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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.09.2005

Spöttische Selbstbetrachtung

Martin Amis' Memoirenband "Die Hauptsachen"

Rezensiert von Georg Schmidt

So hat Martin Amis seine Memoiren wohl nicht verfasst. (AP Archiv)
So hat Martin Amis seine Memoiren wohl nicht verfasst. (AP Archiv)

Viel wurde spekuliert darüber, wie sehr Martin Amis im Schatten seines bekannten Vaters Kingsley Amis stand. Nichts davon ist wahr, stellt der Leser von Martin Amis' autobiographischen Notizen "Die Hauptsachen" fest.

"Erfahrung", schrieb Aldous Huxley einmal, "ist nicht das, was einem Menschen wi-derfährt; es ist das, was ein Mensch mit dem macht, was ihm widerfährt." Der Brite Martin Amis war dreiundzwanzig, als er 1973 seinen ersten Roman mit dem Titel "The Rachel Papers" (Das Rachel-Tagebuch) schrieb, für den er prompt mit dem re-nommierten Somerset Maugham Award ausgezeichnet wurde, so wie einst sein Va-ter, der große Kingsley Amis.

Viel wurde seither spekuliert über politische Zerwürfnisse und ödipale Verwerfungen zwischen Sohn und Vater Amis, der das Werk seines Sohnes angeblich nie recht zu schätzen wusste.

Alles Quatsch, stellt der Leser von "Die Hauptsachen" fest, den jetzt auf deutsch er-schienenen und von Werner Schmitz wunderbar übersetzten Memoiren des Martin Amis. Ein Memoirenband, der sich liest wie eine große Erzählung aus der Feder ei-nes der bedeutendsten britischen Schriftsteller unserer Zeit.

"Experience", Erfahrung, heißt das Werk im Original, das Amis 1999 vollendete, dem Jahr, in dem er fünfzig wurde, vier Jahre nach dem Tod des überlebensgroßen Va-ters und fünf Jahre nach seinem Schicksalsjahr 1994. Damals hatte er erfahren, dass eine zwanzig Jahre zuvor spurlos verschwundene Cousine Opfer eines berüchtigten Serienmörders geworden war. Damals scheiterte seine Ehe, und eine fast erwachse-ne Tochter tauchte auf, die er zuvor nie gesehen hatte.

Schmerzliche Erfahrungen, sicher, aber Erfahrungen, die ein Schriftsteller von Amis‘ Qualitäten mit der ihm spöttischen Selbstbetrachtung und scharfzüngigen Intelligenz zu einem erzählerischen Werk verdichtet, das von der britischen und amerikanischen Presse mit Nabokovs "Erinnerung, sprich" und Philip Roths "Mein Leben als Sohn" verglichen wurde.

Mit großem Vergnügen folgt der Leser dieser literarischen Reise vom Swingin' Lon-don der sechziger Jahre bis zum Horror einer Zahnarztpraxis an der Madison Avenue in New York, einer Reise, die Amis nicht in langweiliger Chronologie, sondern thema-tisch gegliedert unternimmt und deren Stationen Liebe und Tod heißen, Väter und Söhne, Unschuld und Erfahrung.

Martin Amis: Die Hauptsachen
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Carl Hanser Verlag, München 2005
456 S., 24,90 Euro

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