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Religionen | Beitrag vom 14.02.2021

Spirituelle Kraft der NamenHeilig, ansprechbar und doch so fern

Von Kirsten Dietrich

Zwei Hände sind zum Gebet geformt und werden von einem Lichtschein getroffen. (Unsplash/ Michael Heuss)
Spirituelle Zwiesprache: Wenn das Heilige einen Namen hat, kann ich mich ihm zuwenden. (Unsplash/ Michael Heuss)

Namen haben in Religionen eine große Bedeutung. Sie machen das Göttliche, das eigentlich nicht fassbar ist, zu einem Gegenüber. Doch nicht jeder heilige Name darf auch ausgesprochen werden.

Der Name Gottes ist das einfachste Gebet. "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner" – so heißt es im Herzensgebet der orthodoxen Kirche. Es geht auch noch kürzer: Jesus beim Einatmen, Christus beim Ausatmen, immer wieder wiederholt – eine christliche Form der Meditation.

Auch andere Religionen kennen die Verbindung von spiritueller Versenkung und Gottesnamen: In der Mystik der jüdischen Kabbala sind es 72 Namen Gottes, 72 Gruppen von je drei hebräischen Buchstaben aus bestimmten Bibelversen. Der Islam kennt die 99 schönen Namen Allahs.

Die vielen Namen Gottes

Die Publizistin und gläubige Muslimin Khola Maryam Hübsch gehört zur Gemeinschaft der Ahmadiyya. Sie meint: "Das göttliche Gegenüber ist eben etwas, was nicht nur durch eine Eigenschaft beschrieben werden kann, es gibt über 100 Eigennamen, die im Koran erwähnt werden. Gott hat so viele verschiedene Attribute und Facetten, dass es einfach schwierig wird, ihn zu fassen, aber man kann sich immer wieder annähern, indem man jeden Tag aufs Neue ein neues Attribut, eine neue Eigenschaft kennenlernt. Und am besten lernt man sie kennen, indem man auch versucht, sie in sich selber zu verwirklichen, also: selber gütig zu werden, gerecht zu werden, ehrlich zu werden, selbstlos zu handeln, und so weiter."

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In einem Hadith, einer Überlieferung, die direkt dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird, heißt es: "Wahrlich, Gott hat 99 Namen, einen weniger als hundert. Wer sie aufzählt, geht ins Paradies."

Der Erbarmer, der Barmherzige, der König, der Heilige, der Frieden – um nur die ersten fünf zu nennen. Welche Namen genau zur Auswahl der 99 gehören, variiert. Nur eines ist klar: Diese Liste führt tief in die Mystik hinein, und deshalb ist der 100. Name Gottes nach islamischer Überzeugung für die Menschen unbekannt und unaussprechlich.

Kontaktaufname durch den Namen

Peter Welten ist Professor für Altes Testament im Ruhestand. Er sieht es so: "Der Name ist natürlich Kontaktaufnahme. Es ist ja eine Zuwendung sondergleichen, dass dieser Gott seinen Namen gibt. Wer seinen Namen preisgibt, der ist ansprechbar, anrufbar, kann haftbar gemacht werden, das ist nicht einfach eine anonyme, namenlose Macht, sondern er ist Person."

In der Bibel steht: Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: 'Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt.' Da werden sie mich fragen: 'Wie heißt er?' Was soll ich ihnen dann sagen? Da antwortete Gott dem Mose: 'Ich bin, der ich bin.'

So erklärt Gott seinen Namen in der Hebräischen Bibel, also im Alten Testament der Christen. Jedenfalls in der Version der Einheitsübersetzung. Die Lutherbibel übersetzt den Gottesnamen an der gleichen Stelle: "Ich werde sein, der ich sein werde."

Missverständnisse und Übersetzungsvarianten

Der Name des Gottes Israels besteht aus vier Buchstaben, JHWH. An dieser Stelle im hebräischen Text wird er gedeutet mit den Buchstaben des Verbs "sein", das im Wesentlichen buchstabengleich ist.

Aber schon die unterschiedlichen Übersetzungsmöglichkeiten – ich bin, der ich bin oder: Ich werde sein, der ich sein werde – deuten es an: Was so eindeutig und zugänglich scheint, ist es gar nicht. Ein Rufname ist dieser Gottesname jedenfalls nicht.

Jüdische Gläubige haben das schon immer so praktiziert: Wenn im Text die Buchstaben des Gottesnamens stehen, wählen sie beim lauten Lesen einen Ersatz, Adonai zum Beispiel, das heißt "Herr", oder HaSchem, "der Name". Christen haben die Hinweise darauf im hebräischen Text über Jahrhunderte missverstanden, so entstand der Gottesname "Jehova". Das funktioniert für die Gemeinschaft der "Zeugen Jehovas" bis heute.

