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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.03.2020

Spielplatz-Streit in der HauptstadtBerlin lässt spielen - aber nicht alle Bezirke spielen mit

Von Anja Nehls

Verstreutes Spielzeug in einem Sandkasten ohne Kinder (Goldmann)
Manche Berliner Spielplätze sind bereits geschlossen, weil die zuständigen Bezirkspolitiker das Ansteckungsrisiko für zu hoch halten. (Goldmann)

Die Schulen sind zu, die Spielplätze offen: So will es der Berliner Senat. Anders denken Verantwortliche in einigen Bezirken und schließen die Plätze. Während sich die Politik in Berlin einen bizarren Spielplatz-Streit liefert, bleiben die Eltern entspannt.

Auf dem Spielplatz im Berliner Bezirk Zehlendorf ist weniger los als sonst, aber ein gutes Dutzend Kinder ist bester Stimmung. Drei kleine Jungs bauen Sandburgen, die Wippen sind besetzt, am Klettergerüst hangeln zwei größere Kinder um die Wette, und auf der Wiese wird Fußball gespielt.

Am Rand des Platzes steht diese Mutter eines Vier- und eines Fünfjährigen:

"Ich komme her, wir haben zwar auch einen eigenen Garten, aber die sollen auch weiterhin soziale Kontakte haben, zumindest sich sehen, man muss sich jetzt ja nicht umarmen und direkt zusammenhocken. Aber die sind jetzt nicht in der Isolation, die dürfen schon nicht zum Hockeytraining und was sie nicht alles machen. Dann sollen sie jetzt wenigstens hier ein bisschen raus und auch sehen, dass das Leben weitergeht."

Bei Geschwistern, die zuhause ohnehin zusammen sind, spräche nichts dagegen, dass sie auch hier zusammenspielen, meint auch dieser Vater. Er ist unsicher. Mit seinem Sohn ist er nach mehreren Tagen Pause das erste Mal wieder hier, um die Kita-Freunde zu treffen:

"Ich hatte meinem Sohn untersagt, die letzten Tage hier auf dem Spielplatz zu spielen. Hatte gesagt, nur die Wiese, oder er soll alleine Fahrrad fahren. Das muss er halt akzeptieren. Aber die Kinder, mit denen er jetzt hier spielt, die sind auch in seinem Kindergarten, und da gucke ich auch drauf, dass man sich nur in seinem gewohnten sozialen Umfeld bewegt."

Berlin hat als bisher einziges Bundesland die Spielplätze noch nicht gesperrt. Für die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci von der SPD war es wichtig, dass die Kinder in den dicht bebauten Innenstadtbezirken nicht auf frische Luft verzichten müssen:

"Weil wir denken, dass wir jetzt so viele Verbotsregelungen auf den Weg gebracht haben, so viele Einschränkungen für die Menschen, so dass in der Natur, im offenen Raum hier auch Begegnungen möglich sind. Und das sage ich als Gesundheitssenatorin, wenn man die Spielplätze nimmt, rate ich Eltern wirklich, auch diese Abstandsregelungen weitgehend mit den Kindern einzuhalten. Ich denke, mit Kindern kann man reden."

Die Kinder dicht an dicht – und die Eltern drumherum

Das allerdings bezweifeln einige der Berliner Bezirksstadträte – und haben kurzerhand ihre eigenen Regeln aufgestellt. In Mitte, Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf und Spandau sind die Spielplätze deshalb gesperrt.

Frank Bewig, Gesundheitsstadtrat von Spandau: "Wir sind der festen Überzeugung, dass es dringend nötig ist. Wir haben in den letzten Tagen tatsächlich feststellen müssen, dass sehr viele Spielplätze überfüllt waren, viele Kinder auf Klettergerüsten wirklich dicht an dicht und eng an eng gespielt haben. Aber nicht nur das, auch viele Eltern standen drumherum und haben aus meiner Sicht bis heute nicht verstanden, dass es jetzt heißt, in Zeiten von Corona Abstand zu halten."

Überfüllt ist dieser Zehlendorfer Spielplatz nicht, und auch die Eltern stehen nicht nah beieinander, zusammen auf der Bank sitzen nur Paare. Sicherheit und Vernunft: ja. Aber übertreiben sollte man auch nicht, meint diese Mutter:

"Sie machen es sowieso nicht, sind keine Kinder, die dicht an andere rangehen. Klar, sie wundern sich, dass sie ihre Großeltern jetzt mal eine Weile nicht sehen, das finde ich auch richtig. Sich nicht zum Spielen verabreden – bei anderen Freunden zuhause, aber noch spielt das Wetter ja auch mit. Ich finde es relativ schwierig, die Spielplätze in Bezirken zu schließen, wo die Kinder jetzt womöglich fünf Wochen zuhause sitzen. Die Folgen sind, glaube ich, nicht berücksichtigt."

Coronavirus-NewsletterEine Folge ist, dass Kinder und Eltern auf angrenzende Parks ausweichen und die kurzerhand zum Spielplatz umfunktionieren. In ganz Deutschland sind die Spielplätze inzwischen dicht. Nordrhein- Westfalen hatte ebenfalls lange versucht, das zu vermeiden, und sich gestern doch dazu entschlossen.

Familienminister Joachim Stamp: "Wir haben die Spielplätze schweren Herzens gesperrt, weil wir gesagt haben: Wir erkennen, dass es keine Veränderung dort im Sozialverhalten gibt, deshalb haben wir alle die Verantwortung, jede Form von Sozialkontakten zu unterlassen, die nicht zwingend notwendig sind."

Gucken, wo nicht so viele Leute unterwegs sind

Dass nur Berlin sich nicht an die Schließungsempfehlung der Bundesregierung hält und zudem noch eine unübersichtliche Situation entstanden ist, bei der Kinderspielplätze auf der einen Straßenseite geöffnet und auf der anderen geschlossen haben, hält die Opposition für unverantwortlich.

Cornelia Seibeld ist die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU in Berlin:

"Das führt nun dazu, dass jeder Bezirk einzeln gefragt ist. Gerade auf Spielplätzen besteht für Kinder, gerade für kleinere Kinder, schon wegen des Austauschs von Körperflüssigkeiten ein besonders hohes Infektionsrisiko, das sie dann in die Familien und möglicherweise auch zu Großeltern weitertragen. Und insofern kann ich nur hoffen, dass der Senat hier zur Vernunft kommt und die Spielplätze und Bolzplätze in Berlin zentral schließt."

Im sehr grünen Bezirk Zehlendorf wäre das sicher ein kleineres Problem. Diese Familie mit einem kleinen Jungen und einem Mädchen mit Laufrad hat bereits eine Alternative zum Spielplatz gefunden: "Wir fahren jetzt hier einfach ein bisschen im Park rum, bisschen Laufrad fahren, genau, gucken, wo nicht so viele Leute unterwegs sind. Solange es so voll ist, gehen wir nicht hin, nein."

Noch will Berlin an seiner Linie festhalten – auch wenn einzelne Bezirke sich dem widersetzen.

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