeiten und zu späteren Uhrzeiten das Haus betreten als normalerweise durchsuchende Beamte – ohne richterliche Anordnung. Das ist auch ein Punkt. Wir haben schon einen sehr, sehr weiten Rahmen, was die Sportler mitmachen müssen, also, auch was Dopingkontrollen angeht.

Ich glaube, dass diese Verzahnung von den Personen, die aufgrund des Sportrechts – in Anführungszeichen – auch Wohnungen betreten, auch Räumlichkeiten betreten und eben den richtigen Ermittlungsbehörden der Staatsanwaltschaften, dass da die Verzahnung noch viel, viel enger sein muss.

Denn mir kann keiner erzählen, dass – in Anführungszeichen – normale Zollbeamte oder der Polizist so viel Ahnung von diesem Metier hat, wie es die NADA zum Beispiel hat oder andere Instanzen. Diese Verzahnung ist ganz, ganz wichtig, um eben mit Spezialisten zusammenzuarbeiten, um dort eben das aufzudecken, was man aufdecken möchte.

Martin Steinhage: Halten Sie die NADA - von der ja viele sagen, sie ist hoffnungslos unterfinanziert –, halten Sie die Nationale Antidoping Agentur für effizient in ihrer Arbeit?

Christian Breuer: Sie sind effizient in dem Rahmen ihrer Möglichkeiten. So muss man es eigentlich sagen. Das reicht bei weitem nicht – weder vorne noch hinten. Und ich habe das auch schon des Öfteren gesagt und auch schriftlich dokumentiert an den Sportausschuss des Bundestags: Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass sich sowohl in London vor Ort, als auch im Nachgang verschiedenste Länder – Bundesländer – in dem Lichte ihrer Athleten sonnen möchten mit teilweise wirklich pompösen Feiern für ihre Medaillengewinner und sich komplett, fast komplett aus ihrer Aufgabe, der Mitfinanzierung der NADA, raushalten. Die Bundesländer sind einer der Stakeholder bei der Gründung dieser Stiftung. Und es wird einfach ignoriert. Es wird einfach ignoriert, dass sie da ihrer Aufgabe nicht nachkommen.

Aber, wie gesagt, andersrum: Wenn ich all das Geld zusammennehme, was Landesbehörden oder auch Landesregierungen sowohl für eine Anfahrt und Abreise und Aufenthalt in London ausgegeben haben - da ist ihr gutes Recht, weil sie den Spitzensport auch fördern auf lokaler Ebene und Landesebene -, dann muss man aber auch der Aufgabe gerecht werden, eben für den sauberen Sport zu sorgen. Und da möchte ich erstmal, dass da diese 16 Bundesländer in der Weise einzahlen, wie sie es mal versprochen haben. Dann würden wir mit der NADA auch eine ganz andere Diskussion führen können.

Martin Steinhage: Herr Breuer, wir haben mit Ihrer Sportler-Vita dieses Gespräch begonnen. Der Eisschnellläufer Christian Breuer ist sozusagen Geschichte. Athletensprecher des DOSB werden Sie vermutlich nicht ewig bleiben wollen. Haben Sie weitere Ambitionen im Bereich Sportpolitik, also im DOSB oder an anderer Stelle?

Christian Breuer: Also, ja, also, die Aufgabe macht mir unheimlich Spaß. Und es stimmt, ich werde es nicht ewig bleiben, weil das auch in den Augen der gesamten Athletenkommission – wir haben unsere Laufzeiten oder Amtszeiten noch beschränkt auf zwei Amtsperioden – mit Glaubwürdigkeit zu tun hat.

Ich kann nicht mit gutem Gewissen sagen, wenn ich mal irgendwann 45 wäre, ich vertrete hier den Athleten, der mit 20 Jahren am Start steht. Das ist möglich, aber ich denke, dass es nicht sinnvoll ist. Es ist auch eine Aufgabe, mit der man in das Ehrenamt herein wächst. Ich habe noch wirklich einige Sachen vor, auch im deutschen Sport, die für mich interessant sind, die mir auch sicherlich Freude bereiten werden. Aber das sind eher auch langfristige Projekte, die man dann angeht, wenn man die Aufgaben auf der einen Seite aufgibt.

Denn ich opfere auch schon so viel Freizeit und so viel Energie für das, was ich jetzt tue, da kann ich nicht noch irgendwas oben draufsetzen. Aber ich glaube, dass einige Ziele, die ich habe, auch noch umzusetzen sind im deutschen Sport. Und da freue ich mich dann auch in Zukunft drauf.

Martin Steinhage: Also, da kommt noch was, aber verraten wollen Sie es jetzt noch nicht. – Viel Glück dabei, Herr Breuer, und ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Tacheles

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