Distanz durch das Medium Schrift

Was zeigt: Namen haben Macht, aber die muss nicht daher kommen, dass sie in irgendeinem objektiven Sinne richtig sind. Und ein Gott, der sich mit Namen nennen lässt, kann gerade dadurch die Gläubigen auf Abstand halten.

"Schrift ist immer ein vermitteltes Medium, und dadurch habe ich natürlich immer eine Distanz von vorneherein eingebaut", sagt der jüdische Theologe und Übersetzer Bruno Landthaler. Und doch könne gerade in dieser Distanz eine ganz eigene Form von Gottesnähe entstehen, so Landthaler:

"Viel mehr achten wir auf den Namen Gottes, dass der nicht ausgesprochen wird. Das heißt, diese Heiligkeit des Namens, der aber auch geschrieben werden kann, also auch eine Konkretion in der Tora-Rolle findet, das ist das viel Wesentlichere als jetzt irgendwie ein Hinaufsteigen, beziehungsweise in der jüdischen Mystik ist es eher ein Hinuntersteigen zu Gott, um eins zu sein mit ihm."

Keine falsche Vertraulichkeit

Der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn übersetzte die Stelle mit dem Gottesnamen übrigens noch mal ganz anders – nämlich so, dass erst gar keine falsche Vertraulichkeit aufkommt: "Gott sprach zu Mosche: 'Ich bin das Wesen, welches ewig ist'."

Ein Name kann wichtig sein, gerade weil man ihn nicht nennen darf – das zeigt sich im Umgang mit dem Gottesnamen. Spirituelle Praxis greift das auch in der anderen Richtung auf: Es ist wichtig, Namen zu nennen. Vor allem beim Gedenken an die Toten. Namen müssen genannt werden, damit die Toten ihren Platz vor Gott und in der Welt einnehmen können – auch, wenn es wehtut und die Namen furchtbar sind.

Ein Beispiel dafür: das jüdische Gebet "El male rachamim", Gott voller Erbarmen. Es wird gesungen bei Beerdigungen und an Totengedenktagen. Diese Aufnahme stammt vom Gedenktag an 80 Jahre Reichspogromnacht am 9. November 2018 in der Synagoge in der Berliner Rykestraße.

Auschwitz, Birkenau, Warschauer Ghetto, Dachau, Sachsenhausen, Babijar, Mauthausen, Ravensbrück, Ghetto Riga, Theresienstadt, Bergen-Belsen, Treblinka - die Namen der Toten der nationalsozialistischen Vernichtungslager können nicht in einem Gottesdienst genannt werden – es sind zu viele. Aber sie alle sollen in Ewigkeit bei Gott geborgen sein, so die Hoffnung des Gebets.

Versuch der Annäherung

Wer nennt wen beim Namen? Von Mensch zu Gott bleibt dabei eine letzte Barriere, trotz aller mystischen Nähe. Sprache – und damit auch ein Name – kann nur der Versuch einer Annäherung sein. Aber von Gott als Mensch beim Namen genannt zu werden, darin kann Trost liegen und das Gefühl, wirklich im Innersten erkannt zu sein. "Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen", heißt das in der Bibel.

Vielleicht sind deswegen Namen im religiösen Ritual so wichtig. Zum Beispiel beim Eintritt in ein Kloster. "Wenn ich ins Kloster eintrete, bringe ich ja meinen Taufnamen mit. Meiner war Mechthild, aber als ich eintrat, gab es bereits eine Schwester Mechthild", erzählt die Ordensfrau Philippa Rath. 1990 trat sie in die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard im Rheingau ein.

"Und bei uns ist das so üblich, dass der Name nicht zweimal vergeben wird", erklärt sie. "Also habe ich dann die Chance, einen neuen Namen vorzuschlagen. Die Äbtissin entscheidet, aber ich darf einen Vorschlag machen, und ich habe mir den Apostel Philippus gewählt und heiße deshalb Schwester Philippa."

Eintritt in ein neues Leben

Philippus wird im Neuen Testament nur selten erwähnt, aber wenn, dann als direkter, zupackender, zugewandter Mensch – das passte und hat sich in 30 Jahren Ordensleben bewährt, sagt Philippa Rath:

"Wir lassen ein Stück weit unser altes Leben hinter uns. Das ja auch der Sinn eines anderen, eines Ordenslebens. Die Lebensphase vorher – Familie, Freunde, Beruf – ist abgeschlossen, und ich beginne im Orden eine neue Form der Existenz. Insofern finde ich das einen symbolisch wichtigen Akt, dann auch mit einem neuen Namen zu beginnen. Jetzt bin ich die Philippa."

